Leseprobe zu "Buddhismus, Alles, was man wissen muss"
Der Buddha
Der >Buddha< ist der >Erwachte<. Das Wort kommt aus der alten indischen Sprache, dem Sanskrit; budh bedeutet >wach werden<. Der historische Buddha wurde wach aus der tagträumerischen Vernebelung, welche die Dinge an ihrer Oberfläche ernst nimmt. Diese Vernebelung verschleiert unseren Geist und verhindert, dass wir den Zustand höchsten Glücks erfahren. Buddha ist also kein Name, sondern ein Titel für jemanden, der aus all den täglichen Ego-Trips, Störgefühlen und Selbstsüchten erwacht ist und die Dinge so sieht, wie sie sind. Der Titel >Buddha< deutet auf die volle Verwirklichung aller Möglichkeiten des Geistes hin. Und dieser Zustand ist >Erwachen<: Erleuchtung (bodhi) - zeitlose, höchste Freude, Wahrheit und Freude untrennbar.
Unter dem historischen Buddha begreift man den Prinzen Gautama Siddhartha, der im 5. Jh. v.u.Z. in Nordindien zur Erleuchtung erwachte. Seine Lehre hat er in vier kurzen Gedanken zusammengefasst: Es gibt Leiden. Es gibt Ursachen des Leidens. Es gibt ein Ende des Leidens. Buddhas Lehre weist den Weg dahin. Diese Gedanken wurden dann die Vier Edlen Wahrheiten genannt. Sie bilden die Grundlage aller weiteren 84.000 Belehrungen und mit diesen Vier Wahrheiten lädt uns der Buddha ein: Nichts habe ich zurückgehalten, nun kommt und seht selbst!
Dies taten seine Schüler - unabhängig, kritisch und voll Freude. Ihre Erfahrungen formten die verschiedenen buddhistischen Schulen ...
Beginnen wir also mit dem historischen Buddha und seiner Kultur: Das alte Indien.
Buddhas Kultur: Das alte Indien
Industal
Indien, Buddhas Heimat, ist ein uraltes Kulturland. Bereits zwischen 3000 und 1800 v.u.Z. blühte im Tal des Flusses Indus (heute: Pakistan und Nordostindien) eine eindrucksvolle Zivilisation mit großen Städten wie Harappa im Norden und Mohenjo-Daro im Süden. Die zeitgleichen großen Kulturen des Zweistromlandes (Sumer, Akkad, Elam) trieben regen Handel mit dieser ersten indischen Kultur. Dennoch wissen wir von der Industal-Gesellschaft immer noch vergleichsweise wenig, da es noch nicht gelungen ist, ihre Schrift zu entziffern. Interessante archäologische Funde wie Siegel, kleine weibliche Kultfiguren und vor allem große (rituelle?) Wasserbecken deuten auf reges religiöses Leben hin. Einige Gelehrte sehen Übereinstimmungen zwischen Abbildungen aus dem alten Industal und späteren hinduistischen Bildern und Mythen, besonders der heutigen südindischen, dunkelhäutigen Bevölkerungsgruppe, den Draviden. Andere behaupten eine (proto-)indo-europäische Herkunft der Industal-Kultur: Aber all dies ist noch ungeklärt.
Der Hinduismus und das Kastenwesen entstehen
Nicht allzu lang nach dem Niedergang der Industalkultur unterlag Nordindien eingreifenden Veränderungen. Ab 1600 v.u.Z. wanderten hellhäutige Stämme in Indien ein, die so genannten >Indo-Arier<, und unterwarfen langsam die einheimische Bevölkerung; ihre heiligen Gesänge, Gebete und Rituale bilden den Kern der ältesten Stufe des Hinduismus, der vedischen Religion. Diese Einwanderung ging in verschiedenen Wellen vor sich und einige Gelehrte denken selbst, dass die sich nun entwickelnde vedische Kultur weniger eine Einwanderungskultur darstellte, als vielmehr eine allmähliche Umformung der bestehenden Kultur. Das ist jedoch recht unwahrscheinlich, denn die Indo-Arier brachten einen Glauben und Brauchtum mit, der sich deutlich von der dravidischen Kultur unterscheidet: Im Gegensatz zu den Völkern, die sie unterwarfen, hatten bei ihnen nur die Männer das Sagen (>Patriarchat<). Ihre Gesellschaft war kriegerisch und deutlich in drei Stände eingeteilt: Die Spezialisten des Kultes - die Priester, die Spezialisten des Krieges - die Ritter bzw. der Adel, und die Ernährer-die Bauern. Tagelöhner und Diener bildeten einen vierten Stand am Rande der Gesellschaft. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich so in Indien ein starres Gesellschaftssystem, das Kastenwesen, mit vier Hauptständen (vama) und darin ca. 2.000 Kasten (jati) und 20.000 Unterkasten. Die Spezialisten des Kultes, die Brahmanen, bildeten und bilden bis heute den höchsten Stand, gefolgt von den Kriegern, den kshatriyas, und den Bauern (vaishyas). Diese drei oberen Stände bilden die >Zweimal-Geborenen<, denn sie unterziehen sich in der Jugend einem Übergangsritual, einer Neuen Geburt (upanayana). Das unterscheidet sie von der Dienerklasse, den shudras, die in der Regel durch die Urbevölkerung gebildet wurde. Obwohl im modernen Indien das Kastenwesen offiziell abgeschafft ist, bestimmen die starren Standes- und Kastengesetze noch immer weitgehend den Alltag. Die Erfüllung der Standespflicht im Verlauf der verschiedenen Lebensabschnitte (vamashrama-dharma) gilt als religiöser Beitrag zur Erhaltung der Weltordnung. Und gleichzeitig hat der Protest gegen menschenverachtende Elemente dieser Gesellschaftsordnung immer wieder erstaunliche Geistesleistungen hervorgebracht, von den Wanderasketen der alten Zeit bis zu Mahatma Gandhi. Auch Buddhas Lehre kann in diesem Licht betrachtet werden, tritt sie doch in deutlichen Widerspruch zum Kastenwesen!
Indiens heilige Schriften: Der Veda
Den ältesten Abschnitt des Hinduismus stellt die Vedische Religion dar. Ihr Name geht auf die heiligen Schriften des Hinduismus zurück, den Veda. Veda bedeutet >Wissen<; seine ältesten Texte stammen aus der Zeit der Indo-arischen Einwanderung, und der Veda entwickelte sich bis ungefähr 400 v.u.Z. Der Veda wird von allen Hindu-Schulen als Offenbarung und Autorität anerkannt, ganz gleich, ob seine Vorschriften und Gedankenwelt ins religiöse Leben umgesetzt werden (der vedische Opferritus selbst war und ist ohnehin nur dem höchsten Stand zugänglich) oder nicht. Neben den ältesten Ritualtexten, den >Sammlungen<, umfasst der Veda noch etwas jüngere mythische und spekulative Kommentartexte, die Brahmanas (ab 900 v.u.Z.), und schließlich die mystisch-philosophischen Texte, die Upanishaden, mit denen der Veda abschließt.
Der Veda, die heiligen Schriften des Hinduismus
Samhitas
(Rigveda, Samaveda, Yajurveda, Atharvaveda)
rituelle Sammlungen von Hymen, Opfergesänge, Opfersprüche und Magie
ca. 1200 v.u.Z.
Brahmanas
mythologisch-spekulative Kommentare
( 900 v.u.Z.
Äranyakas (>Waldtexte<)
esoterische (geheime), mystische bzw. philosophische Texte
800-400 v.u.Z.
Upanishaden
= Vedanta, >Veda-Ende<
Was aber muss man sich unter diesen Schriften genauer vorstellen? Zwei Textproben aus dem Rig-Veda geben einen ersten Eindruck:
1. Das vergöttlichte Opferfeuer (Agni) und der göttliche Rauschtrank
(Soma) werden beim Opfer um Segen für das Vieh angerufen:
Rig-Veda 1, 93, 11-12
Agni und Soma, seid zufrieden mit diesen dargebotenen Gaben und nähert euch beide uns! Agni und Soma, beschützt unsere Pferde und lasst unsere Kühe, die ja die Gaben hervorbringen, fett sein ...
2. Zur neuen Geburt der oberen drei Stände (upanayana) sprechen die jungen Eingeweihten das berühmte GayatrT Mantra 3 x 108 Mal: Rig-Veda 3, 62, 19
Om! Wir meditieren über den verehrungswürdigen Glanz des göttlichen Urgrunds allen Seins (= Sonne), dass er unseren Geist erleuchte!
Sprachen und Quellen
Die Sprache des Veda ist Sanskrit. Zu Buddhas Zeit war diese Sprache bereits nicht mehr im alltäglichen Gebrauch. Nur die Priester und die brahmanischen Philosophielehrer verwendeten Sanskrit und setzten sich so von den Nicht-Brahmanen ab. Der Buddha dagegen lehrte bewusst in der Sprache des Volkes, dem mittelindischen Dialekt von Magadha: Für ihn hatten Standes- und Bildungsgrenzen keine Bedeutung.Da Buddhas Lehren zunächst nur mündlich weitergegeben wurden, ist in Buddhas eigenem Dialekt so gut wie kein Text erhalten geblieben. 200 bis 300 Jahre nach Buddhas Tod wurden seine Lehren aufgezeichnet - in verschiedenen mittelindischen Dialekten und auch in Sanskrit, um Buddhas Lehren gegenüber den brahmanischen Philosophen mehr Respekt zu geben. Der einzig vollständig in einer indischen Sprache erhaltene buddhistische Kanon gehört dem südlichen Buddhismus an, dem TheravaTda.
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