"Aber ich will etwas getan haben dagegen!" - Kowalski, Martin

Martin Kowalski 

"Aber ich will etwas getan haben dagegen!"

Die RAF als postfaschistisches Phänomen

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"Aber ich will etwas getan haben dagegen!"

Ich will nicht nichts getan haben damit bezog sich Gudrun Ensslin auf den fehlenden Widerstand im Nationalsozialismus und rechtfertigte so ihren Kampf in der Stadtguerilla. 2010 steht der 40. Jahrestag der Gründung der RAF an Anlass zu einer kritischen Rückschau. In der Diskussion um 68 und die RAF bleibt ein Aspekt meist verdächtig vage: Auschwitz und die Frage um die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit. Ohne diesen Hintergrund muss ein Verständnis der RAF unzureichend bleiben, da er die entscheidende Komponente für die Motivation zum Widerstand ausmachte. Aber wie gründlich war die Abrechnung mit der NS-Geschichte tatsächlich? Denn trotz emanzipativer Motive, finden sich gleichzeitig klare antisemitische Tendenzen innerhalb der terroristischen Vereinigung. Anhand dieses vermeintlichen Widerspruchs lässt sich eine Generationengeschichte aufzeigen, die Aufschluss über bundesdeutsche Befindlichkeiten gibt. Das Buch eröffnet anhand dieses Widerspruchs eine nüchterne Diskussion
um die Rolle der RAF und ihrer Sympathisanten. Dabei sollen aus der Perspektive der Generation nach 68 die emanzipativen und regressiven Potentiale untersucht und die spezifische Rolle der deutschen Gesellschaft und ihrem Verhältnis zur Geschichte geklärt werden.


Produktinformation

  • Verlag: Vergangenheitsverlag
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 200 S. m. zahlr. Abb.
  • Seitenzahl: 124
  • Deutsch
  • Abmessung: 173mm x 118mm x 13mm
  • Gewicht: 190g
  • ISBN-13: 9783940621207
  • ISBN-10: 394062120X
  • Best.Nr.: 28079442
Martin Kowalski, Jg. 1975, studierte Soziologie, Philosophie und Politik. Er lebt als freier Autor in Berlin.

Leseprobe zu ""Aber ich will etwas getan haben dagegen!""

„Praxislos sind programmatische Erklärungen nur Geschwätz.“ – Primat der Praxis und Avantgardismus (S. 75-76)

In Gestalt des ‚Primats der Praxis‘ wurde die eigene Haltung in den Rang einer revolutionären Theorie und zu einer Art kategorischem Imperativ erhoben. Aus dem Zerfall der APO wollte die RAF die ‚angemessene‘ Konsequenz ziehen. Im RAF-Gründungsaufruf forderte Gudrun Ensslin zweierlei: Endlich zu handeln, und zwar militant zu handeln. Und aufzuhören, die Ziele linker Aktion einer breiten Öffentlichkeit aus „kleinbürgerlichen Intellektuellen“ verständlich machen zu wollen.

Die „potentiell revolutionären Teile des Volkes“ und „objektiv Linken“ sollten agitiert werden: Arbeiter und Arbeiterinnen, benachteiligte Jugendliche, „die kinderreichen Familien und das Subproletariat und die proletarischen Frauen, die nur drauf warten, den Richtigen in die Fresse zu schlagen.“ Statt Reden und Theoretisieren in Intellektuellenkreisen sollte nun etwas ‚getan‘ werden, und zwar gemeinsam mit den Beherrschten und Unterdrückten.

Man reproduzierte dabei eine bereits in der APO verbreitete klassisch marxistisch-leninistische Analyseperspektive: Einer von objektiven Umständen determinierten Klasse ‚an sich‘ musste durch eine linksradikale Avantgarde das ‚richtige‘ Klassenbewusstsein beigebracht werden, damit sie eine revolutionäre Klasse ‚für sich‘ werden konnte, die sich ihrer Interessen bewusst und dafür zu kämpfen bereit sei. Ein Jahr später kritisierte die RAF vor diesem Hintergrund die „Rückkehr zu studentischen Schreibtischen“ und eine andauernde „Papierproduktion“: „Praxislos ist die Lektüre des ‚Kapital‘ nichts als bürgerliches Studium. Praxislos sind programmatische Erklärungen nur Geschwätz. Praxislos ist proletarischer Internationalismus nur Angeberei. Theoretisch den Standpunkt des Proletariats einnehmen, heißt ihn praktisch einnehmen.“

Die RAF war nicht grundsätzlich theorie- und intellektuellenfeindlich, das zeigen schon ihre bemüht- komplizierten Schriften. Sie sprach allerdings der Praxis eine nahezu unbedingte Priorität zu, wobei ‚bewussten‘ Intellektuellen eine spezielle Aufgabe zufalle: „Wir behaupten, dass ohne revolutionäre Initiative, ohne die praktische revolutionäre Intervention der Avantgarde der sozialistischen Arbeiter und Intellektuellen, ohne den konkreten antiimperialistischen Kampf es keinen Vereinheitlichungsprozess gibt, dass das Bündnis nur in gemeinsamen Kämpfen hergestellt wird oder nicht, in denen der bewusste Teil der Arbeiter und Intellektuellen nicht Regie zu fahren, sondern voranzugehen hat.“
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