Leseprobe zu "Heinrich Himmler" von Peter Longerich
Am Nachmittag des 23. Mai 1945, also etwas mehr als zwei Wochen nach der deutschen Kapitulation, wurde eine Gruppe von etwa zwanzig verdächtigen Personen, deutsche Zivilisten und Soldaten, die man zwei Tage zuvor aufgegriffen hatte, in das 31. Civilian Interrogation Camp der britischen Streitkräfte in der Nähe von Lüneburg gebracht.
Captain Selvester, der diensthabende Offizier, übernahm die routinemäßige Überprüfung der Gefangenen: Die Männer wurden einzeln in sein Büro geführt, wo er ihre Personalien feststellte und sie befragte. Er war mit dieser Arbeit schon eine ganze Weile beschäftigt, als ihm durch die Wachposten gemeldet wurde, es gebe Ärger mit drei der vor seinem Büro wartenden Gefangenen, die verlangten, sofort vorgeführt zu werden. Dies war höchst ungewöhnlich; Selvester wusste aus Erfahrung, dass die meisten Gefangenen alles daransetzten, nach Möglichkeit nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Neugierig geworden, befahl Selvester, die drei Gefangenen hereinzulassen. In sein Büro trat daraufhin ein relativ kleiner, krank wirkender und in seiner Zivilkleidung schäbig aussehender Mann, hinter dem zwei größere, ausgesprochen soldatische, halb in Uniform, halb in Zivil steckende Begleiter in den Raum drängten. Die drei wurden von den Briten verdächtigt, Angehörige der Geheimen Feldpolizei zu sein. Selvester schickte die beiden größeren Männer wieder hinaus, um sich den kleineren näher anzusehen, der offensichtlich der Anführer war. Der entfernte eine schwarze Klappe von seinem rechten Auge, setzte eine Hornbrille auf und stellte sich mit ruhiger Stimme als derjenige vor, als der er nun nach seinem Äußeren zweifelsfrei zu identifizieren war: Heinrich Himmler, ehemaliger Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Befehlshaber des Ersatzheeres der Deutschen Wehrmacht, Innenminister des Deutschen Reiches.
Selvester ließ unverzüglich den leitenden Vernehmungsoffizier, Captain Smith, rufen, und beide forderten Himmler auf, eine Unterschriftenprobe abzugeben - um ganz sicher zu gehen. Himmler, der offenbar befürchtete, man wolle ein Souvenir von ihm ergattern, weigerte sich zunächst, willigte aber schließlich unter der Bedingung ein, dass das Papier zerrissen werde, sobald man seine Unterschrift mit einer Kopie, über die man im Camp verfügte, verglichen habe.
Nachdem dies geschehen war, ging Selvester daran, den Gefangenen eigenhändig zu durchsuchen. Zunächst fand er Dokumente auf den Namen Heinrich Hitzinger, Feldwebel der Wehrmacht. Sodann stieß er in Himmlers Jacke auf eine kleine Dose mit einem Glasröhrchen, das eine farblose Flüssigkeit enthielt. Selvester, der erkannte, dass es sich um eine Selbstmordkapsel handelte, fragte Himmler möglichst arglos nach dem Inhalt des Röhrchens und bekam zur Antwort, dies sei Medizin gegen Magenkrämpfe. Als sich in Himmlers Kleidung eine zweite, identische, aber leere Dose fand, musste Selvester zu der Schlussfolgerung kommen, dass sein Gefangener an oder in seinem Körper ein weiteres Glasröhrchen verborgen hielt.
Also unterzog man Himmler einer peinlich genauen Untersuchung einschließlich aller Körperöffnungen; dabei ließ man allerdings wohlweislich das wahrscheinlichste und gefährlichste Versteck, die Mundhöhle, aus. Stattdessen orderte Selvester zunächst einmal Käse-Sandwiches und Tee. Beides nahm Himmler gern an, ohne jedoch einen verdächtigen Gegenstand aus seinem Mund zu entfernen. Er weigerte sich allerdings, die ihm als Ersatz für seine konfiszierte Kleidung angebotenen britischen Uniformstücke anzuziehen - er befürchtete wohl, man wolle ihn fotografieren und die Bilder für Propagandazwecke benutzen. So saß er nun in Unterwäsche, mit einer Decke behängt, den britischen Offizieren gegenüber. Seine beiden Begleiter stellten sich als der Adjutant des Reichsführers-SS Obersturmbannführer Werner Grothmann und als ein weiterer Angehöriger seines Stabes, Sturmbannführer Heinz Macher, heraus.
Gegen Abend traf ein höherer Geheimdienstoffizier ein und begann Himmler zu vernehmen. Währenddessen stellten die Briten Überlegungen an, wie sie die in Himmlers Mund vermutete Kapsel unbeschädigt an sich bringen konnten. Man befragte Militärärzte, ob es nicht möglich sei, Himmler mit Hilfe einer Droge bewusstlos zu machen, verwarf diese Variante indes als zu riskant.
Gegen Mitternacht wurde die Vernehmung erst einmal beendet. Man brachte Himmler zum Hauptquartier der 2. Britischen Armee in Lüneburg. Während der gesamten Zeit im Camp 31 hatte Himmler sich, so fand jedenfalls Selvester, entgegenkommend verhalten, sich willig gezeigt, die Fragen der britischen Offiziere zu beantworten, und einen zeitweilig geradezu jovialen Eindruck gemacht. Anfangs kränklich wirkend, hatte er sich überdies, nachdem man ihm Gelegenheit gegeben hatte, etwas zu sich zu nehmen und sich zu waschen, sichtlich erholt.
In Lüneburg angekommen, wurde Himmler einer gründlichen medizinischen Untersuchung unterzogen. Dabei entdeckte der Arzt, Captain Wells, im nur unwillig geöffneten Mund Himmlers die blaue Spitze eines Objekts; er versuchte, den Fremdkörper zu entfernen, aber Himmler riss seinen Kopf abwehrend zur Seite, zerbiss die Giftkapsel und brach zusammen. Nach fünfzehn Minuten wurden sämtliche Versuche, den Rest des Giftes aus seinem Mund zu entfernen, eingestellt, ebenso die Bemühungen um Wiederbelebung. Eine nähere Untersuchung ergab, dass es sich bei dem Gift um Zyankali handelte.
Drei Tage nach seinem Tod wurde Himmlers Leiche bestattet. Bei der Beerdigung waren lediglich ein britischer Offizier und die drei Sergeants anwesend, die das Grab geschaufelt hatten. Eine religiöse Zeremonie fand nicht statt, die Grabstätte blieb namenlos.
Himmlers Verhalten in seinen letzten Tagen ist widersprüchlich: Er hatte sich nicht wie andere Nazi-Größen in den letzten Kriegstagen das Leben genommen, sondern sich versteckt - das allerdings so dilettantisch, dass man ihn und seine Begleiter irgendwann zwangsläufig zu fassen bekommen musste. Als er den Alliierten dann in die Hände fiel, ließ er sie noch wissen, wen sie vor sich hatten, entzog sich dann jedoch seiner Verantwortung durch Selbstmord. Dass er so handelte anstatt nach Maßgabe der von ihm stets gepredigten Tugenden eines SS-Führers - die das Einstehen für das eigene Handeln einschlossen, und mochte es noch so krude sein -, sollte seine Leute maßlos enttäuschen und dazu führen, dass selbst unter seinen ehemaligen Anhängern der posthume Ruf des Reichsführers-SS vorwiegend negativ blieb. Eine Himmler-Legende wollte in den Nachkriegsjahren nicht aufkommen.Im Mai 1945 hatte Himmler sich einfach im Strom der Millionen Flüchtlinge und Soldaten treiben lassen. Sein Ende erscheint genauso rätselhaft wie seine Karriere im Dienste des Nationalsozialismus: Wie konnte eine so farblose Persönlichkeit eine historisch so einmalige Machtfülle erreichen, wie konnte ein Sohn einer gutsituierten bayerisch-katholischen Beamtenfamilie zum Organisator eines ganz Europa umspannenden Systems von Massenmorden werden?
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