Leseprobe zu "Kampf um das Deutschtum" von Julia Schmid
Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen die sogenannten 'nationalen Schutzvereine' und die deutschnationalen Parteien Österreichs sowie die nationalistischen Vereine im Deutschen Kaiserreich. Basierend auf einer organisations- und sozialgeschichtlichen Analyse wird die Konstruktion von Erfahrung innerhalb des deutschösterreichischen und reichsdeutschen Nationalismus untersucht. Dabei handelt es sich nicht um einen Vergleich. Die Ausgangshypothese lautet vielmehr, dass es sich um ein grenzüberschreitendes deutschnationales Milieu als Teil einer sich ausweitenden Öffentlichkeit handelte. Diese kann, im Bild eines Gitters, als "eine sektoral vielfach unterteilte öffentliche [...] Sphäre" verstanden werden, die sowohl horizontal als auch vertikal strukturiert ist. Die deutschnationale Öffentlichkeit bildete eine dieser vertikalen Teilöffentlichkeiten, die selbst wiederum horizontal untergliedert war, wobei am unteren Ende die Öffentlichkeit der Vereinsortsgruppe, am oberen Ende die massenmediale Öffentlichkeit stand. Diese Kommunikationsräume überlappten sich und waren miteinander verzahnt.
Die Arbeit widmet sich einer Personengruppe, die einen radikalen deutschen Nationalismus vertrat. Ihre Vorstellung von Nation bildete den absoluten Richtwert all ihres Handelns, und sie beanspruchte als nationale Elite, als die sie sich selbst wahrnahm, Sprecher dieser Nation zu sein. Diese bedingungslose Form des Nationalismus war durchaus anschlussfähig an einen in breiteren gesellschaftlichen Schichten vertretenen Nationalismus. Wie in der gesamten Entwicklung des modernen Nationalismus zeigt sich auch hier, dass die dichotomische Unterscheidung zwischen einer 'guten', patriotischen oder nationalen Gesinnung auf der einen, einem 'schlechten', aggressiven Nationalismus auf der anderen Seite in der Praxis nicht trägt. Nationalismus bewegt sich vielmehr immer "im Spannungsfeld zwischen den beiden Hauptpolen [...] - Partizipation und Aggression". Mit Blick auf den deutschen Nationalismus bedeutet dies, die vor allem im Bildungsbürgertum weit verbreitete 'nationale Gesinnung' gedanklich nicht strikt von dem extrem nationalistischen Milieu zu trennen, denn dies würde das Verständnis dafür blockieren, wie eine Radikalisierung des Nationalismus breiterer Bevölkerungsschichten im und in der Folge des Ersten Weltkriegs möglich war.
Auch mit Blick auf den in dieser Arbeit untersuchten Personenkreis tut sich ein Spektrum verschiedener Ausprägungen nationalistischer Deutungsmuster und Politikvorstellungen auf. Dies ist einer der Gründe, die es erschweren, die gesamte Gruppe begrifflich als Einheit zu erfassen. Hinzu kommt die einengende Besetzung einzelner Begriffe durch ihre Verwendung als Selbstbezeichnung interner Fraktionen. So ist der Begriff 'alldeutsch' längst semantisch eingeengt auf den Alldeutschen Verband oder die Anhänger Georg Ritter von Schönerers, was bereits zeitgenössisch zu Verwirrungen und Auseinandersetzungen führte. Hinzu kommt, dass sich die Forschung bisher nie mit dem hier in seiner Gesamtheit untersuchten Personenkreis beschäftigt hat, sondern entweder nur mit dem reichsdeutschen oder dem deutschösterreichischen radikalen Nationalismus, hier wiederum nur mit den Parteien oder nur mit den Schutzvereinen. Auch Günter Schödl schafft in seiner Systematik verschiedener "Varianten deutscher Nationalpolitik" wenig begriffliche Klarheit, wenn er eine 'völkisch-alldeutsche', eine 'deutschnationale' und eine 'schönerianisch-alldeutsche' Richtung unterscheidet. Die Schutzvereine sieht er als eine weitere Variante in diesem "deutschnational-alldeutschen Zusammenhang".
Die vorliegende Studie verwendet die Begriffe 'deutschnational', 'radikalnational' und 'nationalistisch' - in qualitativer Abgrenzung zu 'national' - weitgehend synonym für eine Personengruppe, die sowohl auf Vereins- als auch auf Parteiebene in Österreich wie im Deutschen Reich kompromisslos einen aggressiven, radikalen Nationalismus vertrat und personell-organisatorisch wie ideell vielfältig vernetzt war. Die Bezeichnungen 'alldeutsch' und 'deutschradikal' werden eingeschränkt auf ihre partei- oder verbandspolitische Fixierung benutzt.
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