`Mein verwundetes Herz` - Doerry, Martin

Martin Doerry 

`Mein verwundetes Herz`

Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944

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`Mein verwundetes Herz`

In einzigartiger Vollständigkeit sind über 500 Briefe erhalten, die das dramatische Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie erzählen. Die Familie Jahn zerbricht äußerlich an den Wirren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, innerlich halten die fünf Kinder und ihre Mutter Lilli um so fester zusammen, bis Lilli Jahn in Auschwitz stirbt. Der Briefwechsel zwischen der Mutter und den Kindern ist ein einmaliges Zeugnis der Menschlichkeit.



Man muß "Biographien lesen, und zwar nicht die Biographien von Staatsmännern, sondern die viel zu raren Biographien der unbekannten Privatleute". (Sebastian Haffner, "Geschichte eines Deutschen")
Das Leben der Ärztin Lilli Jahn ist beispielhaft für die deutsch-jüdische Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Dem jüdischen bildungsbürgerlichen Milieu in Köln entstammend, entschließt sich Lilli Schlüchterer, gegen Widerstände den protestantischen Arzt Ernst Jahn zu heiraten. Die große Familie mit fünf Kindern lebt in Frieden in Immenhausen bei Kassel, bis die politischen Auswirkungen der nationalsozialistischen Politik auch das Leben der Jahns grundlegend verändern.
Der Riß zwischen Deutschen und Juden geht mitten durch die Familie, Ernst Jahn läßt sich von Lilli scheiden und liefert sie schutzlos der nationalsozialistischen Verfolgung aus. 1943 wird Lilli Jahn in ein Arbeitserziehungslager gebracht und beginnt eine lange, intensive Korrespondenz mit ihren nun auf sich selbst gestellten Kindern.
Die Überlieferung der Briefe grenzt an ein Wunder: Es gelang Lilli Jahn, sie vor der Deportation nach Auschwitz einer Aufseherin anzuvertrauen, die sie dann den Kindern übergab. 1998, als der Sohn von Lilli, Gerhard Jahn, Bundesjustizminister im Kabinett Willy Brandts, starb, fand die Familie den kompletten Briefwechsel in seinem Nachlaß. Der Enkel Martin Doerry hat eine Auswahl getroffen und die Briefe mit zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen zu einem großen Lebensporträt zusammengestellt.


Produktinformation

  • Verlag: DVA
  • 2002
  • 7. Auflage
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 351 S., Fotos, Faks. u. Dok. auf 32 Taf.
  • Seitenzahl: 384
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 146mm x 32mm
  • Gewicht: 656g
  • ISBN-13: 9783421056344
  • ISBN-10: 342105634X
  • Best.Nr.: 10646744
Man muß "Biographien lesen, und zwar nicht die Biographien von Staatsmännern, sondern die viel zu raren Biographien der unbekannten Privatleute" . Sebastian Haffner, "Geschichte eines Deutschen"

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 10.08.2002

Kaum dreißig Kilometer entfernt und doch unerreichbar
Vergleichbar dem Tagebuch der Anne Frank: Die Briefe der Lilli Jahn und ihrer Kinder sind bewegende Dokumente des Wartens und des Hoffens

Ein schweres Erbe hat der sozialdemokratische Politiker Gerhard Jahn, unter Willy Brandt Bundesjustizminister, seinen Schwestern hinterlassen, als er vor vier Jahren starb: ein Konvolut von 250 Briefen, die die Jahn-Geschwister als Kinder in den Jahren 1943 und 1944 an ihre inhaftierte jüdische Mutter geschrieben haben. Niemand hatte gewußt, daß diese Briefe noch existierten, und niemand weiß, warum Gerhard Jahn sie lebenslang bei sich behalten, man könnte auch sagen: seinen Geschwistern vorenthalten hat. Diese plötzlich wiederentdeckten Briefe setzten nun bei den vier Schwestern einen Erinnerungs- und Aufarbeitungsprozeß in Gang, der in seiner Schmerzlichkeit und Wucht wohl unvorstellbar ist. Denn ihre Mutter Lilli Jahn wurde in Auschwitz ermordet.

Der Fund zog weitere Nachforschungen nach sich; nach und nach fand die Familie bei sich und anderen weitere dreihundert Briefe, darunter unzählige von Lilli Jahn selbst, die ihr Leben lang eine …

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Dokumente des Unfassbaren<br /> "Ich habe noch nie von einem Buch gesagt, es gehöre in die Schule, hier muss ich das sagen", schreibt Martin Walser in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> über <em>Mein verwundetes Herz</em>, und man möchte sich ihm sofort anschließen. Denn in ihrer Bedeutung als ergreifendes Zeugnis über den Holocaust sind die über 500 Briefe der Jüdin Lilly Jahn und ihrer Kinder nur noch mit dem Tagebuch der Anne Frank und den Aufzeichnungen Victor Klemperers zu vergleichen.<br /> Eine exemplarische Biografie<br /> Lilly Jahns Schicksal entscheidet sich 1942, als sich ihr nicht-jüdischer Ehemann scheiden lässt. Ein Jahr später wird sie deportiert und stirbt 1944 in Auschwitz-Birkenau. Dieser Band versammelt unzählige Briefe, die Lilly Jahn ihren Kindern aus den Lagern schrieb. Sie sind voller Zärtlichkeit und Liebe, nur leise klingt der Unterton der Angst, des Hoffens und des Wartens an. Die Kinder haben geantwortet und schrieben von ihren Ängsten und Nöten, ihren Schwierigkeiten als "Mischlinge", vor allem jedoch schickten sie ihrer Mutter Aufmunterung und bemühten sich um Normalität. Die Briefe der Heranwachsenden, die ihre Mutter vermissten und dennoch jede Klage vermieden, gehen dem heutigen Leser ebenso zu Herzen, wie der Mut Lilly Jahns, die bis zum Ende die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Martin Doerry, ein Enkel Lilly Jahns, hat die Briefe ediert, und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er sich mit Kommentierungen und Wertungen vollkommen zurückhält, denn diese Briefe sprechen für sich. Was sie sagen, bedarf keiner Erläuterung.<br /> (Eva Hepper, literaturtest.de)<br/><br/>"Ein sehr persönliches, tief bewegendes Buch." (Brigitte)<br /> "Vergleichbar dem Tagebuch der Anne Frank. Eine wahre Entdeckung, ein großes, ergreifendes Dokument über eine private Katastrophe inmitten der politischen." (FAZ)<br /> "Mit den Briefen der Lilli Jahn und ihrer Kinder ist ein Zeugnis aufgetaucht, das uns ergreift wie kaum ein anderes. Man muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass es in der Literatur über den Holocaust künftig einen bedeutenden Platz einnehmen wird." (Die Zeit)<br /> "Doerrys einzigartiges und zutiefst erschütterndes Buch besteht zum größten Teil aus auf wundersame Weise erhaltenen Briefen. Es ist die Spontaneität, mit der die scheinbare "Normalität" des Lebens der Kinder einer deutsch-jüdischen Familie während der letzten Kriegsjahre dargestellt wird, die den Leser zum verzweifelten Weinen bringt." (Die Welt)<br/><br/>

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Ich habe noch nie von einem Buch gesagt, es gehöre in die Schule, hier muss ich das sagen", schreibt Martin Walser in seiner, Redaktionsangaben zufolge vor der Debatte um sein Buch "Tod eines Kritikers" entstandenen Rezension zu diesem Band mit etwa 250 Briefen zwischen vier heranwachsenden Kindern und ihrer als Jüdin deportierten Mutter, die in den vierziger Jahren geschrieben wurden. "Das ist Geschichtsschreibung", heißt es weiter." Wenn ich das lese, kommt mir der Unterschied, den der Jargon macht zwischen Quelle und Schreibung, irreführend vor." Ausführlich geht Walser auf das Schicksal der 1900 geborenen deutsch-jüdischen Ärztin ein, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. In keiner Zeile dieser Briefe, die für ihn "zum Dokument unserer Schande" werden, sieht Walser auch nur die geringste stilistische oder literarische Ambition. Das macht für ihn die große Glaubwürdigkeit dieser Texte aus, die er mit Victor Klemperers Tagebüchern und Rudolph Borchardts Briefen aus dem italienischen Exil auf einer Stufe stehen sieht. Diese Kinder und ihre Mutter sind für ihn dennoch "ganz unwillkürlich vehemente Stilisten. Sie sind mitten im Grauen immer zart und immer zärtlich". So kommen für den rezensierenden Romancier "Sprachdenkmäler der Menschlichkeit" zustande.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 08.08.2002

Ums Leben schreiben
Die Briefe der Lilli Jahn und ihrer Kinder: Zeugnisse der vollkommenen Zuständigkeit für die deutsche Geschichte / Von Martin Walser
Alles, was in diesem Buch geschieht, ist wirklich geschehen. Und doch wird wahrscheinlich mancher Leser beim Lesen dieses Buches unwillkürlich an etwas Romanhaftes oder Filmhaftes denken. Nicht was die erfahrungsverbürgende Gegenständlichkeit, die Situationsgenauigkeit angeht, aber wie das Ganze gefügt ist. Die Konstellation der Figuren, der Verlauf –, das ist so krass demonstrativ, so schreiend grell, dass es mir immer wieder um meiner selbst willen lieber gewesen wäre, das wäre erfunden gewesen; von einem Autor oder Regisseur erfunden, um auszudrücken, wie entsetzlich es unter der Naziherrschaft zugehen konnte.
Also erfunden aus den anerkennenswerten Motiven. Es wäre letzten Endes tröstlich, wenn man sich beim Lesen auf so einen Kunstvorbehalt zurückziehen könnte. Andererseits würde ich, wenn ich das als Roman läse, protestieren. Es sei denn, der Autor könnte in allem, was er erzählt, seinen persönlichen Anteil, Erfahrungsanteil, nachweisen. Dass sich einer nur diesen schlimmstmöglichen …

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»Vergleichbar dem Tagebuch der Anne Frank. Eine wahre Entdeckung, ein großes, ergreifendes Dokument über eine private Katastrophe inmitten der politischen.« Eva Menasse

"Mit den Briefen der Lilli Jahn und ihrer Kinder ist ein Zeugnis aufgetaucht, das uns ergreift wie kaum ein anderes. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es in der Literatur über den Holocaust künftig einen bedeutenden Platz einnehmen wird." Volker Ullrich Die Zeit
Martin Doerry, geboren 1955, ein Enkel Lilli Jahns, studierte Germanistik und Geschichte in Tübingen und Zürich und promovierte in Neuerer Geschichte. Seit 1987 arbeitet er für den Spiegel, seit 1998 ist er stellvertretender Chefredakteur.

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