Jüdisch, Jung und Jetzt - Kleiner, Piritta

Piritta Kleiner 

Jüdisch, Jung und Jetzt

Identitäten und Lebenswelten junger Juden in München

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Jüdisch, Jung und Jetzt

Über Juden in München wurde bereits viel geschrieben. Der Blick richtete sich dabei meist in die Vergangenheit. Aber was heißt Jüdischsein eigentlich gegenwärtig? Momentan vollzieht sich in Deutschland der Übergang von den Überlebenden der Shoah zu einer teilweise in Nachkriegsdeutschland geborenen und aufgewachsenen oder aber zugewanderten neuen jüdischen Generation.
Die Arbeit nimmt die in den Medien immer wieder diskutierte Frage nach einem "neuen jüdischen Selbstbewusstsein" auf und beschreibt die pluralen Lebenswelten und Identifikationen junger jüdischer Menschen in München.
In biografischen Portraits wird gezeigt, wie die Akteure mit ihrer jüdischen Identität umgehen, welchen Stellenwert unterschiedlich ausgerichtete religiöse Bindungen, kulturelle Traditionen, aber auch neuere Entwürfe von Jüdischsein sowie soziale Netzwerke für das Selbstbild haben. Die dicht beschriebenen Portraits sind eingebettet in einen Streifzug durch jüdische Räume in München, wie beispielsweise das Jüdische Museum, jüdische Vereine und Organisationen.


Produktinformation

  • Verlag: Utz
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 115 S. 205 mm
  • Seitenzahl: 115
  • Münchner ethnographische Schriften Bd.8
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 148mm x 13mm
  • Gewicht: 175g
  • ISBN-13: 9783831640034
  • ISBN-10: 3831640033
  • Best.Nr.: 31302110
Piritta Kleiner, M.A. arbeitet als wissenschaftliche Volontärin am Jüdischen Museum in München; zuvor wissenschaftliche Mitarbeiterin und Schroubek Stipendiatin am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie der LMU.

Leseprobe zu "Jüdisch, Jung und Jetzt" von Piritta Kleiner

7. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung (S. 98-99)

Anhand der drei vorgestellten Portraits wurde aufgezeigt, in welcher Art und Weise das Jüdischsein in die einzelnen Lebenswelten der Personen einfließt. Alle drei Interviewpartner sprechen dem Jüdischen kulturelle Merkmale zu, benennen diese aber nicht näher. Margalit etwa gibt an, dass ihr „der kulturelle Aspekt“ am Judentum besser gefällt als die religiöse Komponente. Niven dagegen sieht das Judentum als ein Volk mit eigener Kultur und Judith bemerkt, dass sie einen „jüdischen Humor“ hat, kann diesen aber nicht beschreiben. Religiöse Merkmale werden indessen näher benannt, besonders anschaulich machen sich jene bei Niven bemerkbar. Demzufolge betet er jeden Morgen und legt dazu die Tefillin an. Ferner lebte er lange Zeit glatt koscher, läuft an Jom Kippur zu Fuß in die Synagoge und fastet gemäß den religiösen Gesetzen.

Auch grenzt sich Niven bewusst von der christlichen Mehrheitsgesellschaft ab, indem er beispielsweise keine weihnachtlichen Bräuche ausübt. Margalit wiederum betet abends vor dem Schlafen, pflegt ansonsten aber eine Mischform von Religiosität. Sehr anschaulich äußert sich dies in ihrem Feiertag chrismukka, bei dem sie sowohl von der jüdischen als auch christlichen Religion Elemente nimmt und zu einem eigenen Ganzen zusammenfügt. Judith dagegen sagt von sich selbst, noch nie eine Synagoge von innen gesehen zu haben und bezeichnet sich als säkulare Jüdin.

In ihrer Kindheit besuchte sie den katholischen Religionsunterricht, was sie als nichts Ungewöhnliches ansieht, da sie in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft lebt. Ausgehend von ihren Angaben, repräsentieren die ausgewählten Interviewpartner demnach drei Idealtypen jüdischer Akteure, ein gläubiger Jude, eine gläubigassimilierte Jüdin und eine säkularisierte Jüdin. Honolka und Götz schreiben in ihrer Studie über deutsche Identität: „Unser Fallmaterial erbrachte besonders zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung, die der einschlägigen Werte- und Handlungsorientierung der Herkunftsfamilie für die Entwicklung der individuellen Formation nationaler Identität einerseits und der Wahrnehmung des Fremden andererseits zukommt“ (Honolka/Götz 1999: 96).

Diese Erkenntnis lässt sich auch auf die jüdische Identität übertragen, spielt doch die Familie bei allen Befragten eine entscheidende Rolle für die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Bei allen drei Gesprächspartnern ist ihre jüdische Orientierung in der Familie verankert. So lebt Niven ebenso wie der Rest seiner Familie als gläubiger Jude. Religiöse Traditionen und Rituale werden oft im Kreise der Familie begangen, wie beispielsweise der Gang in die Synagoge.

Auch seine lebensweltlichen Begleitumstände sind mehrfach jüdisch geprägt, wie etwa an der jahrelangen Arbeit beim ZJD oder seinem Einsatz bei Maccabi gezeigt wurde. Judith dagegen ist in einer säkularen, familiären Umgebung aufgewachsen und lebt demnach auch säkular. Ihre jüdische Außenwelt in Deutschland nimmt sie als zu religiös und konservativ wahr. Sie unterstellt den konservativen Juden einen aggressiv-forschen Umgang mit ihrem Jüdischsein und vertritt gleichsam die Meinung ihrer Familie, wenn sie sagt: „Das ist halt absolut nicht unser Ding.“ Margalit wiederum kennt beide Seiten.

Einmal durch ihre Mutter, die den Glauben an die jüdische Religion verloren hat, andererseits durch ihre gläubige Stiefmutter. An ihr zeigt sich die Prozesshaftigkeit von Identität: Kam es in ihrer Pubertät zu einer Ablehnung der jüdischen Identität, fügte sich ihr lebensweltliches Konzept in dieser Zeit sicher mehr in den Lebensentwurf der leiblichen Mutter. Die Bewusstwerdung und Anerkennung des Jüdischen wurde sowohl familiär ausgelöst (Stiefmutter) als auch durch den Auslandsaufenthalt in Amerika. Erfahrungen mit dem Eigenen und dem Fremden werden häufig durch Auslandsaufenthalte gemacht."
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