"César Aira ist längst kein Geheimtipp der argentinischen Literatur mehr, er ist ihr anerkannter, wenn auch selten gesehener Meister. Von Roberto Bolaño ist die Einschätzung überliefert, dass, wer nur ein Buch von Aira lese, süchtig nach dem Werk werde wie von einer schlimmen Droge." (Zeit Literatur, Adam Soboczynski, September 2010)<br/><br/>"Er ist ein philosophischer Kopf und ein intellektueller Tüftler...Vor allem aber ist er einer, der die Schuhschachtel des Universums öffnet, um die Größe von Raum und Zeit auszuloten. Wenn das keine Weltliteratur ist." (Literaturen, Jörg Magenau, 05/2010)<br/><br/>"Der 1949 geborene César Aira vollführt einen grotesken literarischen Hochseilakt zwischen Realismus und Phantastik, der die alltäglichen Selbstverständlichkeiten urbanen argentinischen Lebens surreal erscheinen lässt." (Spiegel Online, Ulrich Baron, 15.09.10)
 | Besprechung von 16.12.2010 |
Mitternachtsparty am letzten Tag des Jahres
In der Literatur müssen die Seifenblasen nicht platzen, sie dürfen
auf ewig schweben: César Aira und sein Roman „Gespenster“
„Das Einzige, was du kannst, ist schreiben“, musste sich Mario
Vargas Llosa von seiner Frau gelegentlich sagen lassen; in seiner
Nobelpreisrede hat er es abermals kolportiert. Unschön im Grunde,
wenn die Gattin so etwas sagt. Anders ist es schon, wenn ein Autor
selbst zu der Ansicht kommt. Der Argentinier César Aira ist so ein
Fall. Er versichert glaubwürdig, für nichts anderes zu taugen als
für die Literatur, und scheint sich immer aufs Neue darüber zu
freuen, dass sie ihm tatsächlich eine ordentliche Existenz
ermöglicht.
Inzwischen hat Aira, 1949 geboren, mehr als 60 meist kurze Bücher
geschrieben. Viele sind nur in Kleinverlagen erschienen. Aber der
Ruhm hat Aira doch ereilt. Manche Kollegen halten ihn für Borges’
einzigen Erben, und Roberto Bolaño erklärte: „Wenn Sie einmal
angefangen haben, Aira zu lesen, hören Sie nicht mehr auf.“ Nun ja.
Beide Urteile sind etwas hoch gegriffen, aber durchaus
nachvollziehbar.
Der Ullstein Verlag hat gerade einen …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Für Florian Borchmeyer ist der vor zwanzig Jahren entstandene und nun auf Deutsch vorliegende Roman "Gespenster" von Cesar Aira ein Meisterstück und dazu einer der originellsten fantastischen Romane der jüngeren Literatur. Der argentinische Autor lässt darin eine Gruppe von Gespenstern, allesamt verstorbene Bauarbeiter, in einem noch im Rohbau befindlichen Apartmenthaus spuken, in dessen oberstem Stockwerk der chilenische Bauleiter und seiner Familie wohnen, erfahren wir. Schon, dass diese Gespenster nichts Schreckliches an sich haben und die mit ihnen lebende Familie ganz selbstverständlich mit ihnen umgehe, macht sie für das Genre ungewöhnlich, konstatiert der Rezensent. Kontrastiert werde das skurrile alltägliche Zusammenleben von Gespenstern und Familie nicht nur von der sensiblen Tochter, die sich als Silvestergast der Gespenster um Mitternacht vom Rohbau stürzen soll, sondern durch immer wieder eingeschaltete Exkurse zur Gespenstergeschichte oder zur "idealen Architektur". Damit offenbart sich die Sehnsucht nach der Überschreitung von literarischen Grenzen, rühmt der Rezensent, und es entsteht ein "fremdartig schönes Ganzes".
© Perlentaucher Medien GmbH
 | Besprechung von 30.12.2010 |
NeujahrsspukCésar Aira erfindet die Gespenstergeschichte neuModerne Geister brauchen keine Laken. Bedeckt von einer Schicht Kalkstaub, schweben sie am Silvesterabend splitternackt vor den leeren Fenstern ohne Scheiben. Denn der Ort, durch den sie spuken, ist kein ruinöses Schloss, sondern der Rohbau eines Appartementhauses, das nicht termingerecht fertig wurde, weshalb es in dem Beton schon vor der Vollendung wie in einer geisterhaften Ruine aussieht. Auch die Gespenster sind keine fluchgeplagten blaublütigen Ahnen, sondern ungehobelte Bauarbeiter, die mit Freude ihr Totsein feiern.
Keine Frage, dass hier César Aira, der argentinische Großmeister ikonoklastischer Metaphern und Erzählformen, am Werk ist. An ihm, dessen Werk fünfzig disparate Romane umfasst, scheitert jede Klassifizierung. Bezaubernd und hintersinnig, stets auf dem Grat zwischen Poesie, Burleske und Ironie, bietet der "Gespenster"-Roman, zwanzig Jahre nach seinem Entstehen nun erstmals ins Deutsche übersetzt, die vielleicht ungewöhnlichste phantastische Literatur jüngeren Datums. Denn der Spuk ist Trug: In Airas Prosa finden sich die unspukigsten Geister in der …
»César Aira ist längst kein Geheimtipp der argentinischen Literatur mehr, er ist ihr anerkannter, wenn auch selten gesehener Meister. Von Roberto Bolaño ist die Einschätzung überliefert, dass, wer nur ein Buch von Aira lese, süchtig nach dem Werk werde wie von einer schlimmen Droge.« Zeit Literatur, Adam Soboczynski, September 2010 »Er ist ein philosophischer Kopf und ein intellektueller Tüftler...Vor allem aber ist er einer, der die Schuhschachtel des Universums öffnet, um die Größe von Raum und Zeit auszuloten. Wenn das keine Weltliteratur ist.« Literaturen, Jörg Magenau, 05/2010 »Der 1949 geborene César Aira vollführt einen grotesken literarischen Hochseilakt zwischen Realismus und Phantastik, der die alltäglichen Selbstverständlichkeiten urbanen argentinischen Lebens surreal erscheinen lässt.« Spiegel Online, Ulrich Baron, 15.09.10 »Doch Aira wäre kein abenteuerlicher Erzähler, wenn er dem Leser ein tollkühnes Finale vorenthielte, wie geschaffen für einen Surrealismus, der lächeln lässt.« Frankfurter Rundschau, Christian Thomas, Herbst 2010
César Aira wurde 1949 in Coronel Pringles, Argentinien, geboren. Seit 1967 lebt er in Buenos Aires, wo er sich zunächst als Übersetzer einen Namen machte. Er hat zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke veröffentlicht und zählt zu den wichtigsten Autoren Lateinamerikas.
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