Der Diagnostik- und Therapieleitfaden bietet aktuelle Informationen
zum Umgang mit Rechenstörungen.
Im Gegensatz zur Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) ist vielen
Eltern und Lehrern aber auch Therapeuten eine weitere umschriebene
Störung der Schulfertigkeiten, die Dyskalkulie (Rechenstörung),
weniger geläufig. Dies schlägt sich z.B. auch in der
Berücksichtigung der Störung bei der Notengebung nieder: So finden
sich in vielen Bundesländern Erlasse, die beim Vorliegen einer
Legasthenie eine Umgewichtung der Deutschnote bis hin zur
Nichtbewertung der Rechtschreibung erlauben. Entsprechende Erlasse
oder Vorgaben für die Berücksichtung der Dyskalkulie sind dagegen
kaum zu finden. Auch ist häufig unbekannt, wie eine Dyskalkulie zu
diagnostizieren ist und welche Ausschlusskriterien gegeben sein
können.
Der Leitfaden bietet praxisorientierte Informationen zur Diagnostik
und Therapie von Rechenstörungen. Dabei werden die Leitlinien
nationaler kinderund jugendpsychiatrischer Fachverbände sowie
aktuelle Forschungsergebnisse referiert.Berücksichtigung finden
auch mögliche komorbid auftretende neuropsychologische
Beeinträchtigungen sowie emotionale bzw.Verhaltensstörungen. Das
therapeutische Vorgehen ist durch pädagogische, neuropsychologische
und verhaltenstherapeutische Techniken gekennzeichnet.
Rechenschwäche, Rechenstörungen oder Dyskalkulie bezeichnen
unterschiedliche Probleme beim Erwerb von Rechenfertigkeiten. Der
Leitfaden liefert einen Überblick über den derzeitigen
Forschungsstand zu Ursachen, Verlauf sowie Behandlungsmöglichkeiten
von Rechenstörungen. Praxisorientiert werden die Leitlinien
nationaler kinder- und jugendpsychiatrischer Fachverbände zur
Diagnostik und Verlaufskontrolle sowie zur Therapie von
Rechenstörungen dargestellt.
Berücksichtigung finden dabei auch mögliche komorbid auftretende
neuropsychologische Beeinträchtigungen sowie emotionale bzw.
Verhaltensstörungen. Das therapeutische Vorgehen ist durch
pädagogische, neuropsychologische, lern- und
verhaltenstherapeutische Techniken gekennzeichnet. Die
Bereitstellung von Materialien für den diagnostischen und
therapeutischen Prozess sowie die Veranschaulichung des Vorgehens
anhand von Fallbeispielen helfen bei der Umsetzung der Leitlinien
in der Praxis.
Prof. Dr. Franz Petermann ist Leiter des Zentrums für Rehabilitationsforschung an der Universität Bremen.
Leseprobe zu "Rechenstörungen"
Bitte klicken Sie auf die Navigation oder das Artikelbild, um in Rechenstörungen zu blättern!
Leseprobe zu "Rechenstörungen" von Claus Jacobs; Franz Petermann
1 Stand der Forschung ( S. 1)
1.1 Symptomatik
Obwohl Vorläuferauffälligkeiten von Rechenstörungen (Krajewski, 2003, 2005a, 2005b, Dornheim &, Lorenz, 2002, Lorenz, 2005a, Kaufmann, 2003) bekannt sind, werden Rechenstörungen in der Regel erst in der Grundschule erkannt. In einer Inanspruchnahmestichprobe der Psychologischen Kinderambulanz der Universität Bremen treten solche Kinder gehäuft in der dritten und vierten Grundschulklasse sowie in der sechsten Klasse der weiterführenden Schulen auf.
Dabei wird deutlich, dass das Erkennen einer Teilleistungsstörung durch Eltern, Erzieher oder Lehrer unmittelbar von den Anforderungen im Rechnen abhängt, mit denen das Kind konfrontiert wird. Die Erweiterung des Zahlenraums über 100 hinaus nach der zweiten Klasse der Grundschule ist für Kinder mit Rechenstörungen häufig eine große Hürde. Hinzu kommt, dass ab dem Ende der zweiten Klasse ein, wenn auch häufig informelles, Lernziel darin besteht, dass die Kinder sich beim Rechnen von konkreten Hilfestellungen (etwa den Fingern) und von Zählstrategien lösen.
Kinder mit Rechenstörungen halten sehr häufig an solchen Zählstrategien fest. Einige Kinder kompensieren in der Grundschule durch gute kognitive Fertigkeiten (etwa ein gutes Arbeitsgedächtnis, gute Aufmerksamkeitsleistung und eine hohe Geschwindigkeit bei der Verarbeitung von Informationen) die eigentlich für sie zu hohen Anforderungen im Fach Mathematik durch Auswendiglernen.
Da die Anforderungen während der Schullaufbahn jedoch ständig ansteigen, tritt damit die volle Tragweite der Lernprobleme lediglich verzögert auf. Diese Kinder fallen dann häufig erst am Ende der fünften oder in der sechsten Klasse auf, da sie die nun neu zu lernenden Zusammenhänge und Prozeduren nicht mehr erfassen können, weil ihnen die Grundvorstellungen darüber fehlen, welche mathematischen Inhalte oder Verfahren zu welchen Sachsituationen passen, etwa die Vorstellung des Wegnehmens oder Abtrennens zur Subtraktion (vgl. auch vom Hofe, Kleine, Blum &, Pekrun, 2005).
Zunächst wird über das Vorliegen einer Rechenstörung vor dem Hintergrund des schulischen Anforderungsprofils entschieden. Häufig wird dabei außer Acht gelassen, dass die Leistungen zwischen einzelnen Schulen, Städten oder Bundesländern und selbst zwischen Parallelklassen derselben Schule sehr stark voneinander abweichen können. Sicheren Aufschluss über das Vorliegen einer Rechenstörung kann hier nur eine testpsychologische Untersuchung mit einem an einer repräsentativen Stichprobe normierten Rechentest erbringen.
Im Kindergarten können zwar noch nicht die Zahlen- und Rechenfertigkeiten direkt getestet werden, es kann jedoch die Entwicklung eines Mengenverständnisses, das Erlernen von Zählfertigkeiten sowie der Umgang mit kleineren Rechenoperationen im einstelligen Zahlenraum be- obachtet werden. Allerdings variieren diese Fertigkeiten im Kindergartenalter deutlich, da sie von der individuellen Förderung und den Interessen des Kindes abhängen.
Als wichtige kognitive Basisfähigkeiten mathematischen Lernens werden visuell-räumliche (konstruktive) Verarbeitungsprozesse, Sprachverständnis und gedächtnisbezogene Verarbeitungsprozesse angenommen (Barth, 2003, Kaufmann, 2003), aber auch Fertigkeiten zum Mengen- und Zahlenwissen (Krajewski, 2003, 2005a, 2005b). Defizite in diesen Bereichen können zu einem beeinträchtigten Erwerb von Zahlen- und Rechenfertigkeiten führen.
Bei einigen Kindern ist zu beobachten, dass sie bereits im Kindergarten Spiele und Beschäftigungen vermeiden wie etwa Memory, Malen, Legospielen, Puzzeln und Basteln, da ihnen diese nicht so gut gelingen wie ihren Alterskameraden. Auch eignen sich diese Kinder häufig nicht so gut selbstständig oder im Spiel Zählstrategien an.
Erst durch die systematische Förderung in den ersten beiden Schuljahren gleicht sich die anfangs starke Heterogenität bei den Zahlen- und Rechenfertigkeiten aus. Daher kann erst am Ende der zweiten Klasse genau beurteilt werden, ob eine Rechenstörung vorliegt.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20