Dekonstruktion des Christentums - Nancy, Jean-Luc

Jean-Luc Nancy 

Dekonstruktion des Christentums

Übersetzer: Osten, Esther von der
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Dekonstruktion des Christentums

Christliche Motive durchziehen das Werk Jean-Luc Nancys seit einigen Jahren. Mal läßt er sich vom päpstlichen Segensspruch »Urbi et Orbi« in einen Text leiten (in »Die Erschaffung der Welt oder Die Globalisierung«), mal findet sich ein Kapitel zur Fleischwerdung (in »Corpus«), und immer wieder kommt er auf den Begriff der »Schöpfung« zurück. Jedesmal verleiht er der religiösen Fragestellung eine eminent politische Wendung. »La déclosion« (Ent-Schließung, Öffnung), so der französische Originaltitel dieses 2005 erschienenen Werkes, versammelt Essays zur »Dekonstruktion des Christentums«. Zum einen wird hier das Christentum selbst Gegenstand der Dekonstruktion: Nancy untersucht es, indem er es verschiebt, entstellt oder verkompliziert. Zum anderen aber beobachtet Nancy eine (auto-)dekonstruktive Bewegung des Christentums selbst indem es nämlich in seinen verschiedenen Ausprägungen immer schon Elemente eines Auszugs aus der Religion aufweist: einer Öffnung seiner selbst nach außen und die Einführung eines Paradoxes in seinen Kern. Grundlegend ist hierbei die Erkenntnis, daß der entscheidende kulturelle Schritt vom Polytheismus zum (jüdisch-christlichen) Monotheismus im Entzug der Göttlichkeit besteht: »Im Mono verschwindet die Präsenz des Gottes«, das Universelle kann nicht die Form einer Anwesenheit haben. Dies aber heißt: »Der Monotheismus als Prinzip löst den Theismus auf, das heißt die Gegenwart der Macht, die die Welt zusammenfügt und ihren Sinn sicherstellt. Er macht den Namen Gottes absolut problematisch er macht ihn bedeutungslos, und vor allem entzieht er ihm alle Macht, für Sicherheiten zu sorgen.«

Das Christentum fordert von seinen Anhängern letztlich den Glauben an eine Absenz, an eine Abwesenheit.


Produktinformation

  • Bd.1
  • Verlag: Diaphanes
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 277 S.
  • Seitenzahl: 277
  • TransPositionen
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 134mm x 24mm
  • Gewicht: 400g
  • ISBN-13: 9783037340103
  • ISBN-10: 303734010X
  • Best.Nr.: 22845292

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

In den Augen des evangelischen Theologieprofessors Alf Christophersen hat sich beim "Modethema" Glauben schon so mancher Intellektuelle um Kopf und Kragen geredet. Doch der französische Philosoph Jean-Luc Nancy gehört anscheinend nicht dazu, denn seinem Sammelband mit vierzehn überwiegend bereits anderswo publizierten Aufsätzen begegnet er sehr wohlwollend. Der Autor habe sich in dankenswert nüchterner Tonlage und auf der Grundlage von Heidegger und Derrida die "Dekonstruktion des Christentums" vorgenommen, erklärt der Rezensent. Dabei öffnet sich eine politische Dimension, sieht Nancy doch die "Sinn- und Wahrheitswüste" Globalisierung als Kulminationspunkt des heute nicht mehr durch Religion besetzten "Erwartungsraums", lässt und Christophersen wissen. Als Glanzpunkt der Texte preist der Rezensent Nancys eingehende Analyse von Heideggers "letztem Gott", der nurmehr im "Vorbeigehen" anwesend sei. Allerdings sieht Christophersen sich am Ende mit der Frage allein gelassen, wie der Leser die "Rekonstruktion" dieser virtuosen Dekonstruktion leisten soll.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.03.2009

Vom sachten Entzug der Theologie

Was bleibt, ist ein Wink zur Transzendenz: Jean-Luc Nancy fordert einen religiösen Minimalismus

Von Lorenz Jäger

Die Dekonstruktion ist eine sehr französische Angelegenheit, will sagen: Sie bedeutet ein zivilisiertes Verhalten gegenüber Texten, ein ungemein höfliches Sich-Verneigen und doch auch wieder ein Lächeln - und dann wird spielerisch, wie in einem Flirt, wie in der Koketterie alles an Andeutungen aufgeboten oder dem Text entnommen, was nur möglich ist. Aber es wird auch vieles aufgeschoben, zunächst einmal im Konjunktiv erwogen, definitive Thesen sind in dieser philosophischen Spielart eher selten zu haben; es ist, als solle aus der endlosen Vorlust am Text eine Tugend gemacht werden. In einer charakteristischen Wendung heißt es am Ende der ersten Abhandlung bei Jean-Luc Nancy: "Ob das Signal ,ein Gott' - oder auch das ,Signal eines Gottes' - hier notwendig ist oder nicht, bleibt dennoch unentschieden. Es wird vielleicht unentschieden bleiben - oder auch nicht."

Gleich muss man hinzufügen, dass keine "Destruktion" im dogmatisch-atheistischen Sinne gemeint ist. Nancy verwahrt sich gegen das …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 29.04.2009

Baustelle unter offenem Himmel
Globaldelirium: Jean-Luc Nancys „Dekonstruktion des Christentums”
Die Präsenz der Religion im öffentlichen Raum reizt zur Stellungnahme. Gottesglaube ist zum Modethema der Intellektuellen geworden. Doch einigen Zeitgeistspezialisten täte Denkaskese besser als pathetische Glaubensfeier, die nur der Trivialisierung des Ernsten Vorschub leistet. Niemand wird dazu gezwungen, am diesem moralingesättigten Überbietungswettbewerb teilzunehmen. Die Reihe derer, die religiöse Fragen jahrzehntelang mieden, um jetzt mit desto stärkerem Impetus Deutungskompetenz zu behaupten, wird immer länger. So mancher schreibt sich dabei den mühevoll erarbeiteten, hohen Rang des eigenen Werkes kaputt. Nur in einigen Reservaten herrscht das geschärfte Bewusstsein, dass es sich die Vernunft – wenn sie sich noch ernst nimmt – angesichts ihrer eigenen Geschichte nicht leisten kann, selbstgestellte Fragen einfacher zu beantworten, als sie es verdient haben.
Vor der von Martin Heidegger und Jacques Derrida so widersprüchlich wie eindrucksvoll errichteten Traditionskulisse unternimmt der französische Philosoph Jean-Luc Nancy nichts weniger als …

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Jean-Luc Nancy, geb. 1940, ist Professor für Philosophie an der Université Marc Bloch in Straßburg. Er war als Gastprofessor auch in Berlin, Irvine, San Diego und Berkeley tätig.

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