Leseprobe zu "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft" von Jeremy Rifkin
Einleitung zur Neuausgabe von 2004
In den neun Jahren seit der Erstveröffentlichung von Das Ende der Arbeit fuhr die Weltwirtschaft Achterbahn; sie schraubte sich in ungeahnte Höhen, stürzte dann genauso schnell wieder ab und zog eine weltweite Rezession nach sich. Doch selbst im Zenit des ökonomischen Zyklus blieb die strukturelle Arbeitslosigkeit in vielen Ländern der Erde gefährlich hoch, obwohl die globale Produktivität und das Bruttoinlandsprodukt zulegten. Im Jahr 1995 waren 800 Millionen Menschen arbeitslos oder unterbeschäftigt. 2001 fielen schon über eine Milliarde Menschen in eine dieser beiden Kategorien.
Heute haben Millionen von Arbeitern überall in Amerika keine oder zu wenig Arbeit und kaum Hoffnung auf Vollzeitbeschäftigung. Diese traurige Realität ist umso schmerzlicher, wenn wir uns daran erinnern, dass noch vor wenigen Jahren Wirtschaftsführer wie Volksvertreter im Überschwang behaupteten, die Vereinigten Staaten hätten ihre Beschäftigungsprobleme gelöst. Die "offizielle" Arbeitslosigkeit fiel von 6,6 Prozent im Januar 94 auf 4 Prozent im Januar 2000, wodurch sich einige Wirtschaftsexperten zu der kühnen Behauptung verleiten ließen, die Arbeitslosigkeit gehöre der Vergangenheit an.
Ihre Voraussagen erwiesen sich als kaum fundiert. Bis zum Frühjahr 2003 war in den USA die offizielle Arbeitslosigkeit wieder auf 6 Prozent hochgeklettert und entwickelte sich zum am meisten besorgniserregenden Problem des Landes. Und das gilt nicht allein für die USA.
Die am weitesten entwickelten Nationen der Welt werden beständig von chronisch hoher Arbeitslosigkeit geplagt. Im August 2003 betrug sie in Deutschland beinahe 10 Prozent, und 60 Prozent der Arbeitslosen hatten mehr als ein Jahr lang keine Beschäftigung mehr gehabt. In Frankreich und Italien pendelte die Arbeitslosigkeit im Jahr 2003 um 9 Prozent, in Spanien lag sie bei fast 12 Prozent. Insgesamt belief sie sich in der Europäischen Union auf 7,9 Prozent und in der erweiterten Eurozone auf mehr als 8,7 Prozent.
Der anderen Seite der Welt geht es nicht besser. Zu Beginn des Jahres 2003 waren in Japan 3,68 Millionen Menschen ohne Beschäftigung, die Arbeitslosigkeit belief sich insgesamt auf 5,5 Prozent, was der höchste Wert seit Beginn der Arbeitslosenstatistik in den fünfziger Jahren ist. In Indonesien waren 9,1 Prozent arbeitslos, in Indien 8,8 Prozent. In der Karibik und in Lateinamerika belief sich die Arbeitslosigkeit im Durchschnitt auf 10 Prozent.
Im Lauf dieser Zeit ist klar geworden, dass die strukturellen Probleme hinter der steigenden Arbeitslosigkeit, die zum ersten Mal in Das Ende der Arbeit diskutiert wurden, sich in den Jahren seither weiter vertieft haben, was die Zukunft der Beschäftigung zur kritischen Frage unserer Epoche macht. Interessanterweise finden die Analysen und aufgezeigten Trends, die den Hauptteil des Buches ausmachen, heute ein größeres Echo als zu der Zeit, da das Werk erstmals veröffentlicht wurde.
Mit dieser Einleitung zur Neuausgabe von 2004 ergreife ich die Gelegenheit, die Leser hinsichtlich der Zukunft der Arbeit auf den neuesten Stand zu bringen, wobei ich besonders die Lehren betone, die man aus den tumultartigen ökonomischen Entwicklungen der zurückliegenden Jahre ziehen kann. Ich erweitere auch einige der zahlreichen Vorschläge zur Bewältigung der Jobkrise aus der ersten Ausgabe um eine Reihe frischer Ideen, wie man über das Wesen der Arbeit neu nachdenken kann. Ich hoffe, dass diese Vorschläge helfen, einen Weg in eine neue Welt zu finden, in der jeder Einzelne durch seine Tätigkeit und seinen Beitrag auf ganz andere Weise etwas für das Schicksal der Menschheit und das Wohlergehen der Erde zu leisten vermag, als man sich das bislang überhaupt vorstellen konnte.
Die große Debatte über die Zukunft der Arbeit hat jede Nation fest im Griff. Unter der Last hoher Arbeitslosigkeit, erdrückender Steuern, überlasteter Sozialsysteme und einem Wirrwarr von Regulierungsmaßnahmen, die nach Ansicht einiger die wirtschaftliche Stagnation nur verlängern, haben sich Kritiker in Regierung, Industrie und Gesellschaft in wilde ideologische Grabenkämpfe verbissen, ob die Gesetze, die Handel, Gewerbe und den Arbeitsmarkt regeln, geändert werden müssen, und wenn ja, wie. Politiker, Manager und Gewerkschafter zanken sich um eine flexiblere Arbeitspolitik, niedrigere Steuern und die Spielregeln für eine Umverteilung der Renten- und Sozialhilfelasten, und währenddessen geht der wahre Grund für die globale Arbeitslosigkeit in der öffentlichen politischen Debatte unter.
Wenn der Schlüssel zur Schaffung neuer Stellen nur darin läge, die oben erwähnten Reformen durchzuführen, dann müssten die Vereinigten Staaten von Amerika sich robuster Beschäftigungszahlen erfreuen. Schließlich haben wir so gut wie all die Reformen umgesetzt, die andere Länder jetzt durchzuführen versuchen. Und doch durchleben amerikanische Arbeitskräfte - wie ihre Kollegen in so gut wie jeder anderen Volkswirtschaft der Welt - schwere Zeiten.
Immer wenn in den USA die Arbeitslosenzahlen zu steigen begannen, schaute der Rest der Welt nach Amerika und erhoffte sich Anregungen und Vorbilder. Die anderen wussten aber nicht, dass die Arbeitslosigkeit in den USA selbst während der Boomjahre in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, als die Regierung 4 Prozent Arbeitslosigkeit verkündete, in Wirklichkeit viel höher war. Einer Untersuchung der University of Chicago zufolge lagen, wenn man die versteckte Beschäftigungslosigkeit hinzufügte, die wahren Arbeitslosenzahlen dichter an denen der Europäischen Union des gleichen Zeitraums. Denn nach der Rezession von 1989 bis 1992 fanden einige Amerikaner zwar neue Stellen, aber Millionen andere entmutigte Jobsuchende gaben einfach auf, stellten sich dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung und wurden daher nicht länger in den offiziellen Statistiken geführt. Viele weitere wurden eingekerkert. 1980 betrug die Gefängnispopulation 330000 Insassen. Bis zum Jahr 2000 saßen fast zwei Millionen Menschen in Haftanstalten. Momentan sind 1,8 Prozent der erwachsenen, arbeitsfähigen Männer inhaftiert.11 Darüber hinaus wurden viele der Arbeitskräfte, die in der Hausse zwischen 1995 und 2000 Beschäftigung fanden, nur vorübergehend und in Teilzeit sowie ohne Sozialleistungen eingestellt und dazu größtenteils unterbeschäftigt. Bis Ende 2003 hatten sich viele wieder in die Armee der Arbeitslosen eingereiht.
Leseprobe zu "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft" von Jeremy Rifkin
III Die arbeitslose Zukunft (S. 107-108)
1.Von der Landarbeit zur Gewebekultur
Landwirtschaft und Hightech haben in unserer Vorstellung nicht viel miteinander zu tun. Und doch sind gerade in diesem Wirtschaftssektor einige der erstaunlichsten Fortschritte gemacht worden. Während die technologisch bedingten Entlassungen in der Industrie und im Dienstleistungsbereich im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, verändert sich auch die moderne Landwirtschaft grundlegend, und auf der ganzen Welt stellt sich die Frage nach der Zukunft der Landarbeit.
Fast die Hälfte der Weltbevölkerung betreibt Landwirtschaft, und die meisten dieser Menschen leben noch fast genauso wie die Menschen der Jungsteinzeit vor über 6 000 Jahren. Jetzt aber droht – dank des wissenschaftlichen Fortschritts – das Ende der traditionellen Landwirtschaft. Bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts werden neue Techniken der Lebensmittelherstellung die bäuerliche Arbeit überflüssig machen. Die Konsequenzen für die 2,4 Milliarden Menschen, die auf ihr Land angewiesen sind, um überleben zu können, sind noch gar nicht abzusehen (Food and Agriculture Organization 1993: 332).
Die Mechanisierung der Landwirtschaft nahm ihren Anfang vor über hundert Jahren. 1880 brauchte es noch mehr als zwanzig Arbeitsstunden, um ein acre (oder 40,5 Ar) Getreide abzuernten, 1916 12,7 und weitere zwanzig Jahre später nur noch 6,1 Stunden (U. S. Department on Agriculture 1940: 63). Seit den 20er Jahren wurden Wirtschaftskrisen nicht mehr durch Missernten, sondern durch die landwirtschaftliche Überproduktion ausgelöst. Die Mechanisierung wurde als ein Triumph der Industriegesellschaft gefeiert, und einer der führenden Landwirtschaftsexperten der Zeit brüstete sich: »Wir bauen das Getreide hier nicht mehr an, wir stellen es her. […] Wir sind keine Bauern oder Farmer mehr, sondern Produzenten.« (McWilliams 1942: 301–330)
Begonnen hatte es mit dem massengefertigten Eisenpflug, der den handgefertigten Holzpflug verdrängte. Der US-Amerikaner John Deere baute 1837 als erster einen Eisenpflug mit Stahlkante. Der schwere, feuchte Boden seines Heimatstaates Illinois ließ sich mit dem Gerät so leicht umpflügen, dass es bald als »singender Pflug« bezeichnet wurde. Während der 1850er Jahre stellte die John Deere Company mehr als 10 000 Pflüge jährlich her. Die leichteren Modelle machten es möglich, mit Pferden statt mit Ochsen zu pflügen, was die Arbeit der Farmer wesentlich beschleunigte (Cochrane 1993: 190, 195).
Ungefähr zur gleichen Zeit wurde in den USA die mechanische Mähmaschine eingeführt. Noch in den 1840er Jahren hatten die Farmer für die Ernte Sicheln und Sensen benutzt. Die von einem Pferd gezogene mechanische Mähmaschine verkürzte nun die Erntezeit um mehr als die Hälfte. Der Name des Erfinders, Cyrus McCormick, wurde bald zum Synonym für landwirtschaftliche Maschinen. Auch die Dreschmaschine fand große Verbreitung, und im Westen der USA gab es riesige Mähdrescher, die bis zu fünfzehn Tonnen schwer waren. Sie wurden von vierzig Pferden gezogen und schnitten das Getreide auf über zehn Metern Breite ab (ebd.: 195 f.).
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