Leseprobe zu "Kindheit in Ostpreußen" von Marion Gräfin Dönhoff
Friedrichstein
Die Kinder meines gefallenen Bruders hatten ein Spiel erfunden, dessen Stichwort lautete: "Wie viele Händedrücke bist du entfernt von ...?" Dann mußte man den Namen irgendeines bekannten, wenn möglich berühmten Menschen nennen, der in - vorzugsweise historisch - weiter Ferne gelebt hatte.
Ich war in der Lage, alle anderen Spieler aus dem Felde zu schlagen, weil mein Vater vierundsechzig Jahre alt war, als ich geboren wurde, und dessen Vater bei seiner Geburt achtundvierzig. Mit anderen Worten, das Geburtsjahr meines Großvaters war das Jahr 1797, was für den spezifischen Zweck unseres Gesellschaftsspiels natürlich große Vorteile mit sich brachte.
Er, der Großvater, war Diplomat gewesen, kurze Zeit einmal auch Außenminister, ein weltläufiger, gebildeter Mann, mit den Künstlern und Wissenschaftlern seinerzeit gut bekannt, so daß ich unschwer beweisen konnte, daß mich nur drei Händedrücke von Humboldt, Schadow, Rauch oder Goethe trennten.
Vielleicht ist mir erst durch dieses Spiel, das die eigene Geschichte so augenfällig deutlich macht, bewußt geworden, wie weit zurück meine unmittelbare, mich bestimmende Vergangenheit reicht. Übrigens nicht nur in schlichter Distanz, sondern auch hinsichtlich der soziologischen und kulturellen Urschichten, bis zu denen sie zurückgeht. Die Ausläufer des Ancien Régime berührten gerade noch die Schwelle meiner Kinderstube, denn im Grunde war Deutschland bis zum Ende des Ersten Weltkrieges - damals war ich noch nicht zehn Jahre alt - eine halbfeudale Gesellschaft.
Dies läßt sich schon an dem Einfluß ablesen, über den der Adel in der Verwaltung und der militärischen Hierarchie damals noch verfügte: Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren alle Kommandeure der achtzehn preußischen und deutschen Armeekorps Adlige. Noch gegen Ende der Monarchie waren von den dreizehn Oberpräsidenten der preußischen Provinzen - also den höchsten Verwaltungsbeamten -elf adelig. Alle Botschafter - es gab damals nur neun, denn nur in den wichtigsten Staaten war das Deutsche Reich durch Botschafter vertreten - gehörten dem Adel an, und von den achtunddreißig Gesandten, die die Wilhelmstraße in den kleineren Ländern repräsentierten, waren nur vier bürgerlich.
Einer von ihnen war Ulrich Rauscher, Chef der diplomatischen Vertretung in Warschau. Ein Onkel von mir war ihm 1922 als Legationsrat zugeteilt, und ich erinnere mich, daß ernsthaft diskutiert wurde, ob dieser, nicht dem Adel angehörende Gesandte wirklich in der Lage wäre, alle Nuancen dieses Metiers, einschließlich Tradition, Stil und Takt, voll zu beherrschen.
Man sieht, es sind immer die von Interessenten bewußt oder unbewußt geschaffenen Vorurteile, die das Vorstellungsvermögen der Menschen beherrschen. So hätte sich bis zum Beweis des Gegenteils zu jener Zeit auch niemand vorstellen können, daß Juden eines Tages glänzende Soldaten und vorzügliche Bauern sein würden. Es sind eben nicht die Fakten, die in der Geschichte entscheidend sind, sondern die Vorstellungen, die sich die Menschen von den Fakten machen.
Meine älteren Geschwister waren bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges schon in denkendem Alter, sie waren darum für mich eine Art Bindeglied vom "früher" zur neuen Zeit. Die neue Zeit, meine Zeit, begann also mit dem Ende der Monarchie und dem beginnenden demokratischen Zeitalter. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg - auch wenn sie noch nicht fern war - kannte ich nur aus Erzählungen.
Besonders plastisch wurde sie mir durch einen Absatz, den ich in den Jugenderinnerungen Otto von Hentigs fand. Der Diplomat Otto von Hentig, berühmt durch seine abenteuerliche "Reise ins verschlossene Land", die er 1915 im Auftrag des Auswärtigen Amts nach Afghanistan unternahm, ist der Väter des bekannten Pädagogen Hartmut von Hentig. Otto von Hentig, geboren 1886, beschreibt in seinen Erinnerungen einen Besuch der Familie Hentig in meinem Vaterhaus Friedrichstein:
"Es war wohl im Sommer 1902, als wir zum zweiten Mal das damals noch in größtem Stil geführte Schloß besuchten. In Königsberg holte uns ein Rappen-Viererzug ab und ein ihn begleitender Gepäckwagen. Die Eltern bekamen wieder die Königstuben, also die Räume, die für die preußischen Könige bestimmt waren, wenn sie Ostpreußen besuchten. In ihnen hatten schon Friedrich Wilhelm I., dann der Alte Fritz und Friedrich Wilhelm II. und IV. gewohnt. Uns Kindern waren die dazugehörigen hinteren Räume angewiesen.
Unmittelbar, nachdem Graf August die Morgenandacht mit etwa zwanzig zum Teil sehr anziehenden jungen, sämtlich rosa uniformierten Hausmädchen sowie dem ersten, zweiten und dritten Diener abgehalten hatte, kam auf einer riesigen Silberplatte das exzellente Frühstück. Jeden Abend dann Diners in großer Toilette mit Gästen aus der Umgebung und aus Königsberg, außer den ständigen Besuchern aus Diplomatie, Hoch- und Geistesadel."
Bis auf die Anzahl der Stubenmädchen, die, wie mir scheint, in Otto Hentigs Erinnerung ins Überdimensionale gewachsen ist, habe ich einiges davon als Kind doch noch erlebt: den Viererzug etwa oder die
Morgenandacht, nur daß diese zu meiner Zeit von meiner Mutter und nicht mehr vom Vater gehalten wurde. Es gab auch noch den ersten Diener mit Namen Kadow, sehr würdig im schwarzen Anzug oder Frack, die beiden nachgeordneten in hellen, gestreiften Leinenjacken oder, zu feierlichen Gelegenheiten, in schwarzen Escarpins mit roten Kniestrümpfen und Schuhen, die mit Silberschnallen ausgestattet waren, sowie einem frackähnlichen Gegenstand als Jacke. Die sechs Stubenmädchen, die es in meiner Kindheit noch gab, trugen in der Tat einheitliche, rosaweiß gestreifte Kleider; die drei Küchenmädchen hingegen waren von dieser Livrierungs-Lust ausgeschlossen.
Überhaupt wurde die Hierarchie auf den unteren Rängen genauso streng eingehalten wie unter den Würdenträgern bei Hof. Nie hätte die Köchin mit den Küchenmädchen oder die Kastellanin, Fräulein Schikor, die den Hausmädchen vorstand, mit diesen zusammen gegessen; Köchin und Kastellanin saßen in einem Extrazimmer an einem Tisch, zu dem nur noch die Jungfer meiner Mutter Zutritt hatte und gegebenenfalls ein unverheirateter Adjunkt des Inspektors, der sogenannte Eleve. Die drei Kutscherjungen, die der Oberkutscher unter sich hatte, aßen ebenfalls im Schloß, aber auch sie hatten einen Tisch für sich - allerdings nur in einem Durchgangsraum.
Die Hausmädchen und Kutscherjungen kamen alle aus dem Dorf oder, wie die Leute sagten, aus der Grafschaft, also von einem der dazugehörigen Güter. Daß sie in so großer Zahl vorhanden waren, hing damit zusammen, daß es damals noch sehr wenig Industrie gab, also die Chance, in der Stadt Arbeit zu finden, gering war; außerdem wurde natürlich der Dienst im Schloß dem in der Landwirtschaft vorgezogen - man drängte sich danach.
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