Leseprobe zu "Willkommen im Funky Business"
Die Idee für dieses Buch kam uns durch eine Mail einer unserer Kollegen. Darin forderte er uns auf, den Grund seiner plötzlichen Kündigung zu erraten. Im Betreff stand: "Quiz für einen Abgang". Nun sollten wir raten, ob es wegen des Chefs sei, den Kollegen, wegen der verschiedenen wechselnden Projekte oder wegen der "Doppelagenten" im Global Office, im Großraumbüro. War es wegen der gekünstelt-guten Stimmung oder der schlechten Bezahlung, wegen der Bedeutungslosigkeit seiner Arbeit als "Manager" oder der Deadlines, die ihn daran hinderten, seine Tochter zu sehen' Schnell wurde uns klar, dass auch wir uns diese Fragen stellten. Nun aber wagte es einer von uns, das Schweigen zu brechen oder sagen wir: den vordergründigen Enthusiasmus. Das war neu. Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: Alles ist cool und alle sind glücklich in der Werbung, in der Beratung, in der Rechnungsprüfung, den Internetfirmen, der Informatik und zukünftig auch in allen anderen Unternehmen. Der Global Office ist gesellig, der Stress positiv, die Mobilität eine Herausforderung. Die jungen Manager laufen nicht unbedingt mehr im Anzug und Krawatte umher: Sie können auch in Jeans und T-Shirt zur Arbeit kommen. Der Chef ist nicht mehr dieser distanzierte Typ, der sich hinter seinem großen Schreibtisch verschanzt, geschmückt mit einer Sekretärin, die ihn abschirmt. Seine Sekretärin hat er inzwischen durch einen Blackberry ersetzt. Sein Büro ist eher bescheiden, die Tür immer offen. Er duzt jeden und alle sprechen ihn mit seinem Vornamen an. Alles wurde demokratisiert, alles ist erlaubt. Das schöne Leben also' Scheinbar ja. In Wirklichkeit aber flippen die jungen Manager langsam aber sicher aus. Fluktuation, Kündigung, Depression, Umschulung, Klagen vor dem Arbeitsgericht: Die Zeichen des Unbehagens waren schon länger da. Wir aber haben weiter geschwiegen. Gesprächspartner - Fehlanzeige. Übrigens ist es ganz unmöglich im Open Space Kritik zu äußern, ohne gleich als Gewerkschafter zu gelten: Das ist die Diktatur der Positive Attitude. Doch auch im Privaten kann man sich kaum dazu äußern, ohne als Muttersöhnchen zu gelten. Allgemein gilt: Werbung, Beratung und Onlineservices sind ebenso prestigeträchtige wie faszinierende Berufe. So haben wir beiden uns zunächst nur ganz unter uns ausgetauscht; fast im Geheimen haben wir reflektiert über die vermeintlichen Erfolge und Enttäuschungen unseres glorreichen Management-Alltages: Ein Kollege mit Kreislaufstörungen fällt in Ohnmacht, ein anderer hat ein Geschwür, ein Motivationswochenende wird zur Maskerade, eine Projektleiterin muss wegen Depression aufhören, eine Beraterin ist in Behandlung wegen ihrer Abhängigkeit vom Blackberry, eine weitere verwechselt Arbeits- und Privatleben, und ein letzter lehnt eine Beförderung ab ... Nach und nach sind unsere Geschichten in Umlauf gekommen, bis sich Freunde und Bekannte am Austausch beteiligten. Selbst jene, die ihr Unternehmen sonst nie kritisieren würden, haben uns schließlich gesagt, dass sie nicht mehr an ihren Job glaubten. Immer mehr Mails erreichten uns mit ihren Geschichten und Erlebnissen bei der Arbeit. Als die Leute erfuhren, dass wir veröffentlicht werden, sind unsere Mailboxes schließlich übergelaufen. "Und das' Hast du das hinzugefügt'" "Ich hab' da was für dich." "Hier! Ich leite dir diese unfassbare Mail weiter. Doch änder' auf jeden Fall meinen Namen und natürlich den von meiner Firma! Ich will mir nicht die Finger verbrennen!" Dieses Buch ist also ebenso das Ergebnis unserer eigenen Erfahrungen als auch authentischer Berichte von Betroffenen. Den Verfassern gilt unser ausdrücklicher Dank, ob sie nun "ihre" Geschichte hier finden werden oder auch nicht. Sie sollen wissen, dass dieses Buch für sie ist und für alle, die sich in ihrem stillen Eckchen Fragen stellen, ohne öffentlich darüber zu reden.Letzten Endes erzählt dieses Buch nichts, was die jungen Manager von heute nicht schon wüssten. Doch sie schweigen darüber, sodass kaum einer Bescheid weiß: die neuen Formen der Gewalt, das Diktat der guten Laune und der Geselligkeit, die falsche Freiheit, die Flexibilität mit sich bringt, die Qual des Timesheets, der Wahnsinn der Mitarbeiterbewertung und der Selbsteinschätzung, der Mangel an Anerkennung usw. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind austauschbare Ressourcen. Eine Realität, über die das Neo-Management einen Schleier der Coolness geworfen hat. Das Ergebnis: keine gemeinsamen Projekte mehr, keine Treue zwischen dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern. Gewisse Führungspersönlichkeiten können ja gern Stimmung machen gegen diese Generation, die den Wert der Arbeit aus dem Blick verloren hat, und die nur noch an ihr Privatleben denkt. Dabei vergessen sie nur eins: Unsere Einstellung ist keine Ursache, sondern eine Konsequenz. Zwischen den jungen Managern und den Unternehmern ist das Vertrauen zerstört. Es greift die Herrschaft des "Jeder-für-sich". Übertreiben wir? Nein, wir öffnen Ihnen nur die Türen zum Global Office.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20