 | Besprechung von 08.08.2009 |
DAS HÖRBUCH
Ohne Theater
Unbestochen: Jurek Becker warnt vor dem Schriftsteller
In ein paar Monaten wird die Mauer fallen, wird alles anders werden
– aber das ahnt keiner, als Jurek Becker Ende Mai, Anfang Juni 1989
an der Frankfurter Universität seine Vorlesungen zur Poetik hält:
„Warnung vor dem Schriftsteller”. Der Hessische Rundfunk hat damals
mitgeschnitten. Nun kann man dem Autor (1937 – 1997) wieder zuhören
und sich überraschen lassen, wie scharfsinnig er den
deutsch-deutschen Literaturbetrieb schilderte. „Unbestechlich” ist
ein großes Wort, und es wäre Becker vielleicht zu pathetisch
gewesen, aber es ist das Wort, das einem zuerst einfällt, wenn man
ihm lauscht. Die Vorlesungen bilden das Zentrum dieser Auswahl.
Außerdem liest er seine Erzählung „Die beliebteste
Familiengeschichte”; der für den Süddeutschen Rundfunk verfasste
Vortrag „Mein Judentum” (1977) ist zu hören, und man erlebt den
schwer Kranken im Gespräch mit Herlinde Koelbl, im letzten
Interview das er gab. Er habe sich nie für unersetzlich gehalten,
sagt er, das mache es nun einfacher: „Mach nicht so viel Theater”.
jby
JUREK BECKER: „Vernarrtsein in Worte, Verliebtsein in Sprache ...”.
Prosa, Reden und Interviews. Hörverlag, München 2009. 236 Minuten,
24,95 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH,
München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Mit Hörerglück haben diese von Jurek Becker noch selbst gelesenen Geschichten den Kritiker Wilhelm Trapp erfüllt. Denn Beckers schnoddrig-augenzwinkernde Lesung erhelle das von ihm Geschriebene auf wunderbare Weise, durch das sich dennoch das "Ungesagte" wie ein Leitmotiv ziehen würde. Becker rede nämlich, als traue er den eigenen Worten kaum, schreibt Trapp, durcheile die Sätze, "als seien sie gleich schon nicht mehr wahr", um schließlich am Ende "erschöpft den Ton fallen zu lassen".
© Perlentaucher Medien GmbH
"Wie ein Leitmotiv zieht sich das Ungesagte, Ungeschriebene durch die schöne Sammlung von Tondokumenten Jurek Beckers, als hätte er stets neben die Worte geschaut und ihr Gegenteil gleich mitgeschrieben, mitgesprochen, mitgedacht [...]."
"Wie ein Leitmotiv zieht sich das Ungesagte, Ungeschriebene durch die schöne Sammlung von Tondokumenten Jurek Beckers, als hätte er stets neben die Worte geschaut und ihr Gegenteil gleich mitgeschrieben, mitgesprochen, mitgedacht [...]." Die Zeit
Jurek Becker, geb. am 30. September 1937 in Lódz (Polen), wuchs im Ghetto auf und wurde später mit seiner Mutter in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen inhaftiert. Seine Mutter starb kurz nach der Befreiung, seinen Vater, der nach Auschwitz deportiert worden war, fand er nach Kriegsende mithilfe einer Suchorganisation wieder. 1945 zog er gemeinsam mit ihm nach Ost-Berlin. Sein erster Roman Jakob der Lügner (1969) wurde über die Grenzen der DDR hinaus bekannt. Als Becker 1976 gegen den Ausschluss Rainer Kunzes aus dem Schriftstellerverband der DDR und gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte, wurde er selbst aus der SED und dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Ein Jahr später verließ er die DDR. Großen Erfolg hat er in der Bundesrepublik mit seinen Drehbüchern für die Erfolgsserie 'Liebling Kreuzberg'. Jurek Becker starb am 14. März 1997 in Sieseby, Schleswig-Holstein.
Hörprobe zu "Vernarrtsein in Worte, Verliebtsein in Sprache"
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