Wer loslässt, hat zwei Hände frei - Han Shan, Master

Master Han Shan 

Wer loslässt, hat zwei Hände frei

Mein Weg vom Manager zum Mönch

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Wer loslässt, hat zwei Hände frei

Für andere Menschen mag es durchaus einen weniger radikalen Weg geben. Auch ein Funke kann ein inneres Feuer entzünden, und nicht jeder, der in seinem Leben Wissen in sich erwerben und verankern will, muss es auf meine Weise tun. Doch mir ging es um mehr. Mir hätte es nicht gereicht, morgens und abends zu meditieren, Gutes zu tun und im Randbereich der Welt auszuharren. Was ich tat, das tat ich ganz. Und aus diesem Grunde existierte für mich auch kein halbherziger Weg. Ein bisschen abgeben oder für drei Monate als Mönch leben, wie es in Thailand so viele taten, war mir nicht genug. Ich durfte mich nicht selbst einschränken, indem ich mir kleine Ziele steckte, die von der Natur meines menschlichen Verstandes her limitiert sein mussten. Viele Menschen würden einen solchen Schritt aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus nicht tun. Doch was war schon sicher? Einzig die Vergänglichkeit. Ich musste nur an die Nacht des Unfalls denken, um mir dies zu vergegenwärtigen. Warum also an etwas festhalten, das sich nicht festhalten ließ?


Produktinformation

  • Verlag: Bastei Lübbe
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 188 S., 8 farb. Fototaf. 220 mm
  • Seitenzahl: 200
  • Lübbe Sachbuch
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 135mm x 22mm
  • Gewicht: 362g
  • ISBN-13: 9783785724040
  • ISBN-10: 3785724047
  • Best.Nr.: 27063313

Leseprobe zu "Wer loslässt, hat zwei Hände frei" von Master Han Shan

Mönch (S. 91-92)

Wenn wir uns etwas nicht vorstellen können, heißt es noch lange nicht, dass es nicht möglich oder existent ist. Alles, was es heißt, ist, dass unser limitierter menschlicher Verstand nicht in der Lage ist, es sich vorzustellen.

1


Leise schlugen die Wellen des Sees an das Ufer. Wie sehr hatte ich diese Stille und Abgeschiedenheit herbeigewünscht! Tief sog ich die feuchtwarme Luft ein und gab mir selbst das Versprechen, alles dafür zu tun, um meinem neuen Leben als Mönch gerecht zu werden. Ich wollte die Lehre Buddhas über die natürlichen Energiegesetze unserer Existenz verinnerlichen, sie praktizieren, auf mein Leben anwenden und sie auch anderen Menschen zugänglich machen.

Ich suchte mir einen Baum und setzte mich in seinen Schatten. Dann schloss ich die Augen, erspürte die Umgebung und begrüßte im Geiste all die Lebewesen, die sich das Terrain fortan mit mir teilen würden – Vögel, Schlangen, Echsen und was sonst noch im undurchdringlichen Unterholz hausen mochte. Ich dachte auch an die für mich nicht sichtbaren Energien, die auf der Insel zu Hause waren, und bat sie, mich aufzunehmen und zu beschützen. Später hängte ich mein Moskitozelt auf und trank ein wenig Wasser.

Als Mönch ist man angehalten, nach zwölf Uhr Mittag keine feste Nahrung mehr zu sich zu nehmen, um sich von den ständigen Wünschen und Begierden des Verstandes frei zu machen. Meine Freunde hatten mir einen Gaskocher und einen ganzen Packen Instantnudeln mitgegeben, doch ich war satt. Wenn ich Hunger verspürte, dann war es der nach Wissen, danach, die unvergleichliche Chance zu nutzen, die sich mir hier auf der Insel bot. Es tat gut, das geschäftige Stadtleben hinter sich zu lassen, wenngleich der Gegensatz zu meinem vorherigen Lebensstil kaum extremer hätte sein können.

Ich hatte nur selten die Zeit gefunden, Urlaub zu machen. Während meiner Geschäftsreisen hatte ich dann und wann einen Tag abgezweigt, um im Dschungel Malaysias zu wandern oder auf meiner Yacht in der Straße von Malakka zu kreuzen und den Blick zum Horizont schweifen zu lassen. Schon immer hatte die Natur eine starke Wirkung auf mich gehabt. Auch wenn ich ihre Gesetzmäßigkeiten mehr mit den Augen des Ingenieurs denn des Romantikers betrachtet hatte, war ihre Schönheit tief in mich eingedrungen. Auf Don Savan aber begegnete ich der Natur in ihrer urigsten Form.

Hier gab es keinen Strom. Licht spendeten nur die Gestirne. Der Gesang der Vögel, der Ruf der großen Geckos und das Gezirpe der Insekten sorgten für eine beständige Hintergrundmusik. Die allgegenwärtige Nähe des Wassers schürte mein Wohlbefinden. Mit der Dämmerung wurde es kühler, und leichter Nebel bildete sich auf dem See. Wie zuvor verband ich mich mit allen sichtbaren und nicht sichtbaren Energien – eine Übung, die ich fortan jeden Abend und jeden Morgen machte. Als die Dunkelheit heraufzog, legte ich mich schlafen. Es war ein aufregender Tag gewesen – mein erster Tag als Mönch.

Es war ungewohnt, so hart zu liegen und all die Geräusche der Natur dicht am Ohr zu haben. Das Schlagen von Schwingen über mir. Der Ruf einer Eule, dann ein leiser Schrei. Knistern im Unterholz, Tapsen, Huschen, dann und wann der Ruf des Tokey-Geckos. Plötzlich völlige Stille – und ein neues Aufbranden der Geräusche, noch dichter an meinem Ohr. Ich wachte früh auf, kletterte aus meinem Moskitozelt und wusch mich im See. Im ersten Dämmerlicht setzte ich mich wieder unter meinen Baum, um zu meditieren. Ich tat das mit einer großen Ernsthaftigkeit und merkte kaum, wie die Zeit verstrich.

Um mich herum erwachte die Welt zum Leben. Es begann zu nieseln. Ich konzentrierte mich weiter und versuchte, mich nicht ablenken zu lassen. Auf keinen Fall wollte ich noch mehr Lebenszeit unnütz verstreichen lassen. Wie hatte ich mir in den vergangenen Wochen gewünscht, endlich alles hinter mir zu lassen! Nun hatte ich meinen Platz gefunden. Ich war dankbar, zutiefst dankbar …

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Bewertung von Ines aus Schwedt/ Oder am 27.01.2010 ***** ausgezeichnet
"Wer loslässt hat zwei Hände frei"- ausgezeichnet! 5 Sterne! Ich habe zuvor niemals einem Mann zugetraut, über sich selbst und seine Gefühle derart zu schreiben. Das zu fühlen hätte ich schon für unglaublich gehalten. Das Buch hat mir auch Mut gemacht, vor einem Jahr wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert, ich bin 46 Jahre jung! Ich bin sehr beeindruckt von Master Han Shan.

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