Unsere Gesellschaft ist in die Narzissmus-Falle geraten. Solange
wir keine Mittel und Wege finden, den Narzissmus und die ihm
zugrunde liegende Bedürftigkeit zu zähmen, so lange gleichen alle
unsere Versuche, die Krise zu überwinden und die gesellschaftlichen
Verhältnisse doch noch zum Besseren zu verändern, einem
Stühlerücken auf der Titanic. Gier - den Hals nicht voll kriegen zu
können, so lautet die mit Abstand häufigste Antwort auf die Frage
nach der tieferen Ursache der Krise unseres Finanz- und
Gesellschaftssystems. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz gibt
sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Gier, sei es nach Geld
oder anderen Lebensvorteilen, so kann er zeigen, ist Ausdruck einer
narzisstischen Störung. Der narzisstische Mensch ist im Kern ein um
Anerkennung ringender, stark verunsicherter Mensch. So tut er
alles, um die Bestätigung, die er zum Leben braucht, zu erhalten.
Diese narzisstische Kompensation bedarf ständig erweiterter
Ablenkung durch Konsum, Besitz, Animation und Aktion. Gier ist
keine spezifische Charaktereigenschaft etwa von Bankern oder
lediglich Folge falscher Anreize: Für Maaz ist sie ein zentrales
Symptom der narzisstischen Bedürftigkeit der meisten Bürger der
westlichen Konsumgesellschaften. Besonders ausgeprägt ist sie
allerdings bei den Trägern gesellschaftlicher Macht anzutreffen:
bei Politikern, Managern und Stars.
Einen zwiespältigen Eindruck hat Hans-Joachim Maaz' Buch über die "narzisstische Gesellschaft" bei Joachim Güntner hinterlassen. Auf der einen Seite scheint ihm die strikt psychoanalytische Argumentation des Autors - kulturhistorische, politische, soziologische oder sozialphilosophische Analysen kommen nicht vor - doch etwas reduktionistisch, will Maaz über den Schlüsselbegriff des Narzissmus doch so gut wie alle Übel der Welt - vom Krieg bis zum Fitnesswahn - erklären. Güntner moniert hier insbesondere die Tendenz des Autors zu überspitzten und paschaulisierenden Aussagen. Andererseits kommt er nicht umhin einzuräumen, dass Maaz mit seinen Problemanalysen durchaus "wunde Punkte" trifft. Besonders hebt der Rezensent die Ausführungen über die Bedeutung der Mutter für die kindliche Entwicklung und die Entstehung der narzisstischen Störung hervor, die an Heinz Kohut, der zum Thema Narzissmus schon vor 40 Jahren alles Wesentliche gesagt hat, anknüpfen.
Hans-Joachim Maaz, seit 40 Jahren praktizierender Psychiater und Psychoanalytiker, war lange Zeit Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle.
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