Die Haushälterin - Petersen, Jens

Jens Petersen 

Die Haushälterin

Roman. Ausgezeichnet mit dem Aspekte-Literatur-Preis 2005 und dem Evangelischen Buchpreis, Kategorie Roman, 2007

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Die Haushälterin

Für mich war Ada wie ein Geschenk, das einen auf die Frage brachte, warum man es sich nicht schon seit langer Zeit gewünscht hatte. Nach dem Tod der Mutter sucht Philipp für seinen Vater und sich eine Haushälterin. Ada aus Lublin ist 23 Jahre alt, Studentin und Übersetzerin. Sie braucht Geld für ihre Familie zu Hause, also legt sie los: putzt, räumt auf, kocht und verwirrt den Jungen, indem sie ihm das Du anbietet, mit ihm schwimmen geht, ihn schließlich küsst. Als Philipps Vater nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt nach Hause kommt, muss der Junge einsehen, dass er ernsthafte Konkurrenz bekommen hat.


Produktinformation

  • Verlag: Dtv
  • 2009
  • 4. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 174 S.
  • Seitenzahl: 174
  • dtv Taschenbücher Bd.13539
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 121mm x 15mm
  • Gewicht: 191g
  • ISBN-13: 9783423135399
  • ISBN-10: 3423135395
  • Best.Nr.: 20837841
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Die Mutter ist tot, der Vater verliert seinen Job und säuft. Es gibt viele Wege, flügge zu werden. Philip Merz ist 16 und plötzlich alleine zuhause, nachdem der Vater auch noch betrunken die Kellertreppe runterrauscht. Philipp sagt sich: Eine Haushälterin muss her! Viele sprechen vor, er nimmt die Schönste und Jüngste. Ada heißt sie, ist polnische Studentin und verzaubert nicht nur den Sohn. Philips Unschuld zeigt sich im noch kindlichen Glauben, Geheimnisse zu haben. Sehr spät merkt er: Nicht er hat Geheimnisse. Debüt-Autor Jens Petersen verlässt sich voll auf den subjektiven Blick des Jugendlichen auf die Welt, auf erste Leidenschaft, die in Konkurrenz tritt mit besitzergreifender Begierde. Einen Sommer lang dürfen wir Philipps Blick auf die Welt der Erwachsenen folgen, seinem Erstaunen über die Wandlung des Vaters. Dann merkt Philipp: Der Vater ist kein anderer, er selbst hat sich verändert. Er kann ins Leben treten. (jw)

»Petersen, der unter anderem den diesjährigen (2005) Aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt gewann, zeigt, dass unsentimentale Prosa, die die entscheidenden Dinge unbenannt lässt und einfach stumm auf sie verweist, viel anrührender ist als dick orchestrierte Texte.« Alex Rühle in der >Süddeutschen Zeitung<

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 01.11.1999

Kehraus im Haus des Herrn
Kathleen Ferguson trauert mit einer irischen Haushälterin

Ohne sein Schattenheer, das unentgeltlich kocht, schrubbt und Socken flickt, kann kein patriarchalisches System überdauern. Der Erkenntniswert dieser Feststellung ist am Ende des emanzipatorischen Jahrhunderts gering, und doch gelingt Kathleen Ferguson ein interessanter Zugriff auf das Thema. In ihrem Debütroman "Die Haushälterin" gibt die Autorin aus Nordirland einen Einblick in das Schicksal einer Frau, die fast scheitert, nachdem sie die Arbeitskraft eines ganzen Lebens in den Dienst am Klerus gestellt hat. Ferguson verkehrt die Perspektive des in Irland beliebten Haushälterinnen-Genres, hier geht es einmal nicht um die erotischen Eskapaden des Herrn, hier ergreift in einem langen Monolog die sonst schweigende Dienerin das Wort.

Die Halbwaise Brigid wächst im Internat Bethel auf, das vom Orden der Barmherzigen Schwestern geführt wird. Ein Leben außerhalb der katholischen Kirche scheint ihr undenkbar, deshalb stimmt sie zu, als sie in den frühen sechziger Jahren einem jungen, gerade ordinierten Pfarrer als Haushälterin zugewiesen wird. Die Wahl fällt …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Von diesem "wunderbaren Debütroman" ist Alex Rühle hingerissen. Nach dem Tod der Mutter sucht der 16-jährige Philipp März für den stetig verwahrlosenden Haushalt und seinen in Depression versinkenden Vater eine Haushälterin, in die sich beide verlieben, umreißt der Rezensent die Grundkonstellation des Buches. Und auch wenn hier alle Zutaten für "Erinnerungsprosa" a la "Generation Golf" versammelt sind, stellt Rühle erleichtert und beglückt fest, dass Jens Petersen jeden "rhetorisch-ironischen Dünkel" vermissen lässt und stattdessen mit "unsentimentaler Prosa" überzeugt. Das Buch lässt vieles unausgesprochen und "verweist" lieber "stumm" auf die eigentlichen Themen, als dass es sie "dick orchestrieren" würde, so der Rezensent anerkennend. Nachdem er zunächst etwas "ängstlich" die hochkarätigen Vorbilder für die Haushälterin Ada bemerkt hat, stellt er mit Freude fest, dass man diese "schnell" wieder "vergessen" hat, derart überzeugend zeichnet der Autor die sympathische Figur. So anziehend findet der eingenommene Rühle die Haushälterin, dass er nach eigenem Bekunden gern in das Buch schlüpfen würde, nur um Ada "beim Essen eines Kartoffelsalats zusehen" zu können. Ein "präzise und verhalten" erzählter Roman über die "Liebe", das "Erwachsenwerden" und die Schwierigkeiten der Kommunikation, lobt der begeisterte Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 07.12.2005

Sanft wie der Staub des Lebens
Jens Petersens preisgekrönter Debütroman „Die Haushälterin”
Ein Sommer in den neunziger Jahren, ein 16-jähriger Junge, der in gediegenen Verhältnissen am Hamburger Stadtrand aufgewachsen ist. Die Mutter ist gestorben, Vater und Sohn leiden seit ihrem Tod an sanfter Verwahrlosung und untergründiger Trauer. Entropie allerorten, der Haushalt sinkt langsam, aber unaufhaltsam. Der namenlose Vater, der Kernkraftwerke gewartet hat, verliert seinen Job, seinen Mut, seine Selbstachtung und landet schon nach wenigen Seiten endgültig ganz unten, am Fuße der Kellertreppe, mit gebrochenem Bein. Philipp Merz, selbst eher einer, der still am Pullisaum des Lebens knispelt und der seinem Vater aus seinem stummen Elend helfen will, sucht daraufhin per Anzeige nach einer Haushälterin. Auftritt Ada: „Ihr Lächeln, der helle Punkt im Auge, ihr schwarzes Haar, hochgehalten von einer roten Spange.” Ada ist 23, kommt aus Lubin, studiert und sitzt an der Übersetzung eines Buchs ihres Freundes. Aber davon weiß Philipp noch nichts. Er sieht sie nur vor sich sitzen und wüsste gern, wie man sich verhält in so einer Situation: „Mein Vater würde …

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Der Autor wurde 1977 in der Nähe Hamburgs geboren und studiert in München Medizin. Erzählungen sind von ihm in Anthologien erschienen. Für Die Haushälterin erhielt er 2003 ein Literaturstipendium der Stadt München; es ist sein erstes Buch.

Leseprobe zu "Die Haushälterin" von Jens Petersen

Prolog

Vielleicht hatte ich damals ein falsches Bild von meinem Vater, aber als ich begann, genauer darüber nachzudenken, war es für uns beide zu spät. Er maß zwei Meter, konnte mit seinen blauen Augen die Luft zerschneiden und trug einen schmalen Schnurrbart, den er mit Brother's love in Form hielt. Seine bevorzugten Schuhe waren älter als ich, handgenähte Budapester, die er mit einem Geschirrtuch polierte, in deren Profil graue Flusen vom Teppich seines Büros und die hellen Körnchen der Pfade des städtischen Friedhofs steckten. Wenn das Wetter schlechter wurde, spielte sein Darm verrückt. Hinter dem Kaffeeservice für besondere Gäste lag im oberen Küchenregal ein Vorrat bunter Schachteln. Sobald die Krämpfe kamen, verzog er den Mund, ging zum Schrank, schluckte zwei grüne Kapseln mit einem Teelöffel Honig und sah nach oben, als harrte dort einer, der ihn erlösen könnte.

Er liebte Antiquitäten; unser Haus war voll davon. Mein Urgroßvater hatte sie während der Wirtschaftskrise erstanden. Sie stammten aus Epochen, deren Namen ich ständig vergaß. Jede Volute war voller Bedeutung, aber sobald mein Vater in Monologe verfiel, nickte ich mit dem Kopf, sank in eine Art Trance und dachte an Schallplatten, die ich mir kaufen wollte, oder an Mädchen.

"Diese Intarsien", setzte er an, "diese Servante", "diese Poudreuse", "dieser Bauernspiegel" ... Wenn ich mich auf Stühle setzte, Schubladen oder Schränke öffnete, rechnete ich mit berstendem Holz, porösem Leim, dem Ausreißen eines Griffes. Es war eines dieser Häuser, in denen man nachts zu bleiben hatte, wo Erwachsene einen haben wollten, im Bett; das knarzende Parkett hätte jeden verbotenen Schritt direkt an ihr Schlafzimmer übermittelt.

Mein Urgroßvater hatte das Haus zwischen den Kriegen gekauft - "für eine Milliarde Reichsmark!". Diese Anekdote erzählte mein Vater bei Familientreffen, wenn meinen Onkels und Tanten der Gesprächsstoff ausging. Er dröhnte es in die Runde: "Für eine Milliarde Reichsmark!", mit bemühtem Ernst, als wollte er unser Lachen erzwingen. In solchen Momenten schämte ich mich.

In jede Lehne, jeden Deckel, selbst in den Schuhschrank bei der Garderobe hatte mein Urgroßvater seine Initialen graviert. Er hatte Blumenkübel aus Marmor in den Vorgarten gestellt. Einige Jahre nach Kriegsende, kurz bevor er starb, ließ er Türen einbauen, hinter denen sich kein weiteres Schlafzimmer verbarg, kein ungenutzter Salon, nicht mal eine Kammer, bloß die nackte Außenmauer. Jemand erzählte mir, daß später die stämmigen Frauen der Arbeiterwohlfahrt darauf hereingefallen waren, "Prunk!" und "Luxus!" gerufen hatten, während sie ihm den Hintern putzten.

Im Keller hing dieses Photo: mein Großvater vor seinem Fahrrad. Das Photo war grobkörnig und bleich, unmöglich, im Gesicht zu lesen; aber wie er dastand, in

einem Turnanzug, mit geschwellter Brust, die Arme über den Kopf gereckt, zählte er nicht zu den Menschen, die ich gern gekannt hätte.

Mein Vater bezog das Haus nach Ende seines Studiums. Er veränderte fast nichts, als wollte er keine Spuren hinterlassen oder niemanden erzürnen. Lediglich die Hundeklappe zur Terrasse war sein Werk, ein rot lackiertes Blechquadrat mit gummierten Rändern, dessen Scharniere im Wind quietschten. Im Garten markierte ein morscher Holzpflock das Grab eines Golden Retriever, der an meinem dritten Geburtstag das Rattengift in den Ecken der Wäschekammer entdeckt hatte.

Am Südrand des Grundstückes floß der Fluß, ein Nebenarm der Elbe, auf dem im Sommer Familien in ihren Kanus zum Sperrwerk trieben. Manche legten an, breiteten ihre Decken aus, pinkelten hinter die Brombeersträucher und hinterließen auf unserem Rasen leere Zigarettenschachteln, Kerngehäuse oder Klümpchen aus Alufolie. Ich sah ihnen zu, hinter den Gardinen versteckt, damit sie sich nicht fühlten wie Störenfriede.

In der Nachbarschaft wohnten ein junges Ärztepaar, ein Steuerberater, ein Pastor und der Kassenwart der SPD. In ihren Vorgärten standen die neuesten Opel, Hondas und Volkswagen. Die Ärzte hatten ein Baby, das morgens um sechs zu schreien begann; manchmal wachte ich davon auf. Mein Vater und diese Leute hatten wenig miteinander zu tun, höchstens sagten sie "Guten Tag" oder brachten sich Pakete, wenn der Postbote jemanden nicht angetroffen hatte.

Neben der Auffahrt stand eine Eiche. Früher glaubte ich, sie leide an einer tödlichen Krankheit; oben im Stamm und in der Krone wucherten Schmarotzer. An schweren Tagen stand ich am Fenster meines Zimmers und sprach mit dem Baum, wie man mit einem Guru spricht. Ich steckte Zeichnungen nackter Mädchen, mit denen ich gern gegangen wäre, unter seine Borke, und als ich einmal betrunken gegen den Stamm gepinkelt hatte, bestrafte ich mich am nächsten Morgen, indem ich einen Zehnmarkschein verbrannte und die Asche in den Wind streute.

Tagsüber warfen die Äste ihre Schatten auf das Mansarddach. Viktorianische Gauben ragten aus dem Dach hervor, in denen Tauben nisteten, deren Kot die Ziegel bleichte. An Ostern hatte mein Vater genug und warf ihre Nester auf den Kompost. Wir befestigten Fliegengitter. Der Sommer begann, es wurde warm, dann wurde es heiß, so heiß wie nie. Bald hingen in den Fliegengittern vertrocknete Pfauenaugen und Wespen. Ich zupfte sie ab, aus Langeweile; zwischen meinen Fingerspitzen zerfielen sie zu Staub.

1

Als die Ferien begannen, verlor mein Vater seinen Job bei den Hamburgischen Elektrizitätswerken. Zwanzig Jahre hatte er Kernkraftwerke im Hamburger Umland gewartet. Er hatte mir sämtliche Schwachstellen von Primärkreisläufen, Brennelementen und Wärmetauschern aufgezeigt, war morgens um sieben mit seiner braunen Aktentasche zur S-Bahn gegangen und nachmittags zurückgekommen, manchmal spät am Abend, ein- oder zweimal im Monat erst am nächsten Tag. Die HEW hatte ihn vor die Wahl gestellt, nach Japan zu gehen - nicht nach Tokio, sondern in eine kleinere Stadt an der Küste Hokkaidos, wo ein Schneller Brüter gebaut wurde - oder eine Abfindung zu akzeptieren, sechzigtausend Mark. Das erzählte er mir beim Frühstück, an einem Sonntag, einige Tage nach dem Gespräch mit Doktor Steinberg, seinem Chef. Er trug das karierte Flanellhemd mit den abgewetzten Manschetten und strich sein Brötchen mit Leberpastete, nachdem er noch einmal den Deckel der Dose geprüft, das Verfallsdatum kontrolliert und am Inhalt gerochen hatte.

"Sechzigtausend Mark", sagte er und zupfte die Serviette auf seinem Schoß zurecht.

Ich wußte, daß ihm sein Job gefiel. Er schätzte Doktor Steinberg, und er mochte seine Kollegen. Manchmal sprach er von ihnen, als hätten sich leidenschaftliche

Bienenzüchter, Schachspieler und Antiquitätennarren, Physiker allesamt, durch einen glücklichen Zufall gefunden, um die Gefahren der Nukleartechnik mit einer Leichtigkeit zu bannen, die mich an den Computerkurs der Projektwoche erinnerte. Er schwieg, wenn bei Familientreffen von Urlaubsplanung, Überstundenausgleich oder Vorgesetzten die Rede war, als wollte er die HEW vor meinen Onkels und Tanten, die ihre Jobs offenbar haßten, durch sein Schweigen schützen.

Während der folgenden Tage saß er mit starrer Miene vor dem Fernseher und nestelte am Manschettenknopf seines Hemdes. Die Serben belagerten Sarajevo, Deutschland verlor in Sofia ein Länderspiel gegen Bulgarien. Ich wollte verstehen, warum er Japan nicht wenigstens in Erwägung zog. Er konnte dort helfen, eine riesige Anlage zu errichten, einen Schnellen Brüter der jüngsten Generation, zusammen mit französischen und japanischen Ingenieuren. Angeblich gab es in der Stadt, in die wir ziehen sollten, sogar eine deutsche Schule. Ich ließ ihn allein; ich war sein stilles Nachdenken nicht gewohnt.

Er stand spät auf und ging früh ins Bett. Nachts hörte ich durch die dünnen Wände den Lattenrost in seinem Bett knarren. Oft, wenn ich eingeschlafen war, weckten mich Geräusche aus dem Bad wieder auf. Ich hatte nur einen Menschen gekannt, der zwischen drei und fünf Uhr morgens aufs Klo ging, meine Großmutter, in deren Wohnung ich ein paarmal auf der Couch übernachtet hatte. Ich drückte mein Ohr an die Wand, um herauszufinden, was er tat, aber ich hörte nur seinen Strahl ans Porzellan prasseln; dann kam minutenlang nichts, bis die Spülung rauschte. Ich stellte mir vor, wie er im Sitzen schlief oder starb, an die Wand gelehnt, oder daß er im trüben Spiegel über dem Waschbecken sein Gesicht betrachtete.

Einmal ging ich auf den Flur und wartete im Dunkeln. Er kam heraus, schloß die Tür, drehte sich um und fuhr zusammen.

"Ich bin's."

"Spinnst du", sagte er. "Wie spät ist es. Mußt du aufs Klo?" Er roch nach alter Bettwäsche. "Ich weiß nicht", sagte ich. "Du wirst dich erkälten!"

Ich glaubte damals, daß Männer sich von Zeit zu Zeit an einen Tisch setzten und alles miteinander besprachen. Ich hatte das Gefühl, ein solches Gespräch stehe kurz bevor. Aber wir standen um vier Uhr morgens im dunklen Flur, in unseren Pyjamas; ich dachte an seine nackten Füße, an sein Brusthaar oben am Kragen, und plötzlich war er nicht mehr mein Vater, sondern ein Fremder, und ich wollte weg, zurück in mein Zimmer, durchs Fenster nach draußen und über den Zaun.

2

Er hatte das Bad belassen, als lebte meine Mutter noch. Ihr Lou Lou von Cacharel, der rosa Kamm auf der Ablage, kleine weiße Handtücher fürs Gesicht. Sogar ein Päckchen Always Ultra lag noch im Schrank über dem Waschbecken - abgepackt 1987, stand auf der Seite zu lesen. Hin und wieder kamen Frauen und benutzten diese Dinge. Der Spiegel im Parfumflacon sank, in den Zacken des Kammes hingen lange Haare, die Handtücher trugen graue Spuren. Manchmal lag im Mülleimer zerknülltes Papier mit dem Always-Schriftzug.

Da war die Verkäuferin der Schuhboutique am Rathausmarkt. Im Schaufenster hingen Wildlederboots an Nylonschnüren von der Decke, gehüllt in dünne Pelze aus Staub. Zwei der leuchtenden Buchstaben über der Eingangstür waren durchgebrannt: SCH..BOUTIQUE. Als sie das erste Mal in unser Haus kam, brachte sie einen kleinen Beutel Paranüsse mit, den sie mir mit hochgezogenen Brauen überreichte. Wenn ich am Rathausmarkt vorbeikam, lief ich hinter den Kirschbäumen auf der anderen Seite entlang, um ihren Blicken zu entgehen.

Diese Frau stand eines Morgens in unserer Küche, in einem Morgenrock meines Vaters, zwinkerte und prostete mir mit Orangensaft zu. Sie ging zum Fernseher und schaltete ihn ein, setzte sich in den Ohrensessel, schlug die Beine übereinander und trank in aller Ruhe den Saft. Ich setzte mich zu ihr und sagte etwas über das Wetter, eine Sache, mit der Erwachsene sich oft beschäftigten. Aber sie antwortete mir, wie man einem Kind antwortet; ich spürte, daß sie versuchte, besonders freundlich zu sein. Ich wandte mich dem Fernseher zu und schielte dabei auf ihre Füße. Sie hatte krumme Zehen, dunkelrot lackierte Nägel und ein großes Hühnerauge.

"Mögen Sie Stiefel?" fragte ich.

"Stiefel?" sagte sie und zog ein überraschtes Gesicht.

"Stiefel sind toll", sagte ich. "Man kann sie zu jeder Gelegenheit tragen. Sie nehmen sogar dem Outfit vom letzten Jahr das Tussihafte."

Ich hatte den Satz in der "Zeit" gelesen, in einem Interview mit Wolfgang Joop. Sie sah mich eine Weile an, dann sagte sie etwas Dummes, etwas völlig Unpassendes. Ich mußte raus aus dem Wohnzimmer. Ich konnte sie nicht ertragen, ihr Lächeln, die nackte Haut ihrer Beine und die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich in unserer Küche bediente. Trotzdem gefiel mir etwas an ihr, vielleicht die Tatsache, daß meine Abneigung sie nicht zu stören schien, aber da war noch etwas anderes - das Lou Lou meiner Mutter.

"Ich putz mir die Zähne", sagte ich und ließ sie im Wohnzimmer allein.

Unter dem Hocker in der Garderobe standen ihre Pumps. Ich wog den linken in meiner Hand, strich mit dem Finger am Absatz entlang, spielte mit den Riemen und roch - ein bißchen Leder, ein bißchen Schuhcreme und dieses seltsame Menschenaroma, anders als meines, anders als das meines Vaters. Ich glaubte, dieses Aroma konnte nur vom Fuß einer Frau stammen, aber ich hatte keinen Vergleich; was meine Mutter an Strümpfen und Schuhpaaren hinterlassen hatte, roch mittlerweile nach Dachboden. Ich holte ein Brotmesser aus der Küche und suchte in meinem Zimmer den Klebstoff, der zum Basteln gedacht war. Ich nahm die Schuhe mit ins Bad, ließ das Wasser laufen, schnitt mit dem Messer die Absätze ab und klebte sie wieder an die Sohlen.

Wir liefen dann ein Stück zusammen, sie zum Bus, ich zum Markt. An der Haltestelle sagte ich "Tschüs", sie sagte "Ciao" - wieder ihr bemühter Blick, diese Freundlichkeit. Ich bog um die nächste Ecke, blieb stehen, ging ein Stück zurück, duckte mich hinter den Altglascontainer und sah ihr beim Warten zu.

Sie stand einfach da, in der Entfernung kaum größer als meine Fingerkuppe, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie ging zum Fahrplan, sah auf die Uhr, wippte von einem Bein auf das andere, eine nervöse Frau an einer Bushaltestelle. Ich hatte diese Sendung über ein Mädchen gesehen, das in London Schuhe bei John Lobb verkaufte: morgens die Fahrt zur Arbeit, sieben Stunden herumstehen mit entspanntem Gesicht, eine Stunde Gespräche führen: paßt wie angegossen, aber probieren Sie noch den hier, der ist ein bißchen teurer, die Verarbeitung, Sie verstehen. Abends Kartoffeln kochen an einem kleinen Herd in einer Wohnung in Lewisham, das mich an Allermöhe erinnerte, direkt vorm Fenster das Nachbarhaus, im Briefkasten nur die Stromrechnung und Reklame vom Pizza-Service...

Vielleicht war alles ganz anders, aber nach solch einem Leben sah unsere Schuhverkäuferin aus.

Plötzlich dachte ich, daß mich das alles nichts anging. Ich wollte zurückgehen und sie warnen; ich hatte erlebt, wie ein Mädchen aus der Schule mit gebrochenem Absatz umgeknickt war und mehrere Stunden operiert werden mußte. Dann kam der Bus, und sie stieg ein und fuhr an mir vorbei. Ich sah sie am Fenster sitzen, ein Umriß wie aus Papier geschnitten.

Ich ging zum Markt, kaufte Salat, frische Eier und Karotten. Ich sah ein Töpfchen mit Walderdbeeren und handelte den Preis herunter, probierte orangenen Käse und aß an einem Stand ein Würstchen. Über die Schuhverkäuferin dachte ich nicht mehr nach.

Beim Abendbrot fragte mein Vater, was ich von ihr hielte.

"Und du von ihr?" sagte ich.

"Ein bißchen langweilig", sagte er.

"Ja", sagte ich, "und sie verbraucht Mutters Lou Lou."

Er starrte auf die Walderdbeeren. Ich hatte sie in unserer schönsten Schale auf den Tisch gestellt.

"Es ist nicht einfach, jemanden zu finden", sagte er. "Ein paar Wochen noch."

3

Max von der HEW rief an. Er leitete die Presseabteilung, hatte zwei Töchter, die studierten, und spielte am ersten Weihnachtsfeiertag in der Kirche Fagott. Frank aus der Buchhaltung rief auch an. Mein Vater hatte oft mit den beiden im Garten gesessen und Koteletts gegrillt. Sogar Doktor Steinberg rief irgendwann an.

"Ich bin beschäftigt", sagte mein Vater. "Oder nicht da. Such dir was aus."

Er bohrte sich ein Stäbchen vom China-Food-Service ins Hosenbein. Die Bezüge der Couch, das Tischtuch, der Gardinenstoff, das ganze Wohnzimmer verströmte nach einer Woche China-Food-Service die Aromen von Ente süßsauer, Pflaumenlikör und Schweinefleisch mit Sojasauce.

"Sag ihnen, ich bin spazierengegangen."

Damals konnte ich die Nuancen ihrer Stimmen nicht deuten. Die Zahl ihrer Anrufe - allein Doktor Steinberg versuchte es viermal - schien zu belegen, daß mein Vater diesen Männern wichtig war. Er ließ sich weiter verleugnen. Schließlich fragte ich ihn nicht mehr, sondern begann, mir selbst Geschichten auszudenken: Einmal hatte er sich die Schulter ausgekugelt und mußte bis zum nächsten Morgen in der Klinik bleiben, dann war sein Wagen abgeschleppt worden, und er saß in der Stadt fest. Irgendwann blieb das Telefon still. Es kam mir vor, als wäre mein Vater mit dem Sessel verbacken, als nähme seine Haut langsam die Farbe des Polsters an.

Schließlich griff er doch nach dem Hörer, und einige Stunden später stand eine Frau vor der Tür, die, daran konnte ich mich erinnern, in Trines Kombüse am Bahnhof Labskaus und Stintsuppe kochte. Sie war eine dieser älteren Frauen, in deren Gesichtern man gerade noch ein Mädchen ahnen konnte. Sie roch nach süßem Schnaps, und eine breite Laufmasche lief vom Saum ihres Minirocks hinunter bis zum Knöchel.

"Bin ich hier falsch?" fragte sie.

"Nein", sagte ich. "Ich bin der Sohn."

"Sein Sohn? Da hat er nie von gesprochen."

Ich überlegte, ob sie vielleicht zu jenen Frauen gehörte, die ein Witwer - das hatte mein Vater mir nach dem Tod meiner Mutter erklärt - benutzen müsse wie eine Arznei gegen das eigene Sterben.

Am Abend steckte ich mir Watte in die Ohren, band ein schwarzes T-Shirt um meinen Kopf und versuchte zu schlafen, aber ich schwitzte, träumte schlecht, und als ich aufwachte und durch die Wand das Pumpen der Stahlfedern in der Matratze meines Vaters hörte, war mir, als würde darunter unser Leben zu Staub zermahlen.

4

Als mein Vater am nächsten Morgen aus dem Bad kam, klebte Blut an seiner Lippe. Er hielt etwas Gelbliches zwischen den Fingern. Zuerst sah ich weg, und als ich hinsah, erkannte ich Zähne. Die Frau aus Trines Kombüse war fort.

"Nicht so schlimm", sagte er. "Ist nur eine Brücke."

Ich wußte nicht, was eine Zahnbrücke war, und traute mich nicht, ihn danach zu fragen. Ich legte mich wieder in mein Bett und starrte an die Decke, wo unter einem Himmel aus fluoreszierenden Sternen der Helikopter hing.

Am letzten Schultag hatten wir bei Luigi Garnelen gegessen und waren danach an die Elbe gefahren. Mein Vater hatte den Wagen direkt am Deich geparkt. Er hatte sich die Hände gerieben, den Kofferraum geöffnet und das rote Geschenkband mit seinem Nagelknipser durchtrennt.

"Lassen wir ihn fliegen", hatte er gerufen.

Dann war er vor mir her an der Böschung entlanggerannt, hatte den Helikopter über die Köpfe der Schafe sausen lassen und sich vor Lachen ins Gras geworfen. Später hatte er die getrockneten Schafsködel mit einem Teelöffel von seinem Trenchcoat gekratzt, naßgeschwitzt und grinsend.

Ich schloß mich im Bad ein und suchte. Als er in den Keller ging, sah ich in seinem Zimmer nach, im Schrank und in der Kommode - die Zähne waren verschwunden. Ich hörte ihn unten wühlen und fluchen. Nach einer halben Stunde, ich preßte gerade Orangen aus, kam er mit einer angerosteten Moulinex-Maschine unter dem Arm in die Küche; früher hatten die stämmigen Frauen der Arbeiterwohlfahrt mit dieser Maschine das Essen meines Urgroßvaters zu Brei gequirlt.Den Morgen verbrachten wir vor dem Fernseher. Ich beobachtete meinen Vater von der Seite; als er es merkte, tat ich, als würde ich aus dem Fenster starren.

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