Leseprobe zu "Planet Auto" von Tom Levine
Eigentlich wollte ich nur ein Auto kaufen.
Aber ich wollte es richtig machen diesmal. Überlegt. Systematisch. Ich legte also eine leere Seite Papier vor mir auf den Schreibtisch und schrieb links oben das Wort "Autokauff" darauf. Ich unterstrich das Wort zwei Mal, und dann guckte ich aus dem Fenster.
Lange. Sehr lange.
Wie kauft man eigentlich ein Auto? Eine dumme Frage. Indem ich darüber nachdachte, fand ich sie aber auf einmal gar nicht mehr so dumm. Es ist doch ganz im Gegenteil erstaunlich. Beim Discounter um die Ecke, bei dem ich mich mit allen Dingen des täglichen Bedarfs und diesen praktischen Schraubendrehersets eindecken kann, gibt es doch sonst fast alles. Die haben dort zeitweise Satellitenschüsseln im Angebot und Motorsägen, Cocktailkleidchen, Aktien, Flugtickets, im Einzelfall sogar Klobrillen. Nur Autos, die verkaufen die dort nicht.
Für Autos gibt es Autohäuser. In denen aber gelten Gesetzmäßigkeiten, die der Discounter nicht kennt. Es fängt schon damit an, dass man sich vorbereiten muss, bevor man ein Autohaus betritt. Man sollte nämlich wissen, für welches Auto man sich interessiert, für welches Modell, welchen Motor - sonst geht das sehr wahrscheinlich schief. Wenn man das Verkaufspersonal dazu bringen möchte, sich ins Zeug zu legen, muss man in das Beratungsgespräch zudem Fachausdrücke einflechten. "Mir erscheint der Wagen mit 190 PS etwas untermotorisiert." Vorkenntnisse sind auch sehr wichtig. "Ich habe mir sagen lassen, dass die Fünfstufen-Tiptronic dem Schaltgetriebe in der Fahrdynamik deutlich überlegen ist. Sehen Sie das auch so?" Und wenn alles gut geht, dann verlässt man das Autohaus mit ein paar Broschüren, aber ohne einen Kaufvertrag.
Der durchschnittliche deutsche Mann, habe ich irgendwo gelesen, braucht zwei Jahre, um sich ein neues Auto zu kaufen. Ich könnte mir also etwas Zeit nehmen.
Ich ließ den leeren Zettel zurück und machte mich auf den Weg. Ich wollte Vorkenntnisse sammeln, mir einen Überblick verschaffen. In der Innenstadt gibt es eine gut sortierte Buchhandlung, in der man, was man lesen, aber nicht kaufen will, bei einer Tasse Kaffee durchblättern kann. Ich suchte dort mit mäßigem Erfolg die Sachbuchregale ab, dann nahm ich mir einen Stapel Fachzeitschriften und suchte mir schließlich einen warmen, behaglichen Sessel in der Nähe des Kaffee-Ausschanks. Das Taschenbuch mit einer sozialpädagogischen Abhandlung über den kollektiv neurotischen Charakter des Automobilismus legte ich schnell wieder beiseite. Was für ein Unsinn. Den Bildband über hübsche Sportwagen auch. Schön wär's. Die Zeitschriften gewährten mir immerhin Zutritt in die fremde Welt der Einspritzpumpe, des Drehmoments und des doppelten Dreieckslenkers. Staunend las ich von bulligen Boliden, ruppigen Triebwerken und üppig dimensionierten Hochleistungsbremsanlagen. Ich verglich Modelle und Marken, Segmente und Sicherheitsnormen. Ich nahm den aktuellen Stand der Navigationstechnologie zur Kenntnis und die Wut über die Benzinpreisentwicklung. Ich wälzte Verbrauchs- und Verlässlichkeitslisten, bis ich mich in zahllosen Fahrberichten verlor.
Vielleicht lag es an der Zeit, der Wärme, vielleicht am Kaffee: Irgendwann verstand ich nichts mehr. Die Dinge vermischten sich, die Modellnamen, die technischen Details und Errungenschaften. ESP, CKD, HUD und SIPS, alles wurde plötzlich eins, mein Blättern hektischer, die Gesichtshaut rötete sich. Von einem Nachbartisch erntete ich einen missbilligenden Blick. Es muss von dort aus ausgesehen haben, als studierte ich heimlich billige Pornoheftchen.
Ich ergriff also die Flucht. Draußen dröhnte der Feierabendverkehr. Langsam klärte sich mein Hirn. Aber ich war beunruhigt.
Wir alle sind ständig mit Autos unterwegs. Wir sind ein Volk von Autofahrern. Unsere Kultur, unsere Wirtschaft, unsere Städte, unsere Landschaft sind vollständig eingestellt auf das Automobil. Wir mögen das Auto lieben oder hassen, in keinem Fall kommen wir an ihm vorbei. Manche von uns sterben im Auto, manche leben nur in ihm so richtig auf, manch einer lebt auch von ihm. Das Auto ist allgegenwärtig. Die Gegenwart ist automobil.
Aber wenn über Autos geredet wird, dann stehen plötzlich nur noch dynamische Fahrwerke im Vordergrund, die Beinfreiheit im Fond oder die hohen Benzinpreise. Das muss einen doch verwundern. Es geht beim Autofahren schließlich nicht nur um Technik, um Zahlen, um messbare Werte. Es geht doch zum Beispiel auch um Gefühle. Oder um das, was in unseren Köpfen passiert, wenn wir fahren. Um das, was wir mit uns und mit unseren Mitmenschen erleben, im Stau oder im Geschwindigkeitsrausch auf der Überholspur.
Ich hätte da so eine Theorie. Vielleicht redet und schreibt -von wenigen leuchtenden Ausnahmen abgesehen - kaum mehr einer über die emotionale, die menschliche und die soziale Dimension des Autofahrens, weil wir gerade im deutschsprachigen Raum völlig verlernt haben, solch eine Diskussion auch einmal gut gelaunt zu führen. Es gibt eine heimliche gesellschaftliche Verabredung, der zufolge Autofahren im Grunde gefühlskrank, unmenschlich oder asozial sei. Es findet sich zumindest immer jemand, der ernsthaft danach fragt, warum wir immer noch nicht umgestiegen sind in den Bus oder nur noch Drei-Liter-Autos fahren (drei Liter Verbrauch, nicht drei Liter Hubraum). Und so etwas macht jedes Mal schlechte Laune, deshalb reden wir dann lieber über adaptive Dämpfungssysteme, was auch immer die dämpfen sollen. Hauptsache, die Besserwisser können dann nicht mehr mitreden.
Ich gestehe, dass mir das nicht gereicht hat.
Ich habe mich deshalb auf die Suche gemacht. Ich habe gesammelt: Fragen, Antworten, Eindrücke, Erlebnisse, Kommentare, Interpretationen, auch Kuriositäten. Abseits des Mainstreams der Motormedien habe ich eine ziemlich facettenreiche und faszinierende automobile Welt gefunden, die ich zuvor kaum wahrgenommen hatte. Mein Buch soll Einblicke bieten in diese wunderliche Alltagswelt und in unsere automobile Gesellschaft. Es soll die eigenartigen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt aufzeigen und Antworten geben auf Fragen, die wir uns immer schon heimlich gestellt haben. Es soll erklären helfen, wie wir Menschen ticken, wenn wir Autos kaufen und wenn wir Autos lenken. Es soll aufzeigen, wie wenig wir darüber wissen, warum der Straßenverkehr manchmal stockt, warum manche Leute partout nicht einparken können oder wie sich Unfälle wirklich vermeiden lassen. Das Buch lädt ein, einen Blick hinter die menschlichen und die sozialen Kulissen der Autowelt zu werfen. Und tief hinein in die menschlichen Gehirnwindungen.
Eigentlich wollte ich nur ein Auto kaufen. Nun ist erst mal ein Buch dabei herausgekommen.
Der unbekannte Planet Ein Wunder vor dem Kühlergrill oder:
Warum auf der Straße besondere Gesetze gelten Ich habe da ein Problem. Keine große Sache eigentlich, aber doch so irritierend, dass es mich nicht loslässt.
Es ist nämlich so: Wenn ich unter Zeitdruck in die Stadt fahre, dann lande ich seit einiger Zeit unausweichlich hinter jemandem, der maximal 38 Stundenkilometer schnell fährt.