Arbeiten für wenig Geld - Bosch, Gerhard / Weinkopf, Claudia (Hgg.)

Gerhard Bosch / Claudia Weinkopf (Hgg.) 

Arbeiten für wenig Geld

Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland

Hrsg. v. Gerhard Bosch u. Claudia Weinkopf
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Arbeiten für wenig Geld

Seit Mitte der 1990er Jahre steigt die Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland sprunghaft an. Was sind die Triebkräfte dieser Entwicklung? Welche Arbeitsplätze sind besonders betroffen? Anhand der Beispiele Call Center, Einzelhandel, Ernährungsindustrie, Hotel und Krankenhaus verleihen die Autoren des Bandes der Niedriglohnarbeit in Deutschland ein Gesicht und zeigen, wo politischer Handlungsbedarf besteht, etwa die Einführung von Mindestlöhnen.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 319 S. m. Tab.
  • Seitenzahl: 319
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 142mm x 25mm
  • Gewicht: 450g
  • ISBN-13: 9783593384290
  • ISBN-10: 3593384299
  • Best.Nr.: 22807923
Prof. Dr. Gerhard Bosch ist Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik in Gelsenkirchen und Professor an der Gerhard Mercator Universität Duisburg.

Leseprobe zu "Arbeiten für wenig Geld"

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Leseprobe zu "Arbeiten für wenig Geld"

Unter Verwendung einer der gebräuchlichen Definitionen von "Niedriglohnarbeit" arbeitet etwa ein Viertel aller Beschäftigten in den USA für einen Niedriglohn. Der entsprechende Anteil ist in anderen vergleichbar entwickelten kapitalistischen Ländern geringer, mitunter sogar deutlich geringer. Diese Tatsache ist nicht gut für das Selbstbildnis der Amerikaner. Sie ist sicherlich auch nicht gemeint mit "crown(ing) thy good with brotherhood, from sea to shining sea." Dieses Paradox, wenn dies der richtige Ausdruck ist, war der Ausgangspunkt für eine umfassende Studie, zu der dieses Buch einen wichtigen Beitrag leistet. Wie sehen die Vergleichszahlen aus, was bedeuten sie und warum haben sie sich so entwickelt?
Eine Stiftung wie die Russell Sage Foundation, seit ihrer Gründung der "Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen in den Vereinigten Staaten von Amerika" gewidmet, muss sich für Armut, ihre Ursachen, ihren Wandel, ihre Folgen und ihre mögliche Verringerung interessieren. Niedriglohnarbeit ist nicht gleichbedeutend mit Armut, noch weniger mit lebenslanger Armut. Manche Niedriglohnbeschäftigte leben in Familien mit mehreren Erwerbstätigen und teilen mit ihnen den gemeinsamen Lebensstandard, so dass sie nicht unbedingt arm sind. Andere Niedriglohnbeschäftigte sind auf einem sicheren Weg, der sie in absehbarer Zeit in besser bezahlte Beschäftigung bringen wird, so dass sie nicht lebenslang arm sein werden. Aber es gibt auch Beschäftigte, die über längere Zeit keinen Ausweg aus gering bezahlter Arbeit gefunden haben. Für sie bedeutet Niedriglohnarbeit Armut inmitten des Wohlstands.
Selbstverständlich kann das Ausmaß von Armut durch Transferzahlungen außerhalb des Arbeitsmarktes verringert werden. Gleichwohl ist in einer Gesellschaft, in der Selbstvertrauen wichtig ist und in der Erwerbsarbeit Identität und Selbstwertgefühl sowie die Anerkennung der anderen verleiht, eine Umverteilung von Einkommen, die nicht oder unzureichend mit Arbeit verknüpft ist, nicht die beste Lösung, außer in besonderen Fällen. In solchen Gesellschaften wird andauernde Niedriglohnarbeit als besonderes soziales Problem empfunden. Sie muss allerdings erst verstanden werden, um geeignete Ansatzpunkte zu finden, ihr Ausmaß zu verringern oder ihre Folgen zu mildern.
Eine offensichtliche Ursache für niedrige Löhne ist zu geringe Produktivität, die vorrangig in der Person begründet sein mag, wie häufig einfach unterstellt wird, sich aber ebenso aus der Art des Arbeitsplatzes ergeben kann. Wenn sie ein Charakteristikum des Arbeitsplatzes ist, kann man Fairness erreichen, indem jeder mal diese Arbeit ausübt, etwa so wie langweilige Gremientätigkeit oder den Wehrdienst, so dass es nicht zu kumulativen Effekten kommt. Worin auch immer die Ursache für niedrige Löhne liegt, eine Steigerung der Produktivität bietet einen doppelten Nutzen: Sie verringert das Ausmaß niedrig bezahlter Arbeit, die getan werden muss, und sie vermehrt die nützlichen Erträge der gesamten Wirtschaft.
Geringe Produktivität, und deswegen auch Niedriglohnarbeit, tendiert dazu, sich von Generation zu Generation zu reproduzieren. Das ist ein zusätzlicher wichtiger Grund, warum ein hoher Anteil von Niedriglohnbeschäftigung ein "sozialer Tatbestand" ist, der unbedingt verbessert werden muss. In einer Familie aufzuwachsen, in der dauerhaft niedrige Löhne verdient werden, begrenzt den Zugang zu guter Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Wegen zum sozialen Aufstieg. Deshalb ist ein dauerhaft hoher Niedriglohnanteil, der sich auf eine bestimmte soziale Gruppe konzentriert, mit dem weithin akzeptierten Ziel sozialer Gerechtigkeit nicht vereinbar.
Dies sind einige der Gründe, warum die Russell Sage Foundation im Jahre 1994 ein großes Forschungsprogramm zum Wesen, den Ursachen und Folgen von Niedriglohnarbeit und den Perspektiven von gering bezahlten Beschäftigten eingeleitet hat. Diese Initiative trat an die Stelle eines erfolgreichen, aber e

Leseprobe zu "Arbeiten für wenig Geld"

4. Wo das Sparen am leichtesten fällt – Reinigungs- und Pflegehilfskräfte im Krankenhaus (S. 175-176)

Karen Jaehrling
1 Einleitung
Der Krankenhaussektor zählt nicht zu den typischen Niedriglohnsektoren. Vielmehr ist er traditionell durch eine geringe Lohnspreizung, ein Kernmerkmal des »German Capitalism« (Streeck 1997), gekennzeichnet. Selbst für die beiden Beschäftigtengruppen, die im Zentrum dieses Kapitels stehen, nämlich Pflegehilfskräfte und Reinigungskräfte, galten lange Zeit Tariflöhne, die ab einer gewissen Betriebszugehörigkeit nur wenig unter den Einstiegslöhnen für qualifizierte Krankenpflegekräfte lagen oder diese sogar überschritten. Das traf auch auf Krankenhäuser in privater oder freigemeinnütziger Trägerschaft zu, denn diese übernahmen in der Vergangenheit regelmäßig die Lohnabschlüsse für den öffentlichen Dienst.

Seit Anfang der neunziger Jahre haben Änderungen der Finanzierungsregeln die Krankenhäuser jedoch unter hohen Kostendruck gesetzt und diese informelle Tarifkoordination gelockert. Zudem hat sich der bereits zuvor beobachtbare Trend beschleunigt, das relativ hohe Lohnniveau im öffentlichen Dienst durch die Auslagerung insbesondere von hauswirtschaftlichen Dienstleistungen (Reinigung, Küche, Wäscherei) zu unterlaufen. Anders als beispielsweise in den USA oder auch in Frankreich (Appelbaum u.a. 2003, Méhaut u.a. 2008) wurde zum Zweck der Kostensenkung bislang nicht die Anzahl der Pflegehilfskräfte erhöht – im Gegenteil, ihr ohnehin kleiner Anteil am Pflegepersonal ist weiter rückläufig. Stattdessen werden die Tätigkeiten in der Grundpflege zunehmend in das Profil der dreijährig ausgebildeten Krankenpfleger/innen integriert.

Die Auswirkungen des zunehmenden Kostendrucks und weiterer branchenspezifischer Veränderungen auf Lohndifferenzierung und Arbeitsteilung unterscheiden sich mithin nach Tätigkeitsbereich: der Zunahme von Niedriglohnarbeit in der Reinigung steht ein verstärkter Rückgriff auf höher entlohnte Fachkräfte in der Pflege gegenüber. Was die Hintergründe für diese Unterschiede, aber auch für die Unterschiede zu den anderen Ländern sind, welche Rolle dabei insbesondere die Institutionen des Systems industrieller Beziehungen und das Berufsbildungssystem spielen, und wie sich Entlohnung, Arbeitsteilung und weitere Aspekte der Arbeitsplatzqualität in beiden Bereichen im Detail entwickeln, ist Thema des folgenden Kapitels.

Kasten 1: Betriebsfallstudien und Vorgehensweise

Im Mittelpunkt der Untersuchung standen Pflegehilfs- und Reinigungstätigkeiten. Es wurden Fallstudien in sechs Krankenhäusern durchgeführt – davon jeweils zwei öffentliche, private und freigemeinnützige. Das zweite Auswahlkriterium war die regionale Arbeitsmarktsituation, gemessen an der Arbeitslosenquote, die in den ausgewählten Regionen zwischen 6 und 19 Prozent liegt. Mit einer Bettenzahl zwischen 320 und 750 Betten handelt es sich bei den untersuchten Krankenhäusern um mittlere und große Häuser, die Beschäftigtenzahl reicht von 460 bis 1.350 (Vollzeitäquivalente).

In jedem Krankenhaus wurden – soweit dies möglich war – jeweils für beide Tätigkeitsbereiche (Reinigung und Pflege) Gespräche mit Beschäftigten, Beschäftigtenvertretungen, Vorgesetzten und der Krankenhausleitung geführt und ergänzend schriftliche Dokumente ausgewertet. Zusätzlich waren in zwei anderen Krankenhäusern Gespräche mit den Beschäftigtenvertretungen für Reinigungskräfte möglich. Insgesamt wurden 51 Interviews geführt, davon 25 mit Krankenhausleitung und Vorgesetzten, 19 mit Beschäftigten und acht mit betrieblichen Interessenvertretungen. Ergänzend zu den Fallstudien wurden auf regionaler und nationaler Ebene insgesamt 14 Gespräche bei Gewerkschaften, Berufsverbänden und Arbeitgeberverbänden geführt.

Inhaltsangabe

Vorwort 7
Robert M. Solow

Einleitung 15
Gerhard Bosch/Claudia Weinkopf

1. Niedriglöhne in Deutschland - Zahlen, Fakten, Ursachen 20
Gerhard Bosch/Thorsten Kalina

2. Löhne im Kundenservice unter Druck - Beschäftigte in Call Centern 106
Claudia Weinkopf

3. Wildwestzustände in Deutschland? - Einfacharbeitsplätze in der Ernährungsindustrie 142
Lars Czommer

4. Wo das Sparen am leichtesten fällt - Reinigungs- und Pflegehilfskräfte im Krankenhaus 175
Karen Jaehrling

5. Immer noch verloren und vergessen - Zimmerreinigungskräfte in Hotels 211
Achim Vanselow

6. Der Branche treu trotz Niedriglohn - Beschäftigte im Einzelhandel 249
Dorothea Voss-Dahm

7. Arbeiten für wenig Geld - Zusammenfassung und politischer Handlungsbedarf 286
Gerhard Bosch/Claudia Weinkopf

Tabellenanhang 313

Autorinnen und Autoren 320

Inhaltsangabe

Vorwort Robert M. Solow Einleitung Gerhard Bosch/Claudia Weinkopf 1. Niedriglö
hne in Deutschland - Zahlen, Fakten, Ursachen Gerhard Bosch/Thorsten Kalina 2. Lö
hne im Kundenservice unter Druck - Beschä
ftigte in Call Centern Claudia Weinkopf 3. Wildwestzustä
nde in Deutschland? - Einfacharbeitsplä
tze in der Ernä
hrungsindustrie Lars Czommer 4. Wo das Sparen am leichtesten fä
llt - Reinigungs- und Pflegehilfskrä
fte im Krankenhaus Karen Jaehrling 5. Immer noch verloren und vergessen - Zimmerreinigungskrä
fte in Hotels Achim Vanselow 6. Der Branche treu trotz Niedriglohn - Beschä
ftigte im Einzelhandel Dorothea Voss-Dahm 7. Arbeiten fü
r wenig Geld - Zusammenfassung und politischer Handlungsbedarf Gerhard Bosch/Claudia Weinkopf Tabellenanhang Autorinnen und Autoren

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