"Niemals hat ein Geheimdienst sein Geld sinnvoller unter die Leute gebracht." (Klaus Harpprecht, DIE ZEIT)<br/><br/>"Zuckmayer will verstehen, warum sich viele seiner Freunde mit den Nazis eingelassen haben. Vor allem dies macht den Geheimreport zu einem ungemein aufregenden literarischen Text." (Tilman Speckelsen, Frankfurter Allgemeine Zeitung)
 | Besprechung von 29.04.2002 |
Ich liebe die alte Sau
Mit Röntgenblick: Carl Zuckmayers „Geheimreport” über Künstler und
Schriftsteller des Nazi-Reiches
Selten hat Geheimdienstarbeit mehr Vergnügen gemacht. „Ihre
dramatischen Skizzen haben die größte Begeisterung erregt”, schrieb
Emmy Rado, Leiterin des New Yorker Regierungsbüros für
Biographische Nachrichten beim amerikanischen OSS (Office of
Strategic Services) am 24. Februar 1944 an Carl Zuckmayer. „Wenn
ich schreiben könnte, würde ich versuchen, Ihnen zu erklären, wie
gut das Material ist.” Seit einem Vierteljahr saß der deutsche
Emigrant an einem Dossier über annähernd 150 im Dritten Reich
verbliebene Kulturträger – Schriftsteller, Verleger, Theaterleute,
Filmschauspieler, Musiker – , das der amerikanischen Regierung nach
der Besetzung Deutschlands dazu dienen sollte, zwischen Belasteten
und Unbelasteten, Verlässlichen und Opportunisten, Fanatikern und
Indifferenten zu unterscheiden.
Dieses Dossier erwies sich nach der deutschen Kapitulation schon
wegen der umfassenden, mit enormem bürokratischen Aufwand
vorangetriebenen Entnazifizierungkampagne als überflüssig; doch die
Freude über Zuckmayers Gutachten …
 | Besprechung von 06.06.2002 |
Woher wußte er das nur alles?Besser hat er nie geschrieben: Carl Zuckmayers "Geheimreport""Tatsache ist, dass eine ganze Reihe der hier zu behandelnden Personen auf dem Standpunkt standen und vielleicht noch stehen, die ganze Schweinerei ginge sie im Grund nichts an." Das ist einer der ersten Sätze der "Charakterologie", die Carl Zuckmayer seinen jetzt (soweit erhalten) vollständig veröffentlichten Studien über die im Deutschland des Dritten Reichs gebliebenen Künstler und Intellektuellen vorangestellt hat. Mit diesem Satz ist der Leser gleich an einem sozusagen zeitlos aktuellen Punkt angelangt - und hat im folgenden die faszinierende Gelegenheit, das Ambiente der Schweinerei von einem Kenner ausgeleuchtet zu sehen.
Ein vor der Emigration und nach seiner Rückkehr berühmter Autor hat 1943 ein Dossier für den amerikanischen Geheimdienst ausgearbeitet: eine Serie von etwa hundertfünfzig Fallstudien wechselnder Dichte und Länge, oft brillant. Die Beispiele, die in dieser Zeitung vorabgedruckt wurden, haben nicht umsonst Aufsehen erregt. Wie kam es zu dieser Tätigkeit? Zuckmayer verließ Österreich nach dem Anschluß und ging über die …
»Zuckmayer ist nach dem Krieg ... dieser Berichte wegen als Denunziant getadelt worden, und neuerdings ist ihm das wieder geschehen. Das scheint vollkommen töricht. Erstaunlich ist vielmehr, wie klug, maßvoll, differenziert (wenn auch gelegentlich von der Lust an einer starken Anekdote hingerissen) er schreibt. Das ergibt nicht nur ein faszinierend detailliertes Panorama großer Teile des Künstlertums und der Intelligenz im Dritten Reich, sondern auch, literarisch, eine Serie von scharfumrissenen Porträts, nach deren Lektüre man sagen möchte: Besser hat der Mann nie geschrieben.« Joachim Kalka, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ein einzigartiges historisches Dokument<br /> Auf die Veröffentlichung dieses Buches war lange gewartet worden. Um den 1943/44 im Exil verfassten <em>Geheimreport</em> Carl Zuckmayers rankten sich bereits Legenden. Bekannt war: Zuckmayer hatte im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes ein Dossier erstellt, indem er 150 deutsche Kulturschaffende, die in Nazideutschland geblieben waren, beurteilte. Er hatte so genannte Charakterporträts von Kollegen vor allem aus dem Theater- und Filmmilieu angefertigt, mit deren Hilfe die Amerikaner nach Ende des Zweiten Weltkrieges die deutschen Künstler hinsichtlich ihrer moralischen Integrität einordnen wollten. Um es simpel zu sagen: Es ging darum, Gute von weniger Guten, und diese wiederum von den Bösen zu unterscheiden. Mutige, Umfaller und Drückeberger<br /> Zuckmayer kannte fast alle Personen, über die er mit bewundernswertem psychologischem Gespür schrieb. Wo er über keine persönlichen Erfahrungen verfügte, hielt er sich zurück. Auf diese Weise entstanden beispielsweise Charakterbilder von Gründgens, Jannings, Furtwängler, von Benn, Jünger, Barlach, von Suhrkamp, Harlan und vielen anderen. Dabei fällt auf, dass Zuckmayer immer menschlich, bisweilen allzumenschlich, bleibt. Selbst Mitläufer verurteilt er nicht pauschal. Oftmals hilft ihm dabei sein Humor oder aber seine Süffisanz. Über die beiden Schriftstellerinnen Agnes Miegel und Ina Seidel heißt es etwa: "Inwieweit solche Verblödungszustände bei an sich begabten und nicht ungescheiten Frauen von mangelnder Drüsentätigkeit stammen soll hier nicht untersucht werden." Sicher, Zuckmayer teilt die Menschen ein und verwendet dabei durchaus dehnbare Kategorien von Mutigen, Umfallern und Drückebergern. Aber in seinen Porträts wird deutlich, dass es ihm mehr um eine psychologische Beschreibung als um Verdammung ging. Der Leser wird also weniger zum Voyeur, sondern kommt vielmehr in den Genuss kenntnisreicher Beschreibungen von Charakteren. Besonders hilfreich und lobenswert ist der über 300 Seiten lange Anhang mit detailliertem Kommentar und Nachwort. Endlich, kann man nur sagen, ist der <em>Geheimreport</em> erschienen. Ein einzigartiges historisches Dokument.<br /> (Mathias Voigt, literaturtest.de)
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Für Rezensent Joachim Kalka sind die Studien des 1943 für den amerikanischen Geheimdienst ausgearbeiteten Dossiers eine faszinierende Gelegenheit, "das Ambiente der Schweinerei" der im Deutschland des Dritten Reiches gebliebenen Künstler und Intellektuellen beschrieben zu sehen: eine Serie von hundertfünfzig Porträts, nach deren Lektüre Kalka zum Ergebnis kommt: besser als hier hat Zuckmayer nie geschrieben. Kurz wird die Entstehungsgeschichte der Studien skizziert, wobei der Rezensent Zuckmayer vor dem Vorwurf, ein Denunziant gewesen zu sein, in Schutz nimmt. Erstaunlich findet Kalka vielmehr, "wie klug, maßvoll, differenziert" Zuckmayer geschrieben habe. Erläuterungsapparat und Nachwort sind hilfreich zum Verständnis, so Kalka.
© Perlentaucher Medien GmbHCarl Zuckmayer wurde am 27. Dezember 1896 in Nackenheim am Rhein geboren. Nach dem Abitur in Mainz meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. 1918 begann er ein kurzes Studium der Geistes- und Naturwissenschaften in Frankfurt a.M. und Heidelberg. 1920 ging er nach Berlin. Erste Stücke blieben ohne Erfolg, erst 'Der fröhliche Weinberg' brachte ihm 1925 den Durchbruch und den Kleist-Preis. 1933 verhängten die Nationalsozialisten ein Aufführungsverbot über ihn. Er zog in sein Haus nach Salzburg. 1938 floh er in die Schweiz, ein Jahr später emigrierte er in die USA, wo er als Farmer lebte. Von 1947 bis 1957 hielt er sich abwechselnd in der Schweiz und in den USA auf. 1958 kehrte er endgültig in die Schweiz zurück. Am 18. Januar 1977 ist er als einer der über Jahrzehnte erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren in Visp (Wallis) gestorben.
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