Leseprobe zu "Grundbegriffe der Personzentrierten und..."
Empathie
Theodor Lipps (1907; zit. nach Goldstein und Michaels 1985) beschreibt Einfühlung (Empathie) als eine Form der inneren Imitation, die der Wesenserfassung von Objekten dient. Rogers (1959/ 1987) erweitert Empathie um den kommunikativen Aspekt und rückt so deren intersubjektive Funktion in den Mittelpunkt. Damit gewinnt der Begriff Eingang in die Psychotherapie.
Empathie ist eine Dimension sozialen Verstehens, der eine arteigene Disposition zugrunde liegt. Sie ist eine Erfahrung, unmittelbar der Gefühlslage eines anderen teilhaftig zu werden und sie so zu verstehen. Trotz dieser Teilhabe bleibt das Gefühl aber anschaulich dem anderen zugehörig (Bischof-Köhler 1989). Der Prozess empathischen Verstehens zielt motivational prosozial auf Verbindung und ist seinem Wesen nach kommunikativ und setzt Handlungsimpulse (Binder 1994). Empathische Prozesse vollziehen sich in der Regel automatisch. Sie bleiben aber hinsichtlich Aktivierung oder Unterdrückung der willentlichen Steuerung zugänglich. Obgleich der jeweilige Erfahrungshintergrund, der das Material zum empathischen Verstehen liefert, sich aus emotional-affektiven und kognitiven Anteilen konstituiert, sind empathische Prozesse dem affektiv-emotionalen Bezugssystem und dem prosozialen Motivationsbereich zuzuordnen. Damit ist Empathie begrifflich deutlich zu unterscheiden von der kognitiven sozialen Perspektivenübernahme, die ein eher rational akzentuiertes Sich-in-die-Lage-des-anderen-Hineindenken ist. Diese ist eine instrumentelle Fähigkeit, die auf eine objektive Einordnung und Bewertung zielt (Bryant 1990).
Die Fähigkeit zur Empathie entwickelt sich in sozialen Wechselwirkungen über Vorformen wie Gefühlsansteckung und situative Perspektiveninduktion. Diese vollziehen sich über von Geburt an gegebene Tendenzen zu alterzentrischer Partizipation (Braten 1998). Erst bei gegebener Ich-Andere-Differenzierung (im Alter von 16-24 Monaten) tritt Empathie im eigentlichen Sinne auf. Bei Überforderung dominieren wieder Vorformen, die lebenslang als Bestandteil empathischer Prozesse erhalten bleiben. Erst mit der Entwicklung einer relativ stabilen eigenen Identität entwickelt sich die Fähigkeit zu empathischem Verstehen von überdauernden Merkmalen von Personen (Hoffman 1990).
Empathische Prozesse haben einen zentralen Stellenwert für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Bindungs-, Beziehungs- und Selbstsysteme und dienen der Identitätsbildung. In der ® Personzentrierten Psychotherapie ist der fortlaufende Prozess empathischen Verstehens sowohl ® Grundhaltung als auch Methode, stringent in der ® Persönlichkeitstheorie und in der Theorie der Psychotherapie (® Therapietheorie) und Persönlichkeitsveränderung verankert. Der zentrale Stellenwert von Empathie in der Personzentrierten Psychotherapie ergibt sich aus der Bedeutung von Empathie im allgemeinen Sinne für die Pathogenese/Ätiologie psychischer Störungen (® Ätiologiekonzeption).
Aus der Entwicklungspathologie belegt, ist mangelnde, inadäquate bzw. diskontinuierliche Empathie der Bezugspersonen in Wechselwirkung mit den Voraussetzungen des Kindes relevant für psychopathologische Entwicklungen (® Entwicklungstheorie).
Die von Rogers konzipierte Inkongruenztheorie (® Inkongruenz) im Hinblick auf die Entstehung und den Verlauf psychischer Störungen enthält als wesentlichen konzeptionellen Bestandteil beschädigte organismische Wertungen (® Organismus) auf der Basis defizitärer Empathieerfahrungen. Die kurative Potenz von Empathie in der Psychotherapie hat eine Entsprechung in der Bedeutung von Empathie für die Entwicklung psychischen Funktionierens.
Rogers formuliert (1959/1987, S. 37): "Empathisch zu sein bedeutet, den inneren Bezugsrahmen des anderen möglichst exakt wahrzunehmen, mit all seinen Komponenten und Bedeutungen, gerade so ?als ob? man die andere Person wäre, jedoch ohne jemals die ?Als-ob-Position? aufzugeben." In dieser Definition wird die Ich-Andere-Differenzie