Leseprobe zu "Kultur, um der Freiheit willen" von Christian Meier
Wo fängt Europa an? Wo fängt überhaupt etwas an? Nichts ist ohne Vorbereitungen, Vorläufer, Vorauszusetzendes. Nie gibt es eine Stunde Null. Überall trifft man, je mehr man schürft, unter vermeintlichen Anfängen tiefere Anfangsgründe, die ihrerseits vor dem forschenden Blick leicht immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückzuweichen scheinen.
Gewiß, mancherlei hat ein klares Anfangsdatum. Verfassungen, Bündnisse, die Europäische Gemeinschaft und andere Einrichtungen, die irgendwann gegründet worden sind. Auch sie haben ihre Vorgeschichte. Doch teilt der Zeitpunkt, an dem sie ins Leben traten, deutlich ihre Geschichte davon ab.
Anderes aber, was sehr allmählich heranwächst, was, wenn man es wahrzunehmen beginnt, oft schon eine ganze Weile mehr oder weniger dazusein scheint, eine Meinung etwa, ein Brauch, eine Lage, eine ganze Bewegung - wie will man dessen Anfang bestimmen? Und wie gar den von etwas so Hochkomplexem wie Europa, bei dem man schon zögert, es überhaupt als Eines anzusehen, sowohl im Raum wie in der Zeit? Wenn es denn Eines sein sollte, müßte es ja aus unendlich vielem zusammengewachsen sein und in vielem auch wieder auseinanderklaffen. Zudem wäre seine Fortbildung, je länger man seine Existenz veranschlagt, um so mehr dadurch bestimmt, daß ständig oder in Schüben vieles (und oft sehr Unterschiedliches) neu hinzukam, sei es von innen, sei es von außen; zumeist wohl, indem verschiedenste Impulse sich gegenseitig hervorriefen und steigerten; womit anderes, vielleicht nicht weniger Europäisches, vielleicht gar Bedeutsameres immer wieder auch verloren ging. Jedenfalls wäre dieses Europa ungewöhnlich stark in stetem Wandel begriffen gewesen; im einzelnen wie im ganzen.
Oder hat sich da doch irgendeine europäische Besonderheit im Grunde - und gerade auch im Wandel - durchgehalten? Oder ist es gar zumal der verhältnismäßig so überaus rasche, oft radikale Wandel selbst, der Europa charakterisiert?
Unüberschaubar vieles schiebt sich in der Geschichte mannigfaltig sich verflechtend, sich verschlingend und kaum faßbar voran; schleppt Dinge mit sich, von denen keiner mehr weiß, die irgendwann aber zum Vorschein kommen, ja unter Umständen kräftig sich zur Geltung bringen können; bedingt sich mit anderm; treibt dies und jenes hervor, kreuzt sich, fügt sich zusammen und trennt sich, in ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Wobei, was als Weg erscheint, allzu oft nur die Schneisen sind, die man in nachträglicher Betrachtung durch das Dickicht von Wirkungen und Gegenwirkungen gehauen hat.
Und dann will man an solch ein kaum entwirrbares Gewebe und Gewirke den Zollstock anlegen, auf dem die Jahre und Jahrhunderte markiert sind - um bestimmte Dinge, etwa den Anfang Europas daran festzumachen, als ob man in die unendlich verknäulten Fäden Markierungen einritzen könnte? Als ob da, so glaubt man dann doch gern, Schnittstellen schon vorgegeben wären.
Trotzdem ist man dazu versucht. Wie will man Geschichte auch sonst überblicken und begreifen? So wagt man es schließlich, historische Erscheinungen irgendwo anfangen zu lassen, indem man alles, was sie mehr oder weniger, so oder so bedingt haben mag, in ein Davor verweist. Nicht ganz ohne Willkür, aber doch so dicht wie möglich an einer sinnvollen Deutung der Sache. Dann muß man sich freilich, wenn es sich um ein so komplexes Gebilde wie Europa handelt, zunächst darüber klar zu werden suchen, was es denn überhaupt sei (oder sein soll).
Soll man Europa und seine Geschichte etwa dort beginnen lassen, wo sich die Völker, zumal im Westen und in der Mitte des Erdteils, einer Gemeinsamkeit bewußt werden, an der sie alle teilhaben, trotz all dessen, was sie trennt; bewußt also (wie es gelegentlich schon im frühen Mittelalter der Fall war) einer Zusammengehörigkeit, durch die sie sich von andern absetzen, von Avaren, Hunnen, Arabern, Türken; vom Morgenland, von Afrika, von der Neuen Welt? Als Zentrum der neu sich darbietenden ganzen Erde? Oder sollte man mit dem Anfang weiter zurückgehen in die Zeiten, in denen die Völker, welche Europa dann ausmachen sollten, sich zu bilden begannen? Aber worin bestünde das Gemeinsame an diesen Völkern? In der geographischen Beschaffenheit ihres Lebensraums? In je sich einstellenden, bald auch hergebrachten Lagen sowie in Handlungs-, in Denkweisen und Gewohnheiten, die sie brauchten und ausbildeten, um in ihnen zu bestehen? Oder auch in gewissen Ausgangsbedingungen, die sich von der ferneren Vergangenheit her unter ihnen geltend machten?
Sollte man also vielleicht, wie es sich früher oft nahelegte, den Anfang Europas in der Antike suchen, zumindest in den Ursprüngen des Christentums, dessen westliche, lateinische Ausprägung den Kontinent so stark bestimmte? Immerhin verstand man sich im Mittelalter weit eher als Christenheit denn als Europa. Möglicherweise aber muß man auch die römische Geschichte, vielleicht gar die griechische in die europäische einbeziehen?
Es spricht jedenfalls vieles dafür, Europa nicht einfach ethnisch, von den Völkern, sondern von dem her zu verstehen, was diese Völker so eigenartig durchdrungen, sie herausgefordert, was ihnen so ungeheure Spielräume eröffnet, was sie (oder wenigstens mehrere von ihnen) zum Beispiel seit dem sechzehnten Jahrhundert dazu befähigt hat, die ganze Welt teils in Besitz zu nehmen, teils in den Bann zu schlagen; solange es dauerte. Eric Lionel Jones sprach deswegen vom europäischen Wunder. Das war, um es in einem Wort zu sagen, letzten Endes eine bestimmte, eben die europäische Kultur.
Diese Kultur war, so wenig man die prägende Kraft und Kompetenz der jeweiligen Gegenwart unterschätzen sollte, stark und nachhaltig durch die griechisch-römische Antike bestimmt; sie hätte ohne die Antike vielleicht gar nicht entstehen können. Andererseits hatten sich die formenden Kräfte, die in der Antike von Generation zu Generation weitergewirkt hatten, im westlichen Teil des Römischen Reichs im dritten, vierten, fünften Jahrhundert n. Chr. weitgehend erschöpft. Wohl überdauerten die christliche Kirche und damit Kenntnisse und Gepflogenheiten und nicht zuletzt zahlreiche Texte aus dem Altertum. Es hielten gewisse Dispositionen durch, die mit dem Glauben tradiert wurden, dessen die Antike zuletzt bedurft, den und dem sie sich angeeignet hatte. Doch mußte man im Mittelalter im wesentlichen neu anfangen. Wie intensiv auch immer man sich seit der karolingischen Renaissance stets neu an der Antike orientierte, der Bruch zwischen Antike und Mittelalter ließ sich dadurch kaum überbrücken. Es ist ein höchst eigentümlicher Prozeß der Kulturbildung, der sich damals und seit damals in Europa vollzog.