Leseprobe zu "Alfred Rosenberg" von Ernst Piper
Wer sich mit der Person Alfred Rosenbergs beschäftigt, stößt auf eigentümlich kontrastierende Urteile. In der zeitgenössischen Literatur galt er als ideologischer Kopf der nationalsozialistischen Bewegung, als Programmatiker, als Chefdenker. So hieß es zum Beispiel in dem 1934 im Pariser Exil erschienenen Buch "Naziführer sehen Dich an": "Hitler befiehlt, was Rosenberg will."1 Hitler galt als das Medium, mit dessen Hilfe Rosenberg die Bewegung dirigierte. Ähnliche Urteile kann man bei so unterschiedlichen Autoren wie Konrad Heiden und Otto Strasser und noch vielen anderen finden. Ein ganz anders geartetes Bild Alfred Rosenbergs zeigt sich in der Nachkriegsliteratur. Prägend hat hier, zumindest im deutschen Sprachraum, Joachim Fest gewirkt, der Rosenberg in seinem frühen Werk "Das Gesicht des Dritten Reiches" als "vergessenen Gefolgsmann" porträtierte:
"Die Tragödie Alfred Rosenbergs war, dass er an den Nationalsozialismus wirklich geglaubt hat. Die rechthaberische Gewissheit, mit der er sich als der Schriftgelehrte einer neuen irdischen Heilsbotschaft empfand, machte ihn innerhalb der Führungsspitze der NSDAP zu einem kuriosen und vielfach belächelten Einzelgänger - zum >Philosophen< einer Bewegung, deren Philosophie am Ende nahezu immer die Macht war. Rosenberg selbst hat das freilich nie erkannt oder gar anerkannt und wurde gerade deshalb im Verlauf der Jahre, als der Machtgedanke die ideologischen Drapierungen zusehends überspielte, zum vergessenen Gefolgsmann: kaum noch ernst genommen, mutwillig übersehen und herumgestoßen, ein Requisit aus der ideologisch gestimmten Frühzeit, der Werbephase der Partei."
Fest unterschied damals zwischen "Technikern und Praktikern der totalitären Herrschaft" einerseits, das waren die mächtigen Männer wie Göring, Goebbels, Himmler und Bormann, und dem "Personal der totalitären Herrschaft" andererseits. "Personal" klingt nach Staffage. Tatsächlich bildete Fest hier eine höchst ungleichgewichtige Equipe, der so unterschiedliche Leute angehörten wie der unsägliche Papen, der überaus mächtige Speer, außerdem Ribbentrop, Heß und von Schirach sowie Typen wie "General von Icks" und "Professor NSDAP" und eben Alfred Rosenberg.
Fests Diktum hatte einen langen Nachhall. Bis heute fehlt eine umfassende Biographie Rosenbergs, obwohl andererseits dieser Umstand in der Literatur immer wieder beklagt worden ist. Den Lebensgang dieses "vergessenen Gefolgsmannes" nachzuzeichnen, erschien nicht als lohnendes Unterfangen. Und der Ideologe war in der nach den Erfahrungen des Dritten Reiches dezidiert antiideologisch gestimmten Bundesrepublik kein Thema. Die erste bedeutende Arbeit über Alfred Rosenberg war die Dissertation von Reinhard Bollmus (1968, gedruckt 1970). Sie hatte das Amt Rosenberg zum Gegenstand, ähnlich wie schon eine amerikanische Dissertation einige Jahre zuvor. Doch die Titel der beiden Arbeiten hätten unterschiedlicher nicht sein können. Bollmus' Arbeit hieß "Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem", während Rothfeder für die seine den Titel "A Study of Alfred Rosenberg's Organization for National Socialist Ideology" gewählt hatte. Der eine hob auf die Position Rosenbergs in der nationalsozialistischen Polykratie ab, auf die bekannten Fragen, inwieweit Rosenberg sich wann gegen wen in welchem Umfang durchsetzen konnte. Dem anderen ging es um die praktische Implementierung der von Rosenberg vertretenen Ideologie. Beide fragten nach der Wirkung, verwendeten dabei aber höchst unterschiedliche Parameter. Und so sollte es bleiben. Die deutschen Autoren bewegten sich in den Bahnen der Institutionengeschichte. Jacobsen (1968), Lutzhöft (1971), Gimmel (1999) und Zellhuber (2005) verdanken wir material- und aufschlussreiche Arbeiten zum Außenpolitischen Amt, der Nordischen Gesellschaft, dem Kampfbund für deutsche Kultur und dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, während über andere Arbeitsfelder, wie z.B. den Völkischen Beobachter und den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, Darstellungen von vergleichbarer Qualität immer noch fehlen. Die genannten Arbeiten leisten bedeutende Beiträge zu unserem Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus, aber wir erfahren nur wenig über das Denken jenes Mannes, der die untersuchten Institutionen geleitet hat. Dieser Frage haben sich dagegen Autoren wie Chandler (1968), Cecil (1972), Hutchinson (1977) und Whisker (1982) gewidmet, die sämtlich im angloamerikanischen Sprachraum beheimatet sind und hierzulande kaum Beachtung gefunden haben. Wenn wir einmal von dem gänzlich unbeachtlichen Beitrag von Molau (1993) absehen, der inzwischen für die NPD tätig ist, haben sich erst Bärsch und Kroll (beide 1998) mit Rosenberg unter ideengeschichtlichen Vorzeichen auseinander gesetzt.
Zu der These von der angeblichen Bedeutungslosigkeit Rosenbergs tritt noch der Umstand hinzu, dass viele Historiker in den letzten Jahrzehnten der Ereignisgeschichte mit großer Reserve gegenüberstanden. Der strukturalistische Angriff auf einen historiographischen Geschichtsbegriff untergrub vielfach das Vertrauen in die Valenz des Narrativen. Biographen hatten deshalb bis in die letzten Jahre hinein einen schweren Stand. Selbst Ian Kershaw sah sich veranlasst, seine monumentale Arbeit, deren Nützlichkeit nun wirklich über jeden Zweifel erhaben ist, mit dem Hinweis zu rechtfertigen, er habe eine nicht auf Hitler zentrierte Biographie Hitlers geschrieben, der in gewisser Weise ein Mann ohne Eigenschaften gewesen sei. Sein Wirken erkläre sich durch die Reaktionen und Projektionen der Gesellschaft auf ihn. Die Gesellschaft habe Hitlers Erfolg entgegengearbeitet. Wenn wir einmal von der Frage absehen, warum unter all den vielen völkischen Agitatoren gerade Adolf Hitler derjenige war, den Millionen Deutsche zum Objekt ihrer Reaktionen und Projektionen machten, warum sie nicht einem anderen Agitator entgegengearbeitet haben, so ist doch jedenfalls bei ihm ein solcher Zugriff möglich. Man denke nur an den Marsch zur Feldherrnhalle, die durch den gescheiterten Putschversuch sprunghaft gesteigerte Popularität der Nationalsozialisten und Hitlers rhetorische Glanznummern beim anschließenden Prozess.
Wollte man ähnlich Alfred Rosenberg in den Blick nehmen, käme man nicht sehr weit. Er ging am 9. November 1923 nur einen Meter hinter Hitler, doch niemand nahm es zur Kenntnis; er gehörte auch nicht zu den Angeklagten im folgenden Prozess. Zu beschreiben, wie die deutsche Gesellschaft auf sein Auftreten reagierte, wäre nicht möglich, denn Rosenberg trat nicht auf. Er wurde in der "Kampfzeit" außerhalb von Parteitagen kaum je als Redner eingesetzt und suchte auch nicht, wie Hitler, in Salons den Kontakt zum Münchner Bürgertum. Seine Tribüne war der Schreibtisch. Er schrieb mehr als alle anderen Naziführer zusammen genommen, verfasste Parteitagsführer, kommentierte das Programm und war Chefredakteur oder Herausgeber fast aller wichtigen Periodika, vom Völkischen Beobachter über den Weltkampf bis zu den Nationalsozialistischen Monatsheften. Wenn er als "der bedeutendste Publizist der antijüdischen Bewegung"6 bezeichnet wurde, empfand er das zweifellos als Anerkennung seiner Leistung. Hitler wäre empört gewesen, hätte man ihn so charakterisiert.
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