Das erste deutschsprachige Fachbuch zum Thema «Psychotherapie von
Folterund Kriegsopfern».Die komplexe Patientengruppe der Folter-
und Kriegsopfer kann oftmals in den vorhandenen Betreuungs- und
Behandlungsangeboten nicht angemessen versorgt werden, da neben den
meist vielschichtigen Krankheits- und Beschwerdebildern auch
sprachliche und kulturelle Kommunikationshindernisse die Fachleute
nicht selten vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellen. Obwohl
inzwischen sehr viel zur Psychotraumatologie und zur komplexen und
sequenziellen Traumatisierung veröffentlicht wurde, finden
interessierte Fachpersonen bisher nur wenig spezifische Literatur
über die Behandlung traumatisierter Migranten. Das vorliegende Buch
schließt diese Lücke.Aus dem Inhalt:Nach einem knappen historischen
Überblick über die Entwicklung der Psychotherapie von Folter- und
Kriegsopfern wird ausführlich die komplexe Psychopathologie dieser
Patienten dargestellt und in ihren Zusammenhängen erläutert.
Anschließend wird die eigentliche Psychotherapie auf dem
Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes beschrieben und mit
zahlreichen Fallbeispielen anschaulich illustriert. Neben
allgemeinen Behandlungsempfehlungen wird besonders auf
verhaltenstherapeutische Verfahren, Körper- und Physiotherapie,
Sozialpsychiatrie, Schmerztherapie sowie hausärztliche
Vorgehensweisen eingegangen. Zur Vervollständigung werden Themen
wie Dolmetschen, transkulturelle Aspekte der Psychotherapie,
Begutachtung und stellvertretende Traumatisierung behandelt.
Thomas Maier; Dr., Zürich Ulrich Schnyder; Prof.Dr., Zürich
Leseprobe zu "Psychotherapie mit Folter- und Kriegsopfern"
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Leseprobe zu "Psychotherapie mit Folter- und Kriegsopfern"
3 Psychopathologie bei Folter- und Kriegsopfern (S. 39-40)
Thomas Maier & Ulrich Schnyder
Um zu verstehen, welche Symptome und Beschwerden bei Opfern extremer Gewalt auftreten, müsste man sich ein Bild machen können von dem, was diese Menschen erlebt haben. Das ist allerdings sehr schwierig, ja im Grunde unmöglich, da nur Betroffene selbst wirklich wissen, was extreme Gewalt, Folter und Krieg bedeuten. Die traumatischen Erfahrungen liegen oftmals derart außerhalb des normalen menschlichen Erlebens, dass es vielen Betroffenen unmöglich erscheint, diese mitzuteilen. In der Tat lässt diese Unmöglichkeit der Kommunikation viele Opfer zögern, mit anderen Menschen über das Erlebte zu sprechen.
Viele Opfer von Folter und Krieg fühlen sich durch ihre Erfahrungen aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und dazu verurteilt, mit ihren Erinnerungen allein zu bleiben. Der portugiesische Journalist und Schriftsteller Pedro Rosa Mendes, der viele Kriegsgebiete der Welt bereiste, schreibt: «Zuerst in Rwanda und in Afghanistan, vor allem aber in Angola war ich beruflich und menschlich mit der Schwierigkeit konfrontiert, ein die Gesellschaft als Ganzes betreffendes Trauma in Worte fassen zu sollen. Ein Trauma, das jeden Einzelnen zu einem Inseldasein verdammt, aus dem es keine Rettung gibt. Denn darum geht es: Um ein Archipel aus vielen und abervielen Menschen, die eingeschlossen sind in einem Moment, der irgendwo hinter ihnen liegt und doch stets gegenwärtig bleibt, der Augenblick, in dem der Bruch geschah und die Angst sich einrichtete. Nichts bereitet uns darauf vor, in der Leere über die Leere zu schreiben, denn die Vervielfachung der Brüche hat ein albtraumhaftes Ausmaß erreicht und ist mit herkömmlichen Methoden nicht zu erfassen.» (RosaMendes, 2006).
Die Hemmung oder gar Unmöglichkeit, über sich selbst und über die gemachten Erfahrungen zu sprechen, beeinträchtigt nicht nur die Therapie (vgl. Kap. 4), sondern erschwert auch den diagnostischen Prozess. Als Behandelnde können wir den prinzipiellen Graben zwischen unserem Erlebnishorizont und dem der Patienten weder leugnen noch aus der Welt schaffen. Es gilt, dennoch zu versuchen, ein Gespräch über das Unsagbare (Birck et al., 2002) in Gang zu bringen, um eine Vorstellung zu erhalten von der Person des Patienten, seinen Erfahrungen, Beschwerden, Ressourcen und Erwartungen.
Die Erfahrungen von Folter- und Kriegsopfern unterscheiden sich in zwei wesentlichen Punkten von «normalen» Traumata, wie wir sie üblicherweise in Psychiatrie und Psychotherapie antreffen: In der Qualität, d. h. in der Intensität, Schwere und Brutalität, sowie in der Quantität, d. h. in der Wiederholung, der Häufung und der langen Dauer der Bedrohung. Diese beiden Faktoren sind entscheidend für das Entstehen posttraumatischer Beschwerden und weiterer anhaltender Symptome. Bei Kriegserlebnissen und bei Folter geht es um eine elementare Bedrohung des Lebens, der physischen und psychischen Integrität, aber auch um eine Zerstörung der materiellen, sozialen und kulturellen Lebensgrundlagen. Die Bedrohung und die reale Zerstörung von allen Sicherheiten und Fundamenten des menschlichen Lebens entzieht dem Menschen die Basis seiner Identität und hinterlässt eine Beschädigung, die auch nach Wiederherstellung der äußeren Sicherheit nicht rückgängig zu machen ist. Das viel zitierte Diktum von Jean Améry Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt (Améry, 2000, S. 73) bezeichnet diese unumkehrbare Desillusionierung über die Welt und die Menschen. Die Folgen gezielter gegen den Mitmenschen gerichteter Gewalt reichen deshalb tiefer, als mit psychopathologischen Begriffen zu erfassen ist.
Wichtige Elemente der Persönlichkeit wie die Fähigkeit zu Vertrauen, Glaube, Empathie, Mitleid, Gelassenheit werden absichtlich zerstört. Diese Entmenschlichung des Opfers ist das Ziel der Gewalt in Kriegen und der Folter. Damit sind die Opfer nicht nur subjektiv Leidende, sondern werden darüber hinaus für ihre Familien, ihre soziale Gruppe, ihr Land und ihr Volk zu einer Bürde (vgl. 6.2). Um alle diese Aspekte zu erfassen, muss der diagnostische Blick über die reine Psychopathologie hinausreichen und auch systemische, gesellschaftliche, kulturelle und historische Ebenen einbeziehen.
Ein Marktplatz-Angebot für "Psychotherapie mit Folter- und Kriegsopfern" für EUR 24,00
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