Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland, 2 Bde.
Die erste umfassende Darstellung des literarischen Lebens in der
Bundesrepublik und der DDR nach 1945: ein Standardwerk
Literaturfunktionäre wie Kasimir Edschmid oder Frank Thiess, die in
den ersten Jahren nach 1945 die Diskussion bestimmten, sind heute
vergessen. Sie stehen für eine fast bruchlose Kontinuität zur Zeit
des Nationalsozialismus: völkisch, opportunistisch,
möchtegern-elitär. Schaut man sich die damalige Szenerie in
Deutschland genauer an, so wird kenntlich, dass es kaum jemanden
gab, der an demokratische Traditionen anknüpfte. Der Hass, der
einer Symbolfigur wie Thomas Mann entgegenschlug, spricht Bände;
ebenso die Tragik Alfred Döblins nach seiner Rückkehr Ende 1945.
Auf der anderen Seite vollzieht sich der kometenhafte
Wiederaufstieg von Gottfried Benn, der durch seine radikale und
elitäre Ästhetik ebenso wie durch seinen stilisierten Solipsismus
vielfältige Identifikationsmöglichkeiten bot. Die raren Ansätze
selbstbestimmten Denkens - wie die in Dolf Sternbergers
"Wandlung" vertretenen - verpufften; das
Wirtschaftswunder beförderte eine enorme Verdrängungsleistung. In
den Westzonen dominierte eine Natur- und Schicksalsmetaphorik, oft
christlich überhöht - die "Heile Welt" Werner
Bergengruens wurde zum Programm. Gertrud von le Fort dichtete:
"Die Schuld ist ausgeweint". In der Ostzone dagegen
wirkten die totalitären Strukturen in anderer Form weiter: Die
stalinistische Kampfansage gegen "Formalismus" und
"Kosmopolitismus" war in Deutschland durch die "Blut
und Boden"-Ideologie bestens vorbereitet worden, und der
DDR-Kulturpolitiker Johannes R. Becher erwies sich seinen
westdeutschen Kontrahenten K. Edschmid und F. Thiess gegenüber als
ebenbürtig.
Erstmals werden Materialien zur Gründungsgeschichte der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt veröffentlicht. Sie
dokumentieren wie in einem Brennspiegel den Geist der "Inneren
Emigration", des Kalten Kriegs und der Bundesrepublik unter
Konrad Adenauer - schwierige Ausgangsbedingungen für die
"Junge Generation" um die Gruppe 47. Erst Mitte der
fünfziger Jahre sind Anzeichen einer Nachkriegsmoderne, sind erste
Lockerungsübungen deutlicher erkennbar. Die Ausstellung betont, wie
mühsam es war, die von außen ermöglichten demokratischen Strukturen
auszufüllen und zu behaupten, und sie zeigt die Leistung der
"Außenseiter". Auch zahlreiche Ton- und Filmdokumente
vergegenwärtigen "Literarische Szenen aus
Nachkriegsdeutschland".
Ausstattung/Bilder: 2009. 418, 438 S. m. zahlr. Abb.
Seitenzahl: 880
Deutsch
Abmessung: 246mm x 162mm x 69mm
Gewicht: 2100g
ISBN-13: 9783835304338
ISBN-10: 383530433X
Best.Nr.: 26168086
»Die Ausstellung muss nicht zuletzt aufgrund der beschränkten Platzverhältnisse im Berliner Literaturhaus vieles weglassen, was in dem eindrucksvollen und äußerst lesenswerten Katalog enthalten ist. Dieser wird noch ergänzt durch einen Materialienband, in dem einzelne Autoren und zentrale literarische Orte der Nachkriegszeit behandelt werden. Wer sich in Zukunft mit der literarischen Nachkriegszeit auseinandersetzen möchte, wird an diesen Büchern nicht vorbeikommen.« (Ulrich Rüdenauer, Frankfurter Rundschau, 28.4.2009) »mit einer Überfülle sprechender, anschaulicher und teilweise sensationell neuer Dokumente (...) Und man darf schon heute sagen: für das große deutsche Gedächtnisjahr 2009 dürfte hier, in literaturgeschichtlicher Hinsicht, die wichtigste Tat vollbracht sein.« (Tilman Krause, Die Welt, 28.4.2009)
Helmut Böttiger, geboren 1956, war viele Jahre Kulturredakteur bei großen Tageszeitungen und lebt als freier Autor und Kritiker in Berlin. Der promovierte Germanist hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und kuratierte mehrere Literatur-Ausstellungen. 1996 erhielt er den Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik. Er lehrte als Gastprofessor für Literaturkritik an der Georg-August-Universität Göttingen und gehört verschiedenen Jurys an, unter anderm der SWR-Bestenliste mit Buch-Empfehlungen. 2012 wurde er mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.
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