Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Annett Gröschner "Walpurgistag" scheint Wolfgang Schneider etwas durchwachsen. Der Roman, der an einem einzigen Tag, dem 30. April 2002, in Berlin spielt, ist für ihn eine Art Berliner "Short Cuts". Dass sich die drei Dutzend Figuren, die sich in dem Buch tummeln, immer wieder begegnen, erinnert ihn an die Dramaturgie von Seifenopern. Den Vergleich mit Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" hält er für unpassend: in diesem sieht er einen Hymnus auf eine dynamische Metropole, in Gröschners "Walpurgistag" eher einen "Verliererblues", in dem Zukunft nicht vorkommt, dafür umso mehr DDR-Vergangenheit. Auch die Figuren überzeugen ihn als Romangestalten nicht wirklich. Nichtsdestoweniger hält er das bisweilen recht witzige Werk als "Doku-Fiktion" für "lesenswert", liefert es doch eine "dichte Beschreibung" des Berliner Alltags voll von präzisen Beobachtungen und Details.
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 | Besprechung von 29.10.2011 |
Der erste Mai ist schnell vorbei
Wenn die Weltzeituhr stehenbleibt: Annett Gröschners Berlin-Roman
„Walpurgistag“
Frau Menzinger schaut täglich runter auf den Kollwitzplatz, und
dabei gelegentlich auf ein Angeberkabriolett, das dem des
Vermieters, der sie aus ihrer nahen Wohnung vertrieben hat,
verblüffend ähnelt. Zusammen mit Frau Köhnke, die im selben
Altersheim sitzt, tauscht sie Alt-Ostberliner Weisheiten aus. Die
beiden sind natürlich nur obskure Randfiguren des
Luxuskinderwagenschiebgeschehens unten, aber in Annett Gröschners
neuem Roman „Walpurgistag“ werden sie zu raunzenden Königinnen des
Prenzlauer Bergs. Wenn Frau Menzinger ihren Spitz laut „Stalin!“
ruft, schrecken all die Westler auf.
Je modischer Berlin wird, desto mehr beschäftigt es sich mit sich
selbst. Obwohl der Ruf nach Berlin-Romanen allmählich leiser wird,
erscheinen immer wieder neue, aber über jedem schwebt Döblins
Schatten. So ist es recht mutig, dass Annett Gröschner ihren
„Walpurgistag“ auf dem Alexanderplatz beginnt und den guten Geist
des Buchs auch noch Alex nennt. Zweiter Bezugspunkt ist ein anderes
Heiligtum der Berlin-Betrachtung: der Film „Himmel …
"Lebensfülle, Wirklichkeitsfülle. Eine schier unendliche Fülle der verschiedensten Figuren, jeder Herkunft, jeden Alters. Unverkennbar Berlin. War es bei Döblin die Gegend um den Alexanderplatz in den zwanziger Jahren - bei der Gröschner ist es der Kollwitzplatz um die Jahrtausendwende. Ein unverwechselbares Milieu, ein unerschöpfliches Kaleidoskop von Zeitgenossen und Geschehnissen - faszinierend mit oft absurdem Blick gesehen, erzählt mit dem trockenen Humor dieser Autorin. Als Leser möchte man die Fesselung durch diese Welt nicht mehr missen. Ein Dokument, authentisch, poetisch. Ein großer Wurf." -- Christa Wolf
"Daraus ist ein prächtiger Berlinerinnen- und Berlin-Roman geworden, mindestens so haltbar wie der eiskalte Vater darin - nur viel, viel temperamtentvoller." -- Der Tagesspiegel
"Ein sprachlich fulminanter Großstadtroman." -- Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau
»Daraus ist ein prächtiger Berlinerinnen- und Berlin-Roman geworden, mindestens so haltbar wie der eiskalte Vater darin - nur viel, viel temperamtentvoller.«
"Annett Gröschner ist eine Erzählerin mit grimmigem Humor, die gern auch in die dunklen Ecken schaut. Ihre Sprache ist direkt und anschaulich. [ ] Ihre Erzähllust und gelegentlich auch -wut sind [ ] groß genug, um den Leser immer wieder einzufangen. So gelingt es ihr, in ihrem Buch auf ganz eigene Art die abseitige Geschichte der DDR zu erzählen, die letztlich die alte deutsche Geschichte ist: von fehlgeleitetem und enttäuschtem Idealismus, von der Qual gesellschaftlicher Enge." Süddeutsche Zeitung über Moskauer Eis
 | Besprechung von 13.04.2012 |
Der Blocksberg liegt am KollwitzplatzSogar die Ratten werden vertrieben, weil man ihre angestammten Schlupflöcher renoviert. Hier ist er, der Roman zum Dauerstreitthema "Gentrifizierung".
Wem gehört die Stadt? Den "Ureinwohnern" oder den "Schwaben"? Hier die labbrige Latte-macchiato-Welt, dort urige Ostkneipen, wo die Damen am Schnaps nuckeln und aus rauhen Kehlen Schlachtrufe gegen das "neue Bürgertum" ertönen: "Bier und freie Liebe statt BMW und Dachjeschoss." Klar, wir sind in Berlin. Annett Gröschner ist unsere Stadtführerin. Elf Jahre nach "Moskauer Eis" hat die 1964 geborene Autorin ihren zweiten Roman vorgelegt. "Walpurgistag" schildert auf 430 Seiten einen einzigen Tag, den 30. April 2002, ein Mosaik aus 78 Kapiteln, Short Cuts. Zwei bis drei Dutzend Figuren werden durch die Stadt gescheucht, darunter ein Taxifahrer, ein Gasuhrenableser und eine Pizzabotin, die überwiegend alleinstehenden Männern Kalorien zuführt.
Die selbst vom sozialen Abstieg bedrohte Dramaturgin Viola Karstädt quartiert sich als Mitschläferin bei einer Neuköllner Familie ein - "Schlafperformance" in einer "theaterresistenten Gegend" nennt sich das …
Ein "gewaltiges, leicht schmuddeliges Panorama einer Stadt, die nur in Imagefilmen wirklich sexy ist", liefert Annett Gröschner in ihrem Berliner Episodenroman, der Ulrich Rüdenauer ein wenig an Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" erinnert. Elegant bewegt sie sich dabei, meint Rüdenauer, zwischen hartem Hauptstadtrealismus, der sich direkt ins soziale Dickicht begibt und dem Surreal-Grotesken, das Gröschner in der Bürgersteig-Alltäglichkeit entdeckt. Auch die Figuren gefallen Rüdenauer - sei es die Gruppe Berliner Damen, die sensationshungrig durch die Stadt flaniert, oder der mit der Bierflasche umherziehende Harz-IVler. Jeder lebt auf seine Weise in dieser Großstadtexistenz, die Rüdenauer schlicht "Durchwurschteln" nennt. Das Ganze entspringt nicht allein Gröschners Imaginationstalent, wie Rüdenauer bemerkt, sondern ist das Ergebnis eines Radio-Aufrufs, in dem die Autorin vor etwa zehn Jahren die Berliner dazu motivierte, aufzuschreiben, wie sie ihren 30. April erlebt haben. Ein guter Tag für die Literatur, denn daraus ist ein "fulminanter Großstadtroman" entstanden, lobt Rüdenauer.
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Annett Gröschner, geb. 1964 in Magdeburg, 1983-91 Studium der Germanistik in Ost-Berlin und Paris, 1992-96 Historikerin im Prenzlauer Berg Museum, seit 1994 Beteiligung an verschiedenen Ausstellungs- und Buchprojekten, seit 1997 freie Autorin und Journalistin in Berlin. Auszeichnungen u.a. mit dem Anna-Seghers-Stipendium der Akademie der Künste Berlin und dem Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg.
Videoclip zu "Walpurgistag"
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