Leseprobe zu "Wo warst du?" von Anja Reich; Alexander Osang
Ich sehe meiner Frau hinterher, wie sie in die Kueche geht, um sich einen Kaffee zu machen, und fuehle, wie ich wieder ankomme in meinem Leben zwischen den Zeiten. Ich renne so gern weg, aber das hier ist mein Zuhause. Ich hoere das Surren des kleinen batteriebetriebenen Milchaufschaeumers und die Schlussmelodie von Clifford, dem grossen roten Hund. Meine Tochter springt auf, laeuft in die Kueche, und ich denke nicht mehr an gestern und vorgestern, nicht mehr an den Regensturm und nicht mehr an Berlin, sondern an den Tag – an den Text, den ich heute, in meinem kleinen Arbeitszimmer unterm Dach, beginnen werde zu schreiben, an die gescheiterten Weltrevolutionaere Gysi, Bunke und mich und auch daran, dass meine Frau und ich in unserer Mittagspause vielleicht zu Yamato gehen koennten, dem besten japanischen Restaurant in Park Slope. Ich bin jetzt da oder fast da, in diesem Moment, als das Telefon klingelt und mir Kerstin, meine Kollegin aus dem Buero in Manhattan, sagt, dass ein Loch im World Trade Center ist.
Das Telefon klingelt. Alex geht ran.
»Hi, Kerstin«, sagt er.
Kerstin arbeitet im Spiegel-Buero in New York, so frueh ruft sie nur an, wenn Alex wieder irgendwo hinfahren oder jemand aus Hamburg unbedingt mit ihm sprechen muss. Kein gutes Zeichen, dieser Anruf, zumal Alex, noch mit Telefon in der Hand, zum Fernseher laeuft, die Fernbedienung vom Couchtisch nimmt und die Trickfilmfiguren wegschaltet.
»Daddy, Daddy!«, schreit Mascha.
»Was ist los? Warum laesst du sie nicht zu Ende sehen?«, frage ich, und noch waehrend ich Mascha auf den Arm nehme, um sie zu troesten, sehe ich ueber ihren roten Haarschopf hinweg auf dem Bildschirm die verwackelte Aufnahme eines Turmes mit einer Antenne oben drauf. In einer Seite des Turmes ist ein Loch, aus dem Loch schlagen Flammen. Ich kenne den Turm und die Antenne, vor ein paar Monaten habe ich mit meiner Schwester, ihrem Mann, ihren und meinen Kindern dort auf der Aussichtsplattform in der Sonne gestanden. Es muss auch so etwa um diese Tageszeit gewesen sein, meine Schwester und ihr Mann sind Fruehaufsteher.
»Guck mal, Mascha, da waren wir mit Tante Katrin und Anton«, sage ich.
Es ist kurz vor neun. Kerstin ist heute frueher im Buero, weil sie fuer ein paar Tage im Haus ihrer Eltern wohnt, um ihre kleine Schwester zu betreuen. Sie nimmt in dieser Zeit einen anderen Zug in die Stadt und ist gerade von Juliette angerufen worden, die zweimal die Woche in unser Buero in Midtown kommt, um die Buecher zu fuehren. Juliette wohnt 30 Meilen weiter noerdlich am Hudson River und schaltet, sobald sie die Augen aufschlaegt, das National Public Radio ein, den Deutschlandfunk Amerikas. NPR hat sofort vom Unfall im World Trade Center berichtet, Juliette hat Kerstin angerufen – und Kerstin hat die drei Redakteure informiert, die fuer den Spiegel in New York sind. Thomas im West Village, Jan in White Plains und mich in Brooklyn. Der Spiegel laeuft wie ein Uhrwerk, in dem sich Privates und Berufliches mischt, jeder fuehlt sich verantwortlich, jeder handelt irgendwie, und so schalte ich, am Ende der Informationskette des Spiegel, von Channel 13, wo jetzt Jay Jay laeuft, die naechste Kinder-Morgenshow, auf New York 1 um, den lokalen Nachrichtensender. Und da ist das Loch.
Es sieht klein aus und nicht sehr beeindruckend, technisch irgendwie, was aber auch an der seltsamen Kameraperspektive liegen kann, die sich nicht veraendert. Es ist immer dasselbe Bild, starr, als wuerde man auf den Monitor einer UEberwachungskamera schauen wie ein Pfoertner. Darueber redet eine Moderatorin von einem Sportflugzeug, one-engined sagt sie, und das Wort »einmotorig« raubt mir jegliche Energie. Ich fuehle mich von dem Loch belaestigt. Es bedroht meinen kleinen Tagesplan, der mich nach dem Kaffee in mein Arbeitszimmer unters Dach fuehren sollte, wo ich mein Material sichten wollte, das Wichtige vom Unwichtigen trennen. All den Sand, den ich wochenlang gesammelt habe, wollte ich doch sieben, bis nur noch Gold da waere – die Geschichte.
»Was ist denn?«, fragt Anja.
»Kerstin sagt, da ist ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen«, sage ich. »Ein kleines.«
»Was?«
»Hier, guck doch mal.«
Wir schauen auf den Fernseher. Das Loch, klein, starr, technisch.
»Musst du da hin?«, fragt Anja.
Ich sage erstmal nichts. Ich habe keine Lust, da hinzufahren. Es ist Dienstag. Der naechste Spiegel erscheint am Montag. Sechs Tage. Bis dahin ist das Sportflugzeug im World Trade Center eine Meldung im Vermischten, denke ich. Vielleicht sass ein Prominenter im Cockpit, aber auch das rettet es nicht. Es haette schon Praesident Bush sein muessen. Ich mache das, was ein Reporter eigentlich nicht machen sollte: Ich nehme die Geschichte vorweg, ich rede sie mir aus. Ich stelle mir vor, wie ich dort unten am Fuss des World Trade Centers stehe und hochschaue. Ich stelle mir vor, wie ich ein paar Statements von Feuerwehrleuten zusammentrage. Wie ich, weil sonst nichts passiert, die exakte Farbe des Himmels in meinen Block schreibe, Metaphern fuer die Form des Loches suche, die das Flugzeug in die Turmspitze gerissen hat. Ich werde dort unten stehen wie Egon Erwin Kisch an den brennenden Muehlen in Prag, weit weg, ohne Zugang, ohne Geschichte. Und deshalb werde ich nicht hinfahren, denke ich, aber ich spuere, wie etwas in mir zerrt. Etwas zerrt mich dorthin. Der Qualm auf dem Fernseher scheint dunkler zu werden, heftiger.
»Ich habe keine Lust«, sage ich.
»Versteh’ ich«, sagt meine Frau.
Alex hat mir versprochen, erstmal ein paar Tage Pause zu machen, bevor er wieder loszieht. Er will zu Hause schreiben und bei den Kindern sein, die er so lange nicht gesehen hat. Seit wir aus Deutschland zurueck sind, bin ich jeden Tag mit Mascha zu Hause gewesen, obwohl ich schreiben musste. Das ging gut, solange Ferien waren und Mascha mit ihrem Bruder und den anderen Nachbarskindern im Garten spielen konnte.
Aber nun hat Ferdinands Schule wieder auf und Maschas neuer Kindergarten Huggs immer noch zu, obwohl schon fast Mitte September ist. Morgen erst geht es los, mit einer Stunde Eingewoehnung von neun bis zehn Uhr. Am Donnerstag sind zwei Stunden vorgesehen, am Freitag drei, und ab naechsten Montag kann Mascha endlich wie vereinbart von 9 bis 16 Uhr dorthin gehen, voruebergehend, denn dann kommen die juedischen Feiertage: Dienstag und Mittwoch Rosch Haschana, das juedische Neujahr, und in der Woche darauf Yom Kippur – und Huggs hat wieder zu.
Wenn Alex wirklich nach Manhattan muss, koennte ich Mascha auch wieder zu Nina und Oksana bringen, denke ich. Das geht auch. Es geht ja immer irgendwie.
Wir schauen auf den Fernseher. Es zerrt in mir. Irgendwas muss ich machen. Ich bin Spiegel-Reporter. Irgendwas machen, tun, sich verhalten wie ein Reporter.
»Ich geh’ mal aufs Dach«, sage ich meiner Frau. Sie nickt
Ich klettere durch die Luke im dritten Stock auf das Dach, von dem aus man die Tuerme sehen kann. Da ist eine schwarze Wolke, klein nur, aber deutlich sichtbar, sie weht nach links wie eine schwarze Fahne, ein Faehnchen eher. Auf dem Dach des Eckhauses stehen auch zwei Maenner und schauen nach Manhattan. Ich habe etwas gemacht, eine kleine Szene, eine Beobachtung in einer Geschichte. Ich kann schreiben, dass ich auf dem Dach meines Hauses in Brooklyn stand und mich die Wolke an ein schwarzes Faehnchen erinnerte, ein Halbsatz fuer eine Kolumne. Ich fuehle mich ein wenig besser, aber noch nicht erleichtert.
CNN zeigt den brennenden Nordturm von allen Seiten, von Nahemund von Weitem. Eine Frau, die in Battery Park wohnt, sagt uebers Telefon, sie sehe aus ihrem Fenster, wie Menschen aus dem Gebaeude rennen und Feuerwehrleute hineinlaufen. Die Rauchwolke ist groesser geworden, es sieht so aus, als ob sie direkt zu uns nach Brooklyn rueberzieht. Alex sagt, er wuerde mal aufs Dach gehen. Waehrend er die Treppe hochlaeuft, gehe ich mit Mascha auf die Strasse, vielleicht ist von dort ja auch was zu sehen.
Draussen ist alles so ruhig wie immer um diese Zeit, wenn in der Berkeley Carroll School der Unterricht angefangen hat. Ein paar Muetter und Nannys stehen noch vor dem Eingang und reden – die Muetter mit den Muettern, die Nannys mit den Nannys. Ansonsten sieht die Strasse aus wie jeden Dienstagmorgen: Auf einer Strassenseite stehen Autos, auf der anderen keine. Auf dem Buergersteig versperren Muelltonnen den Weg, manche sind leer, manche voll, manche liegen quer ueber dem Gehweg.
Dienstag ist Grosskampftag in unserer Strasse. Erst kommt die Muellabfuhr, dann kommt die Strassenreinigung, und spaeter ruecken auch noch die blauen Recyclingfahrzeuge an, die Flaschen und Papier abholen. Im Gegensatz zu Berlin kommen die Muellmaenner nicht ins Haus, man muss die Tonnen selbst auf die Strasse stellen und rechtzeitig wieder reinstellen, bevor die Hundebesitzer die Chance bekommen, ihren Dogpoop reinzuwerfen, der, wenn es heiss draussen ist und die Muellmaenner nur die grossen Beutel aus den Tonnen nehmen, unter unserem Wohnzimmerfenster vor sich hinstinkt. Nebenan faellt eine Tuer ins Schloss. Eine Sekunde spaeter taucht Kate, unsere Nachbarin, neben der Vortreppe ihres Hauses auf. Sie traegt Jeans und ein langes Shirt, in der Hand haelt sie einen Kaffeebecher. Ich winke ihr zu.
»Hi Anja, hi Mascha«, ruft Kate, »no Huggs today?«
Mascha schuettelt den Kopf.
»Morgen ist der erste Tag«, sage ich.
»Stimmt ja, Huggs faengt immer so spaet an. Maeve kommt um drei aus der Schule. Dann koennt ihr im Garten spielen.« Kate fragt, wie es mir geht. Ich frage, wie es ihr geht.
»Gut«, sage ich.
»Not bad«, sagt sie.
Ich weiss nie so richtig, woran ich an ihr bin. Kate ist anders als Debbie, unverbindlicher. Das erste Mal habe ich sie ein paar Tage nach unserem Umzug nach New York gesehen, es war kurz vor Weihnachten. Ich ging gerade mit den Kindern aus dem Haus, als nebenan zwei Hunde, ein kleines blondes Maedchen und eine Frau mit einer Schuerze um den Bauch und einem Holzloeffel in der Hand aus der Tuer stuerzten. Die Frau hatte schulterlange mittelblonde Haare und erinnerte mich an Meg Ryan. Als sie uns sah, blieb sie stehen und begruesste uns ueberschwaenglich. Ja, sie habe schon gehoert, dass eine deutsche Familie nebenan einziehe. Es sei sooo schoen, uns endlich kennenzulernen. Sie sei Kate, das sei ihre Tochter Maeve und das seien Frieda und Maggie. Sie zeigte auf das blonde Maedchen und dann auf die beiden Hunde, einen kleinen wuscheligen schwarzen und einen gescheckten mit langen Ohren und Haengebauch. Kate buk gerade Gingerbreadmen, Lebkuchen mit Ingwer, sie werde uns spaeter welche rueberbringen, versprach sie.
Ich war fest davon ueberzeugt, gerade meine neue beste Freundin kennengelernt zu haben, aber irgendwie kamen wir nicht weiter. Immer, wenn ich dachte, wir waren uns naeher gekommen, ging sie wieder auf Distanz und fluechtete sich in »Wie geht es den Kindern?« - »Was fuer ein schoener Tag« - »Oh, ich wuenschte, es waere endlich Fruehling«-Smalltalk. Sie und ihr Mann sind Schauspieler, jeder in der Nachbarschaft kennt sie, vielleicht liegt es daran.
Terry ist gerade in der HBO-Serie Oz zu sehen. Kate spielt die Kommissarin in Law &,Order. Normalerweise wird Kate morgens um sechs mit einer grossen schwarzen Limousine abgeholt und erst spaetabends wieder zurueckgebracht, waehrend ihre Nanny auf ihre Tochter aufpasst.
Heute ist kein Drehtag, heute muss Kate nach Manhattan zum Nachsynchronisieren einer Folge, sagt sie. Sie ist auf dem Weg zur Subway.
Anja steht auf dem Buergersteig. Sie redet mit Kate, unserer Nachbarin. Ich schaue die Strasse rauf und runter, man sieht nichts, alles ist wie immer. Dann gehe ich nach unten auf den Buergersteig zu den Frauen und erzaehle ihnen von der kleinen schwarzen Fahne, die man vom Dach aus sieht. Kate ist auf dem Weg nach Manhattan. Sie weiss von keinem Loch im World Trade Center. Sie hat nicht Juliette und nicht Kerstin und nicht das Spiegel-Getriebe. Sie hat Terry, ihren Mann, und der schlaeft noch.
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