Leseprobe zu "Rekonstruktion und Erschließung..."
Die Handschriftenbeschreibung im Dienste der Bibliotheksgeschichte (S. 105)
In diesem Kapitel stehen Schicksal, Benutzung und Wirkung von mittelalterlichen Handschriften im Mittelpunkt, nachdem sie die Schreiberwerkstatt verlassen haben. Zwei Quellen sind es, die uns zur Verfügung stehen: die alten Bibliothekskataloge und die erhaltenen Bücher. Wie bekannt, sind mittelalterliche und frühneuzeitliche Kataloge und Inventare recht unterschiedlich geartet, zudem sehr ungleichmäßig erhalten und schwer zu deuten. Auch die Editionen dieser wichtigen Nachschlagewerke präsentieren sich uneinheitlich. Es gibt nur wenige Länder, die zusammenhängende Reihen begründet haben, in denen sie erscheinen konnten. Es sind dies: Deutschland, die Schweiz, Österreich, England und Belgien.
Was die erhaltenen Handschriften, die uns an dieser Stelle besonders interessieren, angeht, so lassen sich für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verschiedene nationale Repertorien nachweisen. So ist Neil Kers Publikation Medieval Libraries of Great Britain, in erster Auflage 1941 erschienen, alphabetisch nach den Ortsnamen der besitzenden Bibliotheken geordnet. Sie enthält für jede wichtige mittelalterliche Bibliothek eine kurze Einführung, der eine Auflistung der erhaltenen Handschriften nach den heutigen Aufbewahrungsorten folgt. Ansonsten ist Kers Werk mit äußerst knapp gehaltenen Inhaltsangaben und Datierungshinweisen ausgestattet. Es gibt Kriterien an die Hand, auf welchen Merkmalen die Festlegung der Provenienz einer Handschrift beruht (Besitzvermerk, Schenkungseintrag, Liturgie, Einband etc.). Auch Inkunabeln sind aufgenommen. Am Ende des Buches erscheint ein Verzeichnis der Schenker, Kopisten und sonstigen an der Herstellung der Werke beteiligten Personen. Als Sigrid Krämer ihr Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters in Angriff nahm, sah sie sich mit einer ungleich größeren Zahl von Handschriften konfrontiert als ihr englisches Vorbild. Aus diesem Grunde umfasst ihre Arbeit zwei stattliche Bände mit einem Registerband. Außerdem musste die Autorin sich bisweilen mit einer Art ‚Kurzverfahren‘ begnügen, etwa wenn ein kompletter Fonds mittelalterlicher Handschriften mit derselben Provenienz in einer modernen Bibliothek aufbewahrt wird. Diese Entscheidung war zweifellos unvermeidlich, doch ist sie für die Nutzung des Werkes von Nachteil. Auch hat Krämer im Gegensatz zu Ker auf Informationen darüber verzichtet, auf welchen Kriterien die Bestimmung der Provenienzen basiert. Im Übrigen verfolgt sie denselben Ablauf wie Ker: sehr knappe Beschreibung des Inhalts, Angaben zur Datierung, dem oder den Kopisten und den eventuellen Vorbesitzern.
Weder Italien noch Spanien – Länder mit riesigen Beständen mittelalterlicher Handschriften – haben vergleichbare Unternehmen angestoßen. In Frankreich, wo ähnlich schwierige Bedingungen herrschen, ist es wenigstens zu Teilunternehmungen gekommen. In Belgien hatten bereits 1972 Emile van Balberghe und Guy Zélis das Vorbild Großbritanniens nachgeahmt und in der Zeitschrift Scriptorium eine gleichartige Reihe von Beschreibungen gestartet. Sie stand unter dem Titel Medieval Libraries of Belgium. Nach einem einführenden Aufsatz und zwei Lieferungen wurde die Reihe aber leider wieder eingestellt. In den erschienenen Teilen verfolgten die Bearbeiter den guten Gedanken, eine erweiterte Kodifizierung der von Ker gebrauchten Provenienzkriterien einzuführen, wobei sie einen Unterschied machten zwischen mittelalterlichen und neuzeitlichen Provenienzvermerken. Vor nicht allzu langer Zeit wurde dieses Projekt im Rahmen des Corpus Catalogorum Belgii wieder aufgenommen. , Es ist beabsichtigt, den ursprünglichen Plan von Balberghe und Zélis mit Band 7 der Reihe wieder aufzunehmen, wenn auch in Buchform und ausgestattet mit einigen Neuerungen. Dieser Band steht unter dem Titel The Surviving Manuscripts and Incunables from Medieval Belgian Libraries. Er berücksichtigt nunmehr nicht nur Handschriften, sondern auch Inkunabeln. Außerdem sind die Beschreibungen der einzelnen Titel ausführlicher gestaltet.
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