Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Nachfrage nach medizinischen Leistungen
Das vorliegende Buch behandelt die Auswirkungen des demographischen
Wandels auf das Nachfrageverhalten nach medizinischen Leistungen.
Einen besonderen Schwerpunkt bildet dabei die Betrachtung der
Wechselwirkungen von Alter und Gesundheitskosten.
In den einzelnen Kapiteln des Buches wird beleuchtet, ob es durch
die Altersstrukturverschiebung in der Gesellschaft in Deutschland
zu einem veränderten Nachfrageverhalten nach medizinischen
Leistungen, insbesondere in den höheren Altersklassen, kommt. Dies
erfordert zudem die Betrachtung der Frage, ob ältere Menschen
höhere Gesundheitskosten verursachen. Die hierbei zentrale Frage,
ob die Nähe zum Tod oder aber das Lebensalter eines Menschen die
Höhe der aufgewandten Gesundheitsausgaben bestimmt, wird in dem
Buch aufgegriffen.
Durch die Veralterung der Gesellschaft entsteht im
umlagefinanzierten Sozialversicherungssystem in Deutschland ein
erheblicher Kostendruck. Im der Studie werden neben den genannten
Fragestellungen Lösungsansätze unter Berücksichtigung der
Wechselwirkungen zwischen demographischem Wandel und
medizinisch-technischem Fortschritt, die zu einer Sicherstellung
der Finanzierbarkeit des deutschen Gesundheitssystems führen
sollen, betrachtet und behandelt.
Aufgrund veränderter Familienstrukturen kommt es zudem zu neuen
Anforderungsprofilen im Bereich der Pflege. Ein kurzer Abriss
möglicher zukünftiger Entwicklungen soll dem Leser hier einen
Überblick geben.
Katrin Kern, geboren 1979, Diplom-Betriebswirtin, Bachelor of Business Administration. Studium der Betriebswirtschaftslehre - Schwerpunkt Gesundheitsmanagement - an der VWA Wiesbaden. Studium International Business Economics an der VWA Frankfurt am Main. Abschluss 2005 als Diplom-Betriebswirtin, 2008 als Bachelor of Business Administration (BBA). Derzeit tätig als Assistentin des Vorstandsvorsitzenden der Asklepios Kliniken Gruppe, einem der größten privatwirtschaftlich tätigen Klinikunternehmen in Europa.
Leseprobe zu "Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Nachfrage nach medizinischen Leistungen"
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Kapitel 2, Nachfrage:
Kapitel 2.1, Angenommene zukünftige Nachfrageprofile aufgrund veränderter Altersstrukturen: Untersuchungen zeigen, dass im Querschnitt mit höherem Lebensalter auch das Krankheitsrisiko zunimmt. In besonderem Maße ist in diesen Lebensabschnitten mit der Prävalenz von Langzeiterkrankungen, insbesondere chronischen Leiden, Multimorbidität und Multimedikation zu rechnen. Bereits heute ist etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung von einer chronischen Erkrankung betroffen. Der Anteil chronisch Kranker in der gesetzlichen Krankenversicherung liegt derzeit bei etwa 25 Prozent. Bei den Erkrankungen handelt es sich vorrangig um folgende Krankheitsbilder: Diabetes Mellitus, Brustkrebs, Asthma, Herzinsuffienz, Bluthochdruck sowie koronare Herzerkrankung. Es ist davon auszugehen, dass durch die Veralterung der Gesellschaft der Anteil der chronisch Kranken einen Zuwachs verzeichnen wird. Die Krankheitsbilder erfahren hierbei einen Wandel. Zukünftig werden im Bereich der chronischen Erkrankungen degenerative Muskel- und Skeletterkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, Erkrankungen des Nervensystems sowie psychische Erkrankungen - hier insbesondere Depressionen - gehäuft auftreten. Hinsichtlich der Verlaufsformen chronischer Leiden in den hohen Altersklassen geht man von einem stetigen Bedarf an medizinischen Leistungen bis zum Tod aus. Das Krankheitsbild der Chroniken verschlechtert sich hierbei im zeitlichen Verlauf. Als Haupttodesursachen gelten bislang Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, Krankheiten der Atmungsorgane sowie Unfälle in jungen und mittleren Jahren. Während durch einen Wandel in der Altersstruktur auf der einen Seite mit einem präventionsbedingten Rückgang der Herz-Kreislauferkrankungen gerechnet wird, erwartet man andererseits insgesamt einen Anstieg der auf Krebs zurückzuführenden Tode, da Krebserkrankungen in der Regel nach einer langen Latenzzeit zumeist in höheren Altersgruppen auftreten. Die zukünftige Morbiditätsentwicklung macht eine Anpassung des derzeitigen Gesundheitssystems zwingend erforderlich. So messen Kruse et al. hier insbesondere der Frage nach den Präventionspotenzialen des Alters große Bedeutung zu. Nach Schwartz (2002) seien in der Vergangenheit der Gruppe der 85- bis 100-Jährigen nur in Einzelfällen Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung zugute gekommen. Diesen Umstand sieht Walter (2001) in der – noch herrschenden - allgemeinen Vorstellung begründet, dass es im Alter naturgemäß zu gesundheitlichen Einbußen komme und diese akzeptiert und unabänderlich hingenommen werden müssten. Schon 1998 hat die World Health Organization in ihrem Gesundheitsbericht hervorgehoben, dass es durch den demographischen Wandel zu einem künftig steigenden Bedarf an medizinischen und pflegerischen Leistungen kommen werde, zu dessen Bewerkstelligung es einer Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung bedürfe. Unter der Annahme einer Verkennung der künftigen Notwendigkeit einer Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung, gelangen diverse Berechnungen zu einem deutlichen Anstieg in der Versorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebsleiden, Erkrankungen des Bewegungsapparats, Lungenleiden oder Demenz. Im stationären Sektor käme es infolgedessen bis zum Jahre 2020 zu einer Steigerung des Versorgungsbedarfs um knapp 44 Prozent für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Unter dieser Annahme wird ein um bis zu 77 Prozent erhöhter Versorgungsbedarf für die Versorgung von Schlaganfall oder Herzinsuffienz in der Altersgruppe der 75-Jährigen und älteren erwartet. Annahmen über die erwartete Versorgung von Krankheitsbildern wie organischen Psychosen, Diabetes mellitus oder Oberschenkelhalsbrüchen in der vorgenannten Altersgruppe gelangen zu Steigerungsraten von 63 bis zu 74 Prozent. Durch die 'Geriatrisierung des Krankenhauses' bedürfe es nach Aussagen Kolbs dringend einer Erhöhung der Anzahl an Ärzten, die Erfahrungen auf dem Gebiet der Geriatrie vorweisen können. Unter der Annahme eines konstanten Ausgabenprofils gelangen diverse Modellrechnungen und Prognosen für die Zeitspanne 1999 bis 2050 zu einem 'rein demographiebedingten' Ausgabenanstieg von fast 28 Prozent, das heißt von 217,0 Milliarden DM in 1999 auf 276,7 Milliarden DM im Jahre 2050, in der gesetzlichen Krankenversicherung. Hauptursächlich für den Ausgabenanstieg ist dabei der so genannte Altersstruktureffekt, der die demographiebedingte Verschiebung der Altersstrukturen in der Bevölkerung beschreibt. Eine ab 2020 insgesamt abnehmende Bevölkerungszahl führt durch die Verringerung der Nachfrage nach medizinischen Leistungen zu einer Entlastung der Ausgaben. Das folgende Schaubild veranschaulicht die prognostizierte Situation. Durch den Altersstruktureffekt kommt es künftig zu einer Veränderung hinsichtlich des Nachfrageverhaltens nach den Hauptleistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung. Während im stationären Sektor und bei der Arzneimittelversorgung die anteiligen Ausgaben, gemessen an den Gesamtausgaben in der GKV, eine Zunahme verzeichnen können, sinken die anteiligen Ausgaben für die ambulante sowie zahnärztliche Versorgung. Der Deutsche Bundestag (1998) prognostiziert in einer Gesamtbetrachtung, dass der Bedarf an medizinischen Leistungen einerseits aufgrund der durch den demographischen Wandel schrumpfenden Gesamtbevölkerung in Zukunft einen Rückgang erfahren, auf der anderen Seite durch die Zunahme des Altersquotienten wiederum ansteigen werde, so dass es aufgrund veränderter Altersstrukturen im Ergebnis lediglich zu einem leichten Anstieg der gesamten Nachfrage nach Gesundheitsleistungen kommen werde.
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