Am Beginn der modernen Naturwissenschaft steht die strikte Trennung
von Natur und Gesellschaft, von "natürlichen" und
"gesellschaftlichen" Instanzen. Bruno Latour optiert in
seinem Klassiker der modernen Soziologie dafür, sich diese Trennung
etwas genauer anzusehen. Seine These lautet: Je strikter und
gründlicher diese Trennung in der Moderne vollzogen wurde, um so
besser konnten sich zwischen den getrennten Bereichen
"Quasiobjekte" ausbreiten, die sowohl natürlich als auch
gesellschaftlich determiniert sind. Diese hybriden
"Quasiobjekte", welche die Moderne ausgeblendet hat, gilt
es anzuerkennen. Nur dann nämlich kann das zweifelhaft gewordene
Credo der Moderne, daß ökonomische Rationalität, wissenschaftliche
Wahrheit und Technik bereits Garanten eines sinnvollen Fortschritts
sind, verabschiedet werden, ohne gleich in den Katzenjammer der
Postmoderne zu verfallen.
"Zweifellos äussert sich im Erfolg von Latours methodischer und begrifflicher "Entgrenzung des Sozialen" ein Bedürfnis nach einer ökologisch orientierten Politik, das in einer Zeit des zivilisationsbedingten Klimawandels nur zu verständlich ist. Latours Perspektive verdankt sich postmodernen Denkfiguren, überschreitet diese aber mit der Forderung nach politischer Verantwortung: In seinem Werk wird die postmoderne Gesellschaftstheorie gewissermassen erwachsen." Milo Rau Neue Zürcher Zeitung
»Zweifellos äussert sich im Erfolg von Latours methodischer und begrifflicher »Entgrenzung des Sozialen« ein Bedürfnis nach einer ökologisch orientierten Politik, das in einer Zeit des zivilisationsbedingten Klimawandels nur zu verständlich ist. Latours Perspektive verdankt sich postmodernen Denkfiguren, überschreitet diese aber mit der Forderung nach politischer Verantwortung: In seinem Werk wird die postmoderne Gesellschaftstheorie gewissermassen erwachsen.«
Bruno Latour wurde 1947 im der burgundischen Kleinstadt Beaune als Sohn einer Winzerfamilie geboren. Nach einem Studium der Philosophie und Anthropologie promovierte er 1975 an der Universität Tours. 1979 veröffentlichte Latour zusammen mit dem britischen Soziologen Steve Woolgar Laboratory Life, das Ergebnis seiner Feldstudien im Labor des späteren Nobelpreisträgers Roger Guillemin. Dabei konnte Latour aufzeigen, welche Rollen rhetorische Strategien und technische Artefakte bei der "Konstruktion wissenschaftlicher Tatsachen" spielen. Mit dem 1987 erschienenen Science in Action weitete Bruno Latour diese zunächst sozialkonstruktivistische Argumentation auf das Gebiet der Technik aus. Er entwickelte zusammen mit anderen Soziologen, vor allem Michel Callon und John Law, die Akteur-Netzwerk-Theorie, die über den Sozialkonstruktivismus hinausgeht. Anders als dieser geht die Akteur-Netzwerk-Theorie nicht davon aus, dass Technik und Wirklichkeit sozial konstruiert sind. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Technik/Natur und das Soziale sich in einem Netzwerk wechselseitig Eigenschaften und Handlungspotentiale zuschreiben. Latour entwickelte später auf Basis dieser Überlegungen mit "Wir sind nie modern gewesen" und "Das Parlament der Dinge" eine Kritik der "modernen
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