Die Neunte - Hildebrandt, Dieter

Dieter Hildebrandt 

Die Neunte

Schiller, Beethoven und die Geschichte eines musikalischen Welterfolgs

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Die Neunte

"Freude schöner Götterfunken ..." Bei keiner anderen Symphonie können so viele Leute mitsingen. Aber was hat es mit Beethovens Neunter wirklich auf sich? Schillers Ode an die Freude hatte Beethoven lange beschäftigt, bevor er sie vertonte. Zuerst reagierte die Hörerschaft erschrocken, dann mit wachsender Begeisterung. Dieter Hildebrandt erzählt die Geschichte einer Symphonie, die ein beispielloser musikalischer Welterfolg wurde, und die Geschichten über die Literaten und die Musiker, die diesen Erfolg möglich machten.


Produktinformation

  • Verlag: HANSER
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 368 S. m. Abb.
  • Seitenzahl: 368
  • Best.Nr. des Verlages: 505/20585
  • Deutsch
  • Abmessung: 260mm x 190mm x 90mm
  • Gewicht: 520g
  • ISBN-13: 9783446205857
  • ISBN-10: 3446205853
  • Best.Nr.: 13293485
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 16.03.2005

Wollust des Wurms
Das berühmteste Trinklied der Welt: Dieter Hildebrandt über Schillers Ode und Beethovens Neunte / Von Eleonore Büning

Noch einmal hat sich der alte Märchenerzähler einen Zettelkasten angelegt. Wieder sichtete er Schnipsel für Schnipsel und tunkte jede, auch noch die nebensächlichste Information in die Zaubertinte seiner sagenhaften Fabulierkunst. Und so entstand abermals einer jener großen kulturhistorischen Tatsachenromane, die vor dem Leser eine Fülle zuverlässigen Fachwissens ausbreiten, dies jedoch so wundersam bunt geblümt, so ironisch schillernd und humorig aufgeknöpft, daß alle, Kenner wie Liebhaber, befriedigt sind und auf dieser weiten Wiese künftig öfters spazierengehen.

Das nämlich ist das Besondere an den musikalischen Feuilletons des Autors Dieter Hildebrandt: Sie lassen sich einerseits in einem Rutsch weglesen wie Krimis, doch kann man sie andererseits auch immer wieder benützen wie ein Nachschlagewerk. Sein zweiter Klavierroman "Piano Piano" (veröffentlicht 2000) wurde zwar kein ganz so großer Wurf mehr wie fünfzehn Jahre zuvor der erste ("Pianoforte").

Doch jetzt hat sich Hildebrandt …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Eleonore Büning ist begeistert, denn Dieter Hildebrandt ist es - nicht zum ersten Mal, sie erinnert an das großartige "Pianoforte" - gelungen, einen musikhistorischen Stoff so spannend zu gestalten, dass sich dieser Tatsachenroman lese wie ein Krimi: einfach spannend. Keine lästigen Fußnoten, versichert Büning, aber ein zuverlässiges Register und ausreichende Literaturverweise, so dass sich dieses Buch zugleich wie ein Nachschlagewerk benutzen lasse, weil es elegant alles aufarbeite, was für Beethovens "Neunte" und ihre Rezeption von Bedeutung gewesen sei. Schiller gegen Beethoven, erst harsche Kritik, dann Heldenverehrung, die Neunte hat viele Wechselfälle erlebt, zählt Büning auf. Je näher Hildebrandt der Gegenwart rücke, desto dünner werden allerdings die Kapitel, räumt Büning ein. Dass die DDR-Rezeption gänzlich ausgeblendet bleibt, sei bedauerlich, auch neuere Erkenntnisse der Gender studies fehlten völlig, kritisiert sie milde, denn ihre Einwände erachtet sie selbst als unbedeutend angesichts von Hildebrandts Gesamtleistung, ein so lesbares und vergnügliches, musikfeuilletonistisches Buch geschrieben zu haben.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 09.04.2005

Alle Guten, alle Bösen
Dieter Hildebrandt folgt der Rosenspur: Schillers Freude und Beethovens Neunte
Zum Weltkulturerbe der Unesco gehört seit 2002 ein Musikwerk. Ein Tondokument, das in seiner 180-jährigen Geschichte zum Inbegriff musikalischer Erhabenheit und Popularität wurde - Beethovens Neunte Symphonie mit der himmelschreienden, fremdartig wirkenden Chorfinalcollage auf Schillers Ode „An die Freude”. Das Phänomen des Stücks mit dem umstrittenen und zum Mythos erhobenen vierten Satz harrte einer historisch-populären Darstellung diesseits der Notenanalyse. Die Entstehungsgeschichte, die komplizierte Text-TonBeziehung, die Rezeptionsgeschichte bis hin zur Vereinnahmung, Trivialisierung - es musste einmal für den allgemeinen Leser aufgearbeitet werden, am besten im Schiller-Jahr. „Geschichte eines musikalischen Welterfolgs” nennt Dieter die Symphonie, die er in einen schwungvollen, griffig gebauten, mit Überraschungen aufwartenden und sogar amüsant zu lesenden Musikgeschichtsroman verwandelt. 
7. Mai 1824, es ist Freitag, „ein Tag für das globale Gedächtnis, ein Datum aus dem Kalender der Menschheitsgeschichte, Vorgriff auf eine …

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Leseprobe zu "Die Neunte" von Dieter Hildebrandt

Freitag, der 7. Mai 1824. Ein Tag für das globale Gedächtnis, ein Datum aus dem Kalender der Menschheitsgeschichte. Vorgriff auf eine unbekannte Nachwelt. Schöpfungsakt einer Zukunftsmusik ohnegleichen. Das, was man später eine Sternstunde nennen wird.

Dabei geht es nicht allzu feierlich zu an diesem frühen Abend im K.K. Hoftheater nächst dem Kärntnerthor, als Herr L. van Beethoven, Ehrenmitglied der königlichen Akademie der Künste und Wissenschaften zu Stockholm und Amsterdam, Ehrenbürger von Wien, seine Große Musikalische Akademie – das ist ein Benefizkonzert zu eigenen Gunsten – gibt. Die Eintrittskarten sind »wie gewöhnlich«, aber Freibillets sind ungültig. Jeder soll bezahlen.

Das Theater ist gut besucht. Die 2400 Plätze, »wenn es voll gedrängt ist«, sind schon vorher fast ausverkauft. Ehe Beethovens Neffe Karl nachmittags noch einmal an die Kasse geht, kann er melden: »Übrigens ist es gut gegangen. Die Logen sind weg, ein paar auch überzahlt, mit 25 und 40 f, im 4ten Stock sind alle Plätze weg, die übrigen im Parterre u. 1ten Gallerie hoffe ich wohl noch abzusetzen«.

Beethovens Freunde und die meisten seiner adligen Gönner und Verehrer sind gekommen. Nur die kaiserliche Familie fehlt, obwohl Franz I. und seine Gemahlin persönlich vom Komponisten eingeladen worden waren; beide haben Wien kurz vorher verlassen. Ein mißgünstiger Beobachter notiert: »Viele Logen leer – vom Hofe niemand.« Denn auch der Erzherzog Rudolf, sein prominentester Schüler und verläßlichster Förderer, kann nicht dabei sein; seit 1820 sitzt er als Erzbischof im mährischen Olmütz und kommt nur noch selten nach Wien. Aber er hat aus der Ferne an den Vorbereitungen Anteil genommen und sich Sorgen gemacht; man hat Beethoven berichtet, »daß der Erzh. Franz fragte, wie es bey den Proben geht – er habe gehört, es geht nicht recht zusammen. (...) Von den Cabalen war er schon genau unterrichtet, er fragte dann, ob das alles wahr sey u. bedauerte Sie sehr, daß Ihnen dieß hier widerfahren muß.« Von den Kabalen und Mißlichkeiten gleich mehr.

Aber sonst ist das kunstsinnige, das ereignisfrohe und vor allem das sensationsbedürftige Wien gekommen, und sei’s, um Beethoven nicht zu hören, sondern endlich einmal wieder zu Gesicht zu bekommen. Denn der Anschlagzettel verkündet:

»Herr Ludwig van Beethoven wird an der Leitung des Ganzen Antheil nehmen.«

Das Ganze, so verheißt es das Plakat, das für diesen Tag noch einmal frisch gedruckt worden ist, besteht aus drei Teilen:

»Erstens. Große Ouverture.

Zweytens. Drey große Hymnen, mit Solo? und Chor?

Stimmen.

Drittens. Große Symphonie, mit im Finale eintretenden Solo? und Chor?Stimmen, auf Schiller’s Lied, an die Freude.«

Bei der Ouvertüre handelt es sich um »Die Weihe des Hauses«, die zwei Jahre zuvor, zur Eröffnung des Theaters an der Josephstadt, geschrieben worden war, und bei den »Hymnen« um Teile aus der »Missa solemnis« – Kyrie, Credo und Agnus Dei –; warum sie auf dem Programm so neutral annonciert wurden, wird zu erklären sein. Das Hauptwerk aber ist die neue, die neunte Sinfonie Beethovens, von der man schon hat raunen hören, was man nun schwarz auf weiß lesen kann, daß ein Chor samt Solisten die jahrhundertealte Konvention des Symphonischen, der Instrumentalmusik durchbrechen soll.

Es ist die erste »Akademie« Beethovens seit 1814; sein erstes öffentliches Auftreten, seit er am Weihnachtstag 1817 seine 8.Sinfonie dirigiert hatte. Und sie ist unter großen Mühen und grotesken Reibereien überhaupt zustande gekommen. Was Nachgeborene als musikalisches Weltereignis würdigen werden, war mit lauter Schwierigkeiten verbunden. Die größte war von Anfang an Beethoven selbst; sie blieb es bis zuletzt.

Monate vorher hatte ihn eine der nun beteiligten Sängerinnen, Karoline Unger, im wahrsten Sinne des Wortes bekniet: »Wann geben Sie Ihre Akademie? Wenn man einmahl den Teufel hat, so kann man zufrieden sein... Wenn Sie das Concert geben, so stehe ich für die Völle. (Das heißt: für ein ausverkauftes Haus.) Sie haben zu wenig Selbstvertrauen. Haben denn die Huldigungen der ganzen Welt Sie nicht ein wenig stolzer gemacht? Wer spricht denn von Anfechtungen? Wollen Sie denn nicht glauben lernen, daß man sich sehnt, Sie wieder in neuen Werken anzubeten? O Halsstarrigkeit!«

Was die Sängerin Halsstarrigkeit nennt, ist tiefe Menschenscheu, Verbitterung, ja Verbiesterung, Einsamkeitsfuror, Rabiatheit, die bis zur Selbstzerstörung geht. Ludwig van Beethoven ist für Wien längst zu einer Mischung aus Denkmal und Stadtgespenst geworden. Er verkehrt mit Fürsten und Majestäten, er läßt sämtliche Verleger Europas vor seinen Forderungen zittern, er wird gemalt, in Kupfer gestochen, modelliert –: aber er ist ein armer, alter, unansehnlicher Mann. Er ist weltberühmt, aber er ist der Welt abhanden gekommen. In seinem Kopf spukt nur noch Musik – und Misanthropie. In einem der Jahre vor der Uraufführung gibt es einen Vorfall, der das Inferno seiner Alleingelassenheit bezeichnet: An einem Sommerabend in Wiener Neustadt sehen Anwohner in der Nähe des Ungertors, wie ein verwahrlost aussehender Mann ihnen durch die Fenster starrt. Sie rufen den Polizeidiener, der den Verdächtigen abführt. Der ruft: »Ich bin Beethoven!« und wird mit der Antwort abgefertigt: »Warum nicht gar? Ein Lump sind Sie, so sieht der Beethoven nicht aus!« Den Abend verbringt der Mann in der Arrestzelle, bis ihn, durch dessen hartnäckige Proteste alarmiert, der Musikdirektor des Ortes identifiziert: »Das ist der Beethoven.« Das also ist der Beethoven, mit dem wir es auch zu tun haben.

Die mit Schwierigkeiten, Rankünen und Beethovenschen Bizarrerien ausgefüllten Wochen der Vorbereitung, diese Zeit des Frühjahrs 1824 liegt vor uns als offenes Buch; nämlich in Gestalt jener Konversationshefte, die Beethoven seit der völligen Ertaubung zu benutzen gezwungen war: Hefte also, in die seine Besucher, die Freunde, aber auch seine Hausgenossen und Dienstmädchen alles eintragen mußten, was sie ihm sagen wollten. So, wenn Franz Grillparzer mit dem Komponisten über das Projekt einer Oper »Melusine« verhandelte und über politischen Zwang klagte (»Die Censur hat mein Trauerspiel Ottokar verbothen«), so aber auch, wenn der Adlatus Anton Schindler von den Semmeln, die die Haushälterin eingekauft hatte, eine gegessen hatte, ehe Beethoven, der Knausrige, die Zahl mit der Rechnung vergleichen konnte. Da finden sich Alltagsfetzen und Philosophisches, Büchernotizen und Kleinkram, erste Gedanken und letzter Dreck, Kritzeleien, die das Leben schreibt. Nur Beethoven selbst kommt in diesen schmalen Kladden selten zu Wort: denn sprechen kann er ja, muß also nicht notieren. Und so wird aus den Heften dieser Frühjahrsmonate 1824 ein Protokoll der Widrigkeiten bei der Vorbereitung der Akademie. Lauter dunkle Materie türmt sich auf. Die düsterste ist der Meister selbst, der immer wieder eingreift, um die Sache zu erschweren, ja zu vereiteln.

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