Dieses für die europäische Aufklärung und Ideengeschichte zentrale
Werk, das 1740 bereits in 8.Auflage in vier voluminösen Foliobänden
vorlag, führte in der deutschen Aufklärungsforschung ein
Schattendasein. Das lag in erster Linie daran, daß bislang keine
erschwingliche Ausgabe auf dem Buchmarkt greifbar war. Die
Attraktion, die Bayles Wörterbuch auf die zeitgenössischen Leser
ausübte, beruht in erster Linie auf dem skeptischen Geist, der das
ganze Werk durchzieht. Bayle unterzieht Philosophie und Theologie,
aber auch alle anderen Disziplinen hinsichtlich ihrer Methoden,
Gegenstände und Ergebnisse einer kritischen Revision. Dieser aus
dem Wörterbuch sprechende Geist einer nüchternen Rationalität traf
den Geist und das Lebensgefühl des 18.Jahrhunderts, das sich nach
Kants Worten nur dem verpflichtet fühlte, was vor dem
"Richterstuhl der Vernunft" legitimiert worden war.
Bayle steht am Anfang dieser Entwicklung und pocht unbeirrbar auf
die Rechte der Vernunft, die sich für ihn in einer vorurteilsfreien
Prüfung des überlieferten Wissenstandes manifestieren. Ein Resultat
dieses Ansatzes ist die Forderung von Toleranz. Aus den mehr als
2000 Artikeln des Wörterbuchs sind die philosophisch bedeutendsten
Artikel (gut 30 an der Zahl) ausgewählt und übersetzt worden. Dabei
ist das Wort "philosophisch" in einem weiteren Sinne zu
verstehen als heute üblich. Bayle faßt darunter den Gesamtbereich
des rationalen Wissens.
Deshalb fällt dieses Wörterbuch nicht, wie der Titel nahelegen
könnte, bloß in den Bereich der Geschichte oder der Philosophie im
engeren Sinne, sondern umfaßt die heute sogenannten
Geisteswissenschaften in toto. Bayles Wörterbuch ist somit unserem
heutigen Sprachgebrauch nach interdisziplinär angelegt und auch für
die geisteswissenschaftlichen Fächer neben Philosophie und
Geschichte von immenser Bedeutung.