Auf der Pfaueninsel - Siedler, Wolf J.

Auf der Pfaueninsel

Spaziergänge in Preußens Arkadien

Wolf J. Siedler 

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Auf der Pfaueninsel

Eine preußische Insel im Strom der Zeit

"Über Preußen und seine Geschichte ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden. Aber noch nie, soweit zu sehen, wurde der Versuch unternommen, die preußische Geschichte, ihre Höhepunkte und Niederungen, aus der Perspektive eines einzigen Schauplatzes darzustellen, eines winzigen Ortes, der mit dem großen Kurfürsten in die Geschichte trat und mit Hitlers Untergang wieder aus der Geschichte verschwand." Die Zeit

Die Pfaueninsel, die lange Zeit nur eine unter vielen Inseln im Flusslauf der Havel war, wird erst durch die wunderliche Liebhaberei eines Kurfürsten und dann durch die unerlaubte Liebschaft eines Prinzen in die Geschichte geholt. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist die Pfaueninsel im Besitz des Hauses Hohenzollern und mit den Namen von preußischen Königen und Künstlern verbunden.

Sie erweist sich als ein Schauplatz preußischer Geschichte, von dem tatsächliche wie legendenhafte, große wie unbedeutende Ereignisse überliefert sind. Es ist der Ort, wo Alchimisten ihr dunkles Handwerk trieben, preußische Prinzen vor der Revolution von 1848 Zuflucht suchten und Hitlers Adjutanten das Testament des Diktators aus dem eingeschlossenen Berlin nach draußen brachten.

Dieser zum Klassiker gewordene Essay Wolf Jobst Siedlers, vor Jahren in der Reihe "Corso" und später als Fotobildband erschienen, wird nun als schöner, mit historischen Illustrationen geschmückter Geschenkband neu aufgelegt.
- Schön gestaltete und liebevoll illustrierte Neuausgabe.
- Preußische Geschichte aus ungewohnter Perspektive.
- Ein klassisch gewordener Essay Wolf Jobst Siedlers.

"Dieser Band hat ein geistiges Volumen, dem so viele umfangreichere Geschichtswerke nicht im mindesten entsprechen können." Günter Kunert / Frankfurter Allgemeine Zeitung


Produktinformation

  • Verlag: Siedler
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 111 S. m. zahlr. Abb.
  • Seitenzahl: 112
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 150mm x 14mm
  • Gewicht: 205g
  • ISBN-13: 9783886808694
  • ISBN-10: 3886808696
  • Best.Nr.: 20944819

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Rezensent Alexander Cammann begrüßt diese Neuauflage von Wolf Jobst Siedlers erstmals in den 80er Jahren erschienenen "meisterlichen Miniatur" über die Geschichte der Pfaueninsel. Wie Siedler in diesen symbolhaften Ort die preußischen Jahrhunderte hineinspiegelt, hat Cammann recht beeindruckt. Der Autor erzähle nicht nur, wie Könige sie zur Parklandschaft machten, berichtet er, "sondern auch, in hübscher Überhöhung, vom Feuerschein über der Insel": Hier brannten Werkstätten königlicher Alchimisten, sah man Bakunins Lagerfeuer auf der Insel Schwanenwerder flackern, prasselte das Mündungsfeuer russischer Geschütze 1945, als Hitlers Kuriere sich auf der Insel verbargen. "Nur Brandenburg ist geblieben", zitiert Cammann Siedlers Fazit, das der Bilanz von Christopher Clarks umfassender Preußengeschichte gleiche. "Es war eher da, und es überdauerte, was nach ihm kam."

© Perlentaucher Medien GmbH
Wolf Jobst Siedler, 1926 in Berlin geboren, studierte Geschichte, Philosophie und Literatur und wurde 1955 Feuilletonchef des Tagesspiegel. Neben seiner verlegerischen Tätigkeit ist Siedler als Essayist und Publizist hervorgetreten, unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit. Zu seinen zahlreichen Buchpublikationen zählt die Gemordete Stadt, eine wegweisende Kritik der zeitgenössischen Stadtplanung. Siedler lebte in Berlin. Er verstarb im Jahr 2013.

Leseprobe zu "Auf der Pfaueninsel" von Wolf J. Siedler

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DIE GESCHICHTE, auch die große, verdichtet sich mitunter am kleinen Ort. Die Schlacht von Waterloo, die nicht nur über das Schicksal des Kaisers entschied, sondern die Ordnung Europas für ein halbes Jahrhundert festlegte, zog sich in den Mittagsstunden in dem Kampf um den Gasthof zusammen, der den schicksalhaften Namen Belle Alliance trug; immer wieder wurde er genommen und verloren. Sind noch Steine vorhanden? Suchend wandert man über die Felder bei Brüssel.

Ein dreiviertel Jahrtausend zuvor lagerten beide Heere einen Tag lang am Nebenfluß des Salto, als Konradin sich anschickte, nach dem Erbe der Väter zu greifen. Weder der Staufer noch Karl von Anjou setzten über die hölzerne Brücke, die den tief eingegrabenen Wasserlauf überspannte; wer den Steg beschritt, mußte die eigene Formation auflösen. So ritt der Schwabe an anderer Stelle durch das Bachbett auf jenen Weg, der ihn nach Tagliacozzo und schließlich nach Neapel führte. Aber nirgendwo eine Brücke, kein Fluß, nicht einmal das Steilufer. Versunken, eingeebnet, verweht wie der Jüngling und wie die Staufer.

Die Geschichte ist voller unscheinbarer Plätze dieser Art, an denen sich, obgleich selber ohne Geschichte, Geschichte vollzogen hat. In diesem Sinne halten Häuser, Bäume und Inseln vielerlei Erinnerungen für den Reisenden bereit, sind Geheimschlüssel zur Öffnung vergangener Welten. Selbst der Wandel von Natur markiert Geschichte. So muß sich der Reisende beim Besuch von Agrigent oder Selinunt stets vergegenwärtigen, daß die Tempelbezirke in alter Zeit inmitten von Buchen und Eichenwäldern standen. Es ist römische Hinterlassenschaft und maurisches Erbe, was an mediterranem Wuchs heute die Küsten säumt. Tatsächlich nimmt die Seele das Land der Griechen besser als das Auge wahr.

In diesem Sinne läßt sich Geschichte erfahren, wohin immer der Schritt uns führt. So ist der Versuch dieses Bandes als Übung in der Aneignung des Beiläufigen gemeint. Ein belangloser Flecken in der Umgebung Berlins, ein schilfiges Eiland inmitten der Havel, ruft dem inneren Auge Ereignisse herauf, die selbst dessen Geschick berührt haben, der den Namen Pfaueninsel nie gehört hat.

Auch in Miniaturen dieser Art ließe sich Geschichte erfassen, auf andere, nicht mindere Weise als der des Historikers.

UND IMMER WIEDER Feuer über der Insel. Mit schwelendem Brand und beißendem Qualm tritt sie in die Geschichte. Die Rauchsäule steht so hoch über dem schilfigen Dickicht, daß die Leute nicht nur im weiter flußaufwärts gelegenen Kladow, sondern auch unten beim Gut Sakrow, wo man Fasanen- und Pfauenzucht treibt, den schwefligen Geruch schmecken und von dem Unwesen sprechen, das auf dem Eiland getrieben wird, heiklen Prozeduren mit Zaubersprüchen bei Mondlicht.

Der Feuerschein eines ausbrennenden Schiffes erleuchtet weithin die nächtliche Wasserfläche, als sie zum letzten Mal in der Geschichte ist. Ein Kurierflugzeug kreist in Wipfelhöhe um die Ufer, ein Flugboot wassert, Männer paddeln, vom flackernden Licht explodierender Munition aus dem Dunkel gerissen. Dann ein Maschinengewehr aus der Gegend von Moorlake her, schließlich Stille. Die Insel sinkt ins Dunkle.

Dazwischen liegen drei Jahrhunderte. Bedenkliche Liebesfeste zwischen halben Kindern, die sich zu Eltern machen, sommerliche Idyllen eines Königspaares, dann der Kaiser und der König. Auf dem Kiesgrund vor dem Schloß deklamiert Demoiselle Rachel vor Zar Nikolaus Racines "Phädra", und der Kaiser küßt der französischen Tragödin im Angesicht der Zarin die Hand und verzeiht, daß sie während der Revolutionsjahre als "Göttin der Freiheit" von der Bühne herab die Marseillaise gesungen. Ein paar Jahrzehnte später, und eintausend Gäste sind auf dem Rasen versammelt. Eine Italienische Nacht, die Regierung hat geladen, Lampions machen die Kronen der Bäume zu Kandelabern, Dutzende von Mädchen in Pagenkostümen der Renaissance geleiten die Ankommenden zu ihren Tischen, darunter die Söhne Mussolinis.

Dann wird Geschichte wieder zu Natur. Schilfumstandene Uferränder, weite Rasenflächen, hier und da Ruinen zerfallender Gebäude und ein paar Pfauen. Das Wärmereservoir der sich weitenden Wasserfläche läßt Bäume zu, wie sie sonst hier oben im Norden nur in Botanischen Gärten gedeihen. Ins Geschichtslose gesunken, ist die Insel wieder, was sie war, bevor sie die Laune eines Prinzen entdeckte - ein Platz für Angler und Spaziergänger und Liebesleute, deren Schiff im Ufergestrüpp Verborgenheit sucht.

Die Pfaueninsel, die lange als Kaninchenwerder eine der vielen belanglosen Inseln im hier und da sich weitenden Flußlauf der Havel war, wird erst durch die wunderliche Liebhaberei eines Kurfürsten und dann durch die unerlaubte Liebschaft eines Prinzen in die Geschichte geholt. Aber auch da ist sie mehr deren Kulisse als deren Bühne; Monarchen und deren Gäste suchen hier Zuflucht, wenn ihnen die Weltgeschichte Zeit dazu läßt, Könige, Zaren und schließlich auch der letzte Kaiser, den Deutschland erleben soll. Zum Schluß geht die wirkliche Geschichte über sie hinweg. Die letzten Sendboten des Mannes, der Deutschland ruinieren wird, machen hier Station, bevor sie ihre Flucht in den rettenden Westen fortsetzen.

Dann ist die Insel plötzlich ein Flecken im Niemandsland, Bojen markieren die Grenze zweier Weltmächte, nur einen Steinwurf weit von ihrem Schilfgürtel. Am Ende, als die Geschichte wieder gegangen ist, sinkt die Insel erneut in die Belanglosigkeit. Nur Spaziergänger suchen sie heim, Liebesleute finden Zuflucht in ihren Buchten. Aufs neue wird sie, was sie so lange war, bevor die Laune der Zeit sie entdeckte - nichts als ein sandiges Überbleibsel der Eiszeit, deren Wasser sich an diesem Ort verliefen. Lindwerder, Kälberwerder, Schwanenwerder - viele von ihnen gibt es hier im silbrig schimmernden Wasser der Havel. Diese hier aber ist eine Insel im Strom der Zeit.

DIE INSEL , wenig mehr als zwölfhundert Meter in der Länge und keine fünfhundert in der Breite, gehört zu jenen Plätzen, die mit den Zeiten ihre Namen wechseln. Als sie Mitte des siebzehnten Jahrhunderts aus der Namenlosigkeit auftaucht, nennen die Leute sie Kaninchenwerder, weil der Große Kurfürst, der Sieger von Fehrbellin, hier wie überall im Lande "Canienengärten" angelegt hat, wozu ein stattliches Hegerhaus gebaut worden ist. Bei sechs Groschen das Stück und achthundert Kaninchen erwirtschaftete man zweihundert Thaler im Jahr für die Kurfürstliche Kasse.

Insel und Zucht gehören zu dem am östlichen Ufer gelegenen "Churfürstlichen Lustgut Glincken", dessen Mitte ein Jagdschloß ist, das man dann in den folgenden zweieinhalb Jahrhunderten immer wieder umbauen wird, bis es Anfang des zwanzigsten jene Mißgestalt erhält, in der es heute seine Besucher empfängt.

Es gibt Schlösser im Abgelegenen und sogar Unauffindbaren, zu denen ihre Bewohner Wege ziehen und Alleen bauen lassen müssen; andere verdanken ihr Dasein bequemen Chausseen, die den fürstlichen Besitzern ein leichtes Hingelangen ermöglichen. Das eine trifft für manche italienische Villen zu, das andere für die meisten märkischen Landsitze. An längst vorhandenen Landstraßen liegen sie wie aufgereiht, zumal an dem Weg, der von Berlin nach Potsdam oder mitunter, wie unter Friedrich, von Potsdam nach Berlin führt.

Zuerst also ist das alte Jagdschloß Glincken da, spät erst tritt gleich gegenüber auf der anderen Seite der Chaussee, die jeder von Berlin kommende Reisende nach Potsdam nehmen muß, das neue Klein-Glienicke hinzu, und schließlich, einen Steinwurf weiter stromabwärts, das vorletzte Schloß, das sich Preußens Dynastie baut, Babelsberg, im schottischen Tudor-Stil. Hier wird der zur Abdankung entschlossene König Bismarck zum Ministerpräsidenten machen. Die preußischen Dinge nehmen eine Wendung ins Große, aber nachher weiß man nicht, ob das ein Glück war.

Noch ein Schloß werden sich die Hohenzollern bauen, gleich drüben auf der anderen Seite, am Jungfern-See. Aber das geschieht schon im ersten großen Krieg, der das Ende der Monarchie bringen wird. Der Kronprinz, der es im englischen Landhausstil erbaut und es, als er 1917 einzieht, nach seiner Frau "Cecilienhof" nennt, wird nicht mehr auf den Thron kommen; aber er wohnt hier bis in das Ende des zweiten großen Krieges hinein. Dann kommen drei alte Männer und schaffen nicht nur Preußen, sondern das Deutsche Reich ab. Das Spiel ist zu Ende, das sich hier in der milden Seen- und Hügellandschaft seine Märchenwelt geschaffen hatte.

Die lehmige Landstraße, die seit ewigen Zeiten die beiden Residenzen verbindet, führt gerade an dieser Stelle über den Fluß, weil der sich hier auf Steinwurfweite verengt. Die massiven Bohlen des Brückenwerks, das ja nicht nur die Gespanne der Fuhrleute und die Wagen der Hofgesellschaft aushalten muß, sondern auch die Hufe der Potsdamer Schwadronen, werden seit fast zweihundert Jahren schon immer wieder geteert und erneuert. In den Jahrhunderten zuvor besorgte ein Fährmann das Übersetzen.

Es wird noch einmal zwei Jahrhunderte dauern, bis die schweren Balken den Quadern einer Steinbrücke Platz machen, die der königliche Baurat Schinkel selber gezeichnet hat. Übrigens wird sie weit kürzer halten als das Holzwerk zuvor; sehr bald schon muß sie des unaufhörlich steigenden Verkehrs zwischen Potsdam und Berlin wegen durch eine moderne Eisenkonstruktion ersetzt werden, die dann, als für vier lange Jahrzehnte ihre Benutzung verwehrt war, "Brücke der Einheit" hieß.

Das Eiland, um das es geht, wird also kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg Kaninchenwerder genannt Aber das ist nur ein Volksausdruck, soviel Berechtigung er auch haben mag. In alten Karten heißt es "Pauwerder", und einmal taucht die nutzlose Fläche im Wasser als "Zu den Pfauen" auf, obwohl keine Urkunde zu sagen weiß, welche Besonderheit es mit dem Namen hat. Der höfische Vogel ist in keinerlei Zusammenhang mit den paar Quadratmetern mitten im gemächlich dahinfließenden Wasser der Havel zu bringen.

Vielleicht aber hat es am Ende doch seine Richtigkeit mit der Benennung, denn die beiden Schwesterinseln "Lindwerder" und "Schwanenwerder" tragen ihre Namen ja auch zu Recht. Wie die eine seit Jahrhunderten kleinblättrige Winterlinden trägt, die eigentlich hier gar nichts zu suchen haben, weil der sandige Boden sonst nur Stieleichen und Kiefern hergibt, so ist die andere tatsächlich seit alters Heimstatt der Havelschwäne, die hier noch zu Hause sind, als Jahrhunderte später neue, von ganz woanders herkommende Herren auf der Insel eine so sonderbare Sache wie eine "Reichsbräuteschule" einrichten.

Alexander von Humboldt, dessen Vater freundschaftlichen Umgang mit dem Prinzen hatte, der Friedrich auf dem Thron folgte und die Meile zwischen dem Ufer des Heiligen Sees und dem Saum der Pfaueninsel so liebte, daß er sich als König hier das "Marmorpalais" und dort das "Ruinenschloß" bauen ließ, hält es für möglich, daß sich die Dinge hier einmal umgekehrt wie sonst im Lauf der Welt vollzogen haben: daß nämlich der Name eher als die Sache da war. Es will ihm denkbar erscheinen, daß seines Vaters hoher Freund des schon vorhandenen Namens wegen Pfauen auf die Insel bringen ließ, vielleicht von der Fasanerie des Gutes Sakrow, wohin es ja nur eine halbe Stunde zu rudern war.

Aber bis die Pfauen kommen, so oder so, ist es noch lange hin, ein ganzes Jahrhundert. Vorläufig hat sie den Namen, aber nicht die Tiere. Jetzt schreibt man das Jahr 1685, und gerade hat der "Churfürst" vom Lustschloß Glyncken drüben, Brandenburgs Großer Kurfürst, die Insel einem Chemiker und Laboranten überschrieben, der durch allerlei Experimente mit dem gerade entdeckten Phosphor, einer Substanz, die die Dinge leuchten läßt, von sich reden macht. Und in der Schenkungsurkunde heißt das Eiland, das in Wirklichkeit doch nur Rohrdrosseln, Schnepfen und Wildkaninchen trägt, "Pfau-Werder".

Der Schwarzkünstler und Zaubermeister, der vorher in den Diensten des Herzogs von Lauenburg und des Kurfürsten von Sachsen gestanden hat, erhält eine Genehmigung, die im Grunde wohl die Bedingung seiner Anstellung gewesen ist, nämlich auf der abgelegenen Insel eine Kristallglashütte und ein geheimes Laboratorium anzulegen. Die Werkstatt des Johann Kunkel ist dem Kurfürsten so wichtig, daß er das Betreten des Platzes jedermann "bei Strafe" untersagt. Aber es soll auch niemand von den Bediensteten des Kunkel heruntermüssen, um etwa in Kladow, zu dessen Lehnschulzen der Kurfürst, der erste Friedrich Wilhelm, den Kunkel ernennt, Besorgungen zu machen.

Deshalb erhält der Glasgießer, dem übrigens die Insel für Kinder und Kindeskinder übereignet wird, das Recht zum Bau einer Mühle, zum "freien Backen und Brauen" und sogar zum eigenen Branntweinbrennen. Der Geruch von geschmolzenen Tinkturen und allerlei Fusel streicht über die ganze Insel. Sie als Arbeitsplatz zu erhalten, war eine Gunstbezeigung gewesen; jetzt ist es ein Privileg, sie zu verlassen und zu betreten.

Es ist allein der Kurfürst, der vom schräg gegenübergelegenen Potsdam immer wieder in seiner Staatsbarke herüberkommt - und zwar "für viele Stunden" -, um die neuesten Hervorbringungen der alchimistischen Glashütte in Augenschein zu nehmen. Mittlerweile weiß sie ein Rubinglas von solcher Leuchtkraft herzustellen, daß der Kurfürst dem Kunkel die Ehre erweist, ihn zum Kammerdiener zu ernennen, was mit einem Sondersalär verbunden ist. Vor allem aber darf er als einziger in allen brandenburgischen Landen zwischen Rhein und Memel solches Glas herstellen und sogar einführen, sofern derlei Künste auch anderen Orts gehandhabt werden. Auch ist er von allen Diensten und Abgaben für alle Zeiten befreit.

So qualmt und stinkt es ziemlich genau zehn Jahre auf Pfau-Werder und mitunter sogar im Schloß zu Potsdam. Denn Kunkel muß für seinen kriegstüchtigen Herrn allerlei Glasgefäße, Röhren, Tiegel und Zylinder anfertigen, mit denen der Landesherr, die entflammbare Perücke abgenommen, auf eigene Faust Experimente anstellt, aus denen sich aber allem Anschein nach nicht viel mehr als Zischen, Sieden und übelriechender Dampf gewinnen läßt.

Das sind Vergnügungen, wie sie große Herren im Barock lieben, an allen Höfen gibt es dergleichen Gelehrte, die nach mancherlei Elixieren suchen. Aber es sind kostspielige Vergnügungen, und als der Kurfürst stirbt, wird Kunkel von den Räten des neuen Landesherrn peinlich befragt, welchen Nutzen das aufwendige Tun denn gehabt habe. Kunkel gibt eine Antwort, deren Offenheit ihrer Vernünftigkeit entspricht: "Der hochselige Herr Kurfürst war ein Liebhaber von seltenen und kuriosen Dingen und freute sich, wenn etwas zustande gebracht wurde, was schön und zierlich war. Was dieses genützt hat, diese Frage kann ich nicht beantworten." Bescheidener und bündiger ist nie vom praktischen Nutzen des Schönen gesprochen worden.

Aber der Kurfürst war nicht nur ein wissensdurstiger, sondern auch ein unternehmungslustiger Herr, und vielleicht hätten die leuchtenden Perlen und schillernden Glasketten am Ende sogar praktischen Nutzen gehabt. Manche der schimmernden "Glasflüsse", Korallen genannt, gingen nämlich an die Brandenburg-Guinea'sche Compagnie, deren Kauffahrteischiffe von Emden nach Afrika fuhren, wo man in eigenen Forts mit den Eingeborenen Tauschhandel betrieb.

Aus all dem ist nicht viel geworden, nicht aus den brandenburgischen Kolonien in Guinea und nicht aus der Gewinnung von "Kunstsmaragden" auf Pfauenwerder. Nur die lampentragenden Mohren auf den Treppenabsätzen des Potsdamer Stadtschlosses hielten bis gestern die Erinnerung an Guinea, den Kurfürsten und Kunkel wach.

Doch, noch etwas hält den Mann und seine Kunst im Gedächtnis. Da, unter den alten Bäumen, läßt sich mit einigem guten Willen die Feuergrube ausfindig machen, wo Kunkel auf seinen Kesseln und Pfannen das Blei schmolz und mit flüssigem Sand mischte, und hier, an der nordöstlichen Seite der Insel zwischen Jagdschirm und Meierei, sind die Spuren der Katastrophe zu sehen, die eines Nachts alles einäscherte.

Der Himmel zeigt bis in die Morgenstunden hinein den Widerschein des Flammensturms, der alles bis auf den Grund niederbrennt, die Glashütte, die Schmelzöfen, die Maschinenhäuser zur Erzeugung von Druckluft. Bei soviel Brennbarem steigt die Feuersäule hoch über die Baumwipfel, und da der Wind von Norden steht, fliegen die Funken bis nach Moorlake auf der östlichen und Sakrow auf der westlichen Seite der Havel.

Kunkel, durch den Tod des Kurfürsten ohnehin seines Gönners beraubt, ist ruiniert, innerlich ist er schon auf dem Wege nach Stockholm, um in schwedische Dienste zu treten. Jetzt aber muß er erst einmal Strafe erleiden und Schulden begleichen. Es bleibt ihm nichts anderes, als bei dem Sohn seines Herrn, dem buckligen, aber prunkliebenden Friedrich III., um Genehmigung einzukommen, sein Stadthaus in Berlin verkaufen zu dürfen. Das Verfahren zieht sich hin, doch dann findet man heraus, daß jenes Grundstück nach Abbruch des Kunkelschen Hauses einen vorzüglichen Bauplatz für eine Kirche abgeben würde, und so wird dem Gesuch stattgegeben. Wer heute das wüste Gelände durchmißt, das einmal Berlin war, begegnet beim Anblick der Parochialkirche dem Gedächtnis Kunkels.

Der aber ist da schon längst auf dem Wege nach Norden. Ärmer als er gekommen, verläßt er Brandenburg. Aber keine Sorge, er macht sein Glück. Der schwedische Hof weiß seine Künste mehr zu schätzen als der Berliner. Keine Rede mehr von der Ernennung zum Kammerdiener als Zeichen der Gnade. Nur ein paar Jahre noch, und der Stockholmer König erhebt ihn in den Adelsstand; jetzt heißt er Kunckel von Lövenstjern.

Die Insel, auf so sonderbare Weise aus ihrem Kaninchen-Dasein gerissen, wird wieder Wildnis. Es braucht nicht viele Jahre, daß die Natur in Erinnerung bringt, wie schnell sie das ihr durch Menschenhand Genommene wieder in Besitz zu nehmen versteht. Der Steg, an dem die Lustyacht des Kurfürsten anlegte, ist schon ein paar Dutzend Jahre später vermodert, dann nicht mehr aufzufinden; die paar Havelfischer, die sich unter den Bäumen ein Reisigfeuer machen, müssen ihre Boote durch das Schilf hindurch auf die verwilderte Wiese ziehen.Das Hegerhaus der Kaninchenzucht war bereits zu Kunkels Zeiten verfallen. Jetzt überwuchern Wegerich und Zichorie sein eigenes Mauerwerk, das die Feuersbrunst überstand. Rankenwerk überzieht die Schuttberge, Birken säen sich aus, Distelgestrüpp und Robiniengebüsch machen den Platz unkenntlich, wo eben noch der Landesherr mit seinem Chemiker dem Fluß des farbigen Glases zusah. Längst sind die Wiesen zu Dickicht geworden, immer undurchdringlicher der Schilfgürtel, nirgendwo ein Platz zum Anlanden mehr.

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