Aufklärung und Esoterik

Aufklärung und Esoterik

Rezeption - Integration - Konfrontation

Herausgeber: Neugebauer-Wölk, Monika. Unter Mitarb. v. Andre Rudolph
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Aufklärung und Esoterik

The Age of Enlightenment continues the debate with traditional elements from Neo-Platonism and Hermetism, Pythagoreanism, magic, alchemy and Kabbalah which today are subsumed under the heading of early modern age esotericism. The reactions range from the critical or historicising to emphatic acceptance and integration. At the same time, however, the discourse of the age also gives rise to polemic confrontations with the newly emerging esoteric formations. The papers in this volume explore these tense constellations with their progression in the 18th century.

Im Zeitalter der Aufklärung hält die Auseinandersetzung mit Traditionsbeständen aus Neuplatonismus und Hermetismus, Pythagoreismus, Magie, Alchemie und Kabbala an, die heute unter dem Begriff der frühneuzeitlichen Esoterik zusammengefasst werden. Das Spektrum der Aneignung reicht dabei von kritischer oder historisierender bis hin zu emphatisch zustimmender Rezeption und Integration. Doch kommt es auch zu polemischen Konfrontationen mit den neu entstehenden esoterischen Formationen im Diskurs der Epoche. Die Beiträge des Bandes erkunden diese spannungsreichen Konstellationen mit ihren Verlaufswegen im 18. Jahrhundert.


Produktinformation

  • Verlag: Niemeyer, Tübingen
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2008. VI, 518 S.
  • Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung Bd.37
  • Deutsch
  • Abmessung: 232mm x 159mm x 35mm
  • Gewicht: 755g
  • ISBN-13: 9783484810372
  • ISBN-10: 3484810378
  • Best.Nr.: 25642931
Andre Rudolph, geboren 1975 in Warschau, wuchs in Leipzig auf, studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik. Er lebt als freier Autor und Übersetzer aus dem Englischen und Polnischen in Leipzig und verfasste Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Zu seinen Auszeichnungen gehören der Lyrikpreis Meran 2010, der Kranichsteiner Literatur-Förderpreis 2010 und der Wolfgang-Weyrauch Förderpreis 2011.

Leseprobe zu "Aufklärung und Esoterik"

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Leseprobe zu "Aufklärung und Esoterik"

MANFRED BEETZ (Halle) (S. 131-132)

Lessings vernünftige Palingenesie

In den Weltreligionen des Hinduismus, Buddhismus, Islam, Judentums, Christentums und insbesondere den dazu alternativen religiösen Traditionen begegnen uns unterschiedliche Ausprägungen der Lehre von einer Seelenwanderung und Wiedergeburt, Ausprägungen, wie sie Helmut Zander in seinem Standardwerk Geschichte der Seelenwanderung eindrucksvoll belegt hat.1 Hinter dieser erstaunlichen weltweiten Karriere der Konzepte einer Neugeburt und Metempsychose wird man als gemeinsame Motivation Strategieversuche zur Bewältigung der Todesangst und des Verlustes Nahestehender vermuten dürfen, bleibt doch bei diesen Konzeptionen den Verstorbenen eine zwar vom empirischen Erfahrungsraum getrennte, gleichwohl aber hoffnungsvolle Option.

Im christlichen Abendland des 18. Jahrhunderts fällt auf, dass sich für Seelenwanderungs- und Palingenesievorstellungen nicht irgendwelche Nischen-Esoteriker aufgeschlossen zeigten, sondern zahlreiche namhafte Autoren und unter ihnen gerade die führenden Aufklärer: Leibniz, Lessing, Herder, Wieland, Lichtenberg, Goethe, der junge Schiller, der vorkritische Kant innerhalb der Reichsgrenzen wie außerhalb ihrer Locke, Hume, Bonnet oder Voltaire. Dass sich Freidenker wie Lau, Edelmann, Reimarus, Schade oder Weishaupt, die mit der christlichen Unsterblichkeitslehre ihre verständlichen Probleme hatten, der Sache annahmen, kann wenig überraschen.2

Wie aber ist es zu erklären, dass eine Leitfigur der deutschen Aufklärung wie Gotthold Ephraim Lessing ausgerechnet von der modernen Esoterik, von Theosophie und Anthroposophie als überragende Autorität und verlässlicher Gewährsmann reklamiert wurde? Die Frage führt ins Zentrum des von Monika Neugebauer-Wölk initiierten und geleiteten Forschergruppenprojekts der DFG „Die Aufklärung im Bezugsfeld neuzeitlicher Esoterik“. In ihm stellen sich auf breiterer Basis für die Aufklärungsforschung fundamentale Fragen: Welche esoterischen Traditionen sind latent oder offen in der Aufklärung zu eruieren?

Wie wurden die esoterischen Konzepte umgekehrt von der Aufklärung modifiziert? Martin Mulsow geht in seiner Studie zum Radikalaufklärer Georg Schade auf das Modell der Archäenwanderung ein, die einen aufsteigenden Weg von der mineralogischen über die tierische bis zur menschlichen Seele verfolgt. Schades „vernünftige Metempsychosis“ beinhalte die Neuverbindung der Seele nach dem physischen Tod mit einem subtileren Körper. 4 Auch A. G. Baumgartens Palingenesievorstellungen und das Konzept körperlicher Sublimationsstufen bei G. F. Meier stellt Mulsow in den Rahmen einer „Vernünftigen Hermetik“.

Sie funktioniere als Scharnier, um Leibnizsche Monadenlehre und Wolffschen Rationalismus mit einer deistischen Religionsphilosophie zu verbinden. Mulsow hat in seinem Tagungsbeitrag Vernünftige Metempsychosis grundlegende Problemstellungen angeschnitten, richtungweisend auch für unseren Beitrag: „Warum sind Lehren wie die von der Seelenwanderung als Aufklärung verstanden worden?“7 Wie beeinflussen sich Aufklärung und Esoterik wechselweise?

Treten Assimilationsprozesse auf? Mulsow geht in beiden Publikationen kurz auf Lessing ein, zunächst auf den jüngeren Lessing, der 1760 van Helmonts Archäenlehre im Kontext einer „vernünftigen Hermetik“ situierte und mit J. F. W. Jerusalems Vervollkommnungstheorie sympathisierte, im zweiten Beitrag weist er darauf hin, dass Lessing Bonnet nicht in christlicher Sicht, sondern im esoterischen Sinn aufgenommen und weitergeführt habe.

Im spinozistischen Hen kai pan gehe ein beständiger Übergang perfektibler Wesen zu höherer Gestalt vor sich.8 Schon Bollacher hatte 1978 die Beobachtung gemacht, dass sich aufklärerisches Denken mit der Propagierung der Seelenwanderung verbunden habe.9 Wie sich beides miteinander vertrage, welche Legitimation die Liaison von Aufklärung und Esoterik erfahre, blieb offen und ist nach Monika Ficks zutreffender Bestandsaufnahme der Forschung im Lessing-Handbuch 2004 noch immer ein Desiderat.

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