Neue Vahr Süd - Regener, Sven

Sven Regener 

Neue Vahr Süd

Roman

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Neue Vahr Süd

Neue Vahr Süd ist das Neubauviertel im Osten von Bremen, wo Frank Lehmann aufgewachsen ist. Da er irgendwie vergessen hat, den Wehrdienst zu verweigern, muss er einrücken. Und während seine Freunde miteinander über ihre Version der proletarischen Weltrevolution streiten, kämpft Frank Lehmann, hin- und hergerissen zwischen den widersprüchlichen Welten, mit wirklich allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für eine eigene, würdige Existenz.

"Ich habe dieses Buch vergangenen Oktober gelesen, und seitdem rede ich nur über dieses Buch" (Cordula Stratmann)



Produktinformation

  • Verlag: EICHBORN
  • 2005
  • Nachdr.
  • Ausstattung/Bilder: Nachdr. 2005. 581 S.
  • Seitenzahl: 550
  • Eichborn. Berlin
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 136mm x 55mm
  • Gewicht: 794g
  • ISBN-13: 9783821807430
  • ISBN-10: 3821807431
  • Best.Nr.: 12701676
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Jetzt ist Herr Lehmann wieder Frankie. Nach dem großen Erfolg in Bestsellerliste und Kino liefert Sven Regener die Vorgeschichte zu seinem Romandebüt "Herr Lehmann". Anfang der 80er lebt Frank Lehmann noch in Bremen, zieht von seinen Eltern in eine versiffte WG und leidet bei der Bundeswehr. Endlich eine Episode 1, die nicht langweilt: Weil man besser versteht, warum Herr Lehmann ist, wie er ist, und "Neue Vahr Süd" gerade durch den Vorgänger aus der Zukunft so viel Spaß macht. Außerdem ist Regener ein großartiges Portrait des Bundalltags gelungen, das nicht beschönigt, wo nichts beschönigt werden kann, trotzdem aber nicht dogmatisch stigmatisiert, sondern auch liebevolle Untertöne findet. Dabei hatte der sonst so betont unpolitische Regener wohl den größten Spaß bei der Vergangenheitsbewältigung: Die Karikierung der K-Grüppler in Franks Freundeskreis fügt sich aber gut ein, denn auch in "Neue Vahr Süd" erzählt Regener wieder im lakonischen Ton und kombiniert mit wunderbarer, scheinbar unbeabsichtigter Komik. Am Ende des Romans bricht Frank Lehmann nach Berlin auf, um seinen Bruder und einen Neuanfang zu suchen. Wie gut, dass Regener Episode 2 folgen lassen will. (cs)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 01.10.2004

Ganz unten
Heimschläfer auf Höllenfahrt: Die Belletristik in diesem Herbst

Kurz und Gut steht jeden Morgen an der Ecke und erzählt. Man nennt ihn Kurz und Gut, weil er, ständig hustend und lungenkrank, nicht mehr ausreichend Luft für eine ausführliche Erzählung hat. "Also kurz und gut, sagte er dann: Viele kurze Geschichten ergeben auch eine lange, ist vielleicht auch interessanter." So rezitiert er wörtlich den Beginn von Dostojewskis "Idiot" und erzählt dann, kurz und gut, dessen Quintessenz in einem einzigen Satz. Dieser Kurz und Gut ist nur eine der unvergeßlichen Figuren in Dieter Fortes neuem Roman "Auf der anderen Seite der Welt" (S. Fischer), eine Gestalt wie ein orientalischer Geschichtenerzähler, der sich ins Nachkriegs-Düsseldorf verirrt hat. Wie alle diese Figuren ist er ein Führer in die Unterwelt. Zu Beginn des Romans reist der Erzähler, das Kind aus Fortes autobiographischer Trilogie "Das Haus auf meinen Schultern", ans Meer, in ein Lungensanatorium, eine Hadesfahrt ohne Wiederkehr. Fortes Buch ist eines der düstersten dieses Herbstes und zugleich eines der reichsten, eine postapokalyptische Version des "Zauberbergs", die die …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Susanne Ostwald mochte schon Sven Regeners erstes Lehmann-Buch und freut sich nun über den "zum Glück doppelt so dicken" Nachfolger, der ja eigentlich ein Vorläufer ist. Regener erzählt, wie Frank "Frankie" Lehmann Anfang der achtziger Jahre zwischen Bundeswehr und ideologietrunkenen Freunden zu überleben versucht. Wie schon im ersten Roman, frohlockt die Ostwald, sind Regener "hinreißende Milieubilder" gelungen, mit gewohnt "ins Absurde kippenden Dialogen". Die Zwiegespräche Lehmanns mit sich selbst und der "detailgenau" beobachteten Außenwelt sind dabei nicht bloßer Selbstzweck, die "liebevoll gedrechselten" Szenen vermitteln dem Leser vielmehr einen vielseitigen Einblick in eine Zeit, als die Ideologien der sechziger Jahre gegen einen neuen Pragmatismus eingetauscht wurden, so Ostwald. Mit Hilfe seines "trockenen Sprachwitzes" und der Meisterschaft in der "Kunst der intelligenten Unterhaltung" schafft es der Autor so, die unterschiedlichsten "Splitter der Zeit" zu einem "spektralen Gesellschaftsbild" zusammenzufügen, schreibt die begeisterte die Rezensentin.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 24.09.2004

Die Lehrjahre des ziellosen Lebens
Nachgetragene Vorgeschichte: Sven Regener erzählt in „Neue Vahr Süd” die Jugend des Herrn Lehmann
Nichtbremer werden mit dem Titel ein Problem haben, denn wie sollen sie wissen, ob man das Wort „Vahr” wie „wahr” oder wie „fahr” ausspricht? Auch hat jemand, der die Geburtsstadt des Autors Sven Regener nicht kennt, keine Vorstellung von den Konnotationen, mit denen der bremische Stadtteil Neue Vahr behaftet ist. Auf 250 Hektar Ackerland, dem seinerzeit größten Wohnungsbaugebiet der Republik, war zwischen 1957 und 1963 eine Reißbrettsiedlung entstanden, die von den Bewohnern älterer, durch glücklichen Zufall den Kriegszerstörungen entgangener Viertel mit kühler Verachtung gestraft wurde, obwohl sie den damaligen Erkenntnisstand der Stadtplanung vorbildlich repräsentierte - Licht und Luft, Bad und Balkon für alle, Trennung von Wohn- und Arbeitswelt - und sogar ein Hochhaus nach Plänen von Alvar Aalto vorweisen konnte. In der Neuen Vahr wohnte „man” nicht, und man dankte seinem Herrgott, dass man nicht zu den Dreißigtausend gehörte, die in den Wirtschaftswunderjahren dort eine neue Heimat suchten und …

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"So schön hat noch keiner über die Absurditäten in diesem Leben geschrieben."
Sven Regener wurde 1961 in Bremen geboren. 1985 gründete er die Band "Element of Crime", die mit deutschsprachigen Alben wie "Damals hinterm Mond" und "Weißes Papier" eine große Popularität erlangte. Sven Regener ist Sänger und Texter der Gruppe. 2011 erhielt er den Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik.

Leseprobe zu "Neue Vahr Süd"

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Leseprobe zu "Neue Vahr Süd" von Sven Regener

1. HARRY Am letzten Tag, bevor er zur Bundeswehr mußte, war Frank Lehmann in keiner guten Stimmung. Es war der 30. Juni, ein Montag, und er hatte nichts zu tun, es gab nicht einmal irgendwelche Scheinaktivitäten, in die er sich hätte stürzen können, um seine Gedanken von der unausweichlichen Tatsache abzulenken, daß er sich am nächsten Tag in der Niedersachsen-Kaserne in Dörverden/Barme einzufinden hatte, um dort seinen Dienst als Soldat zu beginnen. Das schöne Wetter machte die Sache nicht besser, im Gegenteil, hätte es wenigstens geregnet, dann hätte er vielleicht zu Hause in seinem Zimmer bleiben können, wäre mit einem Buch und einer Tasse Tee auf seinem Bett liegengeblieben und hätte den Tag vergammelt, aber das ging bei schönem Wetter nicht.

Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dachte er, als er am Vormittag in seinem alten Opel Kadett sinnlos durch Bremen fuhr, daß man bei schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder raus, dachte er, als er sich ein bißchen am Osterdeich ans Weserufer setzte und darauf wartete, daß ein Bockschiff vorbeikäme, dem er hinterherschauen konnte, dabei ergibt das für jemanden, der zwanzig Jahre alt ist und gerade ausgelernt hat, überhaupt keinen Sinn, bei schönem Wetter draußen herumzuhängen, dachte er, als er wieder im Auto saß und zurück in die Neue Vahr Süd fuhr, einem großen Neubauviertel im Osten von Bremen, wo er noch immer bei seinen Eltern wohnte, und das ist ja auch Quatsch, mit zwanzig noch bei seinen Eltern zu wohnen, dachte er, eigentlich ist das eine Schande, Manni wäre das nie passiert, dachte Frank und merkte wieder einmal, wie sehr ihm sein großer Bruder fehlte, seit der aus Bremen weg nach Berlin gegangen war. Mit Manni hätte er sich jetzt gerne unterhalten, Manni hätte irgendwas gesagt, das einen aufgemuntert hätte, dachte er, als er durch das Einkaufszentrum Berliner Freiheit schlenderte, Manni weiß immer irgendeinen Ausweg, oder jedenfalls sagt er immer etwas, das die Sache in einem anderen Licht darstellt, dachte er, oder er hat irgendeine Idee, obwohl er, was diese Bundeswehrsache betrifft, auch nur Quatschideen im Kopf hatte, dachte Frank, aber ich habe noch nicht einmal das, dachte er, bei mir reicht's noch nicht einmal für Quatschideen, ich weiß noch nicht einmal, wie alles überhaupt so weit kommen konnte.

Irgendwas ist schiefgelaufen, dachte er und setzte sich, des Schlenderns durch das Einkaufszentrum Berliner Freiheit müde geworden, auf eine Mauer mit Blick auf den Vorplatz des Bürgerzentrums, soviel ist mal klar. Da unten war zum Beispiel mal der Minigolfplatz, dachte er fahrig, der ist nun auch weg, und Manni auch, und ich ab morgen irgendwie auch, und so müssen sich Arbeitslose vorkommen, dachte er, ich hätte die Lehre nicht machen sollen, das war schon mal ein Fehler, die hat mich irgendwie rausgehauen, aus der Kurve getragen, dachte er, man verliert seine alten Freunde, wenn man eine Lehre macht, jedenfalls die aus der Schule, dachte Frank, und man gewinnt nicht viele neue dazu, genauer gesagt gar keine, dachte er, letztendlich ist nur Martin Klapp übriggeblieben, und der ist untauglich, außerdem bin ich zu alt für die Bundeswehr, dachte er, und alle anderen haben verweigert und fahren Behinderte, wie Ralf Müller, und der ist auch schon fast fertig damit, und danach studieren sie oder was, dachte er, und ich bin gelernter Speditionskaufmann und wohne noch bei meinen Eltern und muß zum Bund, wer konnte damit rechnen, und wenn man schon wie ein Arbeitsloser hier rumhängt, dann kann man auch gleich in den Vahraonenkeller gehen, dachte er und stieg kurzentschlossen aus der sonnendurchfluteten Berliner Freiheit hinab in den Vahraonenkeller, in dem er früher, als er noch gegenüber auf das Gymnasium an der Kurt-Schumacher-Allee gegangen war, immer seine Freistunden und auch die unentschuldigten und entschuldigten Fehlstunden verbracht hatte, die seiner Schulkarriere schließlich das Genick gebrochen hatten.

Wahrscheinlich ein Fehler, hier reinzugehen, dachte er, als er den grottenhaften Raum betrat, in dem nur ein paar Trinker fortgeschrittenen Alters herumsaßen, von ein paar Schülern einmal abgesehen, die - wie um ihm einen Spiegel vorzuhalten - in einer der Sitzbuchten saßen und miteinander schwatzten und lachten, es war damals schon ein Fehler, hier reinzugehen, aber da hat es wenigstens Spaß gemacht, dachte er, heute ist es nur noch falsch. Er setzte sich so weit wie möglich von den Schülern weg an einen leeren Tisch und bestellte eine Tasse Tee. Das ist Quatsch, das hätte man gleich lassen können, das ist jetzt alles Vergangenheit, dachte er, im Vahraonenkeller sitzen und Tee trinken, das bringt nichts, man muß nach vorne schauen, dachte er, aber als er da so saß, in seinem Tee rührte und nach vorne schaute, sah er da nur die Bundeswehr, die in Dörverden/Barme auf ihn wartete, dahinter war gar nichts, er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was er danach machen sollte, außer vielleicht in seinem erlernten Beruf weiterarbeiten, aber das geht ja auch nicht, das ist ja total sinnlos, wenn man so einen Quatsch wie die Bundeswehr durchzieht und dann einfach da wieder weitermacht, wo man vorher aufgehört hat, dachte er.

Kundenbewertungen zu "Neue Vahr Süd" von "Sven Regener"

3 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.7 von 5 Sterne bei 3 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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(2)
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Bewertung von Sven Glückspilz am 28.04.2010 ***** sehr gut
So gut das ich mir schon Herrn Lehmann besorgt hab.

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Bewertung von Brunner aus Aurich am 20.10.2007 ***** ausgezeichnet
Hervorragende und realistische Darstellung der militärischen Wirklichkeit.

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Bewertung von stobo65 aus Oberkirch am 07.03.2007 ***** ausgezeichnet
Frank Lehmann wächst in der Neuen Vahr Süd, einem Neubauviertel in Bremen, auf und hat die Faxen ziemlich dicke: er hat vergessen, den Wehrdienst zu verweigern, seine Eltern schmeißen ihn mehr oder weniger aus der Wohnung und irgendwie sind seine Freunde auch ziemlich komische Genossen. Das mit dem Wehrdienst kann ja mal passieren, denkt er, da kann man nix machen, außer man geht zum Bund und verweigert dann dort, aber da ist ja auch noch nicht gesagt, dass man damit durchkommt, denn es sind die 80er Jahre und da ist noch einiges anders als heut, wo ja fast keiner mehr zum Bund muss, aber damals war das halt noch nicht so. Und auch das mit dem Wohnen ist nicht so ganz einfach, weil Frank kommt zwar bei Seinen Freunden Martin Klapp und Frank Müller unter inder WG, aber die sind ja auch so ziemlich durchgeknallt, müllen die Wohnung zu, schmeißen den dritten Mitbewohner, Achim, mehr oder wniger raus, lassen dann den Punk Wolli rein und der lädt alle Freunde ein und dann läuft da immer so laute Punk-Musik, während Martin laut Kate Bush laufen lässt und das ist ja gar nicht mehr witzig so was, das kann man ja fast nicht aushalten. Als dann auch noch Sibille auf der Bildfläche erscheint, ist auch langsam mal gut, weil das verwirrt Frank und irgendwie kommt er damit gar nicht so gut zurecht, weiul dann verliebt man sich noch und dann wird das alles noch schlimmer und endet in Tränen oder auch nicht.
Wer diesen Schreibstil jetzt nicht so toll findet, sollte das Buch gar nicht erst in die Hände nehmen, denn so ist das auch geschrieben und kann dann, wenn man das nicht so gut findet, ziemlich schnell ziemlich langweilig werden. Wenn man damit aber klar kommt, dann sind die 632 sehr witzig, unterhaltsam und gut. Der ein oder andere mag sich sogar selbst ein bisschen wiedererkennen. Viel Spaß damit

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