KulturSchock Argentinien - Goerdeler, Carl D.
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Carl D. Goerdeler 

KulturSchock Argentinien

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Produktbeschreibung zu KulturSchock Argentinien

Fremde Kulturen sind uns oft doch nicht so vertraut, wie wir dachten. Die Bücher der Reihe KulturSchock skizzierenHintergründe und Entwicklungen, um heutige Denk- und Lebens-weisen zu erklären, um eine Orientierungshilfe im fremdenAlltag zu sein. Sie möchten dazu beitragen, dass wir die Gesetz-mäßigkeiten des Kulturschocks begreifen, ihn ein wenigvorwegnehmen können und Vorurteile abbauen. Je mehr wir voneinander wissen, desto besser werden wir einander verstehen.Aus dem Inhalt:- Der Mythos der Gauchos- Post-Peronismus- Die Krankheit Korruption- Das Café- Mamas und Machos- Als Gringo im Lande

Produktinformation


  • Verlag: Reise Know-How Verlag Rump
  • 2010
  • 3. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 216 S. m. zahlr. meist farb. Fotos.
  • Seitenzahl: 216
  • Reise Know-How
  • Deutsch
  • Abmessung: 182mm x 121mm x 17mm
  • Gewicht: 245g
  • ISBN-13: 9783831712687
  • ISBN-10: 3831712689
  • Best.Nr.: 12539392

Leseprobe zu "KulturSchock Argentinien" von Carl D. Goerdeler

Das Gesicht des Landes (S. 38-39)

In Argentinien findet sich alles: von den heißen Tropen bis zum ewigen Eis, von sattem Tiefland bis zur Steinwüste. Alles ist da, aber auch geschieden durch Tausende von Kilometern. Argentinien ist das achtgrößte Land der Erde, es ist nur wenig kleiner als Indien, obgleich auf seinem Territorium nicht eine Milliarde, sondern lediglich 37 Millionen Menschen leben und es ist nach Brasilien das zweitgrößte Land Südamerikas. Der Nationalstaat ist in 23 Provinzen plus Hauptstadtdistrikt Buenos Aires aufgeteilt und diese Provinzen können unterschiedlicher kaum ausfallen. Beispielsweise die Provinz Buenos Aires: In ihr lebt fast die Hälfte (genau 40 Prozent) aller Argentinier. Auf der anderen Seite gibt es Provinzen wie Chubut oder Santa Cruz, in denen nicht einmal eine halbe Million Menschen haust.

Das Klima, die Landesnatur, die Menschen und ihre Arbeit – ein Spektrum, das in fast allen Farben leuchtet. „Gracias a la vida" – „Dank dem Leben!" singt die Sänger-Matrone Mercedes Sosa, unverkennbar mit ihren indianischen Gesichtszügen und dem dunklen Timbre, über den Reichtum des Landes: „Du hast mir so viel gegeben, Städte und Seen, Strände und Wüsten, Berge und Senken." Argentinien ist so groß, aber einige Argentinier haben offenbar nicht genug und beanspruchen zusätzliche Gebiete. Auf den Schulkarten ist ein dickes Kuchenstück der Antarktis als „argentinisches Territorium" eingezeichnet und natürlich gehören die sturmumtosten Inseln der Falklands/ Malvinen ebenso dazu wie die South Sandwich Inseln, die South Shetland Inseln und Südgeorgien. Allesamt handelt es sich um so gut wie unbewohnte Felsbrocken in der Südpolarzone, die auf unseren Atlanten als „britisch" gekennzeichnet sind. Aber nicht nur mit der Queen gibt es hin und wieder Probleme, auch mit dem Nachbarn Chile hat sich Argentinien lange genug über ein paar Andenpässe und drei Inselchen im Beaglekanal, der Feuerland von Patagonien trennt, gestritten. Erst der Papst konnte 1985 da ein Machtwort sprechen.

Für den gewöhnlichen Argentinier sind das bloß Dinge, die er in der Zeitung liest, und der porteño ist fast schon stolz darauf, kaum je über die Stadt- oder Provinzgrenze hinausgekommen zu sein. Und wenn er seine Stadt verlässt, dann nur für Paris oder London, niemals aber für Tucuman oder Ushuaia. Aber halt! Jeden Sommer ziehen, Lemmingen gleich, die porteños mit Kind und Kegel knapp 500 Kilometer gen Süden, nach Mar del Plata an den Strand. Diese Halbmillionenstadt liegt fast das gesamte Jahr über im Winterschlaf, nur zwischen November und März erwacht das Seebad aus seiner Starre. Dann folgen Millionen Argentinier einem Urtrieb und breiten ihre Handtücher auf schütteren Stränden aus. Je mehr Familien pro Quadratmeter diese menschliche Vogelkolonie besetzen, desto besser! Argentinier glauben zwar, sie seien Nonkonformisten, aber das Gegenteil ist wohl eher der Fall. So also sind sie wild entschlossen, ihr Erspartes in wenigen Wochen Urlaub gegen Wucherpreise am Strand auf den Kopf zu hauen.

Seit unter Perón der organisierte Arbeitertourismus mit gewerkschaftlichen Ferienheimen in Gang gekommen ist, werden jedes Jahr zigtausend Argentinier an den Strand gekarrt. Ein bisschen DDR-Ferienorganisation schimmert überall durch, obgleich es in Argentinien nicht nach Lysol und Minol riecht, sondern eher nach geklontem Chanel Nr. 5 aus Paraguay. Die Reichen des Landes meiden natürlich auch im Urlaub den Pöbel und ziehen sich entweder in ihre „Countries" zurück oder mieten (wenn sie keine besitzen) eine Villa für einige tausend Dollar in Punta del Este im Nachbarland Uruguay, wo sie wegen der großzügigen Bankgesetze sowieso ihre Schwarzgelder gebunkert haben. Einmal im Jahr an den Goldbarren riechen und dabei noch in die eiskalten Fluten steigen, das ist das Privileg der besseren Gesellschaft. Echte Businessmen lassen nach ein, zwei Wochen die Familie samt Hund im Seebad für den Rest der Saison allein zurück und reisen flugs wieder zurück nach Buenos Aires, der Geschäfte wegen oder weil sie Trost am Busen einer Geliebten suchen.

Die geistige Landkarte Argentiniens ist zweigeteilt wie die beiden Hemisphären des Gehirns. Buenos Aires auf der einen Seite, der Rest des Landes, von den porteños schlicht und einfach das „interior", Hinterland, genannt, auf der anderen Seite. Man könnte Dutzende Geschichten erzählen, die belegen, wie fast unüberwindlich die Kluft zwischen den beiden ungleichen Elementen des Landes scheint. Dazu zählt auch, dass die Provinzen bloß drei Prozent des gesamten Steueraufkommens stellen, gleichwohl aber mehr als 70 Prozent Staatsgelder verschlingen. Wer finanziert hier wen? Wer hält wen aus? Wo genau liegt eigentlich Argentinien? So unsicher wie die eigene Herkunft, so unklar ist die Antwort auf die Frage, wo genau nun der archimedische Punkt Argentiniens liegt. Die porteños halten es fast so wie einst die Engländer: „Nebel über dem Ärmelkanal – Europa abgeschnitten".

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