 | Besprechung |
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Schwere Zeiten für Autoren, wenn Literaturkritiker jetzt auch noch die besseren Romane schreiben. Zumal es dem 46-jährigen Paul Ingendaay mit seinem Debüt "Warum du mich verlassen hast" gelingt, den angestaubten Internatsroman zu reaktivieren. Ingendaay bleibt komplett innerhalb der Genre-Konventionen, wenn er seinen Helden die üblichen Pubertätsnöte berichten lässt, die durch den Terror des katholischen Jungeninternats noch gedoppelt werden: schickanierende Brüder und Schwestern, der Spott der Mitschüler und die Abwesenheit von Mädchen. Wenn der 15-jährige Marko wegen der Trennung seiner Eltern verzweifelt oder sich um den kleinen Bruder sorgt, bleibt wegen fehlender Bezugspersonen nur eine Flucht in die Bücherwelt. Fantastisch, wie sensibel und authentisch Ingendaay die Sprache seines pubertierenden Helden austaxiert. Mal spricht Marko mit den Worten seiner religiösen Peiniger, dann imitiert er die literarischen Helden von "Robinson Crusoe" bis "Der große Gatsby". Da ist es unnötig, dass der Roman zum Ende in eine Krimihandlung mündet. Denn was bitte ist zeitgemäßer, als wenn man auf der Suche nach Sinn beim Nihilismus landet? (cs)
 | Besprechung von 04.12.2008 |
Bücher
Die Erben des Zöglings Törleß
Beziehungsgefüge und Innenleben von Internatsschülern inspirieren
die Gegenwartsliteratur
Wortsucher
Ein Jungen-Internat an der amerikanischen Ostküste um 1960. Die
Sprösslinge privilegierter Familien werden hier auf ein Studium in
Yale oder Harvard vorbereitet. Doch anders als man es vielleicht
erwarten würde, ist der Unterricht vor allem musisch ausgerichtet.
Nicht wenige der Schüler träumen von einem Leben als
Schriftsteller. Höhepunkt eines jeden Schuljahres ist die Visite
eines berühmten Dichters und der damit verbundene
Schreibwettbewerb, bei dem es eine Audienz mit dem prominenten Gast
zu gewinnen gibt. Für den Ich-Erzähler des Romans „Alte Schule” von
Tobias Wolff scheint sich ein Traum zu erfüllen, als der Besuch
seines Idols Ernest Hemingway angekündigt wird. Doch statt den
Wettstreit für sich zu entscheiden, erleidet er eine beschämende
Niederlage, die sein Leben verändern wird. Wolffs sensibler Roman
erzählt davon, wie nah Selbsttäuschung und Selbsterkenntnis
beieinander liegen, und demonstriert auf bezwingende Weise die
suggestive Kraft der …
"Ein spannender, anrührender und komischer Roman."<br />Frizz 12/2007 <br />
»Der 1961 in Köln geborene FAZ-Korrespondent für Spanien und Literaturkritiker Paul Ingendaay hat einen auf berückend faszinierende Weise naiv geschriebenen Roman vorgelegt. Darin hält er das wunderbare Gleichgewicht zwischen der Darstellung erstickender Langeweile und grauenvoll-peinlicher Ordnungssysteme auf der einen und Auf- und Ausbrüchen samt initiatorischer Rieten und sexuellen Erwachens auf der anderen Seite: zwischen Lust und Frust, Trauen und Melancholie.« Freitag 01.06.2007
 | Besprechung von 25.02.2006 |
PAUL INGENDAAY, Feuilletonkorrespondent dieser Zeitung in Madrid, hat einen Roman über ein katholisches Jungeninternat am Niederrhein geschrieben, wo die Dörfer Namen wie Hülm, Hassum und Hommersum tragen. Für Marko, den fünfzehnjährigen Helden, geht es auf dem Collegium Aureum um die wichtigsten Dinge im Leben eines fühlenden Mannes, nämlich Mädchen, Bücher und Gott. In seinen melancholischen Momenten sieht er sich als Robinson Crusoe auf der Insel der Verzweiflung und befürchtet, wilde Tiere könnten kommen, um ihn zu fressen. Was also hilft ihm über seine Nihilismus-Anfälle hinweg? Die Bande seiner drei Freunde. Die Musik von David Bowie. Der erste Kuß, den er sich bei einer Provinzschönheit erkämpft. Und ein Ordensbruder, der Seneca und Dürrenmatt liest. Bis sich die Vorahnung aus dem geheimnisvollen Buch der Ordnungen erfüllt und der Gott der Kannibalen sein Opfer fordert. (Paul Ingendaay: "Warum du mich verlassen hast". Roman. SchirmerGraf Verlag, München 2006. 506 S., geb., 24,80 [Euro].)
F.A.Z.
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Kühn sei es, als Literaturkritiker selbst einen Roman vorzulegen, aber noch verwegener findet es Andreas Isenschmidt, einen Internatsroman als Debütform zu wählen. Er ist gut, er ist glänzend, meint Isenschmidt, aber - das Glänzende verliert an Glanz durch Länge. Zum einen geht Isenschmid sichtlich der bewusst gewählte Jugendjargon a la Salinger auf die Nerven - das Buch ist immerhin 500 Seiten lang, stöhnt er; zum anderen missfällt ihm der krimihafte Dreh zum Ende hin und die vielen als Fingerübung verstandenen Episoden, die den ganzen Roman für sein Empfinden in die Länge ziehen. Ansonsten will Isenschmidt nichts auf den Roman kommen lassen: besonders gelungen findet er die Romanteile, die den "Übergang von der Kindheit zur unbehüteten Zeit des Erwachsenen" als auch die Freundschaft zu einem Lehrer beschreiben. Auch das Internatsleben werde trefflich geschildert, mit all seinen grausamen Seiten und heimlichen Lüsten. Isenschmid bescheinigt Ingendaay ein gutes Gespür für Binnendramaturgie der Episoden und Handlungsteile. Bezeichnend findet der Rezensent, dass in diesen gelungenen, dichten, ernsten Teilen das Jugendidiom fast verschwindet und einem distanzierteren Ton weicht, den sich Kollege Isenschmidt für die nächsten Bücher von Ingendaay wünscht.
© Perlentaucher Medien GmbH Paul Ingendaay, 1961 in Köln geboren, studierte Anglistik und Hispanistik in Köln, Dublin und München. 1997 wurde er mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, 2006 mit dem Aspekte-Preis ausgezeichnet. Er lebt als Kulturkorrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit seiner Familie in Madrid.
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