Nicht ohne dich - Wilson, Leslie E.

Leslie E. Wilson 

Nicht ohne dich

Übers. aus d. Engl. v. Christa Prummer-Lehmair u. Katharina Förs
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Nicht ohne dich

Jenny ist 15 und verliebt. In Rafael. Einen Jungen, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Doch Rafael ist Jude und in dem von Nazis regierten Berlin ist diese Liebe gegen das Gesetz. Aber Jenny und Rafael lassen sich nicht unterkriegen. Von niemandem. Als Rafaels Mutter eines Tages abgeholt und ins KZ gebracht wird, bleibt Rafael allein zurück. Jenny und ihre Mutter nehmen ihn bei sich auf und verstecken ihn. Doch das Versteck ist nicht sicher, denn im Haus leben Nachbarn, die linientreu jeden denunzieren, der sich auffällig verhält. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Gestapo wieder an ihre Tür klopft - Eine offenherzige Geschichte einer Liebe, die nicht sein darf - und die gegen alle Widrigkeiten überlebt.


Produktinformation

  • Verlag: Boje Verlag
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 382 S.
  • Seitenzahl: 382
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 154mm x 35mm
  • Gewicht: 632g
  • ISBN-13: 9783414822840
  • ISBN-10: 3414822849
  • Best.Nr.: 32228224

Leseprobe zu "Nicht ohne dich" von Leslie E. Wilson

Kapitel Fünfundzwanzig (S. 257-258)

Jemand drehte den Schlüssel im Schloss. Bevor ich wusste, was ich tat, war ich schon aufgesprungen. Vor mir stand eine Wärterin mit energischem Kinn, die aussah wie ein Mann mit Brüsten, dahinter die Sekretärin. Sie drückte der Wärterin eine Schüssel und einen Löffel in die Hand. »Nimm, Mädchen!«, sagte die Wärterin scharf. Ich tat wie befohlen. Die Schüssel war heiß. Ich konnte es nicht fassen. Seit meiner Verhaftung hatte ich nichts mehr bekommen, was mehr als lauwarm gewesen wäre. Die Wärterin warf die Tür ins Schloss. Der Schlüssel drehte sich wieder und ich blieb allein zurück mit einer Schüssel Essen. Ich setzte mich hin, spürte die Wärme unter meinen kalten Fingern und roch die guten Zutaten, bevor ich sie sah: echte Fleischstücke, Lauchringe, Karottenscheiben, kleine Kartoffelstücke, Gerstengraupen.

Das Wasser lief mir im Mund zusammen, aber ich traute mich nicht zu probieren. Ich versuchte mir zu erklären, warum man mir das gebracht hatte. Vielleicht beobachteten sie mich durch den Spion in der Tür, um hereinzustürzen und mich grün und blau zu prügeln, falls ich es wagen sollte, das Essen anzurühren. Oder die Suppe war vergiftet. Wenn ich dann Blut spuckte und vor Todesqualen schrie, würden sie mich nach draußen zerren und die Mädchen an mir vorbeitreiben, um ihnen zu zeigen, was mit einer wie mir passierte.

Ich stellte die Schüssel auf die Pritsche und wandte den Kopf ab, aber ich wusste ja, dass sie dort stand. Vor lauter Angst und vor Hunger begann ich heftig zu zittern – und plötzlich nahm ich das Gefäß und schlang das Essen hinunter. Es schmeckte himmlischer, als ich es je beschreiben könnte. Und es bewirkte, dass ich wieder Hoffnung fasste. Ich konnte nun nicht mehr glauben, dass es vergiftet war, und sie hatten es mich essen lassen. Das musste einfach ein gutes Zeichen sein. Nach einer Weile hörte ich, dass die Tür wieder aufgesperrt wurde. »Hast du aufgegessen?«, fragte eine Stimme. Es war die Sekretärin, nicht die Wärterin. »Du sollst sofort zur Lagerleiterin kommen.«

Jetzt konnte ich vor Angst keinen klaren Gedanken mehr fassen. Beim Aufstehen knickte ich mit dem linken Fuß um und tat mir am Knöchel weh. Als es passierte, stieß ich einen Schmerzenslaut aus. Ich hatte gelernt, nicht zu schreien, wenn man mich schlug, aber das hier war etwas anderes. »Verletz dich nicht!«, sagte die Sekretärin und sah mich über den braunen Rand ihrer Brille stirnrunzelnd an. Irgendwo am Rande meiner Panik sagte eine ganz leise, vernünftige Stimme: Wenn sie dich töten wollten, wäre es ihnen egal, ob du dich verletzt.

Ich machte vor der Lagerleiterin einen Knicks und grüßte mit Heil Hitler, aber ins Gesicht vermochte ich ihr nicht zu sehen. Stattdessen starrte ich zu Boden, auf die Beine ihres Schreibtischs und ihre glänzenden, kniehohen Stiefel. Ich zitterte. »Setz dich, Friedemann«, sagte sie. Es dauerte einen Moment, bis mir bewusst wurde, dass sie mich mit dem Namen angeredet hatte, nicht als Nummer. Irgendwie war ich mit dem Kopf noch nicht ganz angekommen, ich fühlte mich benommen.

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