Von der Sehnsucht nach der Ferne In Guy Helmingers neuem Roman
fügen sich zwei Erzählstränge zu einer großen, universellen
Erzählung über das, was Menschen antreibt bei ihrer Suche nach
Gemeinschaft und dem guten Leben. Im Frühjahr 1828 macht sich eine
Gruppe Luxemburger Landbewohner, darunter die selbstbewusste
Bauerntochter Josette, auf den Weg in die Welt. Sie lassen Hab und
Gut zurück und schließen sich einem Strom von Auswanderern an, die
der wechselnden Herrscher und der schlechten Lebensbedingungen
überdrüssig geworden sind. Ihr Ziel: Brasilien. Dort werden
Menschen gebraucht, so heißt es, dort könne man neu beginnen. 170
Jahre später, kurz vor der Wende zum 21. Jahrhundert, kommt das
Mädchen Tiha mit ihrer Mutter und anderen montenegrinischen
Flüchtlingen nach Luxemburg - auch sie haben ihre Heimat aufgegeben
und sind einem vagen Versprechen gefolgt. Für keinen von ihnen wird
es eingelöst - und doch gibt es für Tiha,...
1999 kommt das Mädchen Tiha mit seiner Familie aus Montenegro nach Luxemburg. Sie beantragen Aysl. 170 Jahre davor verabschiedet sich die junge Josette aus Luxemburg. Gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder reist sie Richtung Bremerhaven, um sich nach Brasilien einzuschiffen. Beide Versuche, sich im Leben zu verbessern, gehen schief. Guy Helminger stellt diese so unterschiedlichen Schicksale gegeneinander, indem er sie parallel erzählt. Manchmal sind die Personen sogar ganz nah beieinander, es trennt sie nur noch die Zeit. Dann wieder ist die aus den politischen Umständen und dem christlichen Aberglauben gleichermaßen geborene Brutalität des frühen 19. Jahrhunderts um so viel schlimmer und so unerträglich, dass man jedes Asylantenheim zum 3-Sterne-Hotel erklären möchte; aber nur ganz kurz. Helminger präsentiert uns in "Neubrasilien" das Innere seiner Helden, ihre Hoffnungen, ihre Wünsche, ihr schwindendes Glück. "Neubrasilien" ist ein trauriges Buch, aber es macht nicht traurig. Und am Ende steht erneut ein doppelter Aufbruch, der sogar noch beide Handlungsstränge über 170 Jahre miteinander verbindet ... (jw)
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Die Gemeinsamkeiten der beiden Handlungsstränge in diesem Roman von Guy Helminger findet Andrea Diener schnell heraus. Und schnell merkt sie auch, worum es dem Autor zu tun ist: Nicht um die kleinen Bewegungen geht es ihm, sondern um Makrostrukturen, um das allgemein menschliche Verlangen nach einem besseren Leben und wie sich die Figuren als Flüchtlinge oder hoffnungsvolle Auswanderer über die Landkarte Europas bewegen. Dass Helminger die beiden Teile seiner Erzählung dabei sehr ungleich behandelt, im historischen Rückblick auf die "Neubrasilianer" sehr liebevoll und genau, im Blick auf die Gegenwart in Helmingers Heimatstadt Luxemburg eher beiläufig und wenig differenziert, sieht Diener zwar kritisch, ebensogut kann sie es aber ausblenden "wie der Autor selbst".
Bewandert und bemüht Guy Helminger zeichnet Flüchtlingsrouten nach
Ortsnamen tragen oft Erinnerungen und Sehnsüchte in sich: an das alte Amsterdam, später das alte York, denen voller Hoffnung auf einen Neubeginn in der Neuen Welt ein entsprechendes Präfix vorangestellt wurde. Aber auch in der Alten Welt wurde oft der Aufbruch gewagt, von Neuwied bis Halle-Neustadt. Oder gar "Neubrasilien" - ein Flurname, der sich auf einigen älteren Landkarten noch als Dörfchen in Luxemburg erhalten hat. Dort, nördlich von Luxemburg-Stadt bei Grewels, ließ sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ein Häuflein Auswanderungswilliger nieder, die zu spät kamen. Sie machten sich auf den Weg nach Südamerika, als in Bremen längst kein Schiff mehr fuhr, und mussten unverrichteter Dinge wieder umkehren. Völlig verarmt siedelten sie auf einem windigen Hügel, waren mal belgisch, mal Luxemburg zugeschlagen, von den Bewohnern der umliegenden Dörfer verachtet und ohne Perspektive. "Brasilianer" nannte man sie.
Von ihnen erzählt aber nur die Hälfte des Buchs "Neubrasilien" von Guy Helminger. Ein zweiter Handlungsstrang beschreibt die jüngste Vergangenheit, …
Diese Geschichte ist tief und spannend erzählt (...) es geht um Verlorenheit, um Fremdheit, um Migration (...) in der sensiblen Form, in der es geschildert wird und mit der enormen Sprachwucht von Guy Helminger bekommt man so ein feines Gespür dafür, für Migrantendasein und für das Elend, das dazugehört, dass ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen kann."(Richard David Precht, Schweizer Literaturclub, 19. Oktober 2010)<br/><br/>Die Gleichzeitigkeiten und Widersprüche, die hier mithilfe einer rasanten Schnitttechnik zur Sprache kommen, geben dem Roman seinen Schwung, seine Lebendigkeit. Helminger stellt seine Charaktere vor allem über ihr Verhalten und ihre Sprache dar; dabei entstehen Portraits, Schnappschüsse, deren Aussagekraft unmittelbar einleuchtet. (...) Ein harmonisches Buch? Ja - im guten Sinn. Denn es muss nicht immer und ausschließlich das zornige Erzählen von Flüchtlingsschicksalen sein, das Empathie weckt. Neu-Brasilien", das ist ein ausgewogener und dabei klangvoller, vielstimmiger Roman."(Sabine Peters, Deutschlandradio, 07. November 2010, "Buch der Woche")<br/><br/>Der Autor hat gründlich recherchiert, Sprache und Duktus seiner Figuren geben ein stimmiges Bild (...). Der solide Schreibhandwerker Helminger hat das richtige Gespür für die emotionale Ausformung seiner Figuren, er wirkt nicht wie ein kühl distanzierter Erzähler (...)."(Hartmuth Malorny, Titel-Magazin, 08. November 2010)
Der Autor hat gründlich recherchiert, Sprache und Duktus seiner Figuren geben ein stimmiges Bild (...). Der solide Schreibhandwerker Helminger hat das richtige Gespür für die emotionale Ausformung seiner Figuren, er wirkt nicht wie ein kühl distanzierter Erzähler (...)."(Hartmuth Malorny, Titel-Magazin, 08. November 2010)
Guy Helminger, geboren 1963 in Esch-sur-Alzette, Luxemburg, schreibt Lyrik, Prosa, Hörspiele und Theaterstücke. Außerdem moderiert er eine Kultursendung im luxemburgischen Fernsehen. 2004 gewann er den 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Zuletzt veröffentlichte er den Roman Morgen war schon.
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Leseprobe zu "Neubrasilien" von Guy Helminger
Am frühen Abend des 6. April 1828, zwei Wochen bevor das Schiff ablegen sollte, hing über der Gemeinde Wahl eine Nebelschärpe, die nicht unbedingt dicht zu nennen war, sich aber breit von den Strohdächern fallen ließ und bis zu jener Höhe hin verlief, von der aus Napoleon mehr als zwanzig Jahre zuvor u¨ber das ganze Land geblickt hatte. Josette Meier hingegen sah in der anbrechenden Dunkelheit nur wenige Meter weit, dann schoben sich die Felder und Äcker hinter einen Paravent aus Dunst, der viel, aber nicht alles verdeckte. Solche Stellwände benutzten einige Frauen in der Stadt, hatte ihr Bruder erzählt, obwohl er erst einmal dort gewesen war. Sie selbst war noch nie nach Luxemburg-Stadt gekommen, und so wie die Dinge standen, würde sie die Festung auch in Zukunft nicht sehen.Ihre Absätze klopften auf den festgetretenen Pfad. Der Wind wehte kühl und feucht vom Wald her, Josettes Gesicht aber glühte unter der weißen Haube. Sie sah sich um, ob niemand in der Gegend sei,...
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