Historisches und kritisches Wörterbuch - Bayle, Pierre

Pierre Bayle 

Historisches und kritisches Wörterbuch

Eine Auswahl der philosophischen Artikel. Einl., hrsg. u. übers. v. Günter Gawlick u. Lothar Kreimendahl

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Historisches und kritisches Wörterbuch

Das 1697 in erster Auflage erschienene Dictionnaire historique et critique von Pierre Bayle ist als die "Bibel der Aufklärung" bezeichnet worden, oder, in den Worten Wilhelm Diltheys, als die "Rüstkammer der Aufklärung". Seine immense Bedeutung für das ausgehende 17. und das darauffolgende "Jahrhundert der Aufklärung" ist immer wieder auch von prominenter Seite bezeugt worden.

Gleichwohl führt dieses für die europäische Aufklärung und Ideengeschichte zentrale Werk, das 1740 bereits in 8. Auflage in vier voluminösen Foliobänden vorlag, in der deutschen Aufklärungsforschung ein Schattendasein. Das liegt in erster Linie daran, daß bislang keine erschwingliche Ausgabe auf dem Buchmarkt greifbar war.

Die Attraktion, die Bayles Wörterbuch auf die zeitgenössischen Leser ausübte, beruht in erster Linie auf dem skeptischen Geist, der das ganze Werk durchzieht. Bayle unterzieht Philosophie und Theologie, aber auch alle anderen Disziplinen hinsichtlich ihrer Methoden, Gegenstände und Ergebnisse einer kritischen Revision. Dieser aus dem Wörterbuch sprechende Geist einer nüchternen Rationalität traf den Geist und das Lebensgefühl des 18. Jahrhunderts, das sich nach Kants Worten nur dem verpflichtet fühlte, was vor dem "Richterstuhl der Vernunft" legitimiert worden war. Bayle steht am Anfang dieser Entwicklung und pocht unbeirrbar auf die Rechte der Vernunft, die sich für ihn in einer vorurteilsfreien Prüfung des überlieferten Wissenstandes manifestieren. Ein Resultat dieses Ansatzes ist die Forderung von Toleranz.

Aus den mehr als 2000 Artikeln des Wörterbuchs sind die philosophisch bedeutendsten Artikel (gut 30 an der Zahl) ausgewählt und übersetzt worden. Dabei ist das Wort "philosophisch" in einem weiteren Sinne zu verstehen als heute üblich. Bayle faßt darunter den Gesamtbereich des rationalen Wissens. Deshalb fällt dieses Wörterbuch nicht, wie der Titel nahelegen könnte, bloß in den Bereich der Geschichte oder der Philosophie im engeren Sinne, sondern umfaßt die heute sogenannten Geisteswissenschaften in toto.

Bayles Wörterbuch ist somit unserem heutigen Sprachgebrauch nach interdisziplinär angelegt und auch für die geisteswissenschaftlichen Fächer neben Philosophie und Geschichte von immenser Bedeutung.


Produktinformation

  • Verlag: Meiner
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 750 S.
  • Philosophische Bibliothek Bd.542
  • Deutsch
  • Abmessung: 199mm x 134mm x 40mm
  • Gewicht: 640g
  • ISBN-13: 9783787316199
  • ISBN-10: 3787316191
  • Best.Nr.: 10620504
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 11.04.2003

Kuriositäten für die skeptische Vernunft
Eine neue Auswahl aus dem gelehrten Kunterbunt des Pierre Bayle
Im Jahr 1697 erschien bei dem Rotterdamer Verleger Leers das wahrscheinlich erfolgreichste Lexikon des 18. Jahrhunderts, der „Dictionnaire Historique et Critique” – 2 Folianten mit insgesamt zweieinhalbtausend Seiten. Sein Verfasser, der französische Hugenotte Pierre Bayle, hatte dieses Lexikon in nur vier Jahre fertiggestellt. Aber aus einem Guss war es nicht geraten. Eigentlich war es gar nicht als selbständiges Werk geplant, sondern als Korrektiv zum „Grand Dictionnaire Historique” (1674) von Louis Moréri, dessen Fehler Bayle berichtigen wollte. So einfach war es aber keineswegs: Moréris Dictionnaire hatte katholische Tendenzen, die dem Reformierten Bayle nicht gefielen. Also schrieb er ein kritisches Konkurrenzlexikon; die Lust an der Polemik prägte alle Artikel.
Johann Christoph Gottsched, der Bayles Dicionnaire 1741-45 in Deutsche übersetzte –besser übersetzen ließ – , hat „Dictionnaire” mit „Wörterbuch” wiedergegeben; das lässt eher an ein grammatikorientiertes Wörter- Verzeichnis denken. Das aber ist Bayles …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 07.05.2003

Goldkörner im Trümmerfeld
Beste Vorschule: Pierre Bayles Wörterbuch in einer Auswahl

Es kommt selten vor, daß die Historiker der Philosophie einen neuen Kandidaten in ihr Pantheon aufnehmen. Pierre Bayle (1647 bis 1706), einem Hugenotten aus Südfrankreich und Zeitgenossen Ludwigs XIV., ist diese Rangerhöhung in den vergangenen vierzig Jahren widerfahren. Und noch seltener kommt es vor, daß in Deutschland, dem Land der System- und Ganzheitsdenker, ein Gelehrter, der den Mindestanforderungen auf diesem Gebiet nicht entspricht, sich im Kanon etabliert. Dafür sind nun zumindest Anzeichen zu vermelden. Als sich das Erscheinungsdatum von Bayles Hauptwerk, das seinerzeit heftig diskutierte Dictionnaire historique et critique 1996 zum dreihundertsten Male jährte, blieben hierzulande die Ehrungen bescheiden. Mochten Frankreich und England längst ihre Auswahlausgaben haben, in Deutschland feierte man Bayle mit einem Reprint der teueren und unzuverlässigen Übersetzung des Dictionnaire durch Gottsched aus dem achtzehnten Jahrhundert. Damit war bewiesen, daß Bayle immer noch nichts in den deutschen Seminaren zu suchen hatte.

Mit der …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Markus Völkel ist zufrieden, gibt aber für die Lektüre einiges zu bedenken. Zunächst einmal hält er dieses "sorgfältig übersetzte" und "gründlich kommentierte" Buch für einen enormen Schritt in die richtige Richtung, nämlich die einer lange überfälligen akademischen Rezeption des Aufklärungsphilosophen Pierre Bayle. Der habe in seinem "Dictionnaire" - einem "Hauptwerk" seiner Epoche - die für Philosophen des 17. Jahrhunderts dringenden Fragen gestellt und kritisch betrachtet. Dem Denker Bayle werde also hiermit zu Recht und Anerkennung verholfen, seine Ideen werden für deutsche Leser diskutierbar. Aber, so Völkel, das französische Original des "Dictionnaire" offenbare auch den historischen Gelehrten Bayle, aus dessen Faktenlabyrinthen die Herausgeber hier nur die denkerischen Perlen gepickt haben. Das sei angesichts der ursprünglichen Länge von 3300 Seiten verständlich und auch vom inhaltlichen Standpunkt nicht ohne Berechtigung, aber es sei eben auch einschränkend. Die jetzt vorliegende Auswahl sei also "eine ausgezeichnete Vorschule für künftige Bayle-Leser und der seit langem in Deutschland ausgebliebene Hinweis auf die überragende Bedeutung dieses Autors".

© Perlentaucher Medien GmbH
Günter Gawlick, geb. 1930, em. Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum, ist Herausgeber von Werken Thomas Hobbes', Spinozas und David Humes in der "Philosophischen Bibliothek".

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