Leseprobe zu "Ilium" von Dan Simmons
ILIUM
Die Ebene von Ilium
Zorn.
Singe mir, o Muse, des Peleussohnes und Männertöters Achilles Unheil bringenden Zorn, der tausend Leid den Achäern schuf und viele stattliche Seelen zum Hades hinabstieß. Und wenn du schon dabei bist, Muse, singe auch den Zorn der launischen, mächtigen Götter hier auf ihrem neuen Olymp, den Zorn der Nachmenschen, auch wenn sie vielleicht tot und begraben sind, und den Zorn jener wenigen echten Menschen, die es noch gibt, auch wenn sie vielleicht egozentrisch und überflüssig geworden sind. Und während du singst, o Muse, singe auch den Zorn jener nachdenklichen, empfindungsfähigen, ernsthaften, aber nicht sonderlich menschlichen Wesen, die draußen unter dem Eis von Europa träumen, in der Schwefelasche von Io sterben und in den kalten Falten des Ganymed geboren werden.
Ach, und von mir singe auch, o Muse, von dem armen, gegen seinen Willen wiedergeborenen Hockenberry - dem armen, toten Thomas Hockenberry, Doktor der Philosophie, Hockenbush für seine Freunde, Freunde, die schon längst zu Staub geworden sind in einer Welt, die es schon längst nicht mehr gibt. Singe meinen Zorn, ja, meinen Zorn, o Muse, so unbedeutend dieser Zorn auch sein mag, gemessen am Groll der unsterblichen Götter oder verglichen mit der Wut des Gottestöters Achilles.
Aber wenn ich es mir recht überlege, o Muse, singe mir gar nichts. Ich kenne dich. Man hat mich wider Willen zu deinem Diener gemacht, o Muse, du Miststück sondergleichen. Und ich traue dir nicht, o Muse. Kein bisschen.
Wenn ich in dieser Geschichte schon als unfreiwilliger Chor fungieren soll, dann kann ich mit der Erzählung beginnen, wo ich will. Und ich will hier beginnen.
Es ist ein Tag wie jeder andere in den über neun Jahren seit meiner Wiedergeburt. Ich erwache in der Scholiker-Kaserne, an diesem Ort aus rotem Sand, blauem Himmel und riesigen Steingesichtern, werde von der Muse gerufen, von den mörderischen Zerberiden beschnüffelt und durchgelassen und von der gläsernen Hochgeschwindigkeitsrolltreppe am Osthang brav die fünfundzwanzig senkrechten Kilometer zu den grasbewachsenen Gipfeln des Olymps hinaufbefördert, erhalte, nachdem ich mich in der leeren Villa der Muse gemeldet habe, meine Instruktionen von dem Scholiker, dessen Schicht zu Ende ist, lege meine Morphausrüstung und die Stoßpanzerung an, stecke mir den Taserstab in den Gürtel und qte dann zur abendlichen Ebene von Ilium.
Falls Sie jemals versucht haben, sich ein Bild von der Belagerung Iliums zu machen, so wie ich es von Berufs wegen über zwanzig Jahre lang getan habe, dann muss ich Ihnen sagen, dass Ihre Vorstellungskraft der Aufgabe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gewachsen war. Meine war es jedenfalls nicht. Die Wirklichkeit ist viel wunderbarer und schrecklicher, als sie uns selbst der blinde Dichter zeigen wollte.
Zuallererst ist da die Stadt, Ilium, Troja, eine der großen bewaffneten Poleis der Antike - mehr als drei Kilometer von dem Strand entfernt, auf dem ich jetzt stehe, aber dennoch gut sichtbar auf ihrer Anhöhe, schön und gebieterisch, die hohen Mauern von Tausenden von Fackeln und Feuern erhellt, die Türme nicht ganz so unermesslich hoch, wie Marlowe uns glauben machen wollte, aber immer noch Staunen erregend - hoch, rund, fremdartig, imposant.
Dann sind da die Achäer, Danaer und die anderen Invasoren- genau genommen noch keine "Griechen", weil diese Nation erst in über zweitausend Jahren entstehen wird, aber ich werde sie trotzdem Griechen nennen -, die sich kilometerweit hier an der Küste ausgebreitet haben. In meinen Ilias-Seminaren habe ich den Studenten erklärt, der trojanische Krieg sei trotz seines homerischen Ruhms in Wirklichkeit wahrscheinlich nur ein kleines Scharmützel gewesen - ein paar tausend griechische Krieger gegen ein paar tausend Trojaner. Selbst die kenntnisreichsten Mitglieder der Scholia - jener seit fast zweitausend Jahren existierenden Gruppe von Ilias-Forschern - haben auf Grundlage des Versepos geschätzt, dass nicht mehr als 50000 Achäer und andere griechische Krieger in ihren schwarzen Schiffen an der Küste aufgezogen sind.
Sie haben sich geirrt. Neuesten Schätzungen zufolge sind es mehr als 250000 griechische Angreifer und ungefähr halb so viele Verteidiger Trojas, einschließlich ihrer Verbündeten. Offenbar ist jeder Kriegsheld der griechischen Inseln zu dieser Schlacht herbeigeeilt - eine Schlacht ist nämlich gleichbedeutend mit Plünderung - und hat seine Soldaten, Verbündeten, Gefolgsleute, Sklaven und Konkubinen mitgebracht.
Es ist ein fantastischer Anblick: Kilometer um Kilometer erleuchteter Zelte, Lagerfeuer und Verteidigungsanlagen aus angespitzten Pfählen, dazu lange Gräben im harten Boden oberhalb der Strände - nicht um sich darin zu verstecken und niederzukauern, sondern zur Abschreckung der trojanischen Kavallerie -, und das Licht, das diese kilometerlange Ansammlung von Zelten und Männern beleuchtet und auf polierte Lanzen und glänzende Schilde fällt, stammt von Tausenden hell lodernder Freudenfeuer, Kochfeuer und Scheiterhaufen.
Scheiterhaufen.
In den letzten paar Wochen hat sich eine schleichende Seuche in den Reihen der Griechen ausgebreitet. Ihre ersten Opfer waren Esel und Hunde, dann hat sie hier einen Soldaten und dort einen Diener zu Fall gebracht, bis sie sich in den vergangenen zehn Tagen schließlich zu einer Epidemie ausgewachsen hat, die mehr achäische und danaische Helden getötet hat als die Verteidiger Iliums seit Monaten. Ich nehme an, es ist Typhus. Die Griechen sind davon überzeugt, dass es Apollos Zorn ist.
Ich habe Apollo von weitem gesehen, sowohl auf dem Olymp als auch hier. Er ist ein ganz übler Bursche. Apollo ist der Gott der Bogenschützen, der Herr des silbernen Bogens, "der Fernhintreffer", und obwohl er der Gott der Heilung ist, ist er auch der Gott der Krankheit. Mehr noch, er ist der oberste göttliche Verbündete der Trojaner in dieser Schlacht, und wenn es nach Apollo ginge, würden die Achäer ausgelöscht. Ob die Typhusepidemie nun von den leichenverseuchten Flüssen und anderem vergiftetem Wasser ausgelöst wurde oder von Apollos silbernem Bogen, die Griechen glauben zu Recht, dass er ihnen Böses will.
In diesem Augenblick finden sich die "Fürsten und Könige" der Achäer - und jeder dieser griechischen Helden ist in seiner Provinz und in seinen eigenen Augen eine Art Fürst oder König - gerade zu einer öffentlichen Versammlung bei Agamemnons Zelt ein, um darüber zu beraten, wie man dieser Seuche ein Ende bereiten kann. Ich gehe langsam, fast widerwillig dorthin. Dabei sollte diese Nacht nach meiner nunmehr über neunjährigen Wartezeit der aufregendste Moment meiner langen Tätigkeit als Kriegsbeobachter sein. Heute Nacht beginnt Homers Ilias in der Wirklichkeit.
Oh, ich habe viele Elemente des Epos miterlebt, die Homer mit dichterischer Freiheit zeitlich anders eingeordnet hat, etwa den so genannten Schiffskatalog, jene Aufstellung und Auflistung sämtlicher griechischer Truppen aus dem zweiten Gesang der Ilias, die sich jedoch schon vor über neun Jahren beim Aufmarsch dieser Militärexpedition bei Aulis versammelt hatten, an der Meerenge zwischen Euböa und dem griechischen Festland. Oder die Epipolesis, die Heerschau, die Agamemnon im vierten Gesang von Homers Epos abhält, die ich jedoch kurz nach der Landung der Truppen hier bei Ilium stattfinden sah. Darauf folgte die Teichoskopia, wie ich sie in meinen Seminaren immer genannt habe, die "Mauerschau", bei der Helena dem Priamos und den anderen trojanischen Führern die verschiedenen achäischen Helden zeigt. Die Teichoskopia kommt im dritten Gesang des Poems vor, ereignete sich im wahren Ablauf der Geschehnisse jedoch kurz nach der Landung und der Epipolesis.
Sofern es hier einen wahren Ablauf der Geschehnisse gibt.
Jedenfalls findet heute Abend jene Versammlung bei Agamemnons Zelt statt, bei der es zum Streit zwischen Agamemnon und Achilles kommt. Mit ihr beginnt die Ilias, und eigentlich sollte ich all meine Kräfte und beruflichen Fähigkeiten auf sie konzentrieren, aber in Wahrheit ist sie mir scheißegal. Sollen sie sich doch in die Brust werfen. Sollen sie sich aufplustern. Soll Achilles ruhig nach seinem Schwert greifen - nun, ich gestehe, es würde mich schon interessieren, das zu sehen. Wird Athene wirklich erscheinen, um ihn aufzuhalten, oder war sie nur eine Metapher dafür, dass Achilles wieder zur Vernunft kam? Ich habe mein Leben lang darauf gewartet, die Antwort auf eine solche Frage zu finden, und nun werde ich sie in ein paar Minuten bekommen, aber seltsamerweise ist ... es ... mir ... definitiv ... scheißegal.
Die neun Jahre der schmerzhaften Wiedergeburt, der langsamen Rückkehr der Erinnerung, des permanenten Krieges und der unablässigen heroischen Posen, ganz zu schweigen von meiner Versklavung durch die Götter und die Muse, haben ihren Tribut gefordert. Momentan hätte ich nichts dagegen, wenn eine B-52 käme und eine Atombombe auf die Griechen und Trojaner würfe. Zur Hölle mit all diesen Helden und den Holzkähnen, in denen sie hierher geschippert sind!
Aber ich stapfe zu Agamemnons Zelt. Das ist nun mal mein Job. Wenn ich es versäume, die Szene zu beobachten und der Muse davon zu berichten, heißt das nicht, dass ich meine Stelle verliere. Nein, die Götter werden mich in die Knochensplitter und die staubige DNA verwandeln, aus denen sie mich wieder erschaffen haben, und das war's dann, wie man so sagt.
Ardis Hills, Ardis Hall
Daeman materialisierte in dem Faxportal in der Nähe von Adas Haus und blinzelte benommen in die rote Sonne am Horizont. Der Himmel war wolkenlos, und das untergehende Tagesgestirn brannte zwischen den hohen Bäumen auf der Kammlinie und brachte den P-Ring und den Ä-Ring, die sich am kobaltblauen Himmel drehten, zum Leuchten. Daeman war desorientiert, weil es hier Abend war; dabei war er erst vor ein paar Sekunden von Tobis Zweiter-Zwanziger-Party in Ulanbat weggefaxt, wo es früher Vormittag war. Sein letzter Besuch bei Ada lag Jahre zurück, und außer bei jenen Freunden, die er sehr regelmäßig besuchte - Sedman in Paris, Ono in Bellinbad, Risir in ihrem Haus auf den Klippen von Chom sowie ein paar andere -, wusste er nie, auf welchem Kontinent oder in welcher Zeitzone er sich wieder finden würde. Aber er kannte die Namen und die Lage der Kontinente ohnehin nicht, geschweige denn die Konzepte geografischer oder chronometrischer Zonen, sodass ihm seine Unwissenheit nichts ausmachte.
Es war trotzdem verwirrend. Er hatte einen Tag verloren. Oder gewonnen? Jedenfalls roch die Luft hier anders - feuchter, würziger, wilder.
Daeman schaute sich um. Er stand in der Mitte eines ganz normalen Faxknoten-Feldes - der übliche Kreis aus Permbeton und eleganten Eisenpfosten mit einer gelben Glaspergola darüber, und am Pfosten in der Nähe des Kreismittelpunkts befand sich das unvermeidliche kodierte Zeichen, das er nicht lesen konnte. In dem Tal war kein anderes Bauwerk zu sehen, nur Gras, Bäume, ein Fluss in der Ferne und die langsame Drehung der beiden Ringe, die wie die Räder eines riesigen, langsamen Gyroskops über ihn wegzogen.
Es war ein warmer Abend, feuchter als in Ulanbat, und das Faxpad lag mitten auf einer grünen Wiese, die von niedrigen Hügeln umgeben war. Sechs Meter von dem kreisrunden Feld entfernt stand eine uralte einrädrige, offene Zweierkarriole; ein ebenso alter Servitor schwebte über der Fahrernische, und ein einzelner Voynix stand zwischen den hölzernen Deichseln. Es war über zehn Jahre her, dass Daeman Ardis Hall besucht hatte, aber jetzt fiel ihm wieder ein, wie primitiv und unbequem die ganze Sache gewesen war. Absurd, sein Haus nicht auf einem Faxknoten zu haben.
"Daeman Uhr?", erkundigte sich der Servitor, obwohl er offensichtlich wusste, wen er vor sich hatte.
Daeman grunzte und hielt ihm seine ramponierte Reisetasche hin. Der winzige Servitor schwebte näher heran, nahm das Gepäck mit seinen gepolsterten Greifern und lud es in den Segeltuchkasten der Karriole, während Daeman einstieg. "Warten wir noch auf jemanden?"
"Sie sind der letzte Gast", antwortete der Servitor. Er schwebte summend in seine halbkugelförmige Nische und schnalzte einen Befehl; der Voynix packte die Deichseln der Karriole und setzte sich in Bewegung, auf die untergehende Sonne zu. Seine rostigen Peds und das Rad der Karriole wirbelten auf der Schotterstraße nur sehr wenig Staub auf. Daeman ließ sich in das grüne Leder sinken, stützte beide Hände auf seinen Spazierstock und genoss die Fahrt.
Er war nicht gekommen, um Ada zu besuchen, sondern um sie zu verführen. Das war Daemans Lieblingsbeschäftigung - junge Frauen verführen. Und Schmetterlinge sammeln. Dass Adas Erster Zwanziger noch nicht lange zurücklag und Daeman bereits auf seinen Zweiten Zwanziger zuging, war ihm gleichgültig, ebenso wie die Tatsache, dass Ada seine Cousine ersten Grades war. Inzesttabus waren schon vor langer Zeit zerbröckelt. "Genetische Drift" war Daeman kein Begriff, aber selbst wenn, hätte er darauf vertraut, dass die Klinik die Sache schon wieder in Ordnung bringen würde. Die Klinik brachte alles wieder in Ordnung.
Daeman hatte Ardis Hill vor zehn Jahren als Adas Cousin besucht - und aus lauter Langeweile versucht, ihre Cousine Virginia zu verführen, die so attraktiv war wie ein Voynix. Damals hatte er Ada zum ersten Mal nackt gesehen. Auf der Suche nach dem Frühstückswintergarten war er einen der endlosen Korridore von Ardis Hall entlanggegangen und dabei am Zimmer des Mädchens vorbeigekommen; die Tür hatte einen Spaltbreit offen gestanden, und in einem hohen, verzogenen Spiegel war Ada zu sehen gewesen, die mit leicht gelangweilter Miene splitterfasernackt an einem Waschbecken stand und sich mit einem Schwamm wusch - Ada war vieles, aber bestimmt nicht übermäßig sauber, wie Daeman festgestellt hatte -, und ihr Spiegelbild, diese junge Frau, die gerade dem Kokon des Kindesalters entschlüpfte, hatte ihn innehalten lassen, diesen erwachsenen Mann, der zu jener Zeit nur ein wenig älter gewesen war als Ada jetzt.
Selbst damals, als ihren Hüften, Oberschenkeln und Brüsten mit den winzigen Brustwarzen noch ein Hauch Babyspeck angehaftet hatte, war Ada ein Anblick gewesen, für den sich das Stehenbleiben lohnte. Mit ihrer blassen Haut, die immer von einem weichen, pergamentenen Weiß war, ganz gleich, wie lange sie sich im Freien aufhielt, ihren grauen Augen, himbeerroten Lippen und pechschwarzem Haar war sie der Traum eines Amateurerotikers. Zu jener Zeit war es Mode gewesen, dass Frauen sich die Achselhöhlen rasierten, aber die junge Ada hatte dem nicht mehr Beachtung geschenkt als den meisten anderen kulturellen Usancen (und Daeman hoffte aufrichtig, dass ihr erwachsenes Gegenstück es ebenso wenig tat). Eingefroren in dem hohen Spiegel damals (und jetzt aufgespießt und ausgestellt im Schaukasten von Daemans Gedächtnis) waren jener noch mädchenhafte, aber bereits sinnliche Körper, die schweren, bleichen Brüste, die sahnige Haut, die wachen Augen, all jene Blässe, die von den vier Tupfern schwarzen Haares durchsetzt war - das wellige Fragezeichen ihres Schopfes, den sie immer achtlos hochgesteckt trug, außer wenn sie spielte (wie meistens), die beiden Kommata in ihren Achselhöhlen und das perfekte, noch nicht zu einem Delta gereifte schwarze Ausrufezeichen, das zu den Schatten zwischen ihren Schenkeln führte.
Daeman lächelte in seiner Karriole. Er hatte keine Ahnung, weshalb Ada ihn nach all den Jahren zu dieser Geburtstagsfeier eingeladen hatte - oder wessen Zwanziger sie feierten -, aber er war davon überzeugt, dass es ihm gelingen würde, die junge Frau zu verführen, bevor er wieder in seine wirkliche Welt der Partys, der ausgedehnten Besuche und der beiläufigen Affären mit weltlicheren Frauen zurückfaxte.
Der Voynix trabte mühelos dahin und zog die Karriole hinter sich her. Nur das Zischen des Schotters unter seinen Peds und das leise Summen uralter Gyroskope in der Karosserie der Kutsche waren zu hören. Schatten krochen über das Tal, aber die schmale Straße führte aufwärts über einen Kamm, erhaschte das letzte bisschen Sonne - die vom nächsten Kamm im Westen halbiert wurde - und führte dann in ein breiteres Tal hinunter, wo sich zu beiden Seiten von einer niedrigen Frucht bewachsene Felder ausdehnten. Die Pflegeservitoren schossen über den Feldern hin und her wie ein Haufen levitierender Krocketbälle, dachte Daeman.
Die Straße bog nach Süden ab - von Daeman aus gesehen nach links -, überquerte in Gestalt einer überdachten Holzbrücke einen Fluss, wand sich dann im Zickzack einen steilen Hang hinauf und führte in einen älteren Wald. Daeman erinnerte sich undeutlich daran, dass er in diesem uralten Wald vor zehn Jahren - in den späteren Stunden jenes Tages, an dem er die junge Ada nackt im Spiegel gesehen hatte - auf Schmetterlingsjagd gegangen war. Er erinnerte sich an seine Erregung, als er bei einem Wasserfall ein seltenes Exemplar eines Trauermantels gefangen hatte, und die Erinnerung vermischte sich mit der Erregung beim Anblick der blassen Haut und dem schwarzen Haar des Mädchens. Er erinnerte sich jetzt an den Blick, den ihm Adas Spiegelbild zugeworfen hatte - desinteressiert, weder erfreut noch zornig, schamlos, aber nicht unverschämt, beinahe kühl analysierend -, als ihr blasses Gesicht beim Waschen aufgeblickt und den auf dem Gang draußen vor Lust erstarrten, siebenundzwanzigjährigen Daeman ganz ähnlich angesehen hatte wie Daeman selbst seinen gefangenen Trauermantel.
Die Karriole näherte sich Ardis Hall. Es war dunkel unter den alten Eichen, Ulmen und Eschen auf den letzten Metern zur Kuppe des Hügels, aber an der Straße waren gelbe Laternen aufgestellt worden, und im Wald funkelten Reihen farbiger Laternen, die vielleicht Spazierwege markierten.
Der Voynix trabte aus dem Wald, und ein vom Abendlicht erfüllter Anblick tat sich auf: Ardis Hall, leuchtend auf seiner Hügelkuppe; weiße Schotterwege und Straßen, die sich in alle Richtungen schlängelten; die ausgedehnte Rasenfläche, die vor dem Herrenhaus fast einen halben Kilometer weit sanft abfiel, bis ein weiterer Wald dem Grün den Weg versperrte; der glänzende Fluss dahinter, der noch das sterbende Licht im Himmel spiegelte; und durch eine Lücke in den südwestlichen Hügeln der flüchtige Blick auf weitere bewaldete Hügel - schwarz, lichtlos -, und dann noch mehr Hügel dahinter, bis die schwarzen Kämme mit schwarzen Wolken am Horizont verschmolzen.
Daeman fröstelte. Erst jetzt fiel es ihm wieder ein: Adas Haus lag in der Nähe der Dinosaurierwälder auf diesem Kontinent, wie immer er heißen mochte. Er erinnerte sich, dass er bei seinem letzten Besuch schreckliche Angst gehabt hatte, obwohl Virginia und Vanessa und alle anderen ihn beruhigt hatten, dass es im Umkreis von achthundert Kilometern keine gefährlichen Dinosaurier gebe - alle anderen, hieß das, außer der fünfzehnjährigen Ada, die ihn nur mit jener berechnenden, leicht amüsierten Miene angesehen hatte, die sie, wie er bald erfahren sollte, üblicherweise zur Schau trug.
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