Was vom Tage übrigblieb - Ishiguro, Kazuo

Kazuo Ishiguro 

Was vom Tage übrigblieb

Roman. Ausgezeichnet mit dem Booker Prize 1989

Aus d. Engl. v. Hermann Stiehl
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Was vom Tage übrigblieb

"Kazuo Ishiguros Romane gehören zum Eindrucksvollsten der neueren deutschen Literatur." -- DIE ZEIT

Eine wunderschön-melancholische Liebesgeschichte.

Stevens dient als Butler auf Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er brüsk zurück. Die Jahre vergehen, Stevens lebt ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt. 'Was vom Tage übrigblieb' ist ein gesellschaftskritischer Roman, erzählt von jemandem, der sich eine solche Kritik nie erlauben würde, und eine wunderschöne, traurige Liebesgeschichte, erzählt von einem, der nie auch nur ahnte, dass er geliebt hat.


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 287 S.
  • Seitenzahl: 287
  • btb Bd.73309
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 119mm x 23mm
  • Gewicht: 280g
  • ISBN-13: 9783442733095
  • ISBN-10: 344273309X
  • Best.Nr.: 13382243
"Kazuo Ishiguros Romane gehören zum Eindrucksvollsten der neueren deutschen Literatur." DIE ZEIT

"Kazuo Ishiguros Romane gehören zum Eindrucksvollsten der neueren deutschen Literatur."
Kazuo Ishiguro, geb. 1954 in Nagasaki, kam 1960 nach London, wo er Englisch und Philosophie studierte. 1995 wurde ihm der Cheltenham Prize verliehen und 2006 der Belletristikpreis der 'Zeit'. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Der Autor lebt mit Frau und Kind in London. 2006 erhält er den Corine-Preis.

Leseprobe zu "Was vom Tage übrigblieb" von Kazuo Ishiguro

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Leseprobe zu "Was vom Tage übrigblieb" von Kazuo Ishiguro

PROLOG: JULI 1956

Darlington Hall

Es wird immer wahrscheinlicher, daß ich tatsächlich jene Reise unternehme, die meine Phantasie bereits seit einigen Tagen mit einer gewissen Ausschließlichkeit beschäftigt. Eine Reise, die ich, das sollte ich hinzufügen, allein unternehmen werde, in Mr. Farradays bequemem Ford, eine Reise, die mich, soweit ich das jetzt schon ermessen kann, durch einige der schönsten Gegenden Westenglands führen und mich immerhin fünf oder sechs Tage von Darlington Hall fernhalten wird. Die Idee zu einer solchen Reise geht, wie ich vielleicht erwähnen sollte, auf einen höchst liebenswürdigen Vorschlag zurück, den Mr. Farraday persönlich mir eines Nachmittags vor fast vierzehn Tagen machte, als ich gerade die Porträts in der Bibliothek abstaubte. Ich stand, wenn ich mich recht erinnere, gerade auf der Trittleiter und entstaubte das Porträt des Viscount Wetherby, als mein Dienstherr mit einigen Büchern hereinkam, die er offenbar ins Regal zurückzustellen beabsichtigte. Als sein Blick auf mich fiel, nahm er die Gelegenheit wahr, mich davon zu unterrichten, daß er gerade endgültig beschlossen habe, im August und September für einen Zeitraum von fünf Wochen in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Nach dieser Mitteilung legte mein Dienstherr die Bücher auf einen Tisch, setzte sich auf die Chaiselongue und streckte die Beine aus. Und da war es dann, daß er zu mir heraufsah und sagte:

"Übrigens, Stevens - ich erwarte nicht, daß Sie sich, während ich weg bin, die ganze Zeit hier im Haus vergraben. Nehmen Sie doch den Wagen, und fahren Sie für ein paar Tage irgendwohin. Sie sehen aus, als könnten Sie eine kleine Abwechslung gebrauchen."

Da dieser Vorschlag gänzlich unerwartet kam, wußte ich nicht recht, wie ich darauf reagieren sollte. Ich erinnere mich, meinem Dienstherrn für seine Aufmerksamkeit gedankt zu haben, aber aller Wahrscheinlichkeit nach drückte ich mich nicht sehr präzise aus, denn er fuhr fort:

"Ich meine das ernst, Stevens. Ich glaube wirklich, Sie sollten mal ausspannen. Für das Benzin komme ich auf. Ihr Burschen, ihr seid ja geradezu eingesperrt in diesen großen Kästen, damit alles klappt, wie sollt ihr da je Zeit finden, euch in eurem schönen England umzusehen?"

Es war nicht das erste Mal, daß mein Dienstherr eine solche Frage aufwarf; es scheint sich sogar um ein Problem zu handeln, das ihn ernstlich beschäftigt. Bei dieser Gelegenheit nun, als ich dort oben auf der Leiter stand, fiel mir eine Erwiderung des Inhalts ein, daß die Angehörigen unseres Berufsstandes, obzwar wir im touristischen Sinne nicht sehr viel von der Landschaft oder besonders pittoresken Örtlichkeiten zu Gesicht bekamen, doch mehr als die meisten anderen von England "sahen" durch unsere Position in Häusern, in denen die bedeutendsten Persönlichkeiten des Landes verkehrten. Natürlich hätte ich Mr. Farraday diese Überlegung nicht mitteilen können, ohne zu einer längeren Rede anzusetzen, die vielleicht anmaßend geklungen hätte. Ich begnügte mich deshalb damit, lediglich festzustellen:

"Es war mir vergönnt, Sir, im Laufe der Jahre innerhalb dieser Mauern das Beste von England zu sehen."

Mr. Farraday schien diese Bemerkung nicht zu verstehen, denn er fuhr fort: "Ich meine es wirklich ernst, Stevens. Es ist nicht in Ordnung, wenn sich jemand nicht in seinem eigenen Land umsehen kann. Folgen Sie meinem Rat, sehen Sie zu, daß Sie mal für ein paar Tage rauskommen."

Wie man sich denken kann, nahm ich Mr. Farradays Vorschlag an diesem Nachmittag nicht ernst, da ich in ihm nur einen weiteren Beweis für die mangelnde Vertrautheit eines Amerikaners mit dem erblickte, was man in England gemeinhin zu tun pflegt und was nicht. Der Umstand, daß meine Einstellung zu ebendiesem Vorschlag im Verlauf der darauffolgenden Tage eine Änderung erfuhr, ja, daß die Vorstellung eines Ausflugs in die Westprovinzen in meinen Gedanken immer breiteren Raum einnahm, ist zweifellos - und warum sollte ich das verschweigen - wesentlich dem Eintreffen von Miss Kentons Brief zuzuschreiben, ihrem ersten seit fast sieben Jahren, wenn man die Weihnachtsgrüße nicht mitrechnet. Aber ich muß sofort verdeutlichen, was ich damit sagen will: Daß nämlich Miss Kentons Brief eine gewisse Kette von Überlegungen auslöste, die mit beruflichen Angelegenheiten hier in Darlington Hall zu tun hatten, und ich möchte betonen, daß es der Gedanke an diese beruflichen Angelegenheiten war, der mich dazu führte, den freundlich gemeinten Vorschlag meines Dienstherrn erneut zu bedenken. Aber das sollte ich vielleicht noch näher erläutern.

Es ist so, daß ich während der letzten Monate bei der Ausübung meiner Dienstpflichten für eine Reihe kleiner Versehen verantwortlich war. Diese Versehen waren ohne Ausnahme an sich äußerst trivial, doch ich glaube, man wird verstehen, daß diese Entwicklung für jemanden, der es nicht gewohnt ist, daß ihm solche Versehen unterlaufen, recht beunruhigend war, und so begann ich, hinsichtlich ihrer Ursache alle möglichen düsteren Erwägungen anzustellen. Wie das so oft in solchen Situationen geschieht, war ich für das Offensichtliche blind - das heißt, bis mir mein Nachsinnen über die eigentliche Bedeutung von Miss Kentons Brief die Augen öffnete: Die Wahrheit war, daß die kleinen Versehen der jüngsten Zeit einzig und allein auf einen mangelhaften Personalplan zurückzuführen waren.

Es ist natürlich Aufgabe jedes Butlers, beim Erstellen eines Personalplanes die größte Sorgfalt walten zu lassen. Wer wüßte zu sagen, wie viele Auseinandersetzungen, ungerechtfertigte Anschuldigungen, unnötige Entlassungen, wie viele jäh abgebrochene hoffnungsvolle Karrieren der Nachlässigkeit eines Butlers bei der Ausarbeitung des Personalplans zuzuschreiben sind? Ich darf sogar behaupten, mich im Einklang mit jenen zu befinden, die die Fähigkeit, einen guten Personalplan zu erstellen, für den Eckstein des Könnens eines achtbaren Butlers halten. Ich selbst habe im Laufe der Jahre viele Personalpläne erarbeitet, und man wird es mir nicht als Unbescheidenheit auslegen, wenn ich sage, daß nur sehr wenige davon einer Verbesserung bedurften. Wenn also im vorliegenden Fall der Personalplan zu beanstanden ist, trifft keinen anderen die Schuld als mich. Freilich ist es nur gerecht, darauf hinzuweisen, daß meine Aufgabe diesmal ungewöhnlich schwieriger Natur war.

Vorgefallen war folgendes: Nachdem die Transaktionen abgeschlossen waren - Transaktionen, in deren Verlauf das seit zwei Jahrhunderten im Besitz der Familie Darlington befindliche Anwesen in andere Hände überführt wurde -, hatte Mr. Farraday wissen lassen, daß er nicht sogleich hier seinen Wohnsitz nehmen, sondern noch weitere vier Monate mit der Abwicklung von Geschäften in den Vereinigten Staaten zu tun haben werde. Inzwischen sei ihm jedoch sehr viel daran gelegen, daß das Dienstpersonal seines Vorgängers - über das er nur höchstes Lob gehört habe - weiter in Darlington Hall bleibe. Das Personal, auf das er sich bezog, war natürlich nur jener Rumpfstab von sechs Personen, welche die Verwandtschaft von Lord Darlington weiterbeschäftigt hatte, damit sie sich vor dem Beginn und während der Dauer jener Transaktionen um das Haus kümmerten; und ich muß zu meinem Bedauern berichten, daß ich nach Abschluß der Verkaufsverhandlungen wenig tun konnte, um Mr. Farradays Wunsch zu entsprechen, insofern sich alle bis auf Mrs. Clements andere Stellungen suchten. Als ich meinem neuen Dienstherrn schrieb, um ihm von dieser bedauerlichen Situation Mitteilung zu machen, erhielt ich aus Amerika die Anweisung, eine neue, "eines großen alten englischen Hauses würdige" Dienerschaft zu verpflichten. Ich bemühte mich sogleich, Mr. Farradays Wünschen zu entsprechen, aber bekanntlich ist es heutzutage keineswegs einfach, neues Personal mit einer zufriedenstellenden Qualifikation zu finden. Zwar war es mir möglich, auf Mrs. Clements' Empfehlung Rosemary und Agnes einzustellen, weiter jedoch war ich noch nicht gediehen, als ich - während seines kurzen ersten Besuchs in unserem Land im Frühling des vergangenen Jahres - meine erste dienstliche Besprechung mit Mr. Farraday hatte. Bei dieser Gelegenheit - es war in dem eigenartig leer wirkenden Arbeitszimmer von Darlington Hall - schüttelte mir Mr. Farraday zum ersten Mal die Hand, aber wir waren einander natürlich nicht gänzlich unbekannt; abgesehen von der Personalfrage hatte mein neuer Dienstherr bei mehreren anderen Anlässen Gelegenheit gehabt, sich bestimmter Talente zu bedienen, die zu besitzen ich mich glücklich schätzen kann, und sie, so wage ich zu behaupten, für zuverlässig befunden. Aufgrund dessen fühlte er sich offenbar sofort in der Lage, in einer geschäftsmäßigen und vertrauensvollen Weise mit mir zu sprechen, und am Ende unserer Begegnung hatte er mir die Verfügung über eine nicht unbeträchtliche Geldsumme übertragen zur Deckung der Kosten, die eine ganze Reihe von Vorbereitungen für seine bevorstehende Wohnsitznahme verursachen würde. Es war - und darauf wollte ich hinaus - während dieses Gesprächs, daß ich die Rede auf die Probleme bei der Einstellung geeigneter Kräfte in unseren heutigen Zeiten brachte, worauf Mr. Farraday nach kurzem Nachdenken folgende Bitte an mich richtete: Ich solle nach bestem Ermessen einen Personalplan ausarbeiten - "eine Art Dienstbotenturnus", wie er es ausdrückte -, der es ermöglichte, das Haus mit den derzeitigen vier Angestellten zu führen, das heißt mit Mrs. Clements, den beiden Mädchen und mir. Das könne bedeuten, meinte er, daß einige Teile des Hauses "eingemottet" werden müßten, er hoffe aber, fuhr er fort, meiner Erfahrung und meinem Geschick werde es gelingen, solche Einschränkungen auf ein Minimum zu reduzieren. Ich erinnerte mich daran, einmal siebzehn Angestellte unter mir gehabt zu haben, und ich wußte, daß hier in Darlington Hall noch vor gar nicht so sehr langer Zeit achtundzwanzig Dienstboten beschäftigt gewesen waren, so daß die Vorstellung, einen Personalplan zu entwerfen, demzufolge das gleiche Haus mit nur vier Angestellten geführt werden sollte, gelinde gesagt, entmutigend schien. Obzwar ich alles tat, um mir nichts anmerken zu lassen, muß etwas von meiner Skepsis doch zu spüren gewesen sein, denn Mr. Farraday fügte wie zur Beruhigung hinzu, sollte es sich als nötig erweisen, könne eine weitere Person eingestellt werden. Aber er wäre mir sehr verbunden, wiederholte er, wenn ich es "mit vier Leuten mal probieren" könnte.

Nun habe ich, wie viele von uns, eine natürliche Abneigung gegen allzu eingreifende Veränderungen. Kein Verdienst liegt indes darin, sich, wie manche dies tun, an die Tradition um ihrer selbst willen zu klammern. Im Zeitalter der Elektrizität und der modernen Heizungssysteme ist es nicht mehr erforderlich, soviel Personal in Dienst zu haben, wie es noch vor einer Generation vonnöten war. Mehr noch, ich frage mich sogar seit einiger Zeit, ob die Beibehaltung überflüssigen Personals lediglich um der Tradition willen - mit dem Ergebnis, daß Dienstboten unzuträglich viel freie Zeit zur Verfügung haben - bei dem raschen Absinken des beruflichen Niveaus nicht eine entscheidende Rolle spielt. Zudem hatte Mr. Farraday deutlich zu verstehen gegeben, daß er nur sehr selten so große Gesellschaften zu geben gedachte, wie Darlington Hall sie früher so häufig gesehen hatte. Ich machte mich also mit einigem Engagement an die Aufgabe, die Mr. Farraday mir gestellt hatte; ich verbrachte viele Stunden über der Arbeit an dem Personalplan und dachte wenigstens noch einmal so viele Stunden darüber nach, während ich meinen anderen Pflichten nachging oder noch wach lag, nachdem ich mich abends zurückgezogen hatte. Wann immer ich glaubte, einen guten Einfall gehabt zu haben, überprüfte ich ihn auf Fehler und beleuchtete ihn kritisch von allen Seiten. Schließlich brachte ich einen Plan zustande, der, wenn auch vielleicht nicht ganz das, was Mr. Farraday verlangt hatte, doch, den sicheren Eindruck hatte ich, der menschenmöglich beste war. Fast alle wichtigen Teile des Hauses konnten in Funktion bleiben: Die ausgedehnten Dienstbotenunterkünfte - einschließlich des hinteren Flurs, der zwei Vorratsräume und der alten Waschküche - und der Gästeflur oben im zweiten Stock würden außer Betrieb genommen werden, während alle Haupträume im Erdgeschoß und eine großzügige Anzahl von Gästezimmern geöffnet blieben. Freilich würden wir vier dieses Programm nur mit Unterstützung tageweiser Aushilfen bewältigen; mein Personalplan sah daher die Hinzuziehung eines Gärtners vor, der einmal in der Woche kam, im Sommer zweimal, und zweier Reinemachefrauen, die sich beide zweimal die Woche einzufinden hatten. Der Personalplan würde außerdem für uns vier Festangestellte eine radikale Umstellung in den gewohnten Pflichten bringen. Die beiden Mädchen würden sich aller Voraussicht nach ohne große Mühe den veränderten Umständen anpassen, aber ich tat alles, um sicherzustellen, daß Mrs. Clements möglichst wenig von den Umstellungen betroffen war, und ging dabei so weit, selbst eine Anzahl von Pflichten zu übernehmen, die schwerlich zum eigentlichen Aufgabenbereich eines Butlers gehören.

Selbst jetzt würde ich nicht so weit gehen, von einem schlechten Personalplan zu sprechen, denn schließlich setzt er einen Stab von vier Personen in den Stand, ein erstaunlich weites Feld abzudecken. Aber zweifellos wird mir jeder bestätigen, daß die allerbesten Personalpläne diejenigen sind, die einen gewissen Spielraum enthalten für solche Tage, an denen ein Bediensteter erkrankt oder aus dem einen oder anderen Grund nicht ganz auf der Höhe ist. Was diesen speziellen Fall betraf, war mir natürlich eine außergewöhnliche Aufgabe gestellt, aber ich hatte es dennoch nicht versäumt, Spielräume vorzusehen, wo immer dies möglich war. Ich war mir insbesondere bewußt, daß ein eventueller Widerstand seitens Mrs. Clements' oder der zwei Mädchen gegen die Übernahme von Aufgaben außerhalb ihres bisherigen Pflichtenkreises sich noch verstärken würde, sollten sie den Eindruck haben, daß ihr Arbeitspensum merklich zugenommen hatte. Ich hatte deshalb während der Tage, in denen ich um die Erstellung des Personalplans rang, ein beträchtliches Maß an Überlegung darauf verwandt, sicherzustellen, daß Mrs. Clements und die Mädchen, wenn sie erst ihre Abneigung gegen die Übernahme dieser "eklektischeren" Rollen überwunden hatten, die neue Aufteilung der Pflichten stimulierend und keineswegs belastend finden würden.

Ich fürchte jedoch, daß ich in dem Bemühen, mich der Unterstützung Mrs. Clements' und der Mädchen zu versichern, vielleicht mit nicht ganz der gleichen Strenge meine eigenen Grenzen eingeschätzt habe, und obwohl meine Erfahrung und übliche Vorsicht verhinderten, daß ich mir an Arbeit mehr zuteilte, als ich tatsächlich bewältigen konnte, habe ich vielleicht in meinem Fall nicht an den erforderlichen Spielraum gedacht. Es kann deshalb nicht überraschen, daß diese Unterlassung sich - wenn auch über mehrere Monate hinweg - in solchen kleinen, aber aufschlußreichen Fehlern und Versehen manifestiert. Ich glaube, daß sich die Angelegenheit letztlich auf einen einfachen Nenner bringen läßt: Ich hatte mir selbst zuviel zugemutet.

Man mag sich darüber wundern, daß ein solch offenkundiger Mangel eines Personalplans so lange meiner Aufmerksamkeit hatte entgehen können, doch man wird zugeben müssen, daß dergleichen häufig geschieht bei Angelegenheiten, die man über einen längeren Zeitraum hinweg ständig bedacht hat; man erkennt den wahren Tatbestand erst, wenn man durch ein äußeres Ereignis zufällig darauf gestoßen wird. So war es auch in diesem Fall: Das Eintreffen des Briefes von Miss Kenton nämlich, in dem sich trotz langer, eher nichtssagender Passagen eine unverkennbare Sehnsucht nach Darlington Hall ausdrückte und - dessen bin ich ganz sicher - aus dem andeutungsweise das Verlangen sprach, hierher zurückzukehren, zwang mich dazu, meinen Personalplan mit neuen Augen zu sehen. Erst da ging mir auf, daß es in der Tat einen wichtigen Aufgabenbereich für ein weiteres Mitglied der Dienerschaft gab, ja, daß diese nicht besetzte Position mit meinen jüngsten Schwierigkeiten in unmittelbarem Zusammenhang stand. Und je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, daß Miss Kenton mit ihrer großen Liebe zu diesem Haus und ihrer beispielhaften fachlichen Qualifikation - von der Art, wie man sie heute kaum noch findet - genau der Faktor war, der mich in die Lage versetzen würde, einen befriedigenden Personalplan für Darlington Hall zu erstellen.

Nachdem ich die Situation in dieser Weise analysiert hatte, dauerte es nicht lange, bis ich wieder über den freundlichen Vorschlag nachdachte, den mir Mr. Farraday einige Tage zuvor gemacht hatte. Denn mir war bewußt geworden, daß sich die in Aussicht genommene Reise mit dem Auto auf praktische Weise mit dienstlichen Angelegenheiten verknüpfen ließ, insofern ich auf meiner Fahrt Miss Kenton besuchen und so persönlich in Erfahrung bringen konnte, ob sie wirklich den Wunsch hatte, wieder in Darlington Hall tätig zu sein. Ich sollte hervorheben, daß ich Miss Kentons letzten Brief mehrmals gelesen habe, und es ist ganz unmöglich, daß ich mir das Vorhandensein solcher Andeutungen ihrerseits nur einbilde.Dennoch konnte ich es einige Tage lang nicht über mich bringen, Mr. Farraday gegenüber auf die Angelegenheit zurückzukommen. Es gab verschiedene Aspekte, über die ich glaubte, mir Klarheit verschaffen zu müssen, ehe ich weitere Schritte unternahm. Da war zum Beispiel die Frage der Kosten. Denn selbst unter Berücksichtigung des freundlichen Angebots meines Dienstherrn, für das Benzin "aufzukommen", mochten die Kosten einer solchen Reise noch immer eine erstaunliche Höhe erreichen, wenn man solche Dinge wie Unterkunft und Mahlzeiten sowie etwaige kleine Erfrischungen in Betracht zog, die ich unterwegs zu mir nehmen würde. Dann war da die Frage des angemessenen Anzugs für eine solche Reise und ob es sich lohnte, Geld in eine neue Garnitur Kleider zu investieren.

Kundenbewertungen zu "Was vom Tage übrigblieb" von "Kazuo Ishiguro"

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Bewertung von buchwürmchen aus reutlingen am 21.07.2011 ***** ausgezeichnet
Dieser Roman lässt uns an sechs Tagen im Leben des Butlers Stevens, der seit 30 Jahren nur für sein Herrn Lord Darlington lebt, teilhaben. Nach dessen Tod erwirbt ein Amerikaner den Landsitz Darlington Hall einschließlich des treuen Butlers. Die eher unkonventionelle Art des neuen Dienstherrn verwirrt Stevens und gibt ihm erstmals Anlass, sein bisheriges Dasein zu überdenken. Eine Reise beginnt!
Ishiguro ist was wunderbares gelungen: die Figur des Stevens trägt alle Merkmale in sich, die ihn zum Klischee des englischen Butlers machen könnten, zur Karikatur seiner selbst, angefangen vom steifen Äußeren bis zum kleinsten Gedanken, der sich immer um die Wirkung auf andere dreht, aber nie um eigene Wünsche und Bedürfnisse. Sogar Antworten, die der Butler seinem Dienstherrn gibt, sind Floskeln ohne persönliche Meinung. Hinzu kommt die Hauswirtschafterin Miss Kenton, mit der Stevens so etwas wie eine Beziehung eingeht, auch wenn diese nur aus gemeinsamen Kakao-Abenden besteht. Diese zwei grundunterschiedlichen Charaktere werden in das Geschehen eingeflochten, etwas wie ein Reisetagebuch entsteht. Herrlich!

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