Die Reise nach Tell al-Lahm - Wali, Najem

Najem Wali 

Die Reise nach Tell al-Lahm

Roman

Aus d. Arab. v. Imke Ahlf-Wien
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Die Reise nach Tell al-Lahm

Als Najem von der kuwaitischen Front nach Hause zurückkehrt, empfängt ihn seine Nachbarin mit der Nachricht, seine Frau sei mit ihrem Mann durchgebrannt. Sie verführt ihn zu einer gemeinsamen Reise quer durch den Irak bis in die geisterhafte Stadt Tell al-Lahm. Der irakische Schriftsteller Najem Wali enthüllt auf dem Weg dorthin nach und nach die Lebens- und Liebesgeschichten seiner Figuren und zeigt uns ein von der Diktatur und zwei Kriegen gezeichnetes Land.


Produktinformation

  • Verlag: HANSER
  • 2004
  • Überarb. Ausg.
  • Ausstattung/Bilder: Überarb. Ausg. 2004. 319 S.
  • Seitenzahl: 320
  • Best.Nr. des Verlages: 505/20538
  • Deutsch
  • Abmessung: 197mm x 128mm x 46mm
  • Gewicht: 560g
  • ISBN-13: 9783446205383
  • ISBN-10: 3446205381
  • Best.Nr.: 12724912

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Der eine oder andere Leser wird bei der Lektüre von Najem Walis Roman über das Leben unter der Saddam-Diktatur wohl im "Treibsand" irakischer Weiten "stecken bleiben", fürchtet Rezensentin Angela Schader. Wali schildert etwas "bildarm" und mitunter in einem von zuviel "Reflexion gebremsten" Stil die Gepflogenheiten der irakischen Bevölkerung zwischen dem Kriegsbeginn gegen Iran und dem Ende des ersten Golfkriegs. Obwohl der Autor "markant" für die Sache der Frau eintreten wolle - im Mittelpunkt stehen Ehen und Partnerschaften, geprägt von Missachtung und Promiskuität derselben - so dürfte das Buch doch angesichts der vielen Klischees dem weiblichem Publikum "sauer" aufstoßen, meint die Rezensentin. Auch politische Satire und "atmosphärische Schilderungen" des zerrütteten Landes kommen in Walis Buch zu kurz. Dafür tauchen hin und wieder "Widersprüche und Unstimmigkeiten auf, und die sprunghafte Chronologie mache es dem Laien schwer, die Geschichte nachzuvollziehen. Alles in allem ein Roman, der bei "aller Sinnlichkeit" der Thematik eher wie ein "Schattenspiel" daherkommt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 05.10.2004

Husseins Huren
Najem Wali entwirft auf seiner „Reise nach Tell al-Lahm” ein groteskes Bild vom Irak in den Zeiten Saddams
Am 19. Juli 1980, ein Jahr nach der Machtübernahme Saddam Husseins, legte der Palmenkletterer Asîyad Lûtî bei einer Festparade am Ufer des Schatt al-Arab dem großen Führer seines Landes einen Dschassânîya-Fisch vor die Füße. Asîyad Lûtî hatte sich für diesen Fang am ganzen Körper mit Fischsperma eingerieben, war auf den Grund des Flusses von Qurna hinabgetaucht, dort, wo Euphrat und Tigris aufeinander treffen, und hatte das seltene Fischweibchen eigenhändig gefangen - was schwerer sein soll, als den Himalaja zu besteigen.
Seine Exzellenz, von dem es hieß, er sauge an den Knochen dieses Wunderfisches noch lieber „als an Weibertitten”, feuerte vor Freude ein paar Schüsse ab, und Asîyad Lûtî, der in seinem Nebenjob als Hahnenschmuggler dem Herrscher noch mehr zu bieten hatte, war von da an ein gemachter Mann. Auf Anregung eines chilenischen Colonels wurde der Bau des Dschassânîya-Fisches fortan mit einem Geheimcode chiffriert: Er sollte als Lager für chemische und biologische Waffen dienen. Und wer weiß - wären …

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"Letztlich ist sein Roman vor allem eine Anklage gegen Krieg und Diktatur und das, was sie aus den Menschen machen. Sehnsüchte und Einsichten, Bitterkeit und Wut verarbeitet er in wilden Geschichten, die in Tell al-Lahm enden. Oder erst richtig anfangen." (Antje Weber, Süddeutsche Zeitung, 21.09.05)
Najem Wali, geboren 1956 in Basra / Irak, erlitt als Regierungsgegner Haft und Folter. 1980, nach Ausbruch des Iran-Irakkriegs, ist er nach Europa emigriert, studierte Deutsche und Spanische Literatur in Hamburg und Madrid und lebt heute als Schriftsteller und Kulturkorrespondent der arabischen Zeitung "Al-Hayat" in Berlin. Wali ist die Stimme des aufgeklärten Irak in Deutschland. Sein Denken und Wirken zielt auf Verständigung und friedlicher Koexistenz zwischen westlicher und arabischer Welt.

Leseprobe zu "Die Reise nach Tell al-Lahm" von Najem Wali

Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien

PrologZuerst dachte ich, es wäre die Radiostimme, die mich geweckt hatte, nachdem sie mit voller Lautstärke aus dem Transistorradio an meine Ohren gedrungen war. Ich hatte das Gerät mitgenommen und dort stehenlassen, wo schon lange das Telefon hätte stehen sollen. In dem Moment, als ich aufwachte, hörte ich eine abgehackte Stimme, die klang, als würde Holz gesägt. Sie sprach von einem Ort, der »Tell al-Lahm« hieß, und davon, wie jemand sich erschoß. »Auch eine Art zu sterben«, sagte ich mir, als ich meine Hand ausstreckte, um den Apparat auszuschalten. Ich dachte, ich könnte weiterschlafen, und bemühte mich, die Gedanken zu verscheuchen, die der Name des Ortes in meinem Geist aufgewirbelt hatte. Ich war gerade erst eingeschlafen – die Tage waren lang –, aber da war diese Stimme aus dem Radio, die mich aus einem Meer von Schlaf, in dem ich versunken war, herauszuziehen versuchte. So mußte ich versuchen, mich zu erinnern: Wo hatte ich früher schon von »Tell al-Lahm« gehört? Jemand, ich weiß bis jetzt nicht, wer, hatte mir von dem Ort erzählt (wenn man diesen Flecken einen Ort nennen kann), ohne mir zu sagen, wo er lag. Hatte sich damit begnügt, ihn mir zu beschreiben: seine Eigenheit, das ausgetrocknete Land, den Treibsand, in dem ihr Auto verschwand, als hätten sie es über Ameisen gelenkt. Und da begann ich zu begreifen. Es durchdrang meinen Körper, bis ich aufschreckte.

Aber er war immer noch da, der beharrliche Wunsch weiterzuschlafen. Es war nur meine Hand, die sich zum Radio streckte, um es auszuschalten (beim ersten Versuch hatte ich offensichtlich nur den Ton leiser gestellt), und damit den Katarakt der Erinnerung an »Tell al-Lahm« zu verdrängen. Nach einem weiteren Satzfetzen erreichte mich dann ein ganzer Satz: »Er erschoß sich dort.« Was auch immer das bedeutet und ob es einen Zusammenhang zwischen »Tell al-Lahm« und diesen Worten gab oder nicht (denn ich begann an der Existenz dieses Ortes zu zweifeln). Auch was der Sprecher im folgenden nur undeutlich sagte, spielt keine Rolle. Es war, als käme seine Stimme aus einer anderen Welt. Vielleicht war es mein hartnäckiger Widerstand gegen das Aufwachen, der »Tell al-Lahm« aus meinem Bewußtsein vertrieb.

Doch wie sich zeigte, war es mir nicht vergönnt, das Unternehmen Schlaf zu Ende zu bringen. Kurz nachdem ich das Radio ausgeschaltet hatte, meinte ich eine Stimme durchs Haus tönen zu hören. Zum letztenmal versuchte ich zu schlafen. Doch unser Körper besitzt seine eigenen Strategien und Tricks – verborgene und sichtbare –, unseren Wünschen zu entkommen. Obwohl »Tell al-Lahm«, die Ameisen, der Treibsand und das verschwommene Bild der Person, die sich erschoß und von der mir jemand erzählt hatte

(ich weiß nicht, wer!), im Meer meines Schlafes versanken, fühlte ich, daß sich meine Lider nicht einig waren: eines will erwachen, das andere bittet inständig um Schlaf. Bis jetzt wußte ich nicht, was

los war.

Ich rieb mir verwirrt die Augen, konnte noch nicht auseinanderhalten, was Wirklichkeit war und was Einbildung, was Alpdruck und was Wunschdenken. Es war ein Spiel, der Versuch zu erkennen, was tatsächlich stattfand und was ich mir einbildete. Für jemanden wie mich, der das Sofa nicht verließ, auf dem er sich entspannte (vielleicht rede ich mir das nur ein, da ich ja sicherlich sehr tief geschlafen hatte), war es schwierig zu unterscheiden. Sonst wäre es nicht zu dem Widerhall dieses Echos gekommen, dem Echo von »Tell al-Lahm«, das sich vermischte mit dem Ameisenstrom, dem Bild des Treibsands und dem Mann, der sich vermutlich umgebracht hat. Wäre ich wach gewesen, hätten sich Vision und Gewißheit, Realität und Phantasie nicht vermengt.

Vor drei Tagen bin ich aus dem Krieg zurückgekehrt. Irgendwie hatte er ein Ende gefunden, zumindest für die kriegerischen Parteien. Für uns aber fand er nie ein Ende! Uns kocht sein Erbrochenes entgegen wie Lava aus einem Vulkan. Wir sind der heiße Dreck, der sich im Bauch des Vulkans sammelt. Ich gehöre zu diesem Dreck, mit dem jedes menschliche Wesen leben kann, wenn es nur einen Anlaß gibt, einen Tag, einen Monat, ein Jahr, in denen sich der Kreis um das Wesen schließt. Es gibt einen Zusammenhang zwischen diesem Dreck, mit dem wir täglich konfrontiert werden (besonders wenn wir allein sind), und dem, der sich in der Müllkiste und im Abfallbeutel ansammelt. Aber es ist ein Dreck der besonderen Art, denn er bietet auch Schutz. Und dieser Schutz ist es wohl, der mir an diesem Tag Halt gab, während ich mich auf dem Sofa ausruhte oder im Fieber des Schlafs versank. Bis zum Aufstehen wußte ich nicht einmal, daß ich noch am Leben war (in meinen Ohren hallte nur das Echo dieses seltsamen Namens »Tell al-Lahm« wider, das dann allmählich verebbte). Ich schuldete niemandem Dank, mußte nur die Regeln des Spiels akzeptieren und bis zum Ende des Lieds befolgen, denn es war ein Spiel und nichts sonst, das mir bis jetzt zu existieren erlaubte. Ich bin noch am Leben, weil meine Rolle genau darin besteht – unter Voraussetzungen, die diese Rolle überhaupt erst nötig machen. Ich muß meine einsame Lage akzeptieren – bis jetzt, bis zu dem Moment, in dem die Hausklingel läutet. Ich muß akzeptieren, daß mir möglicherweise nur das Schicksal bleibt, daß jene Hand, die da siebenmal heftig klingelt, auch die Kraft hätte, siebenmal oder öfter eine Pistole abzufeuern, um zu töten. Auf irgendein Ziel, aus purem Vergnügen am Abknallen.

Wenn ich davon ausgehe, daß diese Hand ohne Hintergedanken klingelt und daß es ihr gleich ist, was sie mit dem Klingeln bewirkt, muß ich ihr antworten. Doch sie gibt mir nicht genügend Zeit, mir, dem Soldaten, der aus dem Krieg zurückgekehrt ist, welcher schlimmer war als das Höllenfeuer. Vielleicht kennt diese Hand das Feuer nicht, oder sie klingelt mit solchem Nachdruck, weil sie es kennt und mir nicht genügend Zeit lassen will, wieder einzuschlafen. Sie zwingt mich, vom Sofa aufzustehen, im Wohnzimmer, in der Finsternis des Hauses, der Nacht – und der Stille, die sich ungewöhnlich früh über die Stadt gelegt hat.

Die Stille wird nur vom Zirpen der Zikaden durchtrennt, begleitet von einem Laut wie dem eines traurigen Cellos, und dieser Laut löst mich für einen Moment vom Zimmer los, von der Stadt, vom Süden, vom Land. Aber plötzlich sehe ich die Lichter eines Schiffs, das den Schatt al-Arab verläßt. Es verschwindet, gleitet an dem zum Fluß hinausgehenden Wohnzimmerfenster vorbei. Ich wünsche mir, daß Wadschîha bei mir wäre, meine Frau, damit wir sofort abreisen und nicht zurückkehren.

Aber ich erwache vollends von leichtem Pochen an das andere Fenster, das noch von einer Gardine bedeckt ist, begleitet von einem sanften Flüstern: »Mach auf, ich bin’s, deine Nachbarin!«

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