Leseprobe zu "Rückkehr der Religion" von Joachim Kunstmann
Das vorliegende Buch versucht, zu einem neuen Verstehen des Christentums zu gelangen. Es stellt daher eingespielte kirchliche und theologische Selbstverständlichkeiten in Frage. Es geht von der Annahme aus: Das Christentum ist eine religions-kritische Religion, im Sinne eines permanenten Einspruchs gegen alle Vermittlungsformen, die sich zwischen Gott und den Mensch stellen.
Ich meine: gerade darin ist es eine kluge und wahre, weil auf das Leben bezogene Religion. Kirche, Theologie und Glaube können niemals Selbstzweck sein, der Satz "außerhalb der Kirche kein Heil" ist nicht nur religiös anmaßend, sondern unchristlich. Wollte die Kirche diese Überlegungen, die zum Urbestand christlicher Einsicht gehören, ernst nehmen, wäre ihr ein "Ruck in den Köpfen" abverlangt, der in die Wurzeln ginge.
Ich bin davon überzeugt, dass ein solcher Wandel im Verstehen angesichts des veränderten Bewusstseins überfällig und eine Frage des kirchlichen Überlebens geworden ist. Ebenso überzeugt bin ich davon, dass es für die Schattenseiten des modernen Lebens nichts Hilfreicheres gibt als die oft kaum noch verständlichen Einsichten und Orientierungen der christlichen Religion.
Dankbar bin ich den vielen Menschen, die sich mit dem Christentum beschäftigen, sich auf es einlassen und ihre Erfahrungen mit ihm weitergeben. Dann danke ich denen, die mich begleitet haben. Zunächst dem Verlagslektor Diedrich Steen. Seine kluge, umsichtige und engagierte Begleitung des Buches hat gut getan und inspiriert; das zu sagen, ist mir mehr als eine Formalität. Ein herzlicher Dank geht an PD Dr. Johannes Schwanke für theologisches Gespräch und viele ebenso kritische wie kluge Rückmeldungen und Hinweise; an PD Dr. Ingo Reuter für seine skeptisch-konstruktiven Rückfragen und Anregungen; an Ruthild und Matthias Kunstmann für kritische Lektüre des Manuskripts. Der größte, schwer auszusprechende Dank gilt meiner Frau Sylvia und meinen Kindern. Das Buch verdankt so manches schließlich dem Blick auf den Altdorfer Wald und die Ostsee, die mich auf ihre Weise über die religiöse Tiefe des Lebens belehren.
Im Oktober 2009Joachim Kunstmann 1. Das Christentum neu verstehen Eine Einladung Religion?... und das Christentum?
Religion ist als Thema in die öffentliche Diskussion zurückgekehrt. Religiöse Fragen und Ereignisse finden ihren Weg in die Medien, Soziologen und Philosophen denken neu über die Funktionen der Religion nach, und auch im Privatbereich zeigt sich eine neue Offenheit für Spiritualität und religiöses Erleben. Religion scheint wieder zu faszinieren. Eine "Wiederkehr der Religion" wird diskutiert; sogar von einem "Megatrend Religion" ist die Rede.
Eine andere Beobachtung steht zur angeblichen Wiederkehr der Religion allerdings im klaren Widerspruch: gelebte religiöse Praxis und Deutung verschwinden merklich aus dem Leben der Menschen. Religiöse Überzeugung und fromme Übung findet sich im modernen Leben immer seltener, allenfalls noch bei religiösen Randgruppen, die öffentlich aber als unmodern und antiquiert gelten. Wenn zeitgleich Anfang Oktober 2007 die "ZEIT" den Titel "Warum die Kirche nervt" und der "Stern" den Titel "Warum es keinen Gott gibt" bringen, dann wird augenfällig, dass Religion als Thema durchaus da ist, freilich in ungewohnt neuem Zuschnitt.
Immer mehr Menschen weichen vor dem religiösen Vakuum aus in die leere Betriebsamkeit eines pragmatischen Nihilismus. Für Peter Sloterdijk etwa ist Rilkes Satz "Du musst dein Leben ändern", den er als Titel eines neuen Buches gewählt hat, gar kein religiöser Satz mehr, sondern eine Aufforderung zum permanenten Training und zur aktiven Lebensgestaltung. Religion gilt ihm als altes, inhaltsleer gewordenes Märchen. Damit aber werden die existenziellen Fragen nach Lebensdeutung und Sinn regelrecht suspendiert; die alten Kulturen, die für diese Fragen bisher zuständig waren -, Kunst, Philosophie und Religion - erscheinen als überflüssig.
Diese Beobachtungen machen deutlich, dass das neue Interesse an Religion die Frage und die Suche nach etwas Verlorengegangenem ist. Das gilt auch da, wo die Religion zur Zielscheibe der Kritik wird. Die Religion wird zum Platzhalter einer Sehnsucht, die von niemandem mehr genährt wird, offensichtlich nicht einmal mehr von den religiösen Institutionen.
Das moderne Leben orientiert sich am Erfolg. Unmittelbarer Nutzen, Effizienz, gesteigerte Umsätze, Durchsetzungsfähigkeit, spontane Bedürfnisbefriedigung und intensives Erleben bestimmen die Lebenseinstellung. Damit bleibt das nicht unmittelbar Nutzbare auf der Strecke. Die zweckfreien, nicht verwertbaren und nicht mit Geld zu bezahlenden Bereiche der Kultur und des sozialen Lebens - Kunst, Bildung, Liebe, um ihrer selbst willen gelebte menschliche Beziehungen wie Freundschaften, Geselligkeit usw., zeitaufwändige Kultivierungen, schließlich die Religion - werden immer mehr dem ökonomischen Kalkül unterstellt oder als unwichtige Verzierungen eingestuft. Dabei sind gerade sie es, die dem Leben Grund und Sinn geben. Spiel, Muße, Erotik und Genuss fallen einer schnellen Pragmatik zum Opfer, die die lustvollen und kraftspendenden existenziellen Pausen aus dem Leben herausstreicht. Die Fassaden der Häuser bleiben glatt, die Kleidung ist uniformiert und ohne Extravaganzen, die Haare sind kurz. Der schweifende Blick findet in der modernen Welt keine verschwenderische Schönheit mehr.
Pragmatischer Realismus beherrscht auch das Denken: "So läuft das nun mal" - ein typischer Satz, der keine Erklärungen sucht und keine Alternativen mehr kennt. Dieser Realismus trägt Züge einer gelangweilten Resignation, einer mutlosen Einbuße an Vitalität und eines entleerten Bezugs zur Welt, die die Möglichkeit eines anderen Denkens und Wahrnehmens - wie es die Religion ganz grundlegend vor Augen führt - gar nicht mehr für möglich halten.
Dennoch, und wohl gerade deshalb: Religion interessiert wieder. Sie ist offenbar gerade nicht der Hort der weltfremden Illusionen und der Freiheitsbeschränkung, als den sie eine ideologische Modernität bisher hatte sehen wollen. Ganz im Gegenteil: wo die Religion fehlt, verarmt das Leben, und mit ihm das Denken. Nachdenken über die religiösen Grundprobleme steht im Interesse von Aufklärung und Vernunft - so der Religionsphilosoph Thomas Rentsch.
Das Christentum wird von der neu erwachten religiösen Frage und Sehnsucht kaum berührt. "Die Menschen leiden heute an Fragen, die das gesamte tradierte Frömmigkeitsschema sprengen", sagt Eugen Drewermann. Kirche, Dogmatik und Predigt haben inzwischen ein ausgesprochen schlechtes Image. Selbst Kernaussagen des Christentums sind nur noch einer kleinen Gruppe von Insidern bekannt. Die kulturelle Prägekraft des Christentums ist nahezu versiegt.Das Christentum ist nach wie vor für viele Menschen eine Heimat - freilich eine, in der sie sich zunehmend unwohl und fremd zu fühlen scheinen. Das eigene Leben ist in Kirche, Gottesdienst und Gemeinde immer schwerer unterzubringen.