Der Trost der Dinge - Miller, Daniel

Daniel Miller 

Der Trost der Dinge

Fünfzehn Porträts aus dem London von heute

Aus d. Engl. v. Frank Jakubzik
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Der Trost der Dinge

Über die moderne Welt sind viele diagnostische Mythen im Umlauf: Sie sei homogenisiert, individualisiert, und die isolierten Individuen gäben sich hemmungslos dem Konsum hin. Der englische Anthropologe Daniel Miller hat diese Mythen hinterfragt genauer: Er hat die Bewohner einer Londoner Straße befragt. Und da die Menschen nun einmal nicht gerne über ihr Leben Auskunft geben, hat er mit ihnen über die Dinge in ihren Wohnungen gesprochen: über Simons 15000 Schallplatten, die für ihn alle emotionalen Schattierungen zum Ausdruck bringen; über den Laptop, auf dem Malcolm Unmengen von Briefen und Fotos speichert, um die Erinnerungskultur seiner Aborigines-Vorfahren aufrechtzuerhalten; über die billigen Spielfiguren aus dem Fast-food-Restaurant, mit denen Marina ihren Kindern ihre Liebe zeigt.


Produktinformation

  • Verlag: Suhrkamp
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 226 S.
  • Seitenzahl: 226
  • Edition Suhrkamp Nr.2613
  • Best.Nr. des Verlages: 12613
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 110mm x 15mm
  • Gewicht: 146g
  • ISBN-13: 9783518126134
  • ISBN-10: 351812613X
  • Best.Nr.: 27938906
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 31.08.2010

Wie tröstlich, dass der Vogelkäfig klemmt und das Bierglas so widerspenstig schaut

Gegen Grübeln und Reflexionsüberschuss hilft die harte Kontur der Haushaltsgegenstände. Daniel Miller erzählt, wie die Dinge, die uns umgeben, unser Denken prägen.

In seinen "Lehrjahren des Gefühls" lässt Gustave Flaubert seinen Helden wiederholt auf die eigentümliche Wirkungsmacht der Dinge treffen. "Ihr Kamm, ihre Handschuhe und Ringe waren für ihn bedeutungsvolle Dinge; sie hatten ihren Eigenwert wie Kunstwerke, ihr Eigenleben wie beseelte Wesen." Das Wissen, dass die Dinge keine bloßen Requisiten sind, sondern das Handeln der Subjekte mitbestimmen, ist längst auch in den Wissenschaften vom Menschen angekommen. Im Zuge dieses Trends hat der englische Anthropologe Daniel Miller unter dem Titel "Der Trost der Dinge" eine Studie über die Bewohner einer Straße im Süden Londons veröffentlicht.

In fünfzehn Einzelporträts berichtet Miller von den Wohnungseinrichtungen seiner Interviewpartner, erzählt, was sie sammeln, wie sie Ordnung halten oder mit ihrem Körper umgehen. Man erfährt von einer jungen Mutter, die Spielfiguren von McDonald's zum festen …

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Dass Daniel Millers Schriften zur Konsumkultur bisher nicht ihren Weg nach Deutschland gefunden haben, wundert Wolfgang Ullrich gar nicht. Das Land stehe fest im Zeichen der konsumkritischen Linie, die Wolfgang Fritz Haug mit seiner "Kritik der Warenästhetik" vorgegeben habe. Der - ebenso linke - Miller nimmt dagegen Konsumenten ernst, er hat besonders das Konsumverhalten der Ärmsten in London beobachtet und herausgefunden, dass sie beim Einkaufen oft an ihnen nahestehende Menschen denken. Damit deutete er das Einkaufen als einen "Akt sozialer Wärme", erklärt der Rezensent. Im "Trost der Dinge" nun porträtiert er verschiedene Menschen und ihre "Dingbeziehungen", die umso ausgeprägter seien, je weniger sie sozial verknüpft seien. Auch hier wertet Miller dies nicht negativ, sondern als Übung oder Kultivierung "sozialer Bindung". Mit dem Gewicht, das Miller den "Dingverhältnissen" gibt, sieht der Rezensent ihn durchaus in der Tradition von Balzac, Flaubert oder Stifter (allerdings nichts was die schriftstellerische Qualitäten betrifft). Nicht verstehen kann Ullrich, dass der Suhrkamp hier wieder nur eine Teilübersetzung vorlegt; die Erfahrungen mit Roland Barthes' "Mythen des Alltags" hätten ihn eines besseren belehren müssen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 02.09.2010

KURZKRITIK
Nippes und Ich
In einer Londoner Straße findet
Daniel Miller den „Trost der Dinge“
„Nie zuvor konnten so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft einander auf derart engem Raum begegnen – oder aus dem Weg gehen.“ Das schreibt der englische Ethnologe Daniel Miller angesichts einer gewöhnlichen Straße im Süden von London. Er hat bei den Bewohnern dieser Straße geklingelt und mit ihnen über längere Zeit Gespräche geführt. Die leitende Frage dabei war, wie sich das Leben heutiger (Großstadt-)Menschen in den Dingen manifestiert, mit denen sie sich umgeben; wie also persönliche Gegenstände und Wohnungseinrichtungen ihnen dabei helfen – ob gezielt oder unbewusst –, sich selbst und die Beziehungen zu anderen zu konstituieren.
Der eine hat alles voller Nippes, Massenware der Konsumgesellschaft; die andere hängt buchstäblich, beinahe blind, an ihren alten Möbeln; der dritte sieht seine Persönlichkeit mit seiner Musiksammlung wachsen; und eine Griechin kommuniziert über Schmuck, Kleidung und Möbel mit den toten Verwandten, die sie einst verwendet haben.
Von den dreißig Porträts, …

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Wie andere Kulturwissenschaftler nimmt Daniel Miller die moderne Dingwelt ernst, anstatt sie unter den traditionellen Entfremdungsverdacht zu stellen; das Theoriearsenal aber bleibt hier still im Hintergrund, um wunderbar erzählten Charakterbildern den Platz zu lassen. Johan Schloemann Süddeutsche Zeitung

Wie andere Kulturwissenschaftler nimmt Daniel Miller die moderne Dingwelt ernst, anstatt sie unter den traditionellen Entfremdungsverdacht zu stellen; das Theoriearsenal aber bleibt hier still im Hintergrund, um wunderbar erzählten Charakterbildern den Platz zu lassen.
Daniel Miller (geboren 1954) hat in den letzten Jahren eine Reihe vielbeachteter Studien zum globalen Konsumverhalten vorgelegt. Er lehrt Ethnologie am University College in London.

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