Leseprobe zu "Unternehmen nachhaltig führen"
Wo wir stehen und warum wir nicht stehen bleiben
Wir leben in spannenden Zeiten, in denen wir alle hautnah erfahren, welche Konsequenzen die digitale Revolution und die daraus abgeleiteten Innovationen und Strukturveränderungen für Wirtschaft, Kultur und Politik mit sich bringen. Wir leben in einer Zeit des unvermeidbaren sozialen und ökonomischen Experimentierens. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns neuen Möglichkeiten stellen, sie sogar austesten. Dass wir dafür einen Rahmen brauchen, scheint auf den ersten Blick selbstverständlich. Auf der anderen Seite sollte man sich durchaus fragen, wie man etwas rahmen kann oder ob man überhaupt etwas rahmen soll, dessen Ausmaße und Auswirkungen man noch gar nicht kennt. Allein die Frage, wem das Internet und seine Inhalte gehören, beschäftigt Heerscharen von Ökonomen, Philosophen und Juristen, und jedem neuen Geschäftsmodell muss diese Frage wieder neu gestellt werden. Mit jeder neuen Technologie eröffnen sich Freiräume und Abgründe. Gesetze, obwohl gerne von Politikern ins Spiel gebracht, können uns kaum weiterhelfen, denn der Horizont des Gesetzgebers daran besteht kein Zweifel hinkt der Zeit und den emergenten Möglichkeitsspektrum, das durch Technologie und den kreativen Umgang mit ihr eröffnet wird, dem Mach und dem Denkbaren, allzu weit hinterher. Zwar mag der Großteil der Menschen "unser Umfeld als mächtig und unbeeinflussbar" [1] empfinden. Doch zunehmend setzt sich auch auf breiterer Basis die Erkenntnis durch, dass die Welt so ist wie sie ist, weil wir uns irgendwie darauf geeinigt haben. Die Menschen erfahren seit einer Weile, dass Politik auf eine ganz neue Art und Weise von unten betrieben werden kann. Zu Beginn des zweiten Jahrzehnts zeigen der "Arabische Frühling", Stuttgart 21, ein nach Bürgervotum verschärftes Bayrisches Nichtrauchergesetz oder eine von Bürgern gekippte Hamburger Schulreform, dass sich die Möglichkeiten der Teilnahme und damit die Grenzen und die Richtung der politischen Entscheidungsprozesse im 21. Jahrhundert massiv verändert haben. Begriffe wie "Wutbürger" oder "Gestaltungsbürger" machen die Runde. Ohne grundlegende Veränderungen in den gesellschaftlichen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen, und damit in der faktischen Neuverteilung der Macht im Staate, wäre eine so plötzliche Kehrtwende in der Atompolitik, wie im Jahr 2011 geschehen, kaum denkbar gewesen. Die Welt scheint kopfzustehen. Politiker und Unternehmensführer müssen erleben, dass Sie in einer Unmittelbarkeit an ihren Taten gemessen werden, die noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen wäre. Es gibt keine einsamen Entscheidungen mehr. Entscheidungen und deren Träger stehen zunehmend unter Beobachtung ihr Handeln ist öffentlich und muss vor der jeweiligen Öffentlichkeit legitimiert werden.