1944 gründete der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG)
das Ressort "Abwehr und Aufklärung". Die entsprechende
Kommission registrierte vielfältige Formen latenter und virulenter
Judenfeindschaft, diskutierte angemessene Re-Aktionen und
versuchte, den Antisemitismus in der Nachkriegszeit zu
bekämpfen.
Antisemitismus wird in diesem Buch aus der Optik der Betroffenen
erfasst und in sein historisches Umfeld eingebettet. Öffentliches
Aufsehen erregten Pamphlete aus dem In- und Ausland sowie
Antisemiten, die ihre judenfeindlichen Verschwörungstheorien auch
nach der Shoah weiterverbreiteten. Ins Blickfeld der Studie gerät
auch der Umgang kantonaler und eidgenössischer Behörden mit dem
Antisemitismus. Die Schweizerische Bundesanwaltschaft hatte darüber
zu befinden, ob judenfeindliche Vorfälle zur Anklage gelangen
sollten; die den Gemeindebund betreffenden Akten legte sie bis weit
in die Nachkriegszeit unter dem Schlagwort "Judenfrage"
ab. Nach 1948 war der neu gegründete StaatIsrael Gegenstand
antisemitischer Projektionen, und der Gemeindebund sah sich
verschiedenen Spannungsfeldern politischer Loyalitäten ausgesetzt.
Der Staatsschutz beobachtete zionistische Gruppierungen und ihre
Exponenten mit Argwohn. Der Autor verrät überdies ein feines Gespür
für die leisen und unspektakulären Töne, mit denen sich der
Antisemitismus während der gesamten Nachkriegszeit in der Schweiz
äusserte. So kursierten in Diskussionen um eine mögliche
Sondersteuer für Rückwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg oder zur
Frage der Kirchensteuerpflicht des SIG im Kanton Zürich
antisemitische Stereotype auch zwischen den Zeilen oder hinter
vorgehaltener Hand.
Der SIG suchte Verbündete im Kampf gegen den Antisemitismus. Er
fand sie in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in der religiös
ausgerichteten "Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft"
und später in der politisch aktiven und überparteilichen
"Gesellschaft Schweiz-Israel".
Die Studie stützt sich unter anderem auf umfangreiche
Quellenbestände im Archiv für Zeitgeschichte, insbesondere auf das
SIG-Archiv. Sie schliesst zeitlich an die Forschungen der
"Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg" an und
leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Nachkriegszeit.
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