Die Rosenzüchterin, 2 Cassetten - Link, Charlotte

Charlotte Link 

Die Rosenzüchterin, 2 Cassetten

Gelesen v. d. Autorin. 150 Min.

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Die Rosenzüchterin, 2 Cassetten

Die junge Lehrerin Franca Palmer fühlt sich in Beruf und Privatleben überfordert. Hals über Kopf verlässt sie ihr Zuhause und reist nach Guernsey. Sie findet Unterkunft in einem alten Haus in Le Variouf, wo sie die Bekanntschaft zweier älterer Frauen macht. Diese leben seit vielen Jahren in einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, die von Abneigung und sogar Haß geprägt ist. Und doch scheinen die beiden auf seltsame, undurchschaubare Weise miteinander verbunden...


Produktinformation

  • ISBN-10: 3898301257
  • Best.Nr.: 08946885
  • Laufzeit: 150 Min.
"... Die Erfolgsautorin liest selbst die schönsten Passagen des Buches". f.f. dabei

"... Die Erfolgsautorin liest selbst die schönsten Passagen des Buches".

In Hassliebe vereint<br /> Eigentlich kann sie Rosen nicht leiden. Trotzdem widmet sich Beatrice Shaye seit über vierzig Jahren halbwegs erfolgreich der Rosenzucht. Und eigentlich kann sie Helene Feldmann nicht ausstehen. Trotzdem leben die beiden alten Damen seit Jahren zusammen auf Beatrice Gut bei Le Variouf auf der Insel Guernsey im Ärmelkanal. Eine Art Hassliebe bestimmt ihr Verhältnis, geprägt von kleinen Boshaftigkeiten und Rivalitäten um die Gunst von Beatrice Sohn Alan (einem alkoholsüchtigen Rechtsanwalt) und dem gemeinsamen schwulen Freund Kevin. Ereignislos plätschern die Tage dahin, da tritt die junge deutsche Lehrerin Franca Palmer in ihr Leben. Tablettensüchtig, beruflich überfordert und der Affäre ihres Mannes nicht mehr gewachsen, ist sie Hals über Kopf auf die Kanalinsel geflohen, wo sie sich im Rosenhof einmietet.<br /> Verdrängte Geheimnisse brechen sich Bahn<br /> In der schüchternen Franca findet Beatrice eine willige Zuhörerin und die lang aufgestauten Gefühle von Zorn und Enttäuschung brechen sich Bahn. Stückweise offenbart sie ihre bewegte Vergangenheit, angefangen mit der deutschen Besatzung der Insel 1940, als der SS-Offizier Erich Feldmann mit seiner Frau Helene Beatrice Elternhaus okkupiert und das elternlose Kind aufzieht. Sie berichtet von Erichs Tablettensucht und seinem Jähzorn, von der heimlichen Liebe zu dem französischen Kriegsgefangenen Julien und lüftet endlich das furchtbare Geheimnis von Erichs gewaltsamen Tod am 1. Mai 1945, das Helene und Beatrice auf ewig aneinander kettete. Und sie erzählt von ihrer kurzen Ehe mit Frederic, an deren Scheitern Helene maßgeblich beteiligt war. Auf einmal ist die Vergangenheit ganz nah - der verschollene Julien taucht unvermittelt auf und wieder geschieht ein Mord am 1. Mai ...<br /> Ein gelungener psychologischer Spannungsroman<br /> Mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen schildert Charlotte Link, wie es der scheinbar so kranken und schwachen Helene immer wieder gelingt, andere Menschen zu manipulieren und letztendlich ihren Willen durchzusetzen. Spannend beschrieben sind auch die Kriegsereignisse auf der besetzten Insel. Trotz der etwas unwahrscheinlichen zahlreichen Happy-Ends am Schluss ein rundum gelungener psychologischer Spannungsroman. (Dr. Erika Weigele-Ismael)

»Ein grandioser Roman, der mit unerwarteten Ereignissen überrascht, mit wunderschönen Landschaftsbeschreibungen bezaubert und auch die gehörige Portion Liebe nicht vermissen lässt.«
Charlotte Link, geboren in Frankfurt/Main, ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Ihre psychologischen Spannungsromane sind internationale Bestseller, auch Der Beobachter eroberte wieder auf Anhieb den Spitzenplatz der SPIEGEL-Bestsellerliste. Allein in Deutschland wurden bislang über 20 Millionen Bücher von Charlotte Link verkauft; ihre Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die Verfilmungen werden im Fernsehen mit enorm hohen Einschaltquoten ausgestrahlt. Charlotte Link lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt/Main.

Leseprobe zu "Die Rosenzüchterin, 2 Cassetten" von Charlotte Link

Manchmal konnte sie Rosen einfach nicht mehr sehen. Dann meinte sie, ihre Schönheit nicht länger ertragen zu können, den Anblick ihrer samtigen, bunten Blüten, den Hochmut, mit dem sie sich der Sonne entgegenreckten, als seien die warmen Strahlen nur für sie bestimmt und für niemanden sonst. Rosen konnten empfindlicher sein als die sprichwörtlichen Mimosen; einmal war es ihnen zu naß, dann zu kalt, zu windig oder zu heiß; sie ließen oft aus unerfindlichen Gründen die Köpfe hängen und vermittelten den Eindruck, als schickten sie sich zum Sterben an, und es kostete Mühe, Kraft und Nerven, sie daran zu hindern. Dann wieder, ebenso unerklärbar, bewiesen sie eine unerwartete Zähigkeit, behaupteten sich gegen harsche Witterung und unsachgemäße Behandlung, blühten, dufteten und wuchsen. Sie machten es niemandem leicht, der mit ihnen zu tun hatte.

Ich sollte, dachte sie, auf Rosen nicht so aggressiv reagieren. Das ist albern. Und unangemessen.

Sie hatte vierzig Jahre ihres Lebens der Rosenzucht gewidmet, aber sie hatte nie eine wirklich glückliche Hand für diese Blumen gehabt. Vermutlich lag das daran, daß sie sie nicht mochte und eigentlich immer etwas anderes hatte tun wollen. Ihr waren ein paar einigermaßen interessante Kreuzungen gelungen, Teehybriden vor allem, denn wenn überhaupt, so konnte sie diesem Rosentyp noch am ehesten etwas abgewinnen. Sie vereinten Eleganz mit einer gewissen Härte und Festigkeit - und verkauften sich gut. Irgendwie war es ihr stets gelungen, das Auskommen ihrer kleinen Familie zu sichern, aber oft hatte sie gedacht, daß sie, käme plötzlich eine gute Fee mit einem Goldschatz daher, nie wieder im Leben eine Rose anfassen würde.

Manchmal, wenn sich Beatrice Shaye mit der Erkenntnis konfrontierte, daß sie Rosen weder mochte noch wie eine wirkliche Expertin mit ihnen umzugehen verstand, fragte sie sich, was eigentlich ihrem Herzen nahe stand. Sie mußte sich von Zeit zu Zeit vergewissern, daß es da noch etwas gab, denn die Erkenntnis, ihr Leben einer Tätigkeit und einem Objekt gewidmet zu haben, das ihr so wenig Sympathie abringen konnte, stimmte sie manchmal traurig und ließ sie grübelnd nach einem Sinn suchen. Dabei hatte gerade sie sich stets zynisch über Sinnsucher geäußert. Den Sinn des Lebens hatte sie immer mit dem Begriff Überleben erklärt - überleben in einer schlichten, undramatischen Bedeutung. Überleben hieß, das Notwendige zu tun: aufstehen, die Arbeit verrichten, die getan werden mußte, essen, trinken, zu Bett gehen und schlafen. Alles andere war schmückendes Beiwerk: der Sherry, der wie helles Gold in den Gläsern funkelte. Musik, die durch den Raum toste, das Herz schneller schlagen und das Blut leichter fließen ließ. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ein Sonnenuntergang über dem Meer, drüben am Pleinmont Tower, der unmittelbar an die Seele rührte. Eine Hundeschnauze, feucht und kalt und stürmisch, im Gesicht. Ein warmer, stiller Sommertag, der nur durchbrochen wurde in seiner Ruhe von den Schreien der Möwen und dem leisen Rauschen der Wellen in der Moulin Huet Bay. Heißer Fels unter nackten Füßen. Der Duft der Lavendelfelder.

Eigentlich stellten diese Dinge die Antwort auf ihre Frage dar: Sie liebte Guernsey, ihre Heimat, die Insel im Ärmelkanal. Sie liebte St. Peter Port, die malerische Hafenstadt an der Ostküste. Sie liebte die Narzissen, die im Frühjahr an allen Wegrändern blühten, liebte die wilde, blaue Hyazinthe, auf die man in den lichtdurchfluteten, hellen Wäldern stieß. Sie liebte den Klippenpfad hoch über dem Meer, besonders den Teil, der vom Pleinmont Point zur Petit Bôt Bay führte. Sie liebte ihr Dorf Le Variouf, liebte ihr steinernes Haus, das ganz hoch am oberen Dorfrand lag. Sie liebte sogar die Wunden der Insel, die häßlichen Wachtürme der ehemaligen Befestigungsanlage, die von den deutschen Besatzern gebaut worden war, das trostlose, in Granit geschlagene "German Underground Hospital", das die Zwangsarbeiter damals hatten bauen müssen, und die Bahnhöfe, die die Deutschen hatten vergrößern lassen, um das Material zum Bau ihres Westwalls transportieren zu können. Zudem liebte sie manches an dieser Landschaft, auf dieser Insel, was niemand außer ihr sah und hörte: Erinnerungen an Bilder und Stimmen, an Momente, die sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis gebrannt hatten. Erinnerungen an über siebzig Jahre Leben, die sie fast ausschließlich hier verbracht hatte. Vielleicht stand einem Menschen nahe, was er sein Leben lang kannte. Ob gut oder schlecht, das Vertraute grub sich seinen Weg in jene Winkel des Herzens, in denen Zuneigung geboren wurde. Irgendwann fragte man nicht mehr, was man gewollt hatte; man betrachtete, was man bekommen hatte. Und fand sich damit ab.

Natürlich dachte sie ab und zu daran, wie ihr Leben in Cambridge ausgesehen hatte. An Abenden wie diesem kam ihr die alte Universitätsstadt in East Anglia besonders häufig in den Sinn. Sie hatte das Gefühl, an die tausend Mal - so wie heute - am Hafen gesessen und Sherry getrunken zu haben, und es war wie ein Sinnbild ihres Lebens - des Lebens, das sie anstelle von dem in Cambridge geführt hatte. Auch anstelle eines möglichen Lebens in Frankreich. Wenn sie damals nach dem Krieg mit Julien hätte nach Frankreich gehen können...

Aber wozu, so rief sie sich zur Ordnung, sollte sie lange überlegen? Die Dinge waren so gelaufen, wie sie vielleicht hatten laufen müssen. In jedem Leben, davon war sie überzeugt, wimmelte es von verpaßten Chancen, von versäumten Gelegenheiten. Wer konnte von sich sagen, immer konsequent, zielstrebig und kompromißlos gewesen zu sein?

Sie hatte sich abgefunden mit den Fehlern und Irrtümern ihres Daseins. Sie hatte sie eingeordnet zwischen all die anderen Ereignisse, die ihr widerfahren waren, und in der Menge verloren sie sich ein wenig, wurden unauffällig und blaß. Zeitweise gelang es ihr, sie völlig zu übersehen, manchmal sogar, sie zu vergessen.

In ihrem Verständnis hieß das, daß sie sich abgefunden hatte.

Nur mit den Rosen nicht.

Und nicht mit Helene.

Der Wirt vom Le Nautique in St. Peter Port näherte sich dem Tisch am Fenster, an dem die zwei alten Damen saßen.

"Zwei Sherry, wie immer?" fragte er.

Beatrice und ihre Freundin Mae sahen ihn an.

"Zwei Sherry, wie immer", erwiderte Beatrice, "und zweimal Salat. Avocado mit Orangen."

"Sehr gerne." Er zögerte. Er unterhielt sich gerne, und zu dieser frühen Stunde - es war noch nicht einmal sechs Uhr am Abend - hatte sich noch kein anderer Gast ins Restaurant verirrt.

"Es ist schon wieder ein Schiff gestohlen worden", sagte er mit gedämpfter Stimme, "eine große, weiße Segelyacht. Heaven Can Wait heißt sie." Er schüttelte den Kopf. "Eigenartiger Name, nicht wahr? Aber den wird sie kaum behalten, so wenig wie ihre schöne, weiße Farbe. Wahrscheinlich haben sie sie längst umgespritzt, und sie gehört schon irgendeinem Franzosen drüben auf dem Festland."

"Diebstähle von Yachten", sagte Beatrice, "sind so alt wie die Inseln selbst. Es gibt sie und wird sie immer geben. Wen regt das noch wirklich auf?"

"Die Leute dürften ihre Schiffe nicht wochenlang unbeobachtet lassen", meinte der Wirt. Er nahm einen Aschenbecher vom Nachbartisch, stellte ihn zu den beiden Damen, gleich neben die Vase mit den Rosen, die in dieser Woche den Gastraum schmückten. Er wies auf das kleine, weiße Reservierungsschild. "Ich brauche den Tisch ab neun Uhr."

"Da sind wir längst weg."

Das Le Nautique lag direkt am Hafen von St. Peter Port, der Hauptstadt der Insel Guernsey, und durch die zwei großen Fenster des Restaurants hatte man einen wunderschönen Blick über die zahllosen Yachten, die dort vor Anker lagen; man hatte sogar den Eindruck, zwischen all den Schiffen zu sitzen und Teil des Lebens und Treibens dort zu sein.

Man konnte vom Restaurant aus die Menschen beobachten, die über die hölzernen Stege schlenderten, konnte Kindern und Hunden beim Spielen zusehen, und man konnte schon ganz weit in der Ferne die großen Dampfer ausmachen, die Ferienreisende vom Festland brachten. Manchmal glich der Blick dem auf einem Gemälde, bunt und unwirklich. Zu schön, zu vollkommen, wie die Fotografie aus einem Reisekatalog.

Es war Montag, der 30. August, ein Abend voller Wärme und Sonne, und doch schon spürbar vom Nahen des Herbstes geprägt. Die Luft hatte nicht mehr die laue Weichheit des Sommers, sie war nun wie Kristall, kühler und frischer. Der Wind trug einen herben Geruch heran. Die Möwen schossen vom Meer zum Himmel hinauf und wieder zurück, wild schreiend, als wüßten sie, daß Herbststürme und Kälte bevorstanden, daß schwere Nebelfelder über der Insel liegen und das Fliegen beschwerlich machen würden. Der Sommer konnte noch zehn Tage oder zwei Wochen andauern. Dann wäre er unwiderruflich vorbei.

Die beiden Frauen sprachen wenig miteinander. Sie stellten übereinstimmend fest, daß der Salat wie immer ausgezeichnet war und daß nichts über einen schönen Sherry ging, vor allem dann, wenn er, so wie hier, großzügig in hohen Sektgläsern ausgeschenkt wurde. Ansonsten aber fand kaum ein Austausch zwischen ihnen statt. Beide schienen in ihre eigenen Gedanken vertieft.

Mae betrachtete Beatrice eindringlich, was sie sich erlauben konnte, da ihr Gegenüber offensichtlich nichts davon bemerkte. Sie fand, daß sich Beatrice für eine siebzigjährige Frau ganz und gar unangemessen kleidete, aber darüber hatte es zwischen ihnen schon zahllose Diskussionen gegeben, die nicht gefruchtet hatten. Sie lebte in ihren Jeans, bis diese zerschlissen waren, und trug dazu ausgeblichene T-Shirts oder unförmige Pullover, deren einziger Vorteil darin bestand, daß sie ihre Trägerin bei Wind und Wetter warm hielten. Das weiße, lockige Haar band sie meist einfach mit einem Gummiband zurück.

Mae, die gerne schmal geschnittene, helle Kostüme trug, alle vierzehn Tage zum Friseur ging und mit Make-up die Spuren des Alters zu vertuschen suchte, bemühte sich unverdrossen immer wieder, die Freundin zu einem gepflegten Äußeren zu bewegen.

"Du kannst nicht mehr herumlaufen wie ein Teenager! Wir sind beide siebzig Jahre alt und müssen diesem Umstand Rechnung tragen. Diese Jeans sind einfach zu eng, und..."

"Das wäre nur dann fatal, wenn ich fett wäre."

"...und deine ewigen Turnschuhe sind..."

"...das Praktischste, was man tragen kann, wenn man den ganzen Tag auf den Beinen ist."

"Dein Pullover ist voller Hundehaare", sagte Mae anklagend und zugleich resigniert, denn sie wußte, weder an den Hundehaaren noch an den Turnschuhen, noch an den Jeans würde sich auch nur das geringste ändern.

Heute jedoch sagte sie gar nichts. Sie war mit Beatrice befreundet, seitdem sie beide Kinder gewesen waren, und sie verfügte inzwischen über feine Antennen, was das psychische Befinden ihrer Freundin betraf. Heute, das spürte sie, war Beatrice nicht allzugut gelaunt. Ihr gingen anscheinend unerfreuliche Gedanken durch den Kopf, und es war besser, sie nicht zusätzlich zu reizen, indem man an ihrem Aussehen herummäkelte.

Sie hat eine gute Figur, dachte Mae, das muß ihr der Neid lassen. Sie hat seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr offensichtlich kein Gramm zugenommen. Sie wußte, daß Beatrice sich so geschmeidig bewegte, als seien die körperlichen Beschwerden des Alters eine Erfindung, die für andere gemacht war, nicht aber für sie.

Mae fiel das gestohlene Schiff wieder ein, von dem der Wirt gerade gesprochen hatte. Heaven Can Wait.

Wirklich ein seltsamer Name, dachte sie.

Beatrice schaute zum Fenster hinaus auf den Hafen und nippte dabei an ihrem Sherry. Sie sah nicht, was dort unten vor sich ging, sie war völlig versunken in ihre Gedanken.

Mae brach schließlich das Schweigen.

"Wie geht es Helene?" fragte sie.

Beatrice zuckte mit den Schultern. "Wie immer. Sie jammert viel, aber letztlich begreift niemand, was eigentlich so schlimm ist an ihrem Dasein."

"Vielleicht begreift sie das selber nicht so genau", meinte Mae. "Sie hat sich nur so an das Jammern gewöhnt, daß sie damit nicht mehr aufhören kann."

Beatrice haßte es, über Helene zu reden.

"Wie geht es Maja?" erkundigte sie sich, um das Thema zu wechseln.

Mae wurde stets nervös, wenn man sie auf ihre Enkelin ansprach.

"Ich fürchte, sie bewegt sich in schlechter Gesellschaft", sagte sie. "Ich sah sie neulich mit einem Mann zusammen, da schauderte es mich. Ich habe selten ein derart brutales Gesicht gesehen. Mein Gott, wie froh wäre ich, wenn es zwischen ihr und Alan endlich klappte!"

Über ihren Sohn Alan mochte Beatrice nicht reden.

"Man wird sehen", erwiderte sie in einem Ton, der Mae unmißverständlich klarmachte, daß sie über dieses Thema nicht weiter zu sprechen wünschte.

Mae begriff dies auch sofort, und so saßen sie einander wieder schweigend gegenüber, bestellten zwei weitere Sherry und sahen hinaus in das letzte, milde Licht des vergehenden Augusttages.

Und in diesem Licht, in dieser immer rascher einfallenden Dämmerung, glaubte Beatrice plötzlich, einen Menschen zu erkennen, den sie viele Jahre zuvor zuletzt gesehen hatte. Ein Gesicht in der Menge, das ihr auffiel, das sie zusammenzucken und blaß werden ließ. Es dauerte nur eine Sekunde, dann war sie schon wieder überzeugt, sich getäuscht zu haben. Aber Mae hatte die Veränderung an Beatrice bemerkt.

"Was ist los?" fragte sie.

Beatrice runzelte die Stirn und wandte sich vom Fenster ab. Von einem Moment zum anderen war es ohnehin zu dunkel geworden, als daß sie noch etwas genau hätte wahrnehmen können.

"Ich dachte nur gerade, ich hätte jemanden gesehen...", sagte sie.

"Wen?"

"Julien."

"Julien? Unseren Julien?"

Es war nie unser Julien, dachte Beatrice verärgert, aber sie nahm Maes Bemerkung kommentarlos hin.

"Ja. Aber wahrscheinlich habe ich mich getäuscht. Weshalb sollte er nach Guernsey kommen?"

"Meine Güte, er muß sich sowieso sehr verändert haben", sagte Mae, "er ist doch jetzt bald achtzig Jahre alt, oder?"

"Siebenundsiebzig."

"Auch nicht viel besser. Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir ihn überhaupt wiedererkennen würden." Sie kicherte, und Beatrice fragte sich, was es zu kichern gab. "Und er uns zwei alte Schachteln auch nicht, fürchte ich."

Beatrice sagte nichts, schaute nur noch einmal zum Fenster hinaus, doch selbst wenn sie überhaupt noch etwas hätte sehen können, wäre der Mann, den sie einen atemlosen Augenblick lang für Julien gehalten hatte, sicher längst in der Menge verschwunden.

Ein Irrtum, dachte sie, und wegen eines Irrtums sollte, weiß Gott, mein Herz nicht so jagen!

"Komm", sagte sie zu Mae, "laß uns zahlen und dann nach Hause fahren. Ich bin müde.""In Ordnung", sagte Mae.

Leseprobe zu "Die Rosenzüchterin, 2 Cassetten" von Charlotte Link

"8 (S. 514-515)

»Es tut mir wirklich leid, was mit Helene passiert ist«, sagte Julien, »es muß entsetzlich für dich sein.« Sie hatten kaum ein Wort gesprochen, seitdem Alan und Franca gegangen waren. Julien schien tief in eigene Gedanken versunken. Er hatte noch zweimal Kaffee nachbestellt, und Beatrice hatte gedacht, daß ihm langsam das Herz bis zum Hals schlagen mußte. Er trank seinen Kaffee schwarz und ohne Zucker. Hatte er das früher schon getan? Sie überlegte, aber dann fiel ihr ein, daß es im Krieg praktisch keinen Kaffee mehr gegeben hatte, Zucker und Milch schließlich auch nicht mehr, und die schreckliche Ersatzbrühe, die man trank, wäre geschmacklich ohnehin durch nichts zu retten gewesen. »Es war ein Schock«, erwiderte sie nun auf Juliens Bemerkung hin.

»Es ist schon dann ein Schock, wenn ein Mensch überhaupt plötzlich stirbt, aber wenn es auch noch auf diese Weise geschieht ... man kann es nicht fassen. Manchmal wache ich nachts auf und denke, ich habe schlecht geträumt. Und dann begreife ich, daß es passiert ist. Daß es von jetzt an zu meinem Leben gehören wird.« Sie zuckte mit den Schultern. »Zu dem kläglichen Rest meines Lebens jedenfalls. Allzuviel Zeit wird mir sicher nicht mehr bleiben.«

»Du wirst hundert Jahre alt«, prophezeite Julien, »das bedeutet, dreißig Jahre mußt du noch durchstehen.« »Na ja«, sagte sie gleichmütig, »die schaffe ich wohl auch noch. « Sie sahen einander an, und plötzlich streckte Julien die Hand über den Tisch, und Beatrice ergriff sie. Sie hielten sich fest und atmeten beide ganz ruhig und gleichmäßig. »Manchmal denke ich ... «, begann Julien, aber er unterbrach sich und sprach nicht weiter, und sie drängte nicht, weil sie wußte, was er hatte sagen wollen: Er hatte von dem Leben sprechen wollen, das sie beide hätten führen können und das sie sich nicht gegönnt hatten, das vielleicht ein besseres gewesen wäre als das, was jeder von ihnen nun gehabt hatte; ihm mochte die absolute Unwiederbringlichkeit dieser verpaßten Chance aufgegangen sein.

»Schön, hier mit dir am Meer in der Sonne zu sitzen«, sagte er schließlich statt dessen, und dann schwiegen sie beide wieder, und Beatrice fragte sich, ob er auch befallen war von der Traurigkeit, die sie erfüllte. Verdammt, dachte sie, manches im Leben läuft einfach so schrecklich schief! Aber das gehörte dazu, und es hatte keinen Sinn, darüber zu verzweifeln. Sie versuchte, des Schmerzes Herr zu werden, blinzelte in die Sonne, hielt sich mit den Blicken an Castle Cornet fest, das so hoheitsvoll und unberührbar vor dem Hafen thronte und das ihr ganzes Leben begleitet hatte. Seine Massivität gab ihr ein wenig Ruhe zurück, ein Stück Gelassenheit. Julien sah auf seine Uhr. »Ich muß gehen«, sagte er, »ich habe noch eine Verabredung. Tut mir leid, wenn ich so abrupt ... «

Die blonde Serviererin des Sea View hatte sich genähert, blieb an ihrem Tisch stehen. »Mrs. Shaye?« fragte sie. Beatrice blickte auf. »Ja?« »Telefon für Sie. Drinnen an der Theke.« »Oh!« Sie war überrascht. Sie war noch nie in einem Cafe oder Restaurant angerufen worden. Sie stand auf. »Bitte, warte noch einen Moment, Julien, ja? Ich bin gleich wieder da.« Sie hatte den Eindruck, daß er nervös war, es wirklich eilig hatte. Sie nahm sich vor, ihn gleich zu fragen, mit wem er verabredet war. Sie hatte die ganze Zeit gedacht, er sei einfach so nach Guernsey gekommen, aus irgendwelchen sentimentalen Erinnerungen heraus, aber offenbar hatte er wirklich etwas vor. Mit mir hat er sich nie verabredet, dachte sie, und die Eifersucht war wie ein feiner Stich in ihrem Körper."

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Kundenbewertungen zu "Die Rosenzüchterin, 2 Cassetten" von "Charlotte Link"

18 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.8 von 5 Sterne bei 18 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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Bewertung von Marie aus Wickede am 02.04.2012 ***** ausgezeichnet
Habe schon so viele neuere Bücher als "Die Rosenzüchterin" von CL gelesen, aber auch dieses Buch hat mich einfach umgeworfen. Der Mord geschah erst realitv zum Schluss, aber darum geht es ja nicht wirklich. Was mich sehr begeistert hat, wie C.L. mal wieder nicht nur die verschiedenen Charakteren der Menschen dargestellt hat, sondern die wohl sehr schöne Landschaft auf dieser Kanalinsel. Ich war mitten drin! Sehr interessant auch, wenn man sich für Geschichte interessiert, die Geschichte, betreffend der einzelnen Personen, im zweiten Weltkrieg. Es macht mir einfach nur große Freude nach einem anstrengenden Tag die Bücher von C.L. zu lesen.

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Bewertung von Mariesche aus Tübingen am 07.06.2009 ***** ausgezeichnet
Wieder ein Buch von Charlotte Link das ich total verschlungen habe. Sehr schön fand ich dass Link gegen Ende nochmal einen großen Batzen Spannung drauf gepackt hat!
Unbedingt lesenswert!

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Bewertung von Vanessa am 28.07.2006 ***** ausgezeichnet
Typisch Charlotte Link, die Spannung baut sich langsam über jede einzelne Seite auf!
Ein sehr ergreifendes und interessantes Buch! Als totaler CL-Fan kann ich es natürlich nur weiterempfehlen, genau wie alle anderen bisher erschienenen Bücher von CL!



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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 05.06.2006 ***** ausgezeichnet
Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Eine spannende, aber auch sehr interessante Geschichte, die auch einiges von früher erzählt.

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Bewertung von Claudia aus Lübeck am 16.12.2005 ***** ausgezeichnet
Dieses Buch ist einfach spitze!!! Es war der erste Roman,den ich von Charlotte Link gelesen habe und ich konnte es kaum aus der Hand legen!!!



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Bewertung von Sabrina Niermeyer aus Delmenhorst am 15.09.2005 ***** ausgezeichnet
Dieses Buch ist unfassbar gut. Genauso wie die anderen Werke ´von Charlotte Link.
Ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen. Ein Muss für alle Fans von spannenden, mitreissenden Geschichten

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Bewertung von Hannelore Degenhardt am 22.03.2004 ***** ausgezeichnet
Mich hat die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Fasziniert haben mich die Einzelschicksale bzw. deren Ursprung, was aus Menschen werden kann ?!

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Bewertung von Anja aus Saarbrücken am 23.08.2003 ***** ausgezeichnet
Das Buch ist klasse wie alle Link-Bücher. Vielleicht ein bisschen anders, aber spannend und mitreissend wie immer!

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Bewertung von Petra Schuster aus Nürnberg am 24.06.2003 ***** ausgezeichnet
Aus Situationen der Gegenwart heraus wird immer wieder in die Zeit der Besatzungszeit der Insel Guernsey geblendet, bis sich - erst ganz zum Schluss - ein rundes Bild ergibt. Aber auch in der Gegenwart ist es aufregend, ein Mord geschieht und ein paar Verwicklungen, die - auch ganz zum Schluss - aufgelöst werden.

Ich fand das Buch von Anfang an spannend und zum dramatischen Schluss zu konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Die Stimmung der Insel Guernsey (die ich auch schon mal besuchte) ist sehr gut eingefangen und in den Rückblicken werden nicht große Kriegswirren und Kämpfe beschrieben, sondern sehr sensibel das Leben (und auch die Liebe) unter deutscher Besatzung. Es wird spannend erzählt, aber ein klein bißchen muss man die verstaubte Art mögen, mit der die über 70jährige Rosenzüchterin aus dieser dunklen Zeit berichtet. Ich jedenfalls habe jede Zeile genossen.

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Bewertung von Melanie Fiedler aus Porta Westfalica am 06.04.2003 ***** gut
Ich habe schon fast alle Bücher von Charlotte Link gelesen und fand dieses Buch eher langweilig. Ich habe mich darauf verlassen, dass das Buch auf Platz eins der Bestseller-Liste stand und wurde enttäuscht. Das Buch kommt im Prinzip erst zum Schluss "auf Touren".

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