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Die Synthese aus antiker Philosophie und Christentum - >Athen < und >Jerusalem < - gilt seit jeher als eine identitätstiftende Besonderheit der abendländischen Kultur. Dieser Vorstellung stehen jedoch die Konfrontationen zwischen Philosophie und Christentum in der Spätantike (Kelsos, Porphyrios un Julian Apostata) und in der Neuzeit, insbesondere in der Aufklärung, entgegen. Ihre vergleichende Analyse macht die Zäsuren sichtbar, die das Christentum in der Geschichte der Welt- und Menschenbilder gesetzt hat. Gerade in grundlegenden Fragen der Ethik, Anthropologie und Metaphysik erweist sic…mehr

Produktbeschreibung

Die Synthese aus antiker Philosophie und Christentum - >Athen< und >Jerusalem< - gilt seit jeher als eine identitätstiftende Besonderheit der abendländischen Kultur. Dieser Vorstellung stehen jedoch die Konfrontationen zwischen Philosophie und Christentum in der Spätantike (Kelsos, Porphyrios und Julian Apostata) und in der Neuzeit, insbesondere in der Aufklärung, entgegen. Ihre vergleichende Analyse macht die Zäsuren sichtbar, die das Christentum in der Geschichte der Welt- und Menschenbilder gesetzt hat. Gerade in grundlegenden Fragen der Ethik, Anthropologie und Metaphysik erweist sich jene Vorstellung einer >abendländischen Synthese< als unzutreffend.
  • Produktdetails
  • Quaestiones Bd.16
  • Verlag: Frommann Holzboog
  • Seitenzahl: 291
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 179mm x 30mm
  • Gewicht: 694g
  • ISBN-13: 9783772825675
  • ISBN-10: 3772825672
  • Best.Nr.: 32298507

Rezensionen

Besprechung von 25.11.2011
Wie vernünftig sind
Gnade und Auferstehung?
Glauben, Wunder und Moral: Wie spätantike Kritik
am Christentum in der Neuzeit wieder aktuell wurde
Es ist ein Streit mit europäischer Tradition. In der Neuzeit wurde oft auf die Spannung zwischen Christentum und Philosophie hingewiesen. Vor allem Philosophen betonten immer wieder, dass Glauben und Denken unvereinbar seien. Ein historischer Gemeinplatz dieser Argumentation ist die Schließung der heidnischen Akademie von Athen im Jahr 529 n. Chr. durch den christlichen Kaiser Justinian (reg. 527-565). Besonders prominent ist ferner das Inquisitionsurteil gegen Galileo Galilei im Jahr 1633. Erst die Neuzeit habe „dem Christentum“ – in der pauschalisierenden Verkürzung, die in diesem Begriff liegt – durch die Aufklärung und die Säkularisierung Zügel angelegt und dadurch eine Befreiung des Denkens ermöglicht.
In seinem höchst anregenden Buch über die philosophische Kritik am Christentum in der Spätantike und in der Neuzeit beteiligt sich Winfried Schröder an diesem Streit mit einem Skalpell in der Hand. Er hebt die Verbindung von Jerusalem und Athen als zentralen Topos europäischer Geschichtskonstruktion heraus. Sie ist die Zielscheibe seiner Argumentation. Für diese „abendländischen Synthese“ kann er gewichtige Gewährsmänner anführen; Hegels Geschichtsphilosophie sei für viele erwähnt. Doch offensichtlich gibt es konkurrierende Identitätserzählungen unter Europas Denkern. Es hängt von der eigenen Position un von der verfolgten Strategie ab, welche man als erdrückend dominant bezeichnet. Unbestritten ist daher diese Beziehung zwischen Athen und Jerusalem von einiger Bedeutung, und ihre differenzierte Prüfung an den Quellen lohnt.
Schröder untersucht zu diesem Zweck die spätantiken Kritiken des Christentums. Bei aller von ihm zugestandenen Offenheit des Christentums für die Philosophie – diese Kritiker widersprechen ihrer Natur nach einer harmonistisch erzählten Synthese von Athen und Jerusalem. Sie beharren auf unüberwindlichen Gegensätzen. Vor allem die Namen der Philosophen Kelsos (spätes 2. Jahrhundert), Porphyrios (233 - um 305) und Kaiser Julian (gen. Apostata, reg. 360-363), ergänzt um Fragmente von Philosophen wie Jamblichos von Chalkis (240/5-320/5), Eunapios (zweite Hälfte des 4. Jahrhundert bis nach 414) und Proklos (412-485) stehen im Mittelpunkt.
Es gehört übrigens zur Ironie dieser Geschichte, dass einige dieser Philosophen ebenfalls aus dem „Morgenland“, aus dem vorderasiatischen Raum, stammten und sogar zum Teil mit aramäischen Namen aufwuchsen. Die Kontroverse zwischen Athen und Jerusalem darf also keineswegs geographisch-kulturell überhöht werden. Aber solche Taschenspielertricks würde sich der Marburger Professor für Philosophiegeschichte ohnedies nicht erlauben. Er analysiert allein die Argumente und betrachtet dies als seine Aufgabe. Der Wert solcher Grundlagen für die allgemeine Diskussion liegt auf der Hand.
Weniges von den antichristlichen Argumenten ist erhalten. So gefährlich schienen sie seinerzeit, dass ihre Werke seit dem frühen 4. Jahrhundert, zuerst auf Befehl Kaiser Konstantins (reg. 306-337) und seiner Nachfolger, verbrannt wurden. Allerdings sind auch die voluminösen Verteidigungsschriften der christlichen Autoren, die nun die Argumente der Kritiker überhaupt noch zur Kenntnis bringen, selbst zu einem nicht geringen Teil untergegangen. Dafür sind die christlichen Zensoren nicht verantwortlich zu machen, sondern die flaschenhalsartige Überlieferung griechischer Werke. Während im Mittelalter etwa Porphyrios’ Einleitung in die aristotelischen Kategorien, die Isagoge, in Europa wie im aramäischen und arabischen Wissenschaftskreis als Standardwerk gelesen wurde, so waren nicht nur seine antichristlichen Schriften, sondern auch viele christlichen Verteidigungsschriften generell bis zur Neuzeit unbekannt. Erst jetzt wurden griechische Apologien von Kirchenvätern wie von Origines (um 185-um 253) gedruckt und ins Lateinische übersetzt.
Die antiken Kritiker des Christentums wurden dabei nur an den Rändern der philosophischen Debatte Europas, bei den radikalen Religionskritikern, direkt wirksam. Schröder fördert wenig bekannte Autoren der Neuzeit zutage und zählt lustvoll deren Polemiken gegen das Christentum auf. Das weckt Appetit auf die Originalwerke. Ein Beispiel sind die Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen witzigen Parodien auf die christliche Apologie von Christian Ludwig Paalzow (1753-1824). Auch der Philosophiehistoriker Martin Mulsow hat in den letzten Jahren bereits auf diesen Autor hingewiesen. Schröders profunde Kenntnisse der Quellen ermöglichen ihm einen souveränen Umgang mit den jeweiligen Denkrichtungen.
Sichtbar wird so eine zum Teil abhängige, zum Teil unabhängige Übereinstimmung in den Argumenten der antiken und der neuzeitlichen Philosophen. Diese Übereinstimmung durch einen systematischen Vergleich herauszuarbeiten, war Schröders Hauptanliegen. Auch das moderne Christentum des Westens bleibt, aus seiner Sicht der Philosophie, eine Torheit, die Synthese von Athen und Jerusalem in gewichtigen Punkten eine Illusion. Das Christentum habe vielmehr mit den angestammten Regeln guter philosophischer Praxis gebrochen, was bereits in der Antike nicht unbemerkt geblieben sei. Die neuzeitliche Kritik daran sei demnach, auch das hebt er hervor, keineswegs ein Anachronismus gewesen.
Was etwa die philologische Kritik an den Texten der Bibel betrifft, hatte Porphyrios bereits darauf hingewiesen, dass das Buch Daniel unmöglich im 5., sondern sicher erst im 2. Jahrhundert v. Chr. geschrieben sein konnte, wie dies auch in der theologischen Einführungsliteratur inzwischen anerkannt ist. Damit waren aber die apokalyptischen Weissagungen dieses Buches ebenso geschwächt wie seine Messiasprophetie. Die Autorität des biblischen Textes, eine der wesentlichen Säulen christlicher Apologie auch der Neuzeit, schien insgesamt in Frage gestellt.
Von Porphyrios und anderen wurden ferner die jüdischen philologischen Argumente gegen die christliche Bibeldeutung und deren zum Teil fahrlässige Zitate der Hebräischen Bibel für ihre Kritik genutzt. Es wäre nützlich, Schröders Ansatz um die jüdische, die innerchristliche (auch die häretische) ebenso wie die islamische Kritik des Mittelalters zu ergänzen. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten bedienten sie sich nämlich ebenfalls der Textphilologie, philosophischer Theoreme ebenso wie des Arguments größerer Rationalität ihrer Positionen. Auch von ihnen wurden in der Neuzeit Zeugnisse übersetzt und in neuen Argumentationen instrumentalisiert. Dies würde allerdings den hier vorgeführten kritischen Vorrang der Philosophie vor der theologischen Polemik und somit die gesamte Argumentation stören.
Die inhaltliche Kritik der Philosophen in der Antike und in der Neuzeit konzentriert Schröder auf den Dissens im Glaubensbegriff, im Wunderbegriff und in den Moralvorstellungen. Schon in der Antike erschien ein Glaubensbegriff, der auf die Freiheit ergebnisoffener Prüfung verzichtet, die Ablehnung einer Lehre moralisch verwirft und Einheitlichkeit in den religiösen Wegen erzwingt, als ein indiskutabler Verstoß gegen philosophische Standards. Auch die Bereitschaft der Christen, mit der Wiederauferstehung vom Tode die Suspendierung der natürlichen Ordnung systematisch für möglich zu halten, war für die spätantiken Kritiker unannehmbar.
Die Moral- und Gnadenlehre empörte sie ebenso wie die Religionskritiker der Neuzeit. Wenn die göttliche Gnade die klare Zuordnung von richtig und falsch zu Belohnung und Strafe jederzeit durchbrechen konnte, musste dies für philosophische Moralvorstellungen hochgradig unvernünftig sein. Die Verteidigung der antiken Apologeten gegen diese Kritik erschien selbst wohlwollenden Denkern der Neuzeit als durchaus misslungen.
Selbst das transformierte Christentum der Moderne habe überdies diese Inhalte nicht vollständig entsorgt und müsse sich daher den Vorwurf gefallen lassen, seine Ansprüche an Rationalität nicht hinreichend erhöht zu haben. Dies gelte, obschon Schröder unterstreicht, dass das Christentum allein der antiken Philosophie einen dauerhaften Platz in seiner Argumentationsweise eingeräumt und so realiter bis in die Gegenwart für seine Erhaltung gesorgt habe.
Mit Blick auf die jüdische und die islamische Rezeptionsgeschichte der antiken Philosophie geht Schröder damit einmal über seine von ihm sonst stets kontrollierte Versuchsanordnung hinaus. Wurden ferner mit dieser Kritik die theologischen Begriffe von Glauben, Wunder und Moral in der hochkomplexen Welt des Christentums von der philosophischen Kritik auch zutreffend dargestellt oder gar hinreichend verstanden? Dies kann ein Element des langen Streits zwischen Theologen und Philosophen sein. Das historische Umfeld der Beziehung zwischen Jerusalem und Athen überlässt Schröder bewusst den Religions- und Kulturhistorikern. Da trifft es sich günstig, dass dieser Tage ein Buch der Historikerin Katrin Pietzner über die handfeste soziale Konkurrenz heidnischer und christlicher Gelehrter im Wettkampf um gesellschaftlichen Einfluss erscheint ( Ungebildete Konkurrenten? Heidnische und christliche Intellektuelle in vorkonstantinischer Zeit, Mohr Siebeck Verlag ).Der Streit hat viele Dimensionen, die auch in der Gegenwart erkennbar sind.
DOROTHEA WELTECKE
WINFRIED SCHRÖDER: Athen und Jerusalem. Die philosophische Kritik am Christentum in Antike und Neuzeit. Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart-Bad Cannstatt 2011. 291 Seiten, 68 Euro.
Auch das moderne Christentum
des Westens bleibt aus
der Sicht des Autors eine Torheit
Wer auf die Freiheit
ergebnisoffener Prüfung verzichtet,
verletzt philosophische Standards
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

In höchsten Tönen lobt Dorothea Weltecke diese Arbeit des Marburger Philosophiehistorikers Winfried Schröders, der sich zu ihrer Freude mit sehr scharfem und präzise geführten Besteck daran macht, die für die europäische Geschichtskonstruktion gern proklamierte Verbindung von Athen und Jerusalem als Mythos zu zerlegen. Die Symbiose von christlicher Religion und griechischer Philosophie ist Fiktion, weiß die Rezensentin nach Lektüre dieser Studie, überzeugend führe Schröder vor Augen, wie scharf die Kritik der Philosophen bereits in Antike und Spätantike war, von Kelsos über Porphyros bis Kaiser Julian, dank ausführlicher Belege und einer tadellosen Argumentation. Deutlich machen konnte der Autor auch der Rezensentin, wie sehr antike und neuzeitliche Philosophen in ihrer Kritik an christlichen Glaubens- und Wertvorstellungen übereinstimmen.

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