Heilen verboten, töten erlaubt - Blüchel, Kurt G.

Kurt G. Blüchel 

Heilen verboten, töten erlaubt

Die organisierte Kriminalität im Gesundheitswesen

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Heilen verboten, töten erlaubt

Wissenschaftsautor Kurt G. Blüchel liefert nach jahrelanger Recherche ein schonungsloses Porträt des bundesdeutschen Medizinbetriebs. Sein Fazit: Korruption hemmt vielfach die soziale und wirtschaftliche Entwicklung, unterhöhlt die öffentliche Verwaltung und gefährdet die Demokratie. Ein schockierender Aufklärungsbericht über das Medizin-Syndikat und sein skandalöses Unrechtssystem.


Produktinformation

  • Verlag: GOLDMANN
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 415 S.
  • Seitenzahl: 432
  • Goldmann Taschenbücher Bd.15327
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 126mm x 35mm
  • Gewicht: 353g
  • ISBN-13: 9783442153275
  • ISBN-10: 3442153271
  • Best.Nr.: 12857855
Kurt G. Blüchel, Jahrgang 1934, ist seit fast vier Jahrzehnten ein intimer Kenner des Medizinbetriebs. Fünfzehn Jahre lang war er als Medizinjournalist in Pharmaindustrie, Ärzteverbänden und anderen Bereichen des Gesundheitswesens tätig. Er hat als Journalist und Sachbuchautor zahlreiche Aufsehen erregende Werke veröffentlicht, darunter die Bestseller "Die weißen Magier", "Heilen verboten - töten erlaubt" und "Bionik. Wie wir die geheimen Baupläne der Natur nutzen können" (alle C. Bertelsmann). Für "Bionik" erhielt er den internationalen Buchpreis CORINE für das beste Wissenschaftsbuch des Jahres 2005. Als Basis für das große ARD-Fernsehquiz "Die große Show der Naturwunder" mit Frank Elstner und Ranga Yogeshwar diente sein großformatiger farbiger Text-Bildband "Faszination Bionik. Die Intelligenz der Schöpfung" (2006, gemeinsam mit Fredmund Malik).

Leseprobe zu "Heilen verboten, töten erlaubt" von Kurt G. Blüchel

Friedrich der Große liebte es, Randbemerkungen in Form von Bibelzitaten zu machen. Als der Vorstand der Katharinenkirche zu Potsdam gegen einen Umbau Einspruch erhob, weil er das Gotteshaus verdunkle, schrieb der König an den Rand: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." Auch uns Nachgeborenen bleibt häufig nur der Glaube - zum Beispiel der Glaube an die Wunder im deutschen Gesundheitswesen. So hat etwa die Staatsanwaltschaft Kiel entdeckt, dass Ärzte Säuglinge über Sexualität, Drogenkonsum und Verhütungsmittel im Rahmen der "Lebensberatung" aufgeklärt haben wollen. Vier Münchner Kardiologen verschrieben einem Patienten insgesamt 27 verschiedene Arzneimittel gegen sein Herzleiden. Der Mann hatte die Fachärzte nacheinander konsultiert, die verordneten Medikamente widerspruchslos eingenommen und - überlebt. Für einen praktischen Arzt aus Berlin hatte der Tag im vergangenen Jahr 28,5 Stunden - so viel Praxisdienst rechnete er jedenfalls in den ersten beiden Quartalen 2002 gegenüber seiner kassenärztlichen Vereinigung ab. Und, ganz aktuell: Wenn die Kasse einer Klinik stimmt, können Patienten statt nach acht auch schon nach zwei Tagen als geheilt entlassen werden - Fallpauschalen anstelle von Tagessätzen machen dieses Wunder künftig zum Normalfall.

Irgendwie ist auch das gemeinsame "Jahrhundertwerk" der amtierenden SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und ihres CSU-Vorvorgängers Horst Seehofer eine wundersame Konstruktion. Denn in Wahrheit ging es den beiden Politikern weder um eine Reform der Gesundheit noch um eine Reform des vordemokratischen Gesundheitssystems, allenfalls um ein zaghaftes Reförmchen der Zahlungswege, nach dem altbewährten Muster: Wie ziehen wir 72 Millionen zwangsversicherten Bundesbürgern den letzten Cent aus der Tasche? Die Verschwendungsorgie im Medizinbetrieb steht jedenfalls nicht zur Debatte, wie sich aufgrund der hektischen Betriebsamkeit bei den Arbeitsbeschaffungsplanern der "Gesundheitsindustrie" unschwer nachweisen lässt. Bundesregierung und Opposition befassen sich weder mit der längst überfälligen Abschaffung des unseligen Machtapparates kassenärztliche Vereinigungen noch mit dem verdeckten Abrechnungssystem, das kriminellen Handlungen der Ärzteschaft regelrecht Vorschub leistet. Man stelle sich den Aufschrei in den Medien vor, wenn plötzlich alle Kfz-Reparaturen hinter dem Rücken der Autobesitzer von den Werkstattinhabern über mächtige Werkstattvereinigungen mit den Kfz-Versicherern abgerechnet würden! Übrigens: "Autos werden besser behandelt", ließ die Bundesärztekammer Anfang 2003 im Deutschen Ärzteblatt wissen, als es darum ging, den aktuellen Stellenwert von Klinikpatienten zu ermitteln.

In seinem aktuellen Schwarzbuch prangert der Bund der Steuerzahler mehr als hundert Fälle öffentlicher Verschwendung an und weist darauf hin, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Den Selbstbedienungsladen Gesundheitswesen vernachlässigt der Steuerzahlerbund nahezu völlig. Dabei fallen hier allein aufgrund überflüssiger, weil medizinisch unbegründeter, Arzneimitteltherapien jährlich 30 Milliarden Euro Folgekosten an - etwa ebenso viel wie das geschätzte Verschwendungsvolumen der öffentlichen Haushalte, wo es "um nutzlose Brücken, Fehlplanungen, Gedankenlosigkeit im Umgang mit Steuergeldern und Luxus" geht, so Verbandspräsident Karl Heinz Däke. Bei einem wirtschaftlichen Umgang mit Beitragsgeldern der Versicherten könnten auch im Gesundheitswesen enorme Kosten eingespart werden. Die "Es-ist-ja-nicht-mein-Geld"-Mentalität muss endlich aus den Köpfen derjenigen, die über die Verschwendung von Steuergeldern entscheiden, betonte Däke. Erneut forderte der Steuerbund-Chef, dass der Straftatbestand der "Amtstreue" eingeführt wird. Denn selbst wenn die Rechnungshöfe den verschwenderischen Umgang mit Steuergeldern nachwiesen, habe das nur selten Konsequenzen. Ein unabhängiger Amtsankläger müsse außerdem dafür sorgen, dass die Verfahren gegen die Verschwender auch wirklich eingeleitet werden.

Ein vergleichbarer Straftatbestand ist vermutlich auch im Gesundheitswesen unumgänglich. Die Vertuschungsversuche der Verschwender in den öffentlichen Haushalten konnten zum Teil per Gerichtsurteil unterbunden werden - wo aber bleiben die Fahnder im Gesundheitswesen? Weder die abschreckende Wirkung eines Schwarzbuches - wer will sich schon in einem Schwarzbuch wiederfinden? - noch disziplinarische Konsequenzen werden hier in Erwägung gezogen, stattdessen nur organisierte Verantwortungslosigkeit. Der Medizinbetrieb ist zu einer gigantischen Geldvernichtungsmaschine verkommen. Die "Krankheitserfinder" jedenfalls haben landauf, landab Hochkonjunktur. Und die "Vitalitätsvernichtungsmaschine", wie der Hamburger Psychiater Professor Klaus Dörner die Enteignung von Gesundheit bezeichnet, passt sich dem System an. Gesundheitsreform? Eher eine Reform gegen die Gesundheit!

Nach jüngsten Berechnungen des renommierten Arzneimittelexperten Professor Jürgen C. Frölich, Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, sollen es jährlich fast 60 000 Todesfälle sein, die aufgrund erschreckender Wissenslücken bei der richtigen Dosierung von Medikamenten selbst unter Klinikärzten festgestellt wurden -Tendenz steigend. Gegenmaßnahmen der Bundesregierung? Fehlanzeige! Stattdessen Abschaffung des ärztlichen Praktikums im Klinikbereich nach Abschluss des Medizinstudiums. Der Wegfall der Gesellenzeit für Jungärzte lässt nichts Gutes ahnen. Angesagt ist mit Beginn des Jahres 2004 der Sprung vom studentischen Lehrling zum Meister der Medizin ohne jegliche Probezeit. Den Pharmakologen Frölich befallen bereits Albträume, wenn er daran denkt, dass künftig ein frischgebackener Mediziner die Universität verlässt und unvermittelt mit der alleinigen Verantwortung etwa einer 24-Betten-Station am Wochenende konfrontiert wird.

Um den auf Expansion getrimmten Medizinbetrieb in Gang zu halten, werden darüber hinaus mit dem Segen der Bundesregierung Massenkrankheiten schlicht erfunden und wie mittelalterliche Seuchenzüge schon nach kürzester Zeit in den letzten Winkel der Republik verfrachtet. "Krankheit als Erfindung", eine denkwürdige Publikation von Dieter Lenzen, die bereits Anfang der Neunzigerjahre beim Frankfurter S. Fischer Verlag erschien, hatte erstmals auf diese "medizinischen Eingriffe in die Kultur" hingewiesen. Dem Anthropologen Lenzen geht es in seinem Werk vor allem um die Frage, wie es der Medizin gelingen konnte, Betätigungsfelder zu erobern, die nur ein schmaler Grat von Unredlichkeit und Schlimmerem trennt. Warum lassen wir uns völlig neue Krankheiten aufschwätzen, folgen wie dressierte Zirkuspferde willig und widerspruchslos den Gurus im weißen Kittel? Die Hauptursache dieses Phänomens liegt Lenzen zufolge in der zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft und in der allgemeinen Verdrängung von Sterben und Tod. Dies sei der Nährboden, auf dem ärztliches Handeln als "säkularisiertes Priestertum" gedeiht. Immer mehr Beitragsmilliarden für medizinische Fundamentalisten und wissenschaftliche Scharlatane?

Die derzeitige "Gesundheitsreform" ebenso wie die Reform der Reform, die bereits jetzt heftig diskutiert wird, ist ein Reparaturversuch an einem verrotteten System - und keine grundlegende Neugestaltung. Angesichts gähnend leerer Kassen hat sich in fast allen Bereichen unserer Gesellschaft nichts als dreister Aktionismus breit gemacht. Der Staat wird zunehmend zahlungsunfähiger, tüchtige Arbeitskräfte werden immer knapper, Junge wie Alte immer kränker, soziale Einrichtungen - Schulen und Bibliotheken, Schwimmbäder und Theater - verfallen, Städte und Gemeinden verwahrlosen, ganze Regionen verkommen. Kern dieser Probleme ist die demografische Entwicklung unseres Landes, denn sie allein bestimmt die Zukunft unseres Staates. An der Altersstruktur eines Volkes lässt sich am besten erkennen, ob genügend junge Menschen vorhanden sind, ob in ausreichender Zahl Kinder geboren werden, um den Wohlstand für jene aufrechtzuerhalten, welche heute jung sind, und den Wohlstand für die ältere Generation garantieren.

Das Statistische Bundesamt kommt inzwischen zu alarmierenden Erkenntnissen: Deutschland wird im Jahre 2050 nur noch 68 Millionen Einwohner haben, heute sind es 82 Millionen. Die Lebenserwartung wird bei Männern 83,7 Jahre betragen (derzeit sind es 79,2 Jahre) und bei Frauen 88,2 Jahre (derzeit 83,5 Jahre) - wobei medizinische Fort- oder Rückschritte kaum von Belang sind. Die Zahl der Ärzte wird jährlich um mindestens 4500 zunehmen und im Jahre 2050 bei wenigstens 500 000 liegen (heute sind es 380000). Was heute noch vehement bestritten wird, dürfte bereits in den nächsten fünf Jahren zu der zwangsläufigen Tatsache führen, dass auch aus den letzten gesunden Menschen kranke gemacht werden, um das Gesundheitssystem in der heutigen Form in Gang zu halten. Damit wird offenbar, dass Deutschland nicht nur vergreist, sondern auch zum Siechen- und Krüppelheim degradiert wird. Schon heute gibt es hierzulande mehr als acht Millionen Behinderte, davon mehr als die Hälfte aufgrund medizinischer Eingriffe. Wenn im Gesundheitswesen keine radikalen Änderungen erfolgen, ist Deutschland schlicht nicht überlebensfähig.

Maßlos übertrieben? Schwarzmalerei? Kassandra lässt grüßen? Auch bei der gemeinnützigen Bertelsmann-Stiftung, dem größten Anteilseigner des weltweit agierenden Medienkonzerns, dem auch RTL, GEO und der Stern angehören, beschäftigen sich seit einem Jahr Experten intensiv mit den epochalen Veränderungen unserer Gesellschaft, vor allem mit den Konsequenzen, die diese einschneidenden Veränderungen für uns alle haben werden. Das Szenario für das Jahr 2050 könnte beängstigender nicht sein: Der Staat ist bankrott, die Sozialsysteme sind zusammengebrochen, die meisten großen und mittleren Unternehmen ebenso wie die jungen Eliten aller gesellschaftlichen Bereiche ausgewandert, das ganze Land ein im wahrsten Sinne des Wortes hoffnungsloses Alten- und Pflegeheim. Doch nicht erst 2050 stirbt die Heimat der Dichter und Denker, Erfinder und Entdecker. Schon im nächsten Jahrzehnt wird die Attraktivität Deutschlands für die eigenen Bürger wie für dringend benötigte Fachkräfte aus anderen Ländern rapide schrumpfen. Wer gut ausgebildet und jung ist, geht in die Schweiz, sucht sein Glück in Übersee oder Fernost zu machen. Einem vergreisten, chronisch kranken Land kehren immer mehr Menschen fluchtartig den Rücken, was den Niedergang unseres Gemeinwesens erheblich beschleunigen dürfte. Noch ziehen junge Menschen aus den neuen Bundesländern in die alten, hinterlassen in ihrer ostdeutschen Heimat sterbende statt blühende Landschaften, wie es ihnen einst vollmundig verheißen wurde. Aber schon in wenigen Jahren wird das Ziel dieser zutiefst enttäuschten Generation nicht mehr Deutschland heißen.

Die wenigen noch verbleibenden Jungen verweigern immer aggressiver die ständig steigenden Sozialbeiträge, werden eines gar nicht allzu fernen Tages regelrecht Krieg gegen die Alten führen, die dann in den Parlamenten über eine erdrückende Mehrheit verfügen dürften. Immer mehr Altenghettos entstehen, attraktive Läden und Einkaufszentren verschwinden, Büro- und Wohnkomplexe verfallen oder werden abgerissen, Schulen und Kindergärten geschlossen, Bibliotheken und Theater dicht gemacht. Satelliten- und Trabantenstädte leiden mehr und mehr an Auszehrung, versinken im Elend. Lediglich Krankenhausareale werden zu gigantischen Klinikstädten aufgebläht wie Krebsgeschwüre, der Moloch Medizinbetrieb zwingt alles Gesunde unter seine Knute. "Das ist ein Szenario, das zeigt, was passieren kann, wenn wir nicht rechtzeitig etwas tun und immer nur auf die dringendsten Probleme reagieren", so Andreas Esche, Projektleiter bei der Bertelsmann-Stiftung. Esche weiter: "Wir können diese Entwicklung noch abwenden, müssen aber schnell das Ruder herumreißen, um den Supertanker Deutschland vom

Kollisionskurs abzubringen. Das wird umso schwerer und schmerzhafter, je später wir damit beginnen."

Nicht nur unter weit blickenden Gesundheits- und Sozialpolitikern sind die Fakten von heute und ernüchternden Zukunftsszenarien bekannt. Auch Mediziner, Bevölkerungsexperten und Ökonomen warnen allenthalben vor dieser heraufziehenden Katastrophe, doch bislang verhallen diese Mahnungen weitgehend ungehört oder gehen im Gezeter und angesichts überschäumender Drohgebärden ärztlicher und pharmazeutischer Interessenverbände unter. Dabei ist vieles von dem, was als Menetekel an die Wand gemalt wird, heute schon Realität. Dem Flächenbrand rasant steigender Sozialabgaben und ständig wachsender Zuzahlungen stehen sinkende Leistungen und eine erschreckend miese Qualität der medizinischen Leistungserbringer gegenüber.

Alles, was über ein Minimum lebenserhaltender Maßnahmen hinausgeht, werden Rentner, Kranke und Behinderte künftig aus eigener Tasche finanzieren müssen - doch ihre Taschen sind bereits heute leer! Wir werden daher nicht nur bis 70 Jahre und länger arbeiten müssen, sondern auch schon in jungen Jahren als chronisch Kranke am Tropf einer bedrohlich wuchernden Krankheitsindustrie hängen; und der Tod wird uns vermutlich immer häufiger am Arbeitsplatz ereilen. Wenn wir noch länger an allen möglichen Stellschrauben herumdrehen, wird uns das Monstrum Medizinbetrieb - heute noch immer als das beste Gesundheitswesen der Welt verniedlicht - mehr und mehr persönliche Freiheit rauben, Armeen multimorbider Kranke produzieren und schließlich das "sozial verträgliche Frühableben" beschleunigen, das ein früherer Präsident der Bundesärztekammer schon vor Jahren zur Diskussion gestellt hat. Wer heute wie die amtierende Bundessozial- und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt unter eilfertiger Mithilfe ihres parteipolitischen Gegners Horst Seehofer ausschließlich nach neuen Geldquellen für ein Fass ohne Boden Ausschau hält, statt durch einschneidende Strukturmaßnahmen den Medizinbetrieb zukunftssicher zu gestalten, gefährdet nicht nur den sozialen Frieden in unserem Land, sondern übernimmt auch zwangsläufig die Rolle eines Sozialschädlings.

Ist es nicht gespenstisch? Die Wirtschaft lahmt, die Vollbeschäftigung ist ins Land der Träume verbannt, galoppierende Massenarbeitslosigkeit an der Tagesordnung, die Bevölkerung verharrt in ohnmächtiger Schreckstarre, die Pleitenzahlen überschlagen sich, und immer mehr Unternehmen geraten in einen ruinösen Teufelskreis. Inzwischen ist das einstige Vorbild für Wachstum und Wohlstand europaweit Schlusslicht auf nahezu allen Gebieten: bei der Arbeitslosigkeit und bei der Gesundheit, beim technisch-wissenschaftlichen Fortschritt und bei der schulischen Bildung. Nur Ärzte und Arzneimittelkonzerne tanzen gleich Derwischen auf einem brodelnden Vulkan. Der von Bundesregierung und Opposition mühsam ausgehandelte Gesundheitskompromiss gebietet der systematischen Plünderung der Krankenkassen durch die medizinische Über- und Fehlversorgung kaum Einhalt. Ausländische Pharma-Multis erfinden völlig neue Massenkrankheiten, um ihre Märkte für risikoreiche Arzneimittelinnovationen unablässig zu vergrößern. Die Schulmedizin verkommt durch ihr hinterwäldlerisches Ausbildungssystem zur Quacksalberei. Die beängstigende Zunahme ihrer Misserfolge verwandelt das Gesundheitswesen in ein lebensgefährliches Experimentierfeld auf Kosten ahnungsloser Patientenheere, und am Ende werden politische Scharlatane den Moloch Medizin zu Tode kurieren.

Die Diagnose ist unstrittig, und sie gibt kaum Anlass zu einem Hoffnungsschimmer: Das deutsche Gesundheitswesen, einst das Mekka der Medizin und von Experten aus aller Welt als vorbildlich gepriesen, ist im weltweiten Vergleich enorm überteuert und gleichzeitig unglaublich ineffizient. Im Ergebnis produziert es inzwischen mehr Kranke als Gesunde. Die Versicherten zahlen für die Luxusklasse, doch der gebotene Service ist - von rühmlichen Ausnahmen abgesehen - drittklassig. Dieses Fazit legen nicht nur internationale Studien mit zum Teil vernichtender

Urteilsbegründung nahe, wenn sie beispielsweise der deutschen Herzmedizin - für viele das Filetstück unseres Medizinbetriebs - weitgehende Inkompetenz bescheinigen. Beschämender noch ist der Qualitätsstandard der deutschen Krebsmedizin, die sich seit Jahren im internationalen Ranking als Träger der roten Laterne einen unrühmlichen Namen gemacht hat. Mittlerweile ist auch die wenig verwöhnte "Kundschaft" unzufrieden: Mehr als die Hälfte aller Deutschen bewertet nach jüngsten Umfragen die Qualität der medizinischen "Leistungserbringer" als mangelhaft, in vielen Bereichen sogar als völlig ungenügend. Hauptkritikpunkte: falsche und überflüssige Diagnosen sowie unsinnige und riskante Behandlungsmethoden.Deutschland nimmt im internationalen Vergleich mit rund 70 Betten je 10 000 Einwohner einen Spitzenplatz ein. Gleichzeitig dauert die Krankenhausbehandlung hierzulande mit durchschnittlich 12 Tagen je Patient am längsten. Grund: Die Betten müssen belegt sein, um den aufgeblähten Klinikbetrieb am Leben zu erhalten. Regierungsberater Professor Karl W. Lauterbach hat vorgerechnet, dass etwa 230 000 Klinikbetten (von insgesamt 550 000) abgebaut werden müssten, um den internationalen Durchschnittswert zu erreichen. Das Sparpotenzial beläuft sich allein in diesem Bereich auf rund 20 Milliarden Euro! Bei der Krebsdiagnostik könnten nach Professor Henning König von der Universität Erlangen bis zu 25 Prozent der Kosten eingespart werden. Die finanziellen Abstriche seien möglich, ohne dass die Qualität der Diagnosen und der nachfolgenden Behandlung leide. Es sei lediglich erforderlich, auf die gegenwärtige "unnötige Überdiagnostik" zu verzichten - damit könnte gleichzeitig Zehntausenden von Patienten viel Leid und vorzeitiges Sterben erspart werden. Was allerdings dagegen spricht, ist einem Leitartikel des Deutschen Ärzteblattes zu entnehmen: "Das im Gesundheitssystem erbrachte Leistungsspektrum orientiert sich primär - völlig zu Recht - an den wirtschaftlichen Überlebenschancen der Leistungserbringer und nicht an den Bedürfnissen der Leistungsnehmer." Hier werden die Patienten unverblümt als Doofe abgestempelt.

Leseprobe zu "Heilen verboten, töten erlaubt" von Kurt G. Blüchel

5. Die »soziale« Enteignung (S. 306-307)

Auf dem Marsch in den Armeleutestaat

Die Goldgrube Gesundheitswesen schreibt rote Zahlen. Auch für Deutschlands Ärzte sind die Zeiten garantierten Wohlstands vorbei. Furchteinflößende Jahre liegen bereits hinter ihnen, noch schlimmere stehen ihnen vielleicht bevor. Schon heute kämpfen sie rabiat um jeden Euro. Doch am Ende wird das, wie es den Anschein hat, alles nichts nutzen. In Sachsen und einigen weiteren neuen Bundesländern droht seit Ende der Neunzigerjahre angeblich 25 Prozent aller Arztpraxen der Ruin, in Hamburg und Berlin sind es nach Angaben der regionalen Standesorganisationen sogar 30 Prozent. Nach Einschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein müssen ärztliche Praxen mittlerweile auf breiter Front mit dem Bankrott rechnen.

Bereits 1996 prognostizierte Wolfgang Grebe, Standesfürst der hessischen Internisten, »werden zum Jahresende viele Kollegen von ihren Steuerberatern erfahren, dass sie schon pleite sind«. 1500 von 8400 niedergelassenen Ärzten in Grebes Sprengel hätten also spätestens um die Jahrtausendwende aufgeben müssen. Selbst im wohlhabenderen Süden der Republik breitet sich allerorten Katerstimmung aus, auch in Münchener Arztpraxen geht die Angst um. Zahlreichen Medizinern steht das Wasser bis zum Hals, war in einer großen deutschen Tageszeitung vor längerer Zeit zu lesen. Durch die angekündigte Nullrunde der Bundesgesundheitsministerin sehen viele der 4500 niedergelassenen Mediziner und Psychotherapeuten in Bayerns Hauptstadt nun besonders schwierige Zeiten anbrechen. Axel Munte, Vorsitzender der bayerischen Kassenärzte, rechnet mit einer Pleite welle unter seinen Kollegen.

Ein Großteil der Praxen werde noch künstlich am Leben erhalten, zur Sicherung des Bankkredits. Wolf von Römer, ein anderer Arzt, der in München seine Praxis betreibt: »Wir arbeiten wie die Wilden und stehen finanziell vor dem Ruin.« Die unsichere wirtschaftliche Lage gehe den Kassenärzten an die Nieren. Es gebe zahlreiche Praxisinhaber, die erwögen, ihre Kassenzulassung ganz an den Nagel zu hängen. »Der normale Kassenpatient rechnet sich nicht mehr«, sagt auch Gunther Karlbauer, einer der besonders gestressten Mediziner. Pro Quartal behandelt der Neurologe mit Praxis in der Münchener Innenstadt 150 seiner 1200 Patienten gar umsonst, weil das Budget, das ihm für ein Vierteljahr zusteht, überschritten sei: »Als Kassenarzt bist du heute zerrissen zwischen Ethik und Ökonomie.«1

Ein Parkinsonkranker etwa, der intensive Betreuung und viele Medikamente brauche, sei zum »unkalkulierten wirtschaftlichen Risiko« geworden. Anfang 2003 sei ihm die jüngste Quartalsabrechnung auf den Schreibtisch geflattert, und sie habe seine Laune nicht unbedingt verbessert. Der Fall des Münchener Arztes wurde von der Süddeutschen Zeitung erneut aufgegriffen. Dort hieß es: »40 Euro erhält der Münchner Kassenarzt Gunther Karlbauer für jeden Patienten im vergangenen Quartal, vor zehn Jahren waren es noch 170 D-Mark pro Patient. Solch massive Honorareinbußen, sagt er, habe es in keiner anderen Berufsgruppe gegeben. In diesem Jahr, mit der von Ulla Schmidt verordneten Nullrunde, werde sich diese Summe noch einmal mindestens 5 Prozent verringern.«

Das Blatt fügte hinzu: »Karlbauer kennt Kollegen, die mittlerweile weniger verdienen als die schlecht bezahlten Assistenzärzte in Kliniken.« Nagen unsere einst auf der Schaumkrone der Wohlstandswelle reitenden Ärzte heute am Hungertuch? Zugegeben, mit 3800 Euro brutto kann ein Assistenzarzt im Krankenhaus keine großen Sprünge machen. Aber wie sieht es im wirklichen Leben aller übrigen Mediziner aus? Beginnen wir mit dem offenbar prekären Fall des Dr. Gunther Karlbauer. Wie er selbst behaup tet, hat er 1200 Scheine im Quartal und eine Reihe von Privatpatienten, die seine Praxis »subventionieren«. Für die 1200 Krankenscheine à 40 Euro erhält der Münchener Doktor demnach 48 000 Euro im Quartal, 192000 Euro im Jahr.

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