Leseprobe zu "Mein fremder Sohn" von Portia Iversen
Es war sein Geist, hinter dem sie her waren. Sie waren gekommen, um ihn zu holen.
Bevor jemand sie benennen konnte, lange bevor ich wusste, wer sie waren, wusste ich schon, dass sie sich in unserem Haus eingenistet hatten. Ich kann nicht sagen, woher. Nur dass ich sie spüren konnte. Nicht, dass ich das wollte. Im Gegenteil. Denn es waren sehr, sehr finstere Erscheinungen. Und es gab keine Möglichkeit, sie wieder loszuwerden.
Manchmal konnte ich sie hören, spät nachts, wenn es im Haus ganz still war; ein Knarren, ein unerklärliches Zischen, ein dumpfer Knall, ein Pfeifen aus dem Nichts. Und wenn ich die Augen schloss, spürte ich, wie Schatten über mich hinwegglitten, wenn sie durch das Haus schwebten und unsichtbar durch den Kamin nach oben zogen, hinaus ins All, wer weiß wohin. Ich mochte nicht darüber nachdenken, woher sie kamen oder wohin sie gingen. Das machte mir zu viel Angst. Dov war doch noch ein kleines Kind und schon versuchten dunkle Mächte, ihn uns wegzunehmen. Früher oder später würde ich sie dabei erwischen, wie sie über seinem Bettchen kreisten. Ich war sicher, dass sie das taten, sobald ich wider Willen einschlief.
Ein gewaltiger dumpfer Schlag rüttelte mich wach. Mein Herz schlug wie zwei Fäuste gegen meine Brust. Wie lange hatte ich geschlafen? Mein Blick huschte zum Kinderbett hinüber, das ich doch eigentlich bewachen sollte. Mein Sohn war noch da. Ich konnte ihn durch die weißen Gitterstäbe sehen. Er schlief. Sein kleiner Körper hob und senkte sich leise mit jedem Atemzug.
Nacht für Nacht saß ich an seinem Bettchen. Ich wusste, dass er uns entglitt, aus unserer Welt entschwand. Und ich konnte nichts dagegen tun. Niemand könne etwas tun, wurde mir gesagt. Daher tat ich das Einzige, was ich tun konnte: Ich wachte über ihn, auch wenn ich wusste, dass es sinnlos war, weil ich nicht über seinen Geist wachen konnte. Und eines Tages passierte es. Er war fort.
1. Gefangener Geist Es gibt auf dieser Erde eine kleine Gruppe von Menschen, denen etwas so Verheerendes zugestoßen ist, dass sie aufgehört haben, an Gott zu glauben. Und diese vom Blitz Getroffenen haben eines gemein: eine tief sitzende, dauerhafte Anfälligkeit für den Glauben an ein Wunder. Allein, weil etwas so unfassbar Schreckliches geschehen konnte, scheint es eine ebenso große Wahrscheinlichkeit zu geben, dass auch ein Wunder geschehen kann. Auch wenn ich mir damals nicht darüber im Klaren war, bin ich mir heute sicher, dass es eben dieser latente Wunderglaube war, der sich in mir regte, als ich zum ersten Mal von Tito Mukhopadhyay hörte.
Es war an einem regnerischen Frühlingstag im Jahr 1999. Ich nahm an einer Tagung an der Rutgers University in New Jersey teil, die den Titel "Attention and Arousal in Autism" ("Aufmerksamkeit und Erregung bei Autismus") trug und die ich für die Forschungsstiftung "Cure Autism Now (CAN)" organisiert hatte. Unser Sohn Dov war sieben Jahre alt.
"Es gibt da einen Jungen, von dem Sie wissen sollten", sagte Francesca Happé und bedeutete mir, mich zu ihr zu setzen. "Er heißt Tito." Die bekannte, auf Autismus spezialisierte englische Psychologin fuhr fort: "Er ist elf Jahre alt und lebt in Indien. Sein Autismus ist stark ausgeprägt, aber er kann lesen und schreiben und ist sehr intelligent."
Sie lächelte mich an und hielt einen Augenblick inne, bevor sie weitersprach, als wolle sie meine Reaktion abwarten.
"Tito schreibt auch wunderbare Gedichte", fuhr sie fort. "Er hat sogar ein Buch veröffentlicht, eine Autobiografie mit einigen seiner Gedichte."
"Und er ist wirklich Autist?", fragte ich ungläubig, weil ich dachte, ich hätte mich verhört. "Ja, definitiv."
Englische Kollegen von Francesca hatten zuerst von dem schwer autistischen indischen Jungen gehört, der mit Hilfe seiner Mutter gelernt hatte, sich durch das Zeigen auf eine Buchstabentafel mit anderen Menschen zu verständigen. Natürlich hatten sie anfangs nicht geglaubt, dass er wirklich autistisch war, da ein tiefgreifendes Defizit der Kommunikationsfähigkeit zu den Hauptmerkmalen der Störung gehört. Daher luden sie Tito und seine Mutter nach England ein, um ihn von Experten untersuchen zu lassen und eindeutig zu klären, ob, und wenn ja, in welchem Ausmaß Tito autistische Störungen aufwies. Zu ihrer Überraschung erfüllte er tatsächlich sämtliche Kriterien einer Autismusdiagnose.
"Glauben Sie, dass es weitere Fälle wie Tito geben könnte?", fragte ich Francesca, wobei ich mich bemühte, nicht zu hoffnungsvoll zu klingen.
"Es gibt nur einen Tito auf der Welt und niemanden, der ihm gleicht. Ein einzigartiger Fall", erwiderte sie entschieden.
Auch ich wusste, dass man noch nie von einem weiteren Menschen gehört hatte, der unter einer derart schweren Form von Autismus litt und dennoch schreiben und sich selbstständig mitteilen konnte. Aber bestand nicht doch eine kleine Chance, dass es weitere Autisten gab, die äußerlich genauso wirkten und sich genauso verhielten wie Tito, nur nicht gelernt hatten, zu kommunizieren? Und konnte Tito uns vielleicht einen nie da gewesenen Einblick in die schwerste Form von Autismus eröffnen?
Gleich nach dem Ende der Tagung fing ich an, mich mit Francesca Happé, die sich wieder in England aufhielt, per E-Mail auszutauschen. Ich musste Tito finden. Leider hatte Francesca seine Adresse nicht mehr und musste mir mitteilen, dass ihre Versuche, Tito und seine Mutter Soma in Indien ausfindig zu machen, gescheitert waren. Die beiden müssten ständig umziehen, weil die Menschen in Indien sehr abergläubisch seien und Angst vor Tito hätten. Aber vielleicht könnte ich sein Buch über die National Autism Society of the United Kingdom erhalten. Außerdem habe die BBC bei Titos Englandaufenthalt einen Dokumentarfilm über ihn gedreht, der allerdings schwer zu bekommen sei.
Francesca hatte nicht verstanden, worum es mir ging. Es ging nicht darum, dass ich Tito treffe, sondern es ging um das Leben meines Sohnes. Oder es war so, als hätte man mir gesagt, dass es vielleicht - nur ganz vielleicht - möglich sei, jemanden von den Toten zu erwecken.Bevor Dov autistisch wurde, hatte ich als Drehbuchautorin für Fernsehkomödien gearbeitet und davor als Art-Director und Ausstatterin.
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